Autorität. Ganz einfach.

Immer wieder werden „Siege der Vernunft“ oder des „Besseren Arguments“ gegen Rechts gefeiert. Aber sind das wirklich Siege? Die Erfahrung lehrt, dass man Radikalen so nicht beikommt.

Discussion von Jim Pennucci - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Fangen wir, wie es die effektfixierte Zeit vorgibt, mit einer persönlichen Anekdote an:

Im Sommer 2009, als in Iran Zigtausende auf die Straßen gingen um zuerst gegen gefälschte Wahlen, dann gegen das mörderische Regime zu demonstrieren, kam in dem Jugendzentrum in dem ich damals regelmäßig tätig war eine ganz gegenläufige Stimmung auf. Da hießen die Demonstranten seien verwöhnte Kapitalistenkinder, da wurden im nächsten Schritt die USA und Israel als Wurzeln des Übels ausgemacht, da wurde Ahmadinedschad wie einst Che, Marcos und zuletzt Hugo Chavez als Bastion des Widerstandes gegen den Imperialismus verklärt. All das ist bekanntlich in der Linken recht verbreitet. In unserem kleinen Laden war es mir zumindest zuvor nicht aufgefallen. Allerdings: Die Sache hatte auch keinen Bestand. Ein paar Vorträge, viele Einzelgespräche, sofortiges Einschreiten gegen Antiamerikanismus und sogenannte Israelkritik – einige ließen sich da rasch überzeugen. Andere suchten sich neue Spielwiesen.

Selten schlägt das Argument

Man ist leicht versucht, hier einen Sieg im zwanglosen Streit der besseren Argumente herbeizufantasieren. Aber das ist wenig wahrscheinlich. Das Engagement gegen die „antiimperialistischen“ Umtriebe verlief deshalb so erfolgreich, weil die Aktivisten jene waren, die auch sonst als die besser Informierten, Schriftkundigeren und seit langem engagierten Aktiven galten. Auch die Tatsache, dass ein Mensch mit iranischen Wurzeln darunter war, der auf Erfahrungen von Verwandten in Iran verweisen konnte, half. Kurz: Auch wenn die Argumente die Besseren gewesen sein mögen, es stach der alte Trumpf: Autorität.

Springen wir, da der Leser hoffentlich ausreichend persönlich gepackt ist, ins Heute:

In den vergangenen Wochen wurde sehr enthusiastisch diese Geschichte geteilt, in der ein AfD-Kreisverband seine Provokation zur „deutschen Familie“ löschte, nachdem er lange genug dazu mit kritischen Nachfragen gelöchert wurde. Das sollte zeigen, wie fundierter Widerspruch Populisten entzaubere. Auch so ein Sieg des zwanglosen Zwanges. Oder vielleicht doch nicht? Denn auf der anderen Seite wurde durch diese Sache ein unbedeutender Kreisverband landesweit gewürdigt. Erst durch den Widerspruch dürften zahlreiche ähnlich Denkende auf das Thema aufmerksam geworden sein, Menschen, die selbst sehr genaue Vorstellungen davon haben, was eine „deutsche Familie“ sei. Denen wurde auf dem Silbertablett ein weiterer ihrer langen Reihe von Märtyrern serviert. Aber hätte man deshalb nicht widersprechen sollen? Nein, die Sache ist vertrackter. Wie man es macht: es scheint falsch.

Populismus und Bullying

Die Auseinandersetzung mit Populisten ist eine asymmetrische. Sie gleicht dem Kampf mit dem Schulhofbully, dem man wahlweise die Widersprüche seiner Invektiven unter die Nase reibt und etwas zurückbekommt wie: „Du bist selber ein Widerspruch“. Gegen den man sich mit Gewalt zur Wehr setzt und erlebt, wie er sich erst recht bestätigt fühlt. Dem man freundlich zu begegnen versucht, worauf das Ego des Gegenübers noch wächst und bald auch wieder dessen Aggressivität, während die Mitläufer sagen: „Der hat ja sogar recht“. „Das macht er weil er neidisch ist“, sagen Eltern und Lehrer. „Eigentlich ist das ein ganz schwacher Kerl“. Allein: Solange der Bully das nicht weiß, ficht ihn diese tiefe Erkenntnis nicht an. Das wird auch in der Auseinandersetzung mit dem Bully als politischem Faktor regelmäßig verdrängt: dass gegen die Kombination aus Dummheit und Selbstgewissheit kein geistiges Kraut gewachsen ist.

