Über den Sinn der Vergleiche mit der Hitlerzeit. Eine Replik

Kann man aus der Geschichte lernen? Diese Frage wird oft verneint, und zwar mit dem Argument „die Vergangenheit kann sich nicht in der Zukunft wiederholen“. In der Tat. Dessen ungeachtet stellt der kulturpessimistische Satz, man könne aus der Geschichte nichts lernen, u.a. die Staatsrä-son der Bundesrepublik in Frage.

Holocaust remembrance day 2017 @YadvaShem, Jerusalem, Israel Foto: Yair Aronshtam. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Das Prinzip der „wehrhaften Demokratie“, auf dem die „zweite“ deutsche Demokratie basiert, ist untrennbar mit den geschichtlichen Lehren verbunden, die aus dem Scheitern der „ersten“ Demokratie (Weimar) gezogen wurden. Von der Geschichte kann man durchaus lernen, sagt der britische Historiker Lewis B. Namier, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass man genug Phantasie und Intuition habe, um die vergangenen Erfahrungen nicht mechanisch auf völlig neue Situationen zu übertragen. Die von Namier kritisierte Art von Vergleichen ist allerdings in der heutigen Publizistik stark verbreitet.

Mehr als Fremdenfeindlichkeit

Patrick Bahners beklagte sich am 30. August 2017 in der F.A.Z. (Link zum kostenpflichtigen Artikel), dass „auf Vergleichen gegenwärtiger politischer Ereignisse mit dem Nationalsozialismus ein Tabu (liegt)“ und hob zugleich hervor, dass „die neuere Forschung den Holocaust in den gesamteuropäischen Kontext der Bevölkerungspolitik der Zwischenkriegszeit, der Kausalketten einer Normalität von Bevölkerungsverschiebungen (stellt)“. Da Bahners im Grunde keinen qualitativen Unterschied zwischen der Shoah und manchen anderen Formen der radikalen Fremdenfeindlichkeit sieht, lässt er Folgendes außer Acht. Beim Judenhass, der dem Holocaust zugrunde lag, handelte es sich in der Regel um mehr als Fremdenfeindlichkeit. Die Juden wurden oft als das Böse schlechthin geschildert, das für beinahe alle Übel dieser Welt verantwortlich sei.

Die Judenfeindlichkeit beinhaltet also mystische und mythische Züge, die in den Xenophobien anderer Art viel seltener auftreten. Eine besondere Intensität erreichte aber die Judenfeindschaft bei den Verfechtern von messianischen Ideen unterschiedlicher Art, die sich mit dem Gedanken von der jüdischen „Auserwähltheit“ auf keinen Fall abfinden wollten. Diese in der Heiligen Schrift enthaltene Botschaft stellte für sie ein permanentes Ärgernis dar. Ihre Ablehnung des Judentums war eng mit ihrem Glauben an den universalen Sendungsauftrag der eigenen Nation verknüpft. Um sich der „jüdischen Konkurrenz“ zu entledigen, versuchten sie vieles zu verdrängen, z.B. die Tatsache, dass die Welt den Juden immerhin sowohl die Zehn Gebote als auch die Bergpredigt verdankt. Die Folgen dieses Verdrängungsprozesses waren höchst merkwürdig, denn die Juden galten für ihre messianisch gesinnten Widersacher immer noch als ein „auserwähltes Volk“, allerdings nicht mit einem Plus-, sondern mit einem Minus-Zeichen davor; sie wurden zum Inbegriff des Unschöpferischen stilisiert.

Über die Singularität des Holocaust

Nach dieser kurzen Darstellung der ideologischen Rahmenbedingungen, die den Holocaust mitbedingten, möchte ich nun auf den Holocaust selbst eingehen.

