„Wenn ein weiteres Licht erlischt…“ – Eine Kolumne für Chester Bennington und Linkin Park.

Eine Sonderausgabe von Ulf Kubankes Hörmal-Kolumne zum Tode von Linkin Parks chester Bennington.

Linkin Park 2017 Photo by James Minchin Copyright by Minchin/Warner Music Germany

„Komm und nimm all diesen Tod von mir.“ (Mina Harker, 1897)

„I had to fall, to lose it all. But in the end It doesn’t even matter.“ (Chester Bennington/Linkin Park, 2001)

„I’ve become so numb, I can’t feel you there.“ (Chester Bennington/Linkin Park, 2003)

„Who cares when someone’s time runs out?“ (Chester Bennington/Linkin Park, 2017)

„Nehmt aus der Kieferkommode,
Der die drei Glasknöpfe fehlen, ihr Tuch,
Worauf sie Federschwänze stickte,
Und bedeckt damit ihr Angesicht.
Richtet nun der Lampe Schein.
Der Eiskrem-Kaiser ist Kaiser allein.“

(Wallace Stevens, 1922)

„Der Tod, der Tod, der Tod, fuck!“ möchte man ausrufen. Nur wenige Wochen, nach dem Freitod Chris Cormells, setzt auch Chester Bennington dem eigenen Leben ein Ende. Er macht es auf dieselbe Weise und sicherlich nicht zufällig am Geburtstag jenes Freundes, auf dessen Beerdigung er selbst zu dessen letztem Geleit sang. Makaber? Sicherlich! Tragisch? Ohne jeden Zweifel! Benningtons gesamtes Leben war auf vielem gebettet, nur nicht auf Rosen.

Leicht hatte er es nie. Ausgerechnet er, Sohn eines Polizisten vom Kindesmissbrauchsdezernat des LAPD, wurde selbst als Kind Opfer jahrelangen Missbrauchs aus dem familiären Umfeld. Scheidungskind war er ohnehin. Seine Gesundheit war ein Leben lang angegriffen und anfällig. Und als ob dies alles noch nicht genug wäre, fristet er zu Schulzeiten ein Dasein als gehänselter Außenseiter und auch körperlich drangsaliertes Lieblingsopfer von Schulhof-Bullys. Kein großes Wunder, dass er angesichts solcher Umstände die ersten Drogenerfahrungen bereits mit elf Jahren macht.

Drogen und klinische Depression sollten ihn nahezu das ganze Leben begleiten. Nach solch freiwilligem Abschied fragen viele „Ok, Depression, aber konnte er nicht mehr Rücksicht auf die Familie nehmen?“ Wer hingegen nur den Hauch einer Ahnung hat, wie zerstörend und beherrschend Depressionen sein können, stellt derlei Fragen nicht leichtfertig ins Blaue hinein. Ich entgegne ihnen allen: Dank der Musik, seiner Frau und den sechs Kindern hat er womöglich überhaupt so lange durchgehalten.

Also wenden wir uns doch genau dieser Musik zu. Zwei Jahre lang war er Teil seiner Jugendidole Stone Temple Pilots. Auch gab es Seitenprojekte wie Dead By Sunrise oder ein paar schöne Liveduette mit Chris Cornell, etwa „Hunger Strike“. Das ultimative, musikhistorisch bedeutsame Vermächtnis erschuf er jedoch bei und mit Linkin Park. Diese oft unterschätzte Band ist eine der wichtigsten und vielseitigsten Erscheinungen des Postmillenniums. Wer diese Kapelle noch immer auf der Liste „irrelevante Teenieband für Kids“ führt, sollte dies schleunigst ändern.

Denn die Wahrheit sieht anders aus. Wandelbar wie ein Chamäleon probieren sie alle möglichen Stile und brillieren in allen. Egal ob Nu-Metal (den sie mit definieren), Rock, Pop oder Hip Hop. Jenseits einengender Schubladen und abseits von Genre-Polizisten und Trueness-Wächtern Marke „Ist das denn noch….?“ verfügt jede ihrer Facetten über große emotionale Kraft.

Das liegt freilich nicht nur an Bennington. Zwar trägt der Sänger durch seine intensive Stimme samt forderndem Vortrag etliches bei. Auch verkörpern seine Texte eine ebenso zeitgemäße wie zeitlose Tour De Force durch Seelenpein und die Abgründe menschlicher Existenz. Doch besonders das Songwriting des Tandems Mike Shinoda/Brad Delson bietet eine ideale Basis. Über dieses Fundament gießt er seinen ausdrücksvollen Gesang. So kräftig und intensiv, man mag kaum glauben, dass diese Töne der schmächtigen Gestalt auf der Bühne entspringen.

