Shortlist-Rezensionen IV – Außer sich

Vierter und letzter Teil vor der Verleihung.


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„taptaptaptap. tap tap. Taptaptaptaptap, tap. Tap tap tap, tap, tapatatap, tap. Taptaptaptaptap – tap tap“

So klingt, was von dem unnachahmlichen Sprachfluss der großen Meisterwerke der Moderne übrig blieb. Das ist der Konsenssound, das maximal Erlaubte an Gedankenstromliteratur und indirekt freiem Stil, soll gleichzeitig eine möglichst breite Masse jenes Völkchens gehobener Literaturkonsumenten erreicht werden, die sich zwar gern über den Pöbel der Bestsellerleser erheben, aber doch von einem Werk nicht all zu sehr herausgefordert werden will. Konkreter in Worten dann so:

„Sie atmete langsam, hörte hin. Pfennigabsätze und federnde Gummisohlen gaben draußen den Takt vor, alle hatten es eilig, eilig rauszukommen aus dem Terminalbereich, aus der Nichtluft, da warteten Leute auf sie nach dem langen Flug, noch kurz auf die Toilette, die Ringe unter den Augen pudern, Lippen befeuchten, Haare kämmen und dann in in die Arme der Wartenden springen wie in warmes Wasser.“

Sie wissen schon. Diese gereihten Sätze, mit Kommata getrennt, mannigfaltige Eindrücke, Erlebnisse, Aufzählungen, die weiter hasten oder es leitet mal eine Konjunktion zu einem gegenläufigen Gedanken über, kleine Details werden eingestreut, das Tippeln roter Stöckelschuhe, ein blauer Mercedes, die feuchte Kippe im Rinnstein, aber stets mit Bedacht: Man muss knapp bleiben. Die Aufmerksamkeitsspanne! Vielleicht einfach nur Hauptsätze? Ein Stakkato. Produzieren. Und immer und immer weiter. Hoch fliegend ein Bild dazwischen: Feuervogel in der Wüste aus Blei. Und so fort. Und so weiter.

Flotte-Schreibe-Federn

Es ist, um dem Ganzen einen Begriff zu verpassen: Literaturschulenmodernismus. Der Sound, der derzeit zwischen Leipzig, Hildesheim und Biel gepflegt wird, und der längst den deutschsprachigen Literaturmarkt beherrscht, ja, auch ältere Semester rückwirkend affiziert. Eine simulierte Polyphonie, eigentlich Einstimmigkeit, in die nur immer mal wieder ein paar laute Nebenstimmen reinkreischen. Ein massenproduziertes Epigonentun zu Größen der Moderne wie Woolf oder Garcia Marquez, dass die rhythmisch-melodische Beweglichkeit, die deren Sprache in kontinuierlicher Arbeit am Erzählten auszeichnet, auf einen gehetzt- geprügelten „Flow“ herunterbricht. Oder: Texte, die nahe legen, die Autoren wären als Kind in das Tintenfass einer dieser Flotte-Schreibe-Federn aus Harry Potter gefallen.
Nach den ersten Seiten von Außer Sich konnte es dann auch kaum verwundern, dass die Autorin Sascha Marianna Salzmann eine (Ex-) Hildesheimerin ist.

Kein schlechter Roman

Nein, man kann Außer Sich nicht vorwerfen, ein schlechter Roman zu sein. Außer Sich ist ganz sauber angelegt, Stil und Inhalt perfekt auf die bürgerliche mitte-linksintellektuelle Leserschaft zugeschnitten, alles beinahe makellos. Alle bisher in dieser Serie besprochenen Werke hatten ihre teils geradezu herausstechenden Schwächen. Jeder einzelne scheiterte als Roman auf seine ganz eigene Weise. Dieses Risiko geht Außer Sich nicht ein.

