Gassenhauer – Literatur auf engstem Raum #1

Eine beeindruckende Konzentration von Texten hoher literarischer Qualität lässt sich rund um Titel ausmachen, die das Wort „Gasse“ oder „Straße“ ziert. Vielleicht gibt es dafür sogar einen Grund…

Calle von Jose Losada - Fotografía - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Mahfus Midaq-Gasse, Raabes Sperlingsgasse, auch Cannery Row oder Ben Okris Hungrige Straße. Eine beeindruckende Konzentration von Texten hoher literarischer Qualität lässt sich rund um Titel ausmachen, die das Wort „Gasse“ oder „Straße“ ziert. Vielleicht gibt es dafür sogar einen Grund: Die Moderne wird einerseits als ein hochgradig zersplittertes Zeitalter erlebt, andererseits bilden sich weltweit vergleichbare Mikrokosmen heraus, die exemplarisch für moderne Erfahrungen der Auflösung von und des Festhaltens an Tradition, der gesellschaftlichen Atomisierung und des immer gehetzteren Anruderns dagegen stehen können. Mikrokosmen, die in sich geschlossen wirken, aber prinzipiell universell zugänglich sind, und umso mehr, je mehr sich die modernen Erfahrungen einander annähern. Kosmen in die sich der Leser in Dhakar ebenso einfülen kann wie in Castrop Rauxel. Neben den globalisierten Dörfern (nicht umsonst erlebt der Dorfroman ein Revival) bieten sich als städtisches Pendant Gassen geradezu an, das Phänomen Moderne literarisch zu kondensieren.

Die vorläufige Leseliste

Und weil ich immer nach zumindest halbwegs guten Vorwänden suche, neues literarisches Terrain zu erschließen, nehme ich diese Überlegungen zum Anlass, um mir alles an Büchern zu bestellen, was mit Straßen und Gassen zu tun hat. Und bei Gelegenheit dann ein paar kleine Kurzrezensionen dazu zu fertigen. Bisher angeschafft wurden neben den eingangs genannten:

Die Blaue Gasse (Giuseppe Bonaviri)
Die Gasse der dunklen Läden (Patrick Mondiao)
Das Tor zur roten Gasse (Qiu Xialong)

Ferner erlaubte ich mir, auch einige sozusagen verwandte Titel zu besprechen, die um den Begriff des Hauses kreisen. So:

Das Haus an der Moschee (Kader Abdolah)
Das Grüne Haus (Mario Vargas Llosa)
Das stille Haus (Orhan Pamuk)

Sowie vielleicht auch einige Straßentitel wie etwa

Nairobi, River Road (Meja Mwangi)

Über weitere Hinweise auf Gassenhauer bin ich dankbar…

Die Chronik der Sperlingsgasse

Beginnen möchte ich meine Serie über Gassenhauer mit Wilhelm Raabes Die Chronik der Sperlingsgasse, das zu durchdringen eher ein ganzes Buch verlangen würde. Doch wäre der herrlich freie Fluss der Erzählung dann so unschön festgenagelt, dass man das Buch am besten gleich dem Müll überantworten würde. Drum soll sich hier stattdessen im Gegenteil mit einigen kursorischen Bemerkungen begnügen werden.

Die Sperlingsgasse kommt chaotisch daher, verfahren, wie in wilden Gedankensprüngen. Im lockeren Plauderton erinnert der Erzähler und Chronist Johannes Wacholder sich einer unglücklichen Liebe, der Heirat der Geliebten mit den besten Freund, und des allzu frühen Todes der noch immer Verehrten. Eine Ziehtochter (Elise) tritt auf, deren Herkunft von der alten Liebe sich erst nach und nach aufklärt, ein junger Freier und werdender Maler, ein alter kauziger Karikaturenzeichner, der sich gern mit den Autoritäten anlegt, sowie zahlreiche andere Figuren die nur kurz aufscheinen und verschwinden. Und natürlich der immer allzu kritische Hund des Karikaturisten, „Rezensent“.

Der Roman als Wolke

All diese Gestalt bringen ihre eigenen Geschichten in die Chronik ein. Während diese über Jahrmärkte schweift, Schicksale der Arbeiterschaft streift, zweimal von den napoleonischen Kriegen überspühlt wird und Matthias Claudius durch ihre Seiten geistert, lernen wir mit Strobel die Verhältnisse im Pressewesen in Berlin und in Bayern kennen, der Flug des Kanarienvogels Flämmchen erzählt uns über die Liebe des jungen Malers zu Elise, mit Hund und Katze erkunden wir in einem kleinen Märchen das Rätsel eines verschlossenen Schrankes, und eine Gutenachtgeschichte für Elise entführt in ein verwunschene Schloss.

Die Meisterschaft dieses frühen Raabes, die ich mit Blick aufs spätere Gesamtwerk für weiterhin unerreicht halte, besteht darin, gleichzeitig in jedem Moment den Eindruck eines freundlichen, doch eher unkonzentrierten Geplauders aufrechtzuerhalten, und dennoch die einzelnen Momente zu einem geschlossenen Ganzen zu verweben. Kein monolithischer Block, eher vielleicht eine Wolke voller Erzählungen, die äußerlich klar umrissen wirkt, doch bei festem Zugreifen in den Fingern zergeht wie Luft.

Wer sich fragt, wie ein Ganzes sein kann, ohne dass der Summe seiner Teile Gewalt widerfährt (Adorno zum Ziel aller Musik) findet hier eine beeindruckende Näherung. Die Sperlingsgasse ist ein frühes Meisterwerk der Moderne, als von dieser noch keiner sprach. Und bleibt vielleicht eines ihrer größeren, gerade weil dem Text die fassliche Bemühtheit, ja, Gezwungenheit, abgeht, die viele spätere moderne Werke wie Versuche wirken lässt, den Ausweis der Intellekts ihrer Autoren mit dem Stemmeisen herbeizuprügeln…

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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