Ralf und wie er die Welt sah

Nachdem SPD-Vizechef Ralf Stegner auf Twitter erklärt hatte, dass die Gewalttäter vom G20-Gipfel in Hamburg keine anständigen Linken sein könnten, brach ein Shitstorm über den Mann aus Bordesholm ein. In der Sache ist die Kritik berechtigt. Keine Ideologie und keine Idee kann von vornherein für Immun gegenüber Gewalt erklärt werden.


Bildnachweis: Ralf Stegner bei einer SPD-Parteiveranstaltung im Jahr 2009. Foto: Wikimedia Commons; Autor: Arne List

„Ich will von einem alten Mann erzählen, von einem Mann, der kein Wort mehr sagt, ein müdes Gesicht hat, zu müd zum Lächeln und zu müd, um böse zu sein“, so beginnt eine Kurzgeschichte des Schweizer Schriftstellers Peter Bichsel, die ich in der Grundschule gelesen habe. Die Geschichte heißt „Ein Tisch ist ein Tisch“ und handelt von einem Mann, den es langweilte, die Dinge so zu nennen, wie man sie allgemein nennt. Irgendwann beschloss er, den Tisch fortan Teppich zu nennen, das Bett künftig Bild und so weiter. Am Anfang fand der Mann das lustig und abwechslungsreich, irgendwann merkte er aber, dass ihn niemand mehr verstand und er sich noch mehr langweilte als vor der großen Umbenennungsaktion. Wenige Texte sind mir so im Gedächtnis geblieben wie diese Kurzgeschichte. In der vergangenen Woche, als bei Twitter ein Shitstorm über den SPD-Politiker Ralf Stegner hereinbrach, musste ich an sie denken.

Was war passiert? Bekanntlich hatte Stegner nach den gewaltsamen Ausschreitungen rund um den G20-Gipfel in Hamburg auf Twitter sinngemäß geschrieben, dass sich Linkssein und Gewaltanwendung gegenseitig ausschließen würden und kriminelle Gewalttäter daher gar nicht wirklich links sein könnten. Nun ist der Vize-Chef der Sozialdemokraten für seine Spitze Zunge bekannt. Auch wird ihm eine gewisse Rauflust zugeschrieben. Das kann sich ein Politiker, der kein aktives Regierungsamt ausübt, grundsätzlich leisten, und ich finde es auch nicht falsch, wenn politisches Personal ab und an etwas schärfer formuliert und damit auch polarisiert. Das ist unterhaltsamer und der Demokratie förderlicher als wohlfeile, aber inhaltsleere Floskeln à la „Mehr Zukunft ist gut für uns alle“ (obwohl Stegners eigener Landesverband bei der Wahl in Schleswig-Holstein auch nicht mit viel konkreteren und aussagekräftigeren Slogans antrat).

SPD-Vize bekannt als Raubauz

Mit seinen Twitter-Äußerungen zur Gewalt beim G20-Gipfel lag der Raubauz aus Bordesholm allerdings daneben. Denn keine Ideologie und keine Gesellschaftsgruppe kann schlicht per defintionem völlig von Gewalt freigesprochen werden. Das gilt sogar für das Christentum, dessen Begründer Mildtätigkeit ebenso predigte wie Nächsten- und Feindesliebe – und der gemäß dem heiligen Buch seiner Kirche seinen Anhängern gepredigt haben soll, auch noch die linke Wange hinzuhalten, wenn sie auf die rechte Wange geschlagen werden.

Wer an die Botschaft dieses Friedensapostels glaubt, sollte mit Krakeel normalerweise nichts zu tun haben. Dennoch wurde die Religion Jesu Christi über Jahrhunderte hinweg für Gewaltexzesse missbraucht. Bei der Kolonisierung des amerikanischen Kontinents ebenso wie im Dreißigjährigen Krieg der christlichen Konfessionen in Mitteleuropa. Im Norden der irischen Insel schossen Protestanten und Katholiken noch bis vor wenigen Jahren aufeinander. In Uganda treibt noch heute eine Rebellenorganisation ihr Unwesen, die sich „The Lord´s Resistance Army“ nennt, was auf Deutsch in etwa „Die Widerstandsarmee des Herrn“ heißt.

