Der Groove hat Recht – Die ultimative Feelgood- und Frühlingskolumne

In seiner Hörmal-Kolumne erteilt Ulf Kubanke der konstanten öffentlichen Negativstimmung eine Absage und serviert uns ein paar unwiderstehliche Songs als Soundtrack zum keimenden Frühling.

Bild: Ulf Kubanke

Auch wenn etliche Vorgänge dort draußen irgendwo zwischen beunruhigend, unangenehm und unheilsschwanger rangieren. Das Leben ist ein Zyklus und Ka ist ein Rad. Also fort mit der allgegenwärtigen Depression. Die Natur macht es vor und sprießt. Was läge mithin näher, als einfach mal Songs zu spielen und Stories zu erzählen, die einfach Spaß machen? Nichts! Also stelle ich Euch hier eine Kolumne zur Verfügung, die dem inneren Frühling, Sommer, Sonnenschein eine Gießkanne ist und der inneren Dürre eine Oase. Und das alles natürlich mit Stücken, die immer wieder funktionieren und kein oberflächliches Blech bieten. Früher war mehr Lametta? Nicht in dieser Kolumne!

Here we go!

Perfect „sexy“ Groove: Was für ein feuriges Juwel! Fast 50 Jahre alt und klingt noch immer modern und unangepasst. Mirouzes erotische Mixtur aus Groove, Fusion, Psychedelic und Erotik zwischen „abgedreht“ und „elegant“ war 1971 Teil des Soundtracks zum Film „Le Marriage Collectif“. Der Streifen ist dem popkulturellen Kollektivgedächtnis längst entschwunden. Diese Musik jedoch genießt zu Recht ewigen Kultstatus als Geheimtipp.

