„Ein Schachturm für Bobby“ – Kolumne für den Post Rock

In der Hörmal-Kolumne erklärt Ulf Kubanke das Genre und verführt mit einigen Aushängeschildern dieser unwiderstehlich sinnlichen Musikrichtung.

Foto: Ulf Kubanke, taken by Zizino, Copyright by Kubanke/Zizino

„Post Rock“ ist längst kein Geheimtipp mehr. Besonders in den letzten gut 15 Jahren legte er einen beeindruckenden Siegeszug hin. Gleichwohl ist diese mittlerweile recht breite Nische in der Öffentlichkeit noch immer nicht komplett angekommen. Etliche fragen sich: „Was ist Post Rock?“ Das kommt nicht von ungefähr. Denn so sinnlich und ästhetisch die Musikrichtung ist, so abstrakt und trocken zeigen sich ihre uneinheitlichen Definitionen. Auch Wikipedia ist dem Laien keine große Hilfe, so er nicht bereits vertraut ist mit etlichen musikhistorschen Untergruppen und Parallel-Kosmen, aus denen die Gattung sich herausschälte.

Das alles lasse ich bewusst links liegen. Der Artikel soll dem Leser Spaß bereiten und keine öde Vorlesung werden. Ein Freund meinte jüngst: „Post Rock ist Prog auf Valium und Ambient für Rockfans.“ Das ist lakonisch-knackig und mag als Ausgangspunkt gelten. Ich sage: Die unwiderstehliche Sinnlichkeit trifft hier nicht über über den Kopf, sondern über den Bauch ins Herz. Mäandernde, oft elegische Gitarren fließen als Note gewordene Lava ins Ohr und gipfeln dort oft in eruptiven Ausbrüchen. Der hypnotische Kontrast zwischen sanftem Plätschern und regelrechten Tsunamis erzeugt maximale emotionale Intensität. Ein Entrinnen ist kaum möglich. So vereint sich das Fragile mit der Abrissbirne wie das Yin mit seinem Yang.

Doch alles Gesagte bleibt fade, so es in grauer Theorie verharrt. Die nachfolgenden Absätze stellen mithin wichtige Bands samt deren essentiellen Alben vor, die in Sommer wie Winter funktionieren.

Zum Einstieg muss natürlich ein echter Bringer her. If These Trees Could Talk aus Ohio agieren mit 3 (!) Gitarren. Sie erschaffen damit eine Intensität, die bei Wiederholung (Kernalbum: „The Bones Of A Dying World“ 2016) unerbittliche Sogwirkung erzeugt.

Ihre Mischung aus schwebendem Saitengeklingel und sanftem Inferno ist einmalig. Besonders der nachhallende Effekt ihrer in Trance versetzenden Delays macht den Genuss ihrer Musik zum Suchtfaktor. Hier kommt der spendende, nährende Baum, der „Giving Tree“.

Kein Post Rock-Essay ohne die beiden Wärmestrahler God Is An Astronaut und Explosions In The Sky. Obwohl erstere aus Irland stammen und letztere Texaner sind, liegen künstlerisch keine Ozeane zwischen ihnen. Im Gegenteil: Beide klingen nach implodierender Stille. Man höre nur GIAAs bestes Album „Far From Refuge“ (2007).

Von EITS empfielt sich das auch für die Entwicklung des Genres wichtige „The Earth Is Not A Cold Dead Place“ (2003) Ihre Lieder feiern dort die Reinheit echter Liebe. Es braucht keine Silben, um die Kraft der Zuneigung, der Zweisamkeit, der Sehnsucht und Romantik zu vertonen. Die Band errichtet stets einen wortlosen Kokon schieren Gefühls, den ich jedem ans Herz legen möchte, solange es schlägt.

Wir bleiben auf dem Pfad behaglicher Töne, fügen dem Klanggefilde indes ein paar Tropfen anmutiger Bitternis hinzu. Ronin ist der Italiener Bruno Dorella, seines Zeichens der Morricone des Genres. Besonders das Album „L’Ultimo Re“, der letzte König (2009), führt das Publikum in die sengende, karge Sierra und an nächtliche Feuerstellen. Doch die Pracht des gealterten Revolvermannes ist längst zerstoben wie Staub unter den Hufen. Ronins Gunslinger bleibt Geisel von Pein, Tod und spröder Landschaft. Alles kulminiert im blutigen Stolz zerschlissener Staubmäntel inmitten einer Welt, die sich längst weiter bewegt hat.

Am Wegesrand warten bereits die Engländer I Like Trains mit dem ergreifenden „A Rook House For Bobby“ („Progress Reform“ 2006). Es ist besonders dieses eine Lied, mit welchem sie dem Post Rock ihren Stempel aufdrückten. Dort geht um das traurige Leben Bobby Fischers, der sich jenseits der Begabung als Schachgenie im Gestrüpp aus Paranoia, Depression und hanebüchenen Verschwörungstheorien verlor. In wechselnder Perspektive zeigen ILT all diese Widersprüche und bauen ihm einen Lied gewordenen Schachturm als Denkmal. Die Doppelbödigkeit der Hymne steht dabei für den Post Rock selbst. Denn einerseits ruht der Turm vollends in sich. Zum anderen kann er als dynamische Kraft jederzeit angreifen. „We’ll build this rook house here for Bobby….“

Ein Stückchen weiter gelangen wir ans Flussufer der Schildkröte. Tortoise sind echte Pioniere. „Millions Now Living Will Never Die“ von 1996 ist eine der allerersten Manifeste des Post Rock. Trotz seiner Vielschichtigkeit, die Bögen bis hin zum Krautrock schlägt, überzeugt die Platte am Allermeisten im stillen Auge ihrer Stürme wie z.B. „Along The Banks Of Rivers“. Das Lied glimmt herunter wie die Zigarette zum letzten Whiskey. Es begleitet den nächtlichen Wanderer heim, ganz egal, ob die Route entlang Chicago River, Spree, Elbe, Weser oder Rio Grande führt.