Genau diese Stimme ist die einzige Konstante im Katalog der Kalifornier. Zu meinem Kollegen Markus Brandstetter sagte Bennington noch vor kurzem in einem Laut.de-Interview: „Für die Metal-Welt waren wir zu sehr Pop, für Pop zu sehr Metal, für die Rock-Welt waren wir zu Alternative und für Alternative zu sehr Hip Hop. (…) Ich glaube, bei jedem Album haben wir Songs, mit denen sich Leute identifizieren können. Manche sagen „Vorher mochte ich Linkin Park nicht, jetzt schon“ und andersrum. Wir haben immer schon polarisiert. Ich finde das gut.“

Dem folgend stelle ich Euch hier eine handvoll Lieder vor, die genau diesen Punkt als künstlerische Stärke illustrieren und nebenbei meine persönlichen Lieblingstracks Linkin Parks sind.

Mit „Hybrid Theory“ und „Meteora“ machten sie dem damals noch recht frischen Nu-Metal-Genre das Geschenk großer Melodien. Es ist kein Geheimnis, dass etliche Vertreter und Begründer dieser Richtung zwar über viel rhythmisches Talent verfügen, im Bereich Songwriting jedoch oft nur mediokres Zeug bieten. Ganz anders Linkin Parks große melodische Geste. Mit der Wucht eines angeschlagenen, aber nicht besiegten Boxers, mit der Desillusion des enttäuschten Romantikers und der Empfindsamkeit eines waidwunden Tieres schreit Chester seine Leidenschaft heraus. Hier sind die Welthits „In The End“ und „Numb“.

„In The End“:

„Numb“

Wer diesen Härtegrad bevorzugt, hält sich weiterhin an das 2014er Album „The Hunting Party“. Wer den Hip Hop-Touch mag, wird große Freude am Crossover-Werk „Collision Course“ (2004) haben; einer Kollaboration mit Jay-Z.

Die totale Kehrtwende findet kurz darauf statt. „Minutes To Midnight“ (2007) läßt die Härte des Metal komplett und die Hektik des Hip Hop zur Hälfte vor der Türe stehen. Gitarren und die gesamte Attitüde streben mehr in Richtung Rock ohne dabei die hauseigene Dynamik preis zu geben – „Bleed It Out“. Mit „Shadow Of The Day“ gibt es sogar eine waschechte Pop-Hymne, deren Chorus man nicht entkommen kann.

Bis zu den tausend Sonnen beschreiten sie diesen Pfad konsequent weiter. „A Thousand Suns“ schwelgt 2010 vollends zwischen anmutigem Pop und angedeutetem Rock; eingebettet in eingängige Refrains. Dass der Cocktail schmackhaft bleibt, liegt an den superb eingebauten Details und der typischen Finsternis, die in Benningtons Zeilen lauert. Das Individuum sehnt sich nach Liebe und verharrt doch in isolierter Frustration und Trauer..

Mein persönlicher Evergreen und aus meiner Sicht ihr absoluter Übersong ist das grandiose „Breaking The Habit“ (von „Meteora“). Selten hat jemand das Ringen mit den eigenen Dämonen, wie wir sie allesamt in uns tragen, so plastisch beschrieben wie Chester Bennington. Vom pubertierenden Teenager auf der Suche nach sich selbst bis zum altgedienten Haudegen – und ganz egal ob Frau oder Mann: Hier findet sich jeder malträtierte Körper, jede geschundene Seele wieder, denen die Notbremse totaler Neuorientierung, der Restarts from Zero kein fremdes Wort ist. Besonders live und semi-akustisch ist der Song ein Track für die Ewigkeit.

„I don’t know what’s worth fighting for
or why I have to scream.
I don’t know why I instigate
and say what I don’t mean.
I don’t know how I got this way,
I’ll never be alright.
So I’m breaking the habit….I’m breaking the habit….tonight!“

Kann danach überhaupt noch etwas kommen?

Ja, Chester selbst mit dem Grande Finale „One More Light“. Das Stück ist erst wenige Wochen alt und kombiniert den Gesang wunderschön mit Shinodas shoegazender Post-Rock-Gitarre. Hochsensibel weben Benningtons leider prophetische Zeilen einen Teppich aus Nachtschatten und Sternenlichtern, von denen es nunmehr eines weniger gibt.

„Who cares if one more light goes out?
In the sky of a million stars
it flickers, flickers.
Who cares when someone’s time runs out?
If a moment is all we are
or quicker, quicker.
Who cares if one more light goes out?

Well I do!

Gute Nacht, süßer Prinz!

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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