Der rechte Glaube – Kirche und Politik

Der Regensburger Bischof Voderholzer äußerte sich in einer Predigt in seltsamer Weise zur Integration des Islams und zur Rolle der Bischöfe in der Politik. Dafür wird er in manchen katholischen Kreisen gefeiert. Zu Recht?


Bild: Regensburger Dom Quelle: pixabay CC0 Public Domain  Schnitt: HS

Der Islam nun freilich, so viel Realismus müssen wir aufbringen, ist eine postchristliche Erscheinung, die mit dem Anspruch auftritt, die Kerngehalte des Christentums zu negieren: Den Glauben an den dreifaltigen Gott, die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus und sein Erlösungswerk am Kreuz. Nur wer seinen eigenen Glauben entweder nicht kennt oder nicht ernst nimmt, kann hier eine weit reichende Integration des Islam als Islam für möglich halten“,

so Bischof Rudolf Voderholzer.

Wie heißt es in Predigten so schön: Liebe Brüder und Schwestern, was wollen uns diese Worte sagen?

Erste Aussage, mal gekürzt um das folkloristische „freilich“ und die Behauptung man könne, ja müsse Realismus aufbringen: der Islam ist eine postchristliche Erscheinung. Ja nun. Der Islam ist „post“ also „nach“ dem Christentum entstanden, das ist unbestreitbar. Aber für welche Erkenntnis soll das von Bedeutung sein? Oder meint der Bischof mit dem Begriff „post-christlich“, das Christentum sei mit dem Erscheinen des Islam vorbei, so wie bei postnatal die Geburt vorbei ist und bei postglazial die Eiszeit? Kann ich mir nicht vorstellen.

Zweite Aussage: der Islam tritt mit dem Anspruch auf, die Kerngehalte des Christentums zu negieren. Ähm, ja, das tut er. Auch das ist keine weltbewegende Neuigkeit. Das haben die einzelnen Religionen so an sich, dass sie sich jeweils im Besitz der alleinigen Wahrheit wähnen und deshalb – trotz unzähliger Übereinstimmungen – die Kerngehalte anderer Religionen negieren. Übrigens interessant, dass der Bischof nicht vom Islam als Religion, sondern nur als Erscheinung spricht.

Kerngehalte

Als Kerngehalte der christlichen Religion benennt der Bischof den Glauben an den dreifaltigen Gott, die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus und sein Erlösungswerk am Kreuz. Daran glauben ganz exklusiv die Christen und keine andere Religion. Es ist deshalb auch weder eine Spezialität des Islam, diese Glaubensinhalte zu negieren, noch ein besonderes Integrationshindernis.

Und dann kommt die kryptische Aussage,

nur wer seinen eigenen Glauben entweder nicht kennt oder nicht ernst nimmt, kann hier eine weit reichende Integration des Islam als Islam für möglich halten.

Hä? Was der Bischof hier mit einer „Integration des Islam als Islam“ meint, bleibt sein Geheimnis. Warum sollte der Islam sich als Islam oder auch als etwas anderes, (vielleicht als Gummibaum?) in irgendetwas integrieren? Und in was?

Wenn wir über Integration sprechen, dann sprechen gemeinhin wir über die Integration von Menschen in eine Gesellschaft, nicht über die Integration von Religionen. Ich wüsste schon gar nicht, wie eine Religion, egal welche, sich integrieren sollte? Soll sie ihre Glaubensgrundsätze an den jeweiligen weltlichen Verfassungen orientieren, wo sie doch gerade für nicht weltliche, göttliche Wahrheiten steht? Käme etwa die katholische Kirche auf die Idee, sich Art. 3 Abs. 2 GG zu unterwerfen und Frauen als Priester weihen? Wohl eher nicht. Das kirchliche dem weltlichen Arbeitsrecht zu unterwerfen? Never ever. Muss sie ja auch gar nicht, weil sie eben die Privilegien einer Religion genießt. Eine Religion muss nicht einmal verfassungsgemäß sein.

Wer sich sinnvollerweise in die Gesellschaft integriert, in der er lebt, ist der einzelne Mensch. Und bei dem sieht das Grundgesetz glasklar vor, dass er glauben und negieren darf, was immer er möchte. Das nennt sich Religionsfreiheit und ist einer der wesentlichen Werte der westlichen Gesellschaften, die nun gerade nicht auf das unmittelbare Wirken der katholischen Kirche zurückgeführt werden kann, sondern auf die Werte der Aufklärung.

Das Grundgesetz garantiert die Freiheit des Glaubens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses.