Zum Schluss verbleiben drei ungekrönte Könige: Die Isländer Sigur Rós, die Kanadier Godspeed You! Black Emperor und die Schotten Mogwai.

„Brennisteinn“ bedeutet „Schwefel“. Mit der Single zum 2013er Album „Kveikur“ krönen Sigur Rós ihr Schaffen vorerst. Perfekter Post Rock voll geysirender Hitze, deren Gemächlichkeit keinerlei Gefangene macht und augenblicklich fesselt.

GY!BE sind die Exzentriker der Szene. Das Projekt um Vordenker Effrim Menuck unterstützten insgesamt bereits 18 Kümstler im Line-Up. Ihr musikalischer Ansatz enthält zahlreiche, oft kryptische Botschaften und pendelt zwischen Collage, Noise und tiefgründigen Melodien. Mitunter passiert alles simultan. Dieser Tage erscheint ihr neues Werk „Lucferian Towers“, eine Art Abrechnung mit dem Trumpismus zwischen Atonalität und Eingängigkeit. Als prägend erwies sich vor allem ihre 1997er Platte „F♯ A♯“. Hieraus stammt die kaputte Schönheit „East Hastings“. Eine kaputte Schönheit, deren Anmut sich durch so manche Narben der Dekonstruktion noch steigert.

Als ewige Headliner kommen nur Mogwai in Betracht. Was ist ihr Geheimnis? Bei näherer Betrachtung ist es ausgerechnet jene obig genannte Widersprüchlichkeit, die sich jenseits der Bühne ebenso offenbart wie in ihren Tracks. Denn ihr berüchtigter Glasgow-Charme ist auch off Stage recht spröde, sehr angriffslustig und mit dem perfekten Händchen für showbiztaugliche Selbstinszenierung gesegnet. Vordenker Stuart Braithwaite und seine Mitstreiter geben dem Affen gern Zucker. Als Mogwai vor Jahren gemeinsam mit den Britpoppern Blur auf demselben Festival spielten, druckten sie vorher T-Shirts mit dem Slogan „Blur Are Shite!“, die sie dort dem Publikum verkauften. Nicht minder legendär ist ihr Streit mit Weltstar Annie Lennox von den Eurythmics, deren zugegeben kreuzbraves Allerweltsliedchen „Mass Destruction“ sie als kalkulierten Pseudoprotest geisselten. Auch sonst haben die streitbaren Briten den grantelnden Schalk im Nacken. Etliche despektierliche, sehr treffsichere Äußerungen über Kollegen bescheren ihnen zusätzlich polarisierende Bekanntheit. Mogwai sind quasi die Noel Gallagher (Oasis) des Post Rock.

Doch hiervon sollte man sich keine Sekunde lang abschrecken lassen. Sie können es sich leisten. Bereits vor 20 Jahren definierten die Schotten mit ihrem Debütalbum „Mogwai Young Team“ die Beschaffenheit des Genres entscheidend. Jene Scheibe machte sie über Nacht zu Giganten. Sie ist eine frühe Bibel des Post Rock und gilt mittlerweile als Klassiker moderner Gitarrenmusik, die auch bei eher konservativen Rockfans ankommt. Nach zwanzig Jahren und zahlreichen Experimenten schließen sie den Kreis nunmehr.

Dieser Tage erschien ihr aktuelles Werk „Every Country’s Sun“. Damit findet ihre Musik zurück zu den eigenen Wurzeln. Weite Strecken der neuen Lieder sind von formvollendet vor sich hin rockender Lässigkeit geprägt. Doch alle zur Schau gestellte Ebenmäßigkeit ist nur Fassade. Unter der Oberfläche brodelt es lauernd, bis die glasgower Rock-Apokalypse gewaltig zuschlägt. Mogwais dramaturgisch geschickt entworfenen Stimmungen schlängeln sich durchs glasklare Klangbild der erlesenen Produktion Dave Fridmanns.

Dabei versäumen sie es nicht, unserer mittlerweile vielerorts gen Dystopie kippenden Gegenwart den gereckten Mittelfinger des in sich ruhenden Machers entgegen zu setzen. Wutbürger, Brexit, Trump, Kim oder Putin? Nichts kann diesen scharfkantigen Felsen inmitten einer postfaktischen See auch nur milimeterweit versetzen. Stücke wie „Coolverine“ „Party In the Dark“ oder der Titelsong bäumen sich standfest auf. Nie waren diese verschrobenen Meister einer subtilen Symbolsprache wichtiger als heute. Das Publikum bleibt nach dem Verklingen der elf Titel gestärkt und fasziniert in Lautlosigkeit zurück.

 

 

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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