Junge, lass das Zwitschern

Zu viel Kritik, zu viel Häme: Ed Sheeran zieht sich von twitter zurück. Trotz Beleidigungen und Hass bleiben andere Prominente dem Kurznachrichtendienst treu. Dass man auch ohne twitter erfolgreich sein kann, das beweisen so unterschiedliche Charaktere wie die Bundeskanzlerin, Lästermaul Harald Schmidt und Bond-Darsteller Daniel Craig.

Seine Fans lieben ihn, seine Hater lästern bei twitter über ihn: Ed Sheeran, hier vor einem Auftritt im Januar 2013. Foto: Wikimedia Commons, Autor: Lunchbox LP

Was haben die Bundeskanzlerin und Satiriker Harald Schmidt gemeinsam? Richtig: Sie twittern nicht, sie lassen twittern. Bei der Kanzlerin ist Regierungssprecher Steffen Seibert fürs regierungsamtliche zwitschern zuständig, unter dem Namen Harald Schmidt schreibt seit 2009 ein Bielefelder Autor namens Rob Vegas. Der ist zwar weder von Schmidt autorisiert noch beauftragt, dennoch hat das Schmidt-Konto bei twitter inzwischen gut 116.000 Follower. Der Meister lässt es einfach laufen.

Politikerin und Lästerer dürften somit zu den wenigen Ausnahmen unter den Prominenten aus Politik, Show und Sport zählen, die der Welt nicht höchstpersönlich ihre Gedankengänge in 140 Zeichen mitteilen müssen. Manch ein Staatsmann, so hört man, soll inzwischen mehr über diesen Kurznachrichtendienst kommunizieren als über traditionelle Pressemitteilungen oder Pressekonferenzen. Und in den bunteren Bereichen des öffentlichen Lebens kündigt man ohnehin so alles an, was die Welt interessiert oder auch nicht. Neue Lebensabschnittsgefährten, Trennungen, Wiederversöhnungen, Wiedertrennungen, neue Tattoos, Tattooentfernungen, etc, etc. Wer es braucht…

Kanzlerin und Lästermaul twittern nicht

Der Regierungschefin und dem schwäbischen Lästermaul dagegen dürfte ihre twitter-Abstinenz in keiner Weise schaden. Im Gegenteil. Die Kanzlerin steht im Ruf, jeden Satz mindestens zwei Mal zu abzuwägen, bevor sie ihre meist von Spin-Doktoren komplett durchgeprüften Aussagen öffentlich werden lässt. Schmidt wiederum pflegt das Image des arroganten Zynikers, der es gar nicht nötig hat, auf seine Fans zuzugehen und direkt zu ihnen zu sprechen. Die twitter-Strategie der beiden passt zu deren Markenkern.

Aber auch jede beziehungsweise jeder andere sollte sich wirklich überlegen, ob das twittern etwas bringt. Ich wage einmal die Prognose: Die Kanzlerin hätte mit twitter-Profil auch keine besseren Umfrage-Werte als sie sie ohnehin schon hat, und ihr Herausforderer von der SPD, bei twitter angemeldet, stünde gewiss nicht schlechter da, würde er sich nicht mit solchen Kurznachrichten zu Wort melden.

Es ist schon wahr, die Wahlsiege von Parteiaußenseitern wie Barack Obama oder Donald Trump wären ohne twitter nicht in diesem Ausmaß möglich gewesen. Aber beide haben die Vor- und Nachteile dieses Dienstes – jeder auf seine Art – bis zur Grenze ausgereizt. Weniger charismatischen oder weniger rauflustigen Zeitgenossen dürften solche Erfolge nicht in den Schoß fallen. Außerdem ist Politik in den USA ohnehin medialer, virtueller und schnelllebiger als hierzulande, wo alle Parteien ihre Ortsvereine pflegen und die Mitglieder ganze Wochenenden mit Programmparteitagen verbringen. Mavericks, die ihre Fans hauptsächlich in den sozialen Medien rekrutieren, dürften bei uns auch künftig Seltenheitswert besitzen. Hiesiges politisches Spitzenpersonal findet sich selten unter Außenseitern. Das Parteiensystem bringt es einfach mit sich, dass sich nahezu ausschließlich erfahrene Parteiprofis durchsetzen, die ihre Basis hinter sich haben (müssen). Ein geschlossen auftretender und lautlos arbeitender Apparat ist später im Wahlkampf viel wichtiger, als irgendwelche Pirouetten in den sozialen Medien zu drehen.

