Männer und Frauen sind das nackte Grauen

… oder von der Kunst, beim täglichen Datingmarathon nicht zum Soziopathen zu werden.

Nach der Scheidung geht der Wahnsinn erst richtig los. Erfahrungsbericht aus der Welt der digitalen Kontaktanzeigen und 90-Minuten-passen-wir-überhaupt-zusammen-Unterhaltungen

Hat selbst einige Dutzend Singlebörsenverabredungen absolviert, bevor er beschloss, lieber darüber zu schreiben, als sich weiterhin zu daten: Henning Hirsch

Nicht genug Papier in der Schreibmaschine – Teil 1

 

»Du bist und bleibst ein alter Egoist«, sagt sie.

»Warum?«

»Weil du jedes Mal nach dem Sex aufstehst und zu deiner Schreibmaschine rennst.«

»Was soll ich sonst tun?«

»Dich mit mir unterhalten.«

»Vorher haben wir stundenlang gequatscht.«

»Du bist komplett ichbezogen und wirst dich auch nicht mehr ändern. Habe die Hoffnung aufgegeben.«

»Wir kennen uns doch erst seit vier Wochen.«

»Die reichen völlig, um mir ein Urteil bilden zu können.«

Übertrieben meinen Sie? Sowas passiert nicht in der Realität? Entweder haben Sie keine Ahnung, Sie leben in einer rosaroten Zuckerwattewelt, oder Sie lügen sich schlichtweg in die Tasche. Denn natürlich kommt es jeden Tag hundert Millionen Mal vor, dass der Mann nach dem Sex entweder einschläft oder in Ruhe etwas anderes machen möchte – beispielsweise mit der Fernbedienung durchs TV zappen auf der Suche nach einem Mitternachtsboxkampf oder eben den Abgabetermin einer Auftragsarbeit einhalten muss –, während sie reden will.

»Setz dich neben mich«, sage ich.

»Was soll ich da?«, fragt sie.

»Mir Gesellschaft leisten.«

»Und zusehen, wie du tippst?«

»Warum nicht? Vielleicht hast du ja eine Idee, wie ich die nächsten zwei Seiten füllen kann. Ich breche mir da gerade einen ab.«

»Typisch. Du hast Null Fantasie. Was für ein Thema?«

»Männer und Frauen.«

»Und dazu fällt dir nichts ein?«

»Ich will nachweisen, dass die beiden nicht harmonieren.«

»Das ist doch supereinfach. Nimm uns zwei. Wir passen überhaupt nicht zusammen.«

»So schlimm?«

»Ja!« Sie lehnt sich an die Tischkante, überfliegt mein kurzes Manuskript und sagt: »Das taugt alles nichts. Wirf es in die Mülltonne. Wir beginnen von vorne. Ich diktiere dir den Text.«

Also nochmal von Anfang an, nun so, wie sie in die Story starten würde:

Nach spätestens sieben Jahren beginnen sich die meisten Menschen in ihren Beziehungen zu langweilen. Aus dem ehemals prallvollen Kommunikationsballon entweicht die Luft, bis er schrumpelig wie ein gebrauchtes Kondom auf dem Bettvorleger landet, das erotische Prickeln lässt nach, getrennte Schlafzimmer sind der erste Schritt hin zum Null-Sex-Finale, die Streitigkeiten wegen Kleinigkeiten nehmen zu. Irgendwann reicht dann ein winziges, achtlos hingeworfenes Wort, um den anderen zur alles mit einem Schlag in blutige Stücke zerfetzenden Explosion zu treiben. Zornig und mit Tränen in den Augen stehen die Paare plötzlich vor dem unkittbaren Scherbenhaufen ihrer im Irrglauben des Ewigkeitsversprechens geschlossenen Ehe. Es folgt das übliche: Auszug einer der beiden Streitparteien, fehlschlagende Schlichtungsversuche der Freunde, Anwälte werden beauftragt, kleiner Rosenkrieg, penible Aufrechnung, wer den Drittwagen, die Couchgarnitur, das Vertikutiergerät behalten darf, Scheidungstermin, ein letzter Händedruck oder böser Blick, und nun stehen die zwei auf einmal solo auf dem Bürgersteig vor dem Amtsgericht.  Gut, die Erfahrung lehrt, dass einer der beiden schon was Neues in petto hatte, bevor die Krise ihrem traurigen Höhepunkt zustrebte, aber zumindest der andere muss nun schnell lernen, mit dem Phänomen des Alleinseins vernünftig umzugehen, damit sich daraus nicht eine veritable Einsamkeitskrise entwickelt, zu deren Aufarbeitung viele teure Sitzungen beim Therapeuten notwendig werden.

