Wenn die rote Sun bei Capri im Meer versinkt

Capri-Sonne heißt nun Capri Sun – und der Hersteller erntet für seine Namensschöpfung einen Shitstorm im Internet und den Spott anderer Unterhemen. Dabei gibt es viel schlimmere pseudo-moderne Begriffe, die englisch klingen sollen, es aber gar nicht sind. Handy, Public Viewing und Street-Worker sind nur die bekanntesten Beispiele dafür.

Aus Capri-Sonne wird auch hierzulande Capri Sun, wie das Getränk andernorts schon länger heißt. Foto: Wikimedia Commons, Autor: Mike Murphy; aufgenommen im September 2005

Aus Raider wird jetzt Twix, sonst ändert sich nichts, hieß es Anfang der 90er Jahre. So populär der Spruch wurde, so wenig nahmen die Verbraucher Anstoß an der Umbenennung des Schokoriegels. Vielleicht auch, weil beide Namen Kunstprodukte waren, unter denen man sich nichts vorstellen konnte. Außerdem war Raider/Twix hierzulande gerade einmal 15 Jahre auf dem Markt als die neue Namensgebung erfolgte.

Das erklärt vielleicht, warum der Mars-Konzern seinen Riegel so geschmeidig neu positionieren konnte, während über Capri-Sonne ein wahrer Shitstorm hereingebrochen ist. Das Zuckerwasser, das in Deutschland seit 1969 vertrieben wird, heißt künftig Capri Sun. Das ist der Name, unter dem das in Baden-Württemberg erfundene Getränk bereits jetzt in vielen Ländern der Welt vertrieben wird. Hierzulande trauern Fans des süßen Saftes nun allerdings um ein geliebtes Symbol aus ihrer Kindheit, während sich andere Unternehmen über die Denglischisierung eines erfolgreichen Markennamens lustig machen. Ritter Sport kündigte spaßeshalber an, seine Schokolode künftig unter dem Namen „Knight Sport“ zu vertreiben, während die Astra-Brauerei vorgab, ihr Bier „Urtyp“ in „Urguy“ umzubenennen zu wollen. Und sollte es die entsprechenden Unternehmen ebenfalls zu englisch klingenden Namen drängen, dann könnte der Rotkäppchensekt künftig „Little red riding hood sparkling wine“ heißen, Clausthaler Bier vielleicht „Claus‘ Valley Beer“, Klosterfrau Melissengeist könnte als „Monastery Ladies‘ Melissa Spirit“ firmieren.

Spott im Internet für Getränkehersteller

Zunächst fragte ich mich, warum da so viel Wind um einen Getränkenamen gemacht wird. Letzten Endes kommt es doch darauf an, ob der Saft schmeckt oder nicht. Ich habe da meine ganz eigene Meinung. Um aber keine Klagen des Herstellers zu provozieren, gehe ich an dieser Stelle lieber nicht darauf ein. Allerdings kaufen viele Menschen Capri-Sonne, Verzeihung Capri Sun, auch wegen des Kultfaktors und der Erinnerungen, die sie aus ihrer Kindheit mit dem Getränk verbinden. Außerdem erzeugt der Name Capri-Sonne ein bestimmtes Bild von Sonne, Süden und italienischem Dolce Vita, das Generationen miteinander verbindet. Wenn die rote Sonne bei Capri im Meer versinkt, heißt ja auch ein beliebter Schlager aus der Zeit, als noch Bundeskanzler Konrad Adenauer das Wirtschaftswunderland regierte und es viele Menschen mit ihrem neuen Volkswagen über den Brenner in das Land, wo die Zitronen blühen zog.

Sollte es das Ziel des Getränkeherstellers gewesen sein, sich mit einem neuen Namen ein anderes Image zu geben, dann hätte neben der Sonne auch das Wort Capri ausgetauscht werden müssen. Zum einen gab es in der angelsächsischen Welt nie eine derart ausgeprägte Schwärmerei für Italien wie hierzulande, die kein Geringerer als Goethe auch literarisch verewigt hat. Zum anderen war Capri vielleicht für die Generation meiner Großeltern ein Sehnsuchtsort, in gewisser Weise auch noch für die meiner Eltern. Aber heutzutage? Bei der Generation Y stehen wohl andere „Locations“ höher im Kurs. Barbados Sun, Bali Sun oder Bondi Beach Sun – solche Kategorien hätten es schon sein müssen.