Perfect „funky“ Groove: Stevie Wonders „Talking Book“ (1972) ist eine dieser LPs, die man mit Fug und Recht als Überalbum und Meilenstein bezeichnen darf. In erheblichem Maße trug es dazu bei, die negative Legende zu zerstören, wonach Afroamerikaner angeblich nicht rocken können und ihre Musik für ein vorwiegend weißes Rockpublikum nur wenig intertessant sei.
Mit funky Keyboard, rockiger E-Gitarrenbegleitung und erlesenen Gästen fegte er dieses Vorurteil ein für allemal vom Tisch. Es folgte sogar eine Tour an der Seite der Rolling Stones, die Wonders Bekanntheit zusätzlich immens erhöhte und ihm breite Fanschichten erschloss.
Neben weiteren Klassikern wie „You Are The Sunshine Of My Life“ enthält die Platte vor allem das immergrüne Groovemonster „Superstition“. Das Lied entstand aus einer Inspiration, die Wonder bei Sessions mit Jeff Beck überkam. Dem ursprünglichen Plan nach sollte sogar eine Version Becks zuerst erscheinen. Dazu kam es jedoch erst ein Jahr nach Wonders Veröffentlichung. Die sonnige, sehr einnehmende Strahlkraft dieser zu gleichen Teilen Funk-, Soul- und Rocknummer ließ niemanden kalt und büß auch nach 45 Jahren keinerlei Charisma ein.
Entsprechend lässig erobert der Song nebebei so unterschiedliche Edelfans wie Will Smith oder John Carpenter. Letzterer baut den Track 1982 sogar in seinen Horrorfilm „Das Ding Aus Einer Anderen Welt“ ein. Im Kontrast dazu performt Wonder „Superstition“ bereits mit diversen Muppets in der „Sesamstraße“ und wird damit zur frühkindlich-musikalischen Prägung einer ganzen Generation von TV-Kids. Hier kommt für euch „Superstition“:
Perfect „Amazing Grace“ Groove: Ich liebe sie. Herrlich wie intelligent und effektiv La Jones als geborene Showbiz-Ikone und popkulturelle Eigenerfindung funktioniert und sich in jedem Jahrzehnt neu erfand. Diese mitunter fast maskulin wirkende Inszenierung aus toughem Stahl und schwarzer Pantherin steht angenehmerweise in krassem Gegensatz zu ihrem Wesen. Mrs. Jones ist im „Real Life“ bekannt als sehr warmherzige, kumpelhafte und extrem humorvolle Zeitgenossin. „This Is“ ist ein kompromissloser Brecher aus ihrem 2008er Spätwerk „Hurricane“.
Perfect „Party“ Groove: Das schöne Lied verfügt über echte Hitqualität und klangfarbenfrohen Charme, dem man sich nicht entziehen kann. Ohnehin ist Damon Albarns zugehöriges Album „Plastic Beach“ ein echtes Schaulaufen mit vielen weiteren Hochkarätern als Joker (u.A. Snoop Dogg, The Fall oder Bobby Womack).
Doch dieser – in nahezu sesamtraßiger Knuffigkeit fließende – Killergroove ist mit großem Abstand der Höhepunkt. Lou verfasste den Text, nahm die instrumentale Skizze entgegen und sang das Stück allein im eigenen Studio ohne Albarn ein.
Umso erstaunlicher, wie sehr aus einem Guss das Ergebnis klingt. So entstand ganz nebenbei und ohne all zu großes popkulturelles Aufsehen eine der schönsten Feelgood-Nummer seit der Jahrtausendwende.
Ein paar mal gehört und man bleibt auf dieser Musikdroge komplett hängen. Wer den Track in seine Party-Playlist packt, hat Coolness und Credibility ebenso auf seiner Seite wie garantierte gute Laune.
Perfect „blind“ Groove: In Afrika und Frankreich nennt man sie „Das blinde Paar von Mali“. Amadou verlor seine Sehkraft im Alter von 16 Jahran, Mariam bereits mit 5. Doch aufhalten konnte sie dies nicht. Liebe und bedingungslose Solidarität machten sie stark, alle Hindernisse zu überwinden. Ihre Art, traditionelle afrikanische Elemente mit modernem Afrobeat und Rockmusik zu mischen, ist mittlerweile weltweit als „Mali-Blues“ bzw. „Afro-Blues“ bekannt geworden. Der stilistisch etwas zu eng gefasste Begriff wird der farbenfrohen, sehr vielschichtigen Pracht ihrer Musik indes nicht ganz gerecht. Ganz besonders stark sind Amadou & Mariam aus meiner Sicht, wenn sie – wie hier mit Kumpel Manu Chao – frühlingshafte sehr sonnige Musik mit ernsthaften Texten kombinieren, die teils sarkastisch, teils obtimistisch und teils selbstironisch das „First World vs Third World“-Geflecht aufs Korn nehmen.
Bewunderer und Edelfans gibt es mittlerweile in allen Genres. So unterstützte sie bereits Pink Floyds David Gilmour an der Gitarre. Ebenso gab es Zusamenarbeit mit Herbert Grönemeyer oder Damon Albarn (Blur, Gorillaz).
Mittlerweile ist Mariam Dhoumbia auch Mitglied des weiblichen Allstar-Kollektivs Les Amazones D’Afrique, welches sich ebenso intelligent wie lautstark für die Rechte afrikanischer Frauen einsetzt. Explizit unterstützen diese Initiativen, die sich gegen Gewalt, Versklavung, Genitalverstümmelung und allgemeine Entrechtung einsetzen. Letzteres Projekt lege ich allen ebenso ans Herz wie den folgenden perfekten Nightgroove.

Perfect „New York“ Groove: „New York Is Killing Me“ ist eines von 15 Glanzstücken des letzten Albums von Gil Scott Heron, „I’m New Here“. Dieses Finale bedeutet eine Abkehr Scott-Herons vom bis hierher dominierenden Cocktail aus Funk, Jazz und Soul. Stattdessen zelebriert er die Hinwendung zu archaischem Urblues, den Producer Richard Russel (der 2014 zusammen mit Damon Albarn auch Bobby Womacks „The Bravest Man“ klanglich veredelt) mit einem passenden Mantel aus Dark Trip Hop, Minimal-Elektro und akustischen Elementen umhüllt.

Das Ergebnis ist finsterer, apokalyptischer und dabei unwiderstehlich groovender Post-Industrial-Blues, der konstant eine intensive Stimmung zwischen Erlösung und Verdammnis transportiert. Das finale Ringen, das Endgame, der letzte scharf analytische Blick Scott-Herons auf sich selbst und die fukked up World.

Seine Zeilen, die er teils als Spoken Word, teils als Blues-Crooner vorträgt, strotzen – wie immer – vor sprachlicher Wucht. Es ist eine Kraft des Wortes, die gleichermaßen schonunglos sarkastische Grobheit und tiefe, empathische Sensitivität. Hier kommt das zupackende, tödliche New York.

