Der Killer und der Rabe – Eine Kolumne für das perfekte Nachtlied

Ulf Kubanke stellt seit mehr als 5 Jahren auf Facebook fast täglich einen „Perfect Nightsong“ zur Verfügung. Grund genug, das Nachtlied als solches auch hier in der „Hörmal“-Kolumne zu ehren.

Foto: Sören Heim

Wenn die Sonne längst versunken ist, alles Tagewerk getan und die Seele nach Balsam verlangt, benötigt man den passenden Soundtrack zum Ausklang. Es ist die Zeit des Nachtliedes, des ‚Perfect Nightsong‘, der ‚Owl of Song‘. Derlei Stücke soll man nicht etwa mit Schlafliedern verwechseln oder jenen Stücken, die man auf Partys als Rausschmeißer verwendet. Es sind zupackende Gäste, deren Lebenskraft sich nur dann voll entfaltet, wenn höchstens der Mond oder eine einsame Kerze spärliches Licht spenden. Im Schutze dieser Dunkelheit erstrahlen sie – frei nach Mozart – zu einer kleine Prachtmusik. Dieser Effekt gelingt freilich nur, sofern man audiophile Medaillen erwählt, die man nicht wirklich in Gold, Silber, Bronze ab zu stufen vermag, weil sie allesamt reinsten Platins sind. Ein paar Nummern stelle ich euch als gefällige Begleiter zur Seite.

John Cage – „In A Landscape“

Diese knapp 8 minütige Miniatur John Cages aus dem Jahr 1948 büßt auch nach 7 Jahrzehnten nicht einen Hauch der eigenen Kraft ein. Ursprünglich verfasste Cage das Pianostück für eine Tänzerin und kalkulierte die eventuelle Notwendigkeit ein, dass hierzu eine Choreographie entstehen müsse. Tatsächlich gelingt ihm das Kunststück, Ansätze balletöser Figuren mit einem schwelgend-verträumten Grundton zu kombinieren. Genau diese Mischaung macht die immense Anziehungskraft „In A Landscapes“ aus, die ich zur Dämmerung jedem ans Herz lege.

 

Hank Williams – „Alone And Forsaken“

Kaum jemand war in seiner Zeit so brillant darin, Verwüstung, Einsamkeit, Verlust und verlorene Liebe in ebenso lakonische wie poetische Dunkelheit zu kleiden, wie Williams es mit seinen finsteren Zeilen vollbringt. Das tief emotionale „Alone & Forsaken“ aus dem Jahr 1948 ist womoglich sein stärkster und intensivster Song überhaupt.
Weit fort von der sonstigewn Country-Attitüde serviert „old Hank“ hier eine lupenreine Folk-Ballade, deren Düsternis er brillant mittels einer ebenso einfachen wie hypnotischen Melodie transportiert.
Williams starb 1953 mit nur 29 Jahren allein in seinem Auto an einem Herzinfarkt. Sein letzter zu Lebzeiten veröffentlicher Song hieß „I’ll Never Get Out of This World Alive“.

Alone and forsaken by fate and by man
Oh Lord, if you hear me, please hold to my hand, oh please understand.


Die gesamte Sippe ist hochtalentiert. An Hank jr und Hank III kommt man ebensowenig vorbei. Ersterem ist die ultimative Version des Liedes gelunggen.

Townes Van Zandt – „St. John The Gambler“

Seine Abstammung aus einer ebenso reichen wie geschichtsträchtigen texanischen Ölfamilie interessierte Van Zandt nicht die Bohne. Glück brachte sie ihm auch nicht. Ohnehin geschlagen mit schizophrener Psychose, einem Hang zu Fatalismus und bipolarer Störung verschlimmerten pfuschende Ärzte den Zustand bereits in seiner Jugend erheblich. Unter anderem führten die Eingriffe zum nahezu gänzlichen Gedächtnisverlust sämtlicher Kindheitserinnerungen. Dergestalt innerlich wie äußerlich entwurzelt fand Townes lediglich Linderung in Rauschmitteln und Trost in der Musik. Sein 1969er Album „Our Mother The Mountain“ fand zu Lebzeiten – wie sein gesamtes Werk – keine große Anerkennung. Van Zandt kam über den Status des ewigen Geheimtipps nicht hinaus. Heute gilt die Platte als Meisterwerk und ihr Schöpfer zu Recht als einer der besten Singer/Songwriter aller Zeiten.
Hier kommt für euch „St John The Gambler“, mein Lieblingssong von Townes. Alle Romantik, Tragik, Ausweglosigkeit und Liebe des großen Texaners stecken in diesen Zeilen und der mitreißenden Melodie.