Art. 4 GG

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Nix versteh

Der reichlich unverständliche Satz des Bischofs wird nun aber von bestimmten, sich selbst als konservativ betrachtete von anderen als neurechte bezeichnete Christen  als klare unmissverständliche Absage an den Islam gewertet. So wird sie wohl auch irgendwie gemeint sein. Dieselben Christen sehen die Predigt des Bischofs auch als Absage an andere Bischöfe wie die Kardinäle Woelki und Marx, die gegenüber Gruppierungen wie Pegida und der AfD klare Trennlinien gezogen haben.

Bischof Voderholzer meint

Die Bischöfe und Priester sollten nicht zu schnell bestimmte politische Positionen in den Rang von Glaubenssätzen erheben und andere zu Häresien erklären. Gerade in der gegenwärtigen Debatte bezüglich der Herausforderungen durch die großen Migrationsbewegungen ist eine Pluralität von Positionen nicht von vorneherein verwerflich. Diejenigen, die sie dann auch öffentlich verantworten und sich auch wieder zur Wahl stellen müssen, sollten sie gut begründen können. Die Pastoralkonstitution Gaudium et spes des II. Vaticanums sagt in Art. 43 ausdrücklich, dass es bei der Beurteilung konkreter politischer Entscheidungssituationen verschiedene legitime Auffassungen geben kann auch unter Christen, unter Katholiken. Und dies haben auch die Geistlichen zu respektieren. Sie dürfen nicht neutral sein, sondern so reden und das Evangelium mit seinem Anspruch vertreten, dass sie bei allen Parteien Gehör finden. Mein philosophischer Lehrer Jörg Splett spricht in diesem Zusammenhang von Utraquität. Zuständigkeit für alle, Hirte sein für alle, auch für die, die sich verirrt haben in krude Auffassungen. Sie zurückzugewinnen versuchen, wie Werner Patzelt es jüngst ausgedrückt hat, Ihnen nicht durch die Verurteilung ganzer Parteien noch einen Fußtritt geben.

Das wird von recht konservativen Christen, die von großer Abneigung, ja teilweise Hass gegen den Islam und gegen die etablierten Parteien geprägt sind, als bischöfliche Aufforderung an die allerwertesten Bischofskollegen gewertet, sich gegenüber besorgten Bürgern und deren Parteien gefälligst zurückzuhalten. Was den einzelnen Menschen angeht, ist das ja auch im Rahmen der christlichen Barmherzigkeit durchaus angesagt. Aber bei Parteien?

Der Hirte und die Wölfe

Es ist eben für Hirten auch angesagt, die eigenen Schäflein vor dem bösen Wolf zu warnen, indem man sie vor rassistischen, völkischen, antisemitischen und antidemokratischen Gruppierungen und Parteien warnt und deutlich sagt, dass ein Christ, der – ich zitiere jetzt mal den Bischof sinngemäß – seinen eigenen Glauben kennt und ernst nimmt, diese als Christ nicht unterstützen oder wählen kann, weil ihre Ideologie den Grundsätzen des Christentums diametral widerspricht. Und „Hirte sein für alle, auch für die, die sich verirrt haben in krude Auffassungen“ sagt ja nicht, dass diese kruden Auffassungen richtig oder zu akzeptieren wären und dass man die Parteien, die diese vertreten und in die die Gläubigen sich verirrt haben, zu achten und zu ehren hätte. Nein, man muss deutlcih sagen, das ist eine Dreckspartei, die unseren Werten widerspricht und die ein Christ, der seinen Glauben kennt und ernst meint, nur verachten kann.

Matussek sagt

Wenn der katholische Abenteurer Matthias Matussek zu dieser Predigt meint:

Bischof Voderholzer macht Figuren wie Marx und Woelki klar, was es mit unserem christlichen Abendland auf sich hat, in klaren Worten, geduldig und kenntnisreich, aber kantenscharf, wo es um den postchristlichen Islam geht – Gott schenke unserer Kirche mehr davon!

dann ist das in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Warum bezeichnet jemand, der sein Christsein wie eine Monstranz vor sich herträgt und alleine deshalb schon den vom Papst ernannten Personen einen gewissen Respekt zollen sollte, zwei Kardinäle abwertend als „Figuren“? Warum wird der Kampfbegriff des „christlichen Abendlandes“ verwendet? Wieso bezeichnet er die Predigt mit „ in klaren Worten, geduldig und kenntnisreich, aber kantenscharf, wo es um den postchristlichen Islam geht“? Soll das bedeuten, dass er meint, den eingangs zitierten Satz verstanden zu haben oder gar erklären zu können? Übersieht er vielleicht, dass die Feststellung, „dass es bei der Beurteilung konkreter politischer Entscheidungssituationen verschiedene legitime Auffassungen geben kann “, keineswegs bedeutet, dass jede Auffassung legitim ist und dass es auch illegitime Auffassungen gibt? Geschenkt. Fragen mag der und seine Fans eh nicht. Und vor mir graust es ihm, weil ich diese Fragen stelle.