Der vor kurzem verstorbene Stuttgarter Historiker Eberhard Jäckel sagte im Jahre 1986 (während des „deutschen Historikerstreits“) Folgendes:

Ich behaupte…, daß der nationalsozialistische Mord an den Juden deswegen einzigartig war, weil noch nie zuvor ein Staat mit der Autorität seines verantwortlichen Führers beschlossen und angekündigt hatte, eine bestimmte Menschengruppe einschließlich der Alten, der Frauen, der Kinder und der Säuglinge möglichst restlos zu töten, und diesen Beschluß mit allen nur möglichen staatlichen Machtmitteln in die Tat umsetzte.

Der Bremer Soziologe Gunnar Heinsohn fügt hinzu, dass die Verfolgung der Juden für Hitler den Zweck gehabt habe:

mit den Juden auch die Ethik des Judentums, insbesondere  die Idee  eines universellen Rechts auf Leben, aus der Welt zu schaffen, … (ein) Moralverständnis, dass dem Daseinskampf insbesondere der starken Völker Fesseln anlegt, ihnen Gewissenbisse bereitet und damit  deren Lebensenergien zum Versiegen bringt.

Hitler selbst hat in der Tat immer wieder betont, dass der Sieg der von ihm angestrebten „neuen Ordnung“, also einer gegen die bestehende Moral gerichteten Revolution, ohne die Beseitigung der Juden nicht möglich sei. Er warf den Juden immer wieder vor, sie hätten die „(natürliche Ordnung, in der) die Nationen sich so ineinander fügen, daß die Befähigteren führen, (zerstört)“. Was Hitler den Juden besonders übel nahm, war die Tatsache, dass sie an „das angeschlagene Gewissen unserer Mitwelt“ appellierten. Hitlers Ziel war also die Wiedereinführung einer „natürlichen Ordnung“, in der das „angeschlagene Gewissen“, also die Ethik in ihrem eigentlichen Sinne keine Rolle mehr spielt.

Für Hannah Arendt war dies eine Welt, die bewies, dass es ein „radikal Böses wirklich gibt“.

Nach dem Verlust des in der ersten Phase des deutsch-sowjetischen Krieges eroberten „Lebensraumes im Osten“ in den Jahren 1943/44 stellte die Vernichtung der Juden das wohl wichtigste Kriegsziel Hitlers dar. Obwohl die Front damals alle zur Verfügung stehenden Transportmittel benötigte, rollten die Züge nach Auschwitz und in die anderen Vernichtungslager ununterbrochen weiter.

In seinen Anmerkungen zu Hitler schreibt Sebastian Haffner Folgendes dazu:

 Für den Hitler der letzten dreieinhalb Kriegsjahre war der Krieg eine Art Wettlauf geworden, den er immer noch zu gewinnen hoffte. Wer würde früher am Ziel sein: Hitler mit seiner Judenausrottung, oder die Alliierten mit ihrer militärischen Niederwerfung Deutschlands? Die Alliierten brauchten dreieinhalb Jahre, bis sie am Ziel waren. Und inzwischen war auch Hitler seinem Ziel immerhin schrecklich nahegekommen.

Die von Eberhard Jäckel und von anderen Autoren hervorgehobene Singularität des Holocaust wird durch die Haffnersche Analyse also zusätzlich bestätigt.

Im Gegensatz zum Krieg an der Ostfront, an dem Hitler eine katastrophale Niederlage nach der anderen hinnehmen musste, konnte er im Krieg gegen die Juden in der Tat, so wie Haffner dies schildert,  beispiellose „Siege“ verzeichnen. Besonders stolz waren die Urheber des Holocaust auf ihre „logistische Leistung“ in Ungarn. Der Holocaustforscher Peter Longerich schreibt dazu:

Ab 14. Mai (1944)  wurden in der Regel  vier Transporte  am Tag mit jeweils 3.000 Juden nach Auschwitz  in Ungarn abgefertigt. Bis Anfang Juli waren … 437.000 Menschen deportiert worden, also in nur sieben Wochen.