Aber der Konsument gehobener deutscher Literatur wird jetzt doch erst einmal wissen wollen, worum es eigentlich geht. Folgendes also: Alissa (Ali), mit den Eltern aus der Sowjetunion nach Deutschland geflohen, sucht in Istanbul den verschwundenen Zwillingsbruder Anton. Dabei wird die eigene Lebensgeschichte inklusive der Vorfahren ebenso aufgearbeitet wie die der auf der Suche aufgegabelten Affaire/Liebe Katüsha/Katho.

All das wird (natürlich) nicht chronologisch erzählt, sondern genau in dem erträglichen Maße aufgebrochen, das doch niemals ein Verlassen der Komfortzone aufnötigt, um der Handlung noch zu folgen. Wir springen mitten in Alis Istanbuler Suche nach dem Bruder, um nach einer Liebesnacht mit Katüsha/Katho, der sich schon halb in einer Geschlechtsumwandlung zum Mann befindet, erst einmal die Lebensgeschichte der Eltern samt zweier Scheidungen und mehrerer Fälle von häuslicher Gewalt und Missbrauch zu rekapitulieren. Dann geht es mit kurzen Rückblenden in die russische Kindheit, ins deutsche Flüchtlingsheim und das Leben der Zwillinge und wieder zurück nach Istanbul, um das gleiche lehrbuchmäßige Spiel mit der Rückblende anhand der Lebensgeschichte Kathos zu wiederholen. Und dann mit der von Alis Urgroßvater. Und des Großvaters.

Der Konservatismus dahinter

Das ist vielleicht das Frustrierendste an Außer Sich, dass hinter all dem Literaturschulmodernismus ein strukturell ganz konservativer Roman steckt. Eine Familiengeschichte, die von der erzählerischen Oberfläche in der Tiefe kaum berührt wird. Zwar eine drastische, von Leid und Gewalt durchzogen Fabel. Allerdings eine, die angesichts des eingangs Monierten geradezu wie antiseptisch behandelt wirkt. Nur minimal verändert sich der Ton zwischen einzelnen Zeitabschnitten, alles kommt gefiltert durch den Konsens-Sound beim Leser an. Alles scheint kalkuliert, nicht auf die größtmögliche Konsequenz des Kunstwerkes hin, sondern die Tauglichkeit für das anvisierte Lesepublikum.

Ja. handwerklich ist Außer Sich bisher der sauberste Roman unter den Shortlistkandidaten. Und sauberes Handwerk sollte keineswegs gering geschätzt werden. Aber selbst wenn man sich prinzipiell meiner Stilkritik nicht anschließen möchte, sollte eines doch aufstoßen: So ein sauberer Roman und so eine schmutzige Welt, wie sie in diesem geboten wird, das geht nicht zusammen. Außer sich ist alles, nur nicht „außer sich“.

Das Bessere zum Schluss

„Wie?“, wird nun vielleicht der geneigte Leser fragen. „Ein absolut solide gearbeiteter Roman und nichts Positives?“ Sicher, man kann auch einiges Gutes über Außer Sich sagen. Doch Kandidaten für den Deutschen Buchpreis, die sich in Sound und Anlage dazu noch so deutlich an die Großen der Moderne anlehnen, sind zuerst an diesen zu messen. Das ist oben geschehen. Wer drastische Familiengeschichten sucht, schreckliche (und durchaus glaubwürdige) Erfahrungen der Diskriminierung als Juden in der Sowjetunion, als Juden und Russen in Deutschland, als homosexuelle Frau durch die Generation der Eltern und die eigene, wer gerne an die Kristallisationspunkte politischer Umbrüche der jüngsten Zeit, Taksim, Odessa, Krim, herangeführt wird, wem all das in dieser Konzentriertheit nicht zu dick aufgetragen wirkt: der wird hier fündig werden. Und: Thematisch ist dieser Text natürlich der allererste Kandidat für den Buchpreis. Wenn die Jury nicht den ähnlich zeitgeistig gelagerten Menasse vorzieht. Oder mit dem, dem Vernehmen nach, monumentalen Lehr, versucht, das literarische Profil des Preises weiter zu schärfen.

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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