»War das jetzt so schwierig?«, fragt sie.

»Wie meinst du?«

»Dass du meine Gedanken mitschreibst. Ich rede ja ins Blaue hinein. Formulier’s nachher ein bisschen um. Du bist der Schreiberling.«

»Okay.«

»Sind ein gutes Team, wir zwei«, sagt sie und schmiegt sich an meine Schulter. »Hast du alles bis hierher?«

»Ja. Wie soll’s nun weitergehen?«

»Ist doch einfach. Er hat eine Neue. Das ist ja meistens so. Aber sie steht jetzt vor dem Problem, suchen zu müssen. Und was macht sie da?«

»Sag du es mir.«

»Sie meldet sich in einer Singlebörse an.«

»In einer Singlebörse?«

»Jetzt schau nicht so erstaunt. So haben wir uns auch kennengelernt.«

»Schon, aber das hier ist ein Beitrag für ein seriöses Magazin. Da kann ich nicht so ein Singlebörsentheater abgeben. Die in der Redaktion schreddern den Text.«

»Unsinn. Wer sagt denn, dass Kolumnen stets hochwissenschaftlich und staubtrocken daherkommen müssen? Wir plaudern ein bisschen aus dem Nähkästchen … weißt du übrigens, dass ich dich in der ersten halben Stunde für einen kompletten Trottel hielt? Du hast so ein komisches Zeug gelabert. Fürchterlich.«

»Das brauche ich jetzt aber nicht aufzuschreiben?«

»Natürlich nicht.«

Obwohl es klug wäre, und auch viele Psychologen dazu raten, nun erstmal tief ein- und auszuatmen, runterzukommen und zu sich selbst zu finden – ein Vorgang, den die Gebildeten in meiner Selbsthilfegruppe als Katharsis = (Selbst-) Reinigung bezeichnen –, kann der Großteil der Frischgetrennten es gar nicht erwarten, sich sofort wieder in eine neue Beziehung zu stürzen. Wo lerne ich schnell jemanden kennen, lautet die Überlegung, die plötzlich den Tagesrhythmus bestimmt, bis sie sich als fixe Idee zur 24/7-Obsession steigert. Nachdem die Singlebekannten aus dem nahen Umfeld, der Tennisclub, das Fitnesscenter, die Export- und Marketingabteilung der Firma, in der man arbeitet, abgegrast sind, man feststellt, dass regelmäßiger Schlaf ü40 wichtig ist, weshalb man nicht mehr wie als Student jeden Abend in den Clubs der Stadt abhängen kann, gelangt man über kurz oder lang an den Punkt, sein Glück in einer digitalen Singlebörse zu versuchen. »Welche soll ich nehmen?«, lautet jetzt die Frage. »Ich kenne mich mit sowas ja überhaupt nicht aus.«

»Hängt davon ab, was du suchst: die große Liebe oder Sex, antworte ich in solchen Fällen«. Meine Vier-Wochen-Bekannte ist voll in ihrem Element. Die Worte sprudeln unaufhörlich aus ihrem Mund. Ich komme mit den Notizen kaum hinterher. Sie spielt die fiktive Unterhaltung mit einer geschiedenen Freundin für mich nach.

»Die große Liebe natürlich, antworten die naiven Hühner.«

»Okay: wissenschaftlich oder spielerisch, präzisiere ich daraufhin meine Frage.«

»Verstehe ich nicht.«

»Bei den Partnervermittlungen musst du ellenlange Fragebögen ausfüllen. Dich nackt ausziehen. Die wollen echt viel wissen. Dient der Maschine dazu, dich gezielt mit Personen bekannt zu machen, die ein deckungsgleiches Profil haben.«

»Funktioniert das?«

»Mal ja, mal nein. Der andere muss dir ja trotz 100% übereinstimmender Interessen auch gefallen. Kann vorher natürlich niemand garantieren. Entscheidend sind immer die ersten zwei Minuten beim ersten Treffen. Da springt der Funke über oder halt nicht.«