Die Predigt Voderholzers ist weder klar noch kantenscharf. Sie ist in ihrer Aussage vielschichtig, verschwommen und eher unklar. Da ist für jeden was dabei.

Die Forderung,

Die Bischöfe und Priester sollten nicht zu schnell bestimmte politische Positionen in den Rang von Glaubenssätzen erheben und andere zu Häresien erklären.

konterkarirert er schon dadurch, dass er selbst es sich „auch in diesem Jahr nicht nehmen lasse“, am „Marsch für das Leben“ teilzunehmen, einer sehr politischen Aktion. Das sei ihm gegönnt. Denn dass sich auch Bischöfe sehr wohl in die Politik einmischen dürfen und sogar sollten, ergibt sich schon aus seiner zutreffenden Feststellung:

Die christliche Botschaft, liebe Schwestern und Brüder, hat immer eine politische Dimension.

Yo, Bro. Das sehe ich als katholischer Christ genauso. Und deshalb ist es auch die Aufgabe eines jeden Christen, und gerade auch der Bischöfe, sich laut und furchtlos zu Wort zu melden, wenn Gruppen und Parteien auftauchen, die die Menschen wieder einmal völkisch einstimmen wollen, die Antisemiten in ihren Reihen auch als Mandatsträger dulden, die Menschen nicht aus ihren Reihen ausschließen, die das Gedenken an den Holocaust um 180 Grad drehen möchten und nicht zuletzt, die das bestehende demokratische System verachten und wegfegen möchten zugunsten eines überhöhten Nationalstaats von sogenannten Biodeutschen.

Ja, Voderholzer hat „freilich“ recht, wenn er predigt

Deshalb ist die christliche Botschaft von ihrem innersten Kern her die beste Vorbeugung gegen jede Form von Totalitarismus, von Vergöttlichung des Staates, von Vergöttlichung der Nation; und weil alle Menschen das Antlitz Gottes aufgeprägt haben, Bild Gottes sind, ist die christliche Botschaft auch aus ihrem innersten Kern heraus die Absage an jede Form von Rassismus.“

loud & proud

Genau diese Botschaft muss man dann aber auch „loud & proud“ den Hetzern entgegenrufen, wie das die Kardinäle Marx und Woelki unerschrocken tun. Wer die Anhänger dieser Gruppen und Parteien davon abbringen will, weiter und tiefer im braunen Sumpf zu versinken, der muss diesen Sumpf auch als solchen und deutlich benennen und darf nicht ansatzweise so tun, als seien hier nur verschiedene legitime Auffassungen zu bestaunen. Der darf denen auch mal das Licht ausknipsen, um ein deutliches Zeichen zu setzen.

„Nur wer seinen eigenen Glauben entweder nicht kennt oder nicht ernst nimmt“, schwurbelt und eiert da herum und zeigt damit keine klare Kante.

Haben wir heute noch die Kraft, kompromisslos zu fechten, auch wenn es um ein Thema geht, das nicht nur nicht in der Strömung der Zeit liegt, sondern bei dem uns der Wind ins Gesicht bläst?“

diese Frage findet sich zwar nicht in der Predigt Voderholzers, aber dankenswerter Weise auf der Internetseite des Bistums Regensburg, in einem Beitrag zum Gedenken an den von den Nationalsozialisten ermordeten Priester Alfred Delps.

Früh hatte sich Alfred Delp mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Seine in der Folge kritischen Predigten wurden geschätzt. Die Unvereinbarkeit von Christentum und Nationalsozialismus hatte er rasch erkannt:

„Wo Konflikt ist, muss gefochten werden, ohne Kompromiss und Feigheit.“

Hätte Voderholzer dem auch geraten, er solle sich lieber aus der Politik heraushalten?

Ich hoffe doch nicht. Und ich hoffe, dass meine Kirche ihre Lehren aus der Hasenfüßigkeit gegenüber den Nationalsozialisten gezogen hat und mit Franziskusund den Kardinälen und Bischöfen an der Spitze ein Erstarken nationalistischer völkischer Bewegungen in Deutschland und Europa nie mehr zulassen wird. Wer heute als Christ sein Maul hält oder auch nur um den heißen Brei herum redet, macht sich schuldig an den Menschen und an den christlichen Werten, die zu schützen diese Bewegungen ja vorgeben und auf die sie gleichzeitig spucken. Voderholzer weiß ja, auf was es ankommt. Jetzt muss er das nur noch in eine klare, verständliche Sprache bringen, die auch ein einfacher Mensch verstehen kann. Freilich werden ihm die Jubler von heute dann morgen als linksgrünversifften Zeitgeistler beschimpfen. Aber da muss er dann durch.

 

 

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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