Gassenhauer #3 – Sozialistischer Realismus, wie der Westen ihn liebt

Die dritte Station der Gassenhauer von Sören Heim liegt in Shanghai:

Lijiang Old Town - ChiralJon unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Das Tor zur roten Gasse

Qiu Xiaolongs Das Tor zur roten Gasse ist der Beschreibung nach genau die Art Text, die ich gern lesen und hier besprechen möchte. Eine Serie miteinander verbundener Kurzgeschichten, die zwischen 1949 und 2005 in der namensgebenden Gasse in Shanghai spielen. Dass ein Rezensent bei Amazon sich über die schlechte Zugänglichkeit von Qius Erzählweise beschwert, nehme ich dann erst einmal hoffnungsfroh zur Kenntnis. Vielleicht ist das Ganze ja einfach literarisch in einer Weise durchgearbeitet, die sich von 08/15 Milieustudien abhebt.

Propaganda und Gegenpropaganda

Das Werk erweist sich dann allerdings eher als allzu zugänglich. Nur, für wen ein paar chinesische Namen und Begriffe schon unüberwindliche Hürden darstellen (weil man sich zu schade ist nachzuschlagen vielleicht?) dem könnte Das Tor zur roten Gasse vielleicht Probleme bereiten. Der Aufbau ist denkbar simpel: Jeweils ein Exemplar einer sozialistischen Wandzeitung leitet ein Jahr und eine Geschichte ein, die für gewöhnlich das in der Wandzeitung Propagierte als Geschwätz entlarvt.

„Geschichte“, wenn man darunter die literarische Gattung der Kurzgeschichte versteht, ist allerdings fast zu viel gesagt. Es sind mehr Geschichten in dem Sinne, wie es die Oma meint, wenn sie sagt,„soll ich euch mal die Geschichte erzählen, wie…“: Bemerkenswerte Anekdoten von einem gewissen, mal kuriosem, mal soziologisch oder historisch interessanten Gehalt, keinesfalls aber durchgeformte literarische Werke. Herausragend allein die Eröffnungserzählung „Willkommen in der roten Gasse“, die die Szenerie etabliert, die beiden Erzählungen vom Arbeiterdichter Bao, der zufällig in seine Literatenrolle gedrängt wird, sich zwischenzeitlich ganz darin findet und nachdem ihn der Dünkel fast verzehrt hat ausgerechnet Koch wird, sowie zwei Erzählungen zum Krabbenessen, die, als literarischen Hintergrund eine Episode aus Der Traum der roten Kammer spiegelnd und gleichzeitig auf ein Gedicht von Su Dongpo anspielend, die Entwicklung der Krabbe vom Luxusgut zu einer allgemeinen Arbeiterspeise sowie später wieder zum Luxusgut nachvollziehen lässt. Das erlaubt durchaus ein paar bemerkenswerte Einblicke in das vorsozialistische China und den modernen autoritären Kapitalismus des Landes.

Kann man trotzdem lesen

Es handelt sich bei diesen beiden noch um die einzigen Erzählungen, die das Schema von sozialistischen Erfolgsmeldungen und erbärmlicher Wirklichkeit ein wenig durchbrechen, das vielleicht das größte Manko des Buches ist. Engagierte Literatur vergisst gern übers Engagement das literarische Handwerkszeug, und wer sich nicht gern an Predigten erbaut, wird damit nie ganz glücklich werden. Das gilt für den so genannten sozialistischen Realismus, für den antisozialistischen Realismus, der die Form kopiert und nur die Botschaften austauscht, gilt es ebenso.

Dennoch ist, zuletzt, Das Tor zur roten Gasse kein Buch, das sich nicht zu lesen lohnt. Es ist, nun ja, nett. Autoren hören das eher ungern, aber ein zwei Tage kann man sich damit gut vertreiben und das ein oder andere Chinaklischee wird vielleicht nebenbei getilgt. Womöglich allerdings um den Preis, dass drei neue sprießen.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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