Perfect „Frühlings“ Groove Part I: Paul Desmond komponierte den Song für Dave Brubecks 1959er Album „Time Out“. Es ist mittlerweile wohl das beliebteste und meisgecoverte Jazzstück aller Zeiten und spricht auch Hörer an, die mit dem Genre sonst eher fremdeln.
Eine Hauptinspiration war das Geräusch der „Einarmigen Banditen“ in den Spielhallen. Nach einer durchzockten Nacht wandelte Desmond den in ihm tobenden Nachhall der Slot-Machines in Musik um. Auch um – wie er scherzhaft sagte, „die ganze verlorene Kohle wieder rein zu bekommen.“ Das hat anscheinend gut geklappt.
Desmond indes ist nicht nur Composer dieses frühlingshaften Evergreens Er litt auch lange Zeit unter seiner unerwiderten Liebe zu Audrey Hepburn.
Von manchem Gig stahl er sich hinweg, wenn sie im Theater spielte, nur um einen Blick auf sie werfen zu können. In sicherer Entfernung rauchte er dann stets eine Kippe, sprach sie gleichwohl niemals an. Zeugnis dieser recht einseitigen Affäre ist sein Instrumental „Audrey“. Beide trafen einander nie. Erst nach Desmonds Tod erfuhr die rehäugige Actrice, dass ihr Lieblingssong eine persönliche Widmung war.

Perfect „Frühlings“-Groove Part II: Von hier in alle Ewigkeit ist Hancocks „Cantaloupe Island“ nicht nur ein steter Quell heller Stimmung oder perfekter Playlist-Nachbar von Brubecks „Take Five“. Es ist anno 1964 trotz eindeutiger Zugehörigkeit zum Modern Jazz ebenso einer der ersten Vorboten des späteren Fusion-Genres. Beträchtlichen Anteil hieran hat besonders Freddie Hubbards immergrünes funky Kornett. Ihr findet diese Urversion auf „Empyrean Isles“.

Als Fusion in den 70ies dann so richtig en vogue war, ließ Taufpate Hancock es sich nicht nehmen, für sein hervorragendes Album „Secrets“ (1976) eine herrlich psychedelicsche Groove-Variante seines Übersongs zu arrangieren. Hier die tolle 70er-Fassung Hancocks: https://www.youtube.com/watch?v=7PPzgVTItH4

Perfect „Frühlings“ Groove Part III: Ramsey Lewis ist eine Ikone der Chicago Jazze-Szene und hat so manch berühmten Wegweiser verfasst. Kurioserweise genießt er nicht ganz denselben Bekanntheitsgrad wie Kollegen a la Herbie Hancock oder Dave Brubeck. Ein Paradox, trug Lewis doch ebenso bereits seit den frühen 60ern maßgebend dazu bei, dass der Jazz für ein breites Publikum an Attraktivität gewann. Als einem der ersten Pioniere überhaupt gelang es ihm, Songs in den höchsten Rängen der Pop-Charts zu parken. Die Erfolge sind verdient. Sein dem Ohr schmeichelnder Stil mit viel energetischem Swing, einem Hauch strengen Modern Jazzes und ’ner fetten Kelle melodischer Eingängigkeit transportiert genau jene frische Aufbruchstimmung der Sixties, die Genregrenzen hernieder riss und auf deren Trümmern Brücken aus schierer, klingender Lebensfreude erbaute. Als „Ramsey Lewis Swing“ zog diese Spielart in die Musikgeschichte ein.
Der komplett uneitle Lewis ist auch im hohen Alter in seiner Heimatstadt noch als Radiomoderator im Bereich Jazz tätig und engagiert sich in der Förderung junger Musiker.

Das quirlige „Wade In The Water“ ist nicht nur mein Liebingsstück von ihm, sondern längst ein weltweit bekannter Standard und passender Playlistnachbar von „Take Five“ (Brubeck) oder „Cantaloupe Island“ (Hancock). Die Nummer stammt vom gleichnamigen 1966er Album und ist vielen Radiohörern seit knapp 40 Jahren auch als Titelmelodie der Nachrichtensendung „Berichte von Heute“ bekannt.

Perfect „Drug“ Groove: Der in unseren Breiten gar nicht so bekannte Montenegriner Nilovic ist tatsächlich einer der meistgesampleten Künstler des Planeten. Besonders im Hiphop – etwa Dr Dre oder Jay-Z – bedienten man sich bereits per Sampling und bringt dem Tausendsassa (sein Repertoir reicht von Klassik bis Funk) zu Recht hohe Ehrerbietung entgegen. Zum Abschluss der Kolumne viel Spaß mit dieser fröhlich-bunten, kleinen Prachtmusik. Achtet auf die tolle Flöte!

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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