Gene Clark – „Silver Raven“

Wie ein Vogel auf dem Drahtseil! Der Ex-Byrd ist bzw war einer der besten US-Songwriter überhaupt. Mit dem grandiosen „No Other“ legt er 1974 den Grundstein zum späteren alternative Folk/Country-Genre. Heute gilt er als einer der Taufpaten heutiger Vorreiter wie Wovenhand/16 Horsepower, Ryan Adams, Connor Oberst oder den Fleet Foxes. Diese Rolle teilt er mit Williams und Van Zandt. Mit letzterem leider auch das Schicksal des verkannten Meisters. Obwohl er unter Kollegen hohes Ansehen genoß, war das Album in seiner Zeit ein Flop. Trotz der Byrds-Meriten zeigten weder Labels großes Interesse, noch fand er ein entsprechend breites Publikum. Auch hier mündete die Begabung schlussendlch in Alkoholismus, Krankheit und frühem Tod. Sein silberner Rabe ist mein Favorit von ihm. Hört ihr heraus, warum?

 

Scott Walker feat. Goran Bregovic – „Man From Reno“

Das Lied ist nicht nur ein Killertrack. Es ist sogar ein Zodiac-Killertrack. Walker, der in seiner Mentalität wohl englischste aller amerikanischen Songwriter ist nicht nur einer der einflussreichsten Musiker aller Zeiten (u.A. Vorbild für Bowie oder U2). Er ist auch einer der charismatischsten Musiker der letzten 50 Jahre. Viele lieben seine Popstar-Phase mit den Walker Brothers („The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“). Andere lieben Scotts frühe Soloalben und seine Brel-Interpretationen. Dritte schwören auf das konsequent avantgardischte Spätwerk mit Sunn O))) und Co.
Sie alle liegen richtig.
Walkers kreative Vielseitigkeit und bis ins hohe Alter ausgeprägte Neugier ist nahezu einmalig. Gern empfehle ich zusätzlich das unterschätzte Filmsong-Album „The Moviegoer“. Doch aus meiner Sicht sticht dieses eine Stück alle anderen aus. Sein Zauber liegt im blinden Verständnis beider Musiker. Walker überlässt Bregovic den Groove, steuert das Boot aber mit Gesangsmelodie und den Storyteller-Lyrics eines echten Film Noir. Kurioserweise landet ausgerechnet dieses Lied auf keinem Walkeralbum oder in einem Thriller-Score. Stattdessen wird es Bestandteil einer französischen Komödie namens „Toxic Affair“. Der Film ist längst vergessen. Doch diese Nummer über einen der rätselhaftesten Kriminalfälle aller Zeiten bleibt. „…in the midnight…he’s waiting at the bars…“

eine Zugabe?

Ok!

Geoffrey Richardson – „Viola Mon Amour“:
Geoffrey Richardson ist nicht nur ein begnadeter Saitenhexer, der von Gitarre über Mandoline oder Harfe bis hin zur Geige alles Gezupfte wie Gestrichene beherrscht. Als „unknown Hero“, der seit gut 40 Jahren die Platten diverser Kollegen von Rock/Pop bis Prog veredelt, ist er eines dieser typischen Genies aus der zweiten Reihe. Egal ob für Kevin Ayers, Murray Head, Bob Geldof oder andere: Sein Beitrag ist stets essentiell.
1993 gelingt ihm mit „Viola Mom Amour“ solo ein Meisterwerk. Im Gegensatz zum sonstigen Wirken komponiert, arrangiert und spielt er hier mit einem wahrlich herausragenden Klassikstück auf, welches sich hervorragend zum Ausklang dieser Kolumne eignet.

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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  • Ellen Wortmann

    Was für tolle Musik. Danke.

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