Das Zeitalter der Unterwürfigkeit

Wie lassen sich dieses „unglaubliche Tempo“ und diese erschreckende Reibungslosigkeit der Deportationen erklären? „Dies ist nicht nur auf den eingespielten Apparat der deutschen Deportationsspezialisten zurückzuführen“, so Longerich, „sondern auch auf die bereitwillige Kooperation von ungarischer Zivilverwaltung, Polizei und Gendarmerie“.

Ähnliche Ursachen lagen auch der relativen Reibungslosigkeit der Judendeportationen aus Frankreich, Holland und aus anderen vom Dritten Reich besetzten Gebieten zugrunde. Auch dort waren die NS-Behörden auf die unterwürfige Unterstützung ihres Vorhabens seitens der örtliche Polizei- und Verwaltungsstellen angewiesen, die sie in der Regel auch erhielten. Die berühmt gewordene dänische und bulgarische Verweigerungstaktik stellte eher eine Ausnahme dar. Unerschrockene Judenretter gab es natürlich überall. Sie waren allerdings nur ein Tropfen im Meer des Konformismus, der Unterwürfigkeit und der Komplizenschaft. Nicht zuletzt deshalb verlieh der 1964 verstorbene russische Schriftsteller, Wassili Grossman, in seinem großen Roman „Leben und Schicksal“ dem 20. Jahrhundert, vor allem seiner ersten Hälfte, die Definition – das „Jahrhundert der Unterwürfigkeit“.

Und in der Tat, der Siegeszug der totalitären Regime, die die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten, wäre ohne die Bereitschaft unzähliger Europäer, sich mit ihnen abzufinden, kaum denkbar gewesen. Wenn man bedenkt, dass viele dieser Mitgestalter bzw. Mitläufer der totalitären Systeme kurz zuvor die Freiheit noch über alles geschätzt und paternalistische Systeme unterschiedlichster Art hinweggefegt hatte, muss man gemeinsam mit Grossman von einem erstaunlichen anthropologischen Phänomen sprechen: „(Gigantische) Menschenmassen waren unterwürfige Zeugen der Vernichtung  von Unschuldigen. Doch nicht nur Zeugen. Wenn es befohlen wurde, gaben sie Stimme für die Vernichtung, bekundeten sie mit ihrem Stimmengetöse die Billigung der Massenmorde. In dieser grenzenlosen Unterwürfigkeit der Menschen offenabarte sich etwas ganz Unerwartetes“.

Als Grossman von diesem Siegeszug der totalitären Systeme bzw. der totalitären Gesinnung sprach, meinte er damit natürlich nicht nur das nationalsozialistische, sondern auch das stalinistische Regime. Nicht zuletzt deshalb konnte er sein Buch in der Sowjetunion zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlichen. Dies ungeachtet der Tatsache, dass der Roman nach dem 20. Parteitag der KPdSU entstand, auf dem Nikita Chruschtschow mit der Terrorherrschaft Stalins schonungslos abrechnete.

Nun aber zurück zu dem eingangs erwähnten Text von Patrick Bahners. „Ist der Holocaust, als singulär schreckliches Ereignis, wirklich faktisch unvergleichlich?“, fragt der Autor am Ende des  Artikels und fügt hinzu:

 „Es wäre seltsam, wenn aus der für uns normativ fundamentalen historischen Erfahrung gar nichts im Sinne jener empirischen, also vergleichenden Klugheit zu lernen sein sollte, die von den Alten auf die Formel von der Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens gebracht wurde.

Bahners Einwand ist sicherlich berechtigt. Aus der Erfahrung des Holocaust kann man durchaus wichtige Lehren auch für die Gegenwart ziehen. Eine davon heißt: „Wehret den Anfängen“, wie Bahners dies mit Recht sagt. Dieses Lernen muss aber keineswegs dazu führen, dass man die Singularität der Shoah in Frage stellt.

Leonid Luks

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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