Wir alle wissen, dass die andere abrahamitische Religion, der Islam, für Gewalt und Terror missbraucht wird. In Indien wiederum kam es bereits mehrfach zu Übergriffen von Hindunationalisten gegenüber Muslimen. Und immer wieder prügeln sich in um die deutschen Stadien herum Fußballfans. Dabei sollte dieser Sport doch die schönste Nebensache der Welt sein. Und sollten die Menschen, die ins Stadion gehen, nicht eigentlich Interesse daran haben, ein paar schöne Stunden in ihrer Freizeit zu verbringen?

Alle Ideologien lassen sich missbrauchen

Ich bin fest davon überzeugt, dass sich grundsätzlich Anhänger aller Ideen und Weltanschauungen radikalisieren lassen. Das könnte sogar Menschen passieren, die dem fliegenden Spaghettimonster, der Biene Maja oder dem Wikingergott Odin huldigen. Es braucht dazu nur die entsprechenden Umstände sowie die entsprechend begabten Verführer. Wer den Roman „Die Welle“ des US-amerikanischen Autors Morton Rhue gelesen oder den gleichnamigen Film gesehen hat, kann sich in etwa vorstellen, wie die möglichen Mechanismen ablaufen könnten. Selbst wenn es Herrn Stegner nicht gefallen dürfte: Alle Fans linker Ideen sind mit Sicherheit nicht von vorn herein und zu allen Zeiten immun gegen Fanatisierung und Gewalt.

In der vergangenen Woche sagte das übrigens sinngemäß auch der Kriminologe Nils Schuhmacher von der Universität Hamburg in der eher links stehenden „Frankfurter Rundschau“. Der Wissenschaftler konzedierte zwar, dass die Schwere der politisch motivierten Gewalt von links in den vergangenen Jahrzehnte zurückgegangen sei. Ebenso erklärte er aber, dass eine lange Tradition revolutionärer Bestrebungen auf der Linken gäbe. Und Revolutionen hätten in der Regel sehr viel mit Gewalt und Umsturz zu tun. Einige der bekanntesten linken Revolutionäre waren Che Guevara, Mao und Pol Pot. Gewiss könnten Politikwissenschaftler tagelang darüber disputieren, ob diese Herren im Sinne der Ideologie wirklich links waren oder ob sie sich nur so nannten. Aber zumindest wird Che Guevara ebenso wie der langjährige Präsident Kubas, Fidel Castro, auch hierzulande von vielen Linken bis heute verehrt. Mit friedlichen Demonstrationen und Märschen a la Mahatma Gandhi sind die beiden in Kuba aber nicht an die Macht gekommen. Und als die Revolutionäre erst einmal die Regierungsgewalt auf der Zuckerinsel in ihren Händen hatten, wandelten sie sich auch nicht zu so weisen Versöhnern wie der südafrikanische Übervater Nelson Mandela einer wurde. Ralf Stegners Twitter-Botschaften halten deshalb ebenso wenig einem Realitätscheck stand wie die Neubenennung der Welt durch Peter Bichsels Romanfigur.

Che und Fidel setzten auf Gewalt

Aber vielleicht wird „stegnern“ ja zu einem neuen gesellschaftlichen Trend. So könnte Niko Kovac, Trainer meines Vereins Eintracht Frankfurt, künftig nach jeder Niederlage sagen: „Frankfurter verlieren nicht, da müssen lauter Offenbacher auf dem Platz gestanden haben“. Und wenn in einem italienischen oder französischen Lokal einmal ein Menü misslingt, dann könnten die Küchenchefs leicht sagen, dass das nicht ihre Schuld sei, sondern dass da irgendein deutscher oder britischer Koch seine Hand im Spiel gehabt haben müsse. Nicht auszudenken, welche ungeahnten Möglichkeiten das „Stegnern“ den Managern deutscher Automobil- und Bahnkonzerne liefern könnte.

Ralf Stegner und wie er die Welt sieht…Würde man die Twitter-Botschaften aus Bordesholm nicht als ernsthafte politischen Statements betrachten, sondern einfach nur als selbstironische Einwürfe oder kultige Lümmeleien, dann stünden sie vielleicht sogar kurz vor dem Grimme-Preis.

 

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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