»Und die zweite Variante?«

»Das sind die reinen Kontaktbörsen  Keine Anamnese. Ein paar Rubriken: wer bin ich, was suche ich, Hobbies. Das war’s schon.«

»Klingt besser. Auf nackt habe ich keinen Bock. Und kostet? … Viele Freundinnen werden plötzlich  knauserig, weil sie sich nach der Scheidung vor Privatinsolvenz und Zwangsversteigerung der Immobilie fürchten.«

»Einen Zwanziger pro Monat sollte dir die Sache schon wert sein«, rate ich dann.

»Kann ich mir gerade noch leisten. Was ist mit Bildern?«

»Viele, aktuell und am besten vom Profi anfertigen lassen. Bloß keine selbstfabrizierten Schnappschüsse. Du musst dir das Ganze wie einen Hochglanzkatalog vorstellen.«

Ab sofort laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Die geeignete Plattform aussuchen, kurze, knackige Texte formulieren, die neuen Fotos einstellen, stöbern und warten. Wer wird auf mich reagieren? Die Quoten sind bei allen Anbietern ähnlich: die Männer sind zehn Mal aktiver als die Frauen, was in der Konsequenz bedeutet, dass die weiblichen Postfächer jeden Morgen überquellen. Es herrschen geschriebene und ungeschriebene Regeln, die man besser einhält, wenn man bei der digitalen Kontaktaufnahme erfolgreich sein will. Falle nie direkt mit der Tür ins Haus, trage nicht zu dick auf, sei aber auch nicht zu schüchtern, stell dein Licht nicht unter den Scheffel. Und verschicke um Gottes Willen keine Penisbilder oder Textbausteine, die jeder kennt! Die virtuelle Kommunikation ist eine Disziplin für sich, verläuft jedoch nicht komplett anders als die reale Unterhaltung.

»Stell von vornherein klar, dass du keine Brieffreundschaft suchst, sonst kommst du nie mehr raus aus dem Dschungel«, sagt sie. »Und jetzt lass uns für heute aufhören. Ich bin müde.«

»Wir sind ja überhaupt noch nicht zum Kern des Themas vorgestoßen.« Ich will weitertippen und das Manuskript fertigstellen. Auftragsarbeit ist Auftragsarbeit.

»Wie lautet das noch mal? Hab’s vergessen.« Sie gähnt.

»Männer und Frauen sind das nackte Grauen.«

»Was für eine saublöde Überschrift.«

»Mit der habe ich die Redaktion geködert.«

»Selbst schuld. Hättest du mich halt schon früher einweihen sollen. Dann wär’s eleganter formuliert worden. Weniger polemisch. Und du bräuchtest keinen künstlichen Konflikt zu konstruieren, wo gar keiner ist.«

»Hätte, hätte, … «

»Jetzt werd nicht frech, nachdem ich dir heute den ganzen Text für deine dumme Kolumne diktiert habe. Wir machen morgen nach dem Frühstück weiter. Mir wird hundertpro was einfallen, wie wir das Ganze elegant retten werden.« Sie steht auf, schubst mich vom Stuhl und zieht mich hinter sich her ins Schlafzimmer. Es ist halb drei Uhr nachts. »Wir müssen morgen neues Papier kaufen. Du hast alles vollgekritzelt mit deiner Kleinkindklaue«, flüstert sie, dreht sich nach links und schläft ein. Gar nicht so schlecht das Arbeiten im Team, überlege ich, bevor auch mir die Augen zufallen.

……………………………..

 In der Fortsetzung nimmt das Grauen langsam Gestalt an: die ersten Praxistests in der realen Welt müssen absolviert werden. Und dabei kann man so einige Überraschungen erleben

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

More Posts

Follow Me:
Facebook

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir verwenden Cookies, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an soziale Medien und für Analysen weiter. Durch die Benutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen

Wir verwenden Plugins, mit denen Sie unsere Inhalte in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Google+ teilen können. Bereits durch den Aufruf von Seiten werden Informationen an diese sozialen Medien weitergegeben. Außerdem verwenden wir Google Analytics, um die Nutzung unserer Seite analysieren zu können.

Schließen