So reiht sich Capri Sun beinahe in die Reihe deutscher „Denglisch“-Wortschöpfungen ein, die Modernität und Weltläufigkeit verströmen sollen, die englische Muttersprachler aber eher als provinziell empfinden. Und die für Menschen, die wirklich weltläufig sind, Piefigkeit ausstrahlen. Als Musterbeispiel für Sprachpanscherei made in Germany gilt in der angelsächsischen Welt das Handy. Dieser Begriff schaffte es sogar ins Bühnenprogramm von Stephen Fry. Der englische Moderator und Komiker kam nicht darüber hinweg, was für ein seltsames Wort sich die Deutschen für etwas ausdenken, das in England schlicht „Mobile Phone“ heißt, also Mobiltelefon. Vielleicht hat Mister Fry auch davon gehört, dass Deutsche Projektoren, die im Vereinigten Königreich und den USA schlicht Projektoren („projectors“) heißen, Beamer nennen. In den USA dagegen ist „Beamer“ ein Slangausdruck für ein deutsches Produkt, einen BMW. Witze darüber sind mir aus Frys Mund aber nicht bekannt.

Leichenschau statt kollektives Fußballglotzen

Falls Freunde denglischer Sprachverformungen demnächst eine Reise in ein englischsprachiges Land planen, an dieser Stelle ein paar gut gemeinte Ratschläge: Sollten sie etwa vorhaben, sich in den USA ein Fußballspiel auf einem öffentlichen Platz anzusehen, beachten Sie bitte, dass Public Viewing dort bedeutet, Leichen in einem offenen Sarg aufzubahren. Und wer im englischsprachigen Raum von Oldtimern spricht, meint ältere Menschen und nicht Automobilklassiker. Die nennt man richtigerweise „Vintage Cars“. Einen Smoking zieht man sich weder in den Vereinigten Staaten noch in Großbritannien an, das Wort bedeutet schlicht: Rauchen. Das hierzulande damit gemeinte Kleidungsstück heißt „Dinner Jacket“ oder „Tuxedo“. Und falls Sie an einem Londoner Flughafen oder Bahnhof hilfesuchend nach einem Service Point fragen, dann wundern Sie sich nicht, wenn man Sie verstört anschaut. Denn auch dieses Wort ist eine deutsche Erfindung. Auskünfte erhält man in England am „Information Desk“.

Besonders in die Nesseln setzen Sie sich in der angelsächsischen Welt, wenn Sie nach einem Streetworker verlangen, denn das sind Prostituierte vom Straßenstrich. Das, für was die Deutschen den Begriff Streetworker erfunden haben, ist einfach ein „Social Worker“, also ein Sozialarbeiter – egal, ob mobil oder nicht. Und sprechen sie irgendwo im englischsprachigen Raum von einem Messie, dann denken alle, dass sie einen argentinischen Fußballer gleichklingenden Namens meinen. Chaotische, unordentliche Menschen dagegen sind „pack rats“

Messi ist Fußballer und kein schlampiger Chaot

Gewiss: Sprache ist nicht starres, nichts unveränderliches. Auch in anderen Ländern greift man fremde Wörter auf und integriert sie in den jeweiligen Sprachkanon. Im Französischen etwa heißt Fußball „Football“ und Handball wie in Deutschland schlicht Handball. Ins Englische haben sich sogar mehrere deutsche Wörter, wie etwa „Realpolitik“, „Kindergarten“ und „Angst“, eingeschlichen.

Aus meiner Sicht würde es auch allzu ungelenk wirken, wollte man sämtliche international eingeführte Begriffe wie Laptop, Walkman oder Cheeseburger durch künstliche deutsche Wortschöpfungen wie Klapprechner, tragbares Musikabspielgerät oder getoastetes Brötchen mit Käsebelag ersetzen. Das klänge so lächerlich wie die willkürlichen Versuche der DDR-Oberen, englische oder religiöse Wörter etwas regimekonformer klingen zu lassen. So wie der Plattenunterhalter, der den Discjockey ersetzen sollte oder die geflügelte Jahresendfigur, die man sich anstelle eines Weihnachtsengels ins Haus holen konnte.

Plattenunterhalter mit Jahresendfigur

Dagegen sollte es ein No-Go (!) sein, vorhandene und funktionierende deutsche Begriffe einer falschen Modernität willen durch pseudo-englische Phantasieschöpfungen zu ersetzen, mit denen niemand in der angelsächsischen Welt etwas anfangen kann. Denn das wirkt nicht zeitgemäß, sondern einfach lächerlich.

 

 

 

 

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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