Das letzte massive Mobbing während meiner Schulzeit fand in der Oberstufe statt. Eine Schülerin wurde teils durch typische Attacken auf gute Schüler, teils gar mit rassistischen Anwürfen heftig niedergemacht. Zum Glück schritt ein energischer Klassenlehrer, der aufgrund seiner kompromisslosen Haltung und früher zur Schau gestellter Authentizität eine gewisse Autorität genoss, ein. Bald war das Mitläuferkartell, das sich um jeden erfolgreichen Bully bildet und diesen erst zu dem macht, was er ist, trockengelegt. Und nur auf diese Trockenlegung des Mitläuferkartells kann der Kampf gegen Populismus und Rechtsradikalismus zielen.

Es hilft, wenn man das Gegenüber von früher schätzt

Der autoritäre Charakter versteht – zumindest kurz bis mittelfristig – nur eine Sprache: Die der Autorität. So ist zu erklären, wie nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem Wechsel der Autoritäten der Großteil der zuvor durchaus überzeugten Nazis wieder zu relativ normalen Bürgern werden konnte. Reeducation, ernsthafter Überzeugungswandel spielten da eine deutlich geringere Rolle als die einfache Übertragung des erlernten Prinzips auf einen neuen Herren. Klingt unschön, ist aber so. Wohlgemerkt: Nicht von Zwang, nicht von Gewalt ist hier vordringlich die Rede. Sondern von am besten in der Sache, wenn aber nicht in dieser Sache, dann zumindest in entsprechenden Vorerfahrungen gründender, Autorität.
Das staatliche Handeln gegenüber dem Rechtspopulismus wird sich allerdings kurzfristig nicht umkrempeln lassen und ein weiterer Schwenk wird auch nichts helfen. Appeasement, Gesprächsangebote, teilweise bis weitreichende Übernahme der Programme, begleitet von sporadischen Zornausbrüchen und Diffamierungen. Das ist die Linie der Regierungsparteien von USA über Frankreich und Österreich bis Deutschland. Das ist das Bild einer Herrschaft, die ihrer selbst nicht sicher ist. Das ist nicht der Lehrer aus dem Schulhofbeispiel. Und da der mediale Widerspruch ebenso wie das Kuscheln den Populismus zu stärken scheinen: Ist vielleicht wirklich längst Hopfen und Malz verloren?

Noch, denke ich, nicht. Aber man muss sich wohl von der Überzeugung verabschieden, dass es vor allem darum geht mit eleganten Argumenten, witzigen Stunts, Einlassungen oder Memes irgendwelche Schlachten vor allem im Internet zu gewinnen.
Denken Sie an das Jugendzentrum aus dem Intro. Denken Sie an die Schule. Seien Sie der Lehrer oder die werte-sicheren Mitschüler. Wer immer irgendwo durch seine/ihre Position oder Handlungen eine gewisse Autorität erworben hat, hat die Chancen von Sympathisanten des Rechtsrucks ganz anders gehört zu werden als in halbanonymen Facebook-Scharmützeln oder in Kämpfen mit radikalisierten Forentrollen. Sei es als verdienter Aktiver im Fußballverein. Im Kunstkreis. In der Volkstanzgruppe. Oder, wie zuletzt oft und positiv zu beobachten, in Fastnacht und Karneval. Persönliche Ansprachen von geschätzten Mitmenschen. Durchaus nicht im Sinne des anbiedernden „hey, ich verstehe dich“, oder entlang der schon immer kapitulationsbereiten Vorstellung, man müsse den Menschen da abholen, wo er steht. Sondern klar und deutlich, konfrontativ, und nicht als hätte ich es mit einem armen Schutzbefohlenen zu tun. Wenn falsche Nachrichten kolportiert werden. Wenn gehetzt wird. Mit klaren Grenzziehungen. All das kann Wunder wirken bei Menschen, die in ihrer Haltung noch nicht durchweg gefestigt und gegen alles abweichende immunisiert sind. Dann auch, aber eben nicht nur, im Freundeskreis (!) auf Facebook. Und natürlich ist es dann auch hilfreich, die besseren Argumente bei der Hand zu haben. Die besseren Quellen. Deren Wert wird aber nach meiner Erfahrung oft, leider, überschätzt.

 

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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