Trudeau hat das twittern drauf

Natürlich, wenn man so ein begnadeter Zeitgeistsurfer ist wie Kanadas Ministerpräsident Justin Trudeau oder wenigstens Christian Lindner, dann kann man mit den kurzen Nachrichten schon etwas erreichen. Beide Politiker passen aber genau zur Zielgruppe von twitter. Jünger, modern, eine gebildete, eher besser gestellte Klientel ansprechend. So hat Trudeau auf Forderungen, Kanadiern mit doppelter Staatsangehörigkeit, die wegen Terrorismus verurteilt wurden, auszubürgern, mit dem tweet „a canadian is a canadian is a canadian (ein Kanandier ist ein Kanadier ist ein Kanadier)“ reagiert und damit so etwas wie twitter-Geschichte geschrieben. Aber: Nicht jeder ist so populär wie Trudeau und nicht jeder ist derart mit dem Zeitgeist liiert wie das rhetorische Naturtalent aus Ottawa. Aber schon bei Lindner ist twitter nur ein Zusatzangebot neben der traditionellen Parteiarbeit mit Programmen, Infoständen und Ortsverbandskultur. Auch im Internet ist Deutschland eben nicht Amerika.

Das Risiko, sich mit unglücklichen Aussagen vor aller Welt in die Nesseln zu setzen, das ist dagegen sehr groß. Stars und Sternchen, die sich über ihren Beziehungsstatus verplappert haben, können davon ebenso ein Liedchen singen wie Politiker, die bei Umgangston oder Inhalt grandios daneben gelegen haben. Wäre ich Jennifer Normalpopsternchen oder Robert Durchschnittspolitiker, ich würde zweimal überlegen, ob mir twitter wirklich etwas bringt oder ob ich meine Energie und meinen Gehirnschmalz nicht besser auf die klassische Wahlkreisarbeit sowie sonstige Kontakte zu den Bürgerinnen und Bürgern konzentriere. Was nutzt einem der Beifall von jungen Twitterern in den Berliner Szenebezirken, wenn man im Vorharz, in Wanne-Eickel oder auf der schwäbischen Alb gewählt werden will.

Wer in Küche geht, muss Hitze vertragen

Und dann ist da noch der raue Umgangston, der auf dem virtuellen Schwatzplatz von einigen Zeitgenossen leider in immer übleren Formen gepflegt wird. Der Bundesgesetzgeber hat auch in Reaktion darauf in der vergangenen Woche mit der Verabschiedung des sogenannten Netzwerkdurchsetzungsgesetz reagiert. Vom Deutschen Journalisten Verband über zahlreiche Fachjuristen bis hin zur parlamentarischen und außerparlamentarischen Opposition reißt die Kritik an dem Gesetz nicht ab. Sogar der Vorwurf der Grundgesetzwidrigkeit steht im Raum. Dies alles soll hier nicht Thema sein, Fakt bleibt aber: Wer in die Küche von twitter geht, der muss einiges an Hitze vertragen.

Aber muss man das wirklich? Man kann sich einfach abmelden oder schlicht die Kommunikation einstellen. Für Letzteres hat sich jetzt Ed Sheeran entschieden. Weil aus seiner Sicht die negativen und bösartigen Kommentare überhand genommen hätten, will der Sänger künftig nicht auf mehr twitter aktiv sein. Nur Bilder, die von der Foto-Plattform instagram automatisch verlinkt würden, sollen dort noch erscheinen.

Es war wohl abzusehen, dass auf Sheerans Ankündigung eine weitere Lästerwelle bei twitter folgen musste. Manche nannten den Singer-Songwriter wehleidig, andere griffen zu noch böserem Vokabular. Im Kern hat der Engländer aber recht. Niemand wird gezwungen, sich bei twitter anzumelden, jeder der will, kann sich abmelden. Schon Erich Kästner wusste: „Was immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.“ Deshalb, Mr. Sheeran, sagen Sie am besten komplett „goodbye“ zu twitter und stellen Sie dort auch keine Fotos mehr ein, sonst machen Sie sich unglaubwürdig. Man kann sich nicht waschen, ohne nass zu werden. Prominente wie das Tennis-Ehepaar Steffi Graf und Andre Agassi, Deutschrock-Veteran Udo Lindenberg oder eben die Kanzlerin sind gut damit gefahren, ihr Privatleben ganz aus der Öffentlichkeit – und damit auch aus den sozialen Medien – herauszuhalten.

Mach es wie Daniel Craig

Vielleicht könnte sich der Sänger auch ein Beispiel an seinem Landsmann Daniel Craig nehmen. Der James Bond-Darsteller hat einst auf die Frage, ob er bei Facebook angemeldet sei, geantwortet: „Nein, bin ich verdammt nochmal nicht!“ Außerdem setzt Craig in Sachen Kommunikation lieber auf das gute alte Telefon. „Ruft euch an und geht in den Pub Einen trinken, erklärte der Schauspieler. Das hat in der Tat eigentlich nur Vorteile: Man kann sich seine Gesprächspartner aussuchen, ist nicht auf 140  Zeichen beschränkt und man läuft höchstwahrscheinlich auch nicht Gefahr, von Dritten beleidigt zu werden.

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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