Gesunde Ernährung als Schulfach?

Thilo Spahl ist der Meinung, dass salzarmes Gemüsekochen nicht auf den Stundenplan gehört.

Der Ernährungsminister liest in der Kita die Geschichte vom Gemüsekobold vor. Video: BMEL

Ernährungsminister Christian Schmidt hat das Grünbuch „Ernährung, Landwirtschaft, ländliche Räume“ mit Leitlinien der künftigen Landwirtschafts- und Ernährungspolitik vorgestellt. Zu den Kernforderungen zählt, die „Ernährungsbildung völlig neu“ zu denken, und die Einführung eines Schulfach Ernährungsbildung.

Wozu sollte ein solches Schulfach gut sein? Im Grünbuch lesen wir:

Die aktuelle Forschung zeigt, dass besonders die ersten 1.000 Tage im Leben eines Kindes für seine Entwicklung und seine Gesundheit auch im Erwachsenenalter prägend sind. Es ist folglich besorgniserregend, wenn immer mehr Menschen bereits im jungen Alter unter schwerem Übergewicht leiden – oft verbunden mit körperlicher Inaktivität – und infolgedessen ein erhöhtes Risiko für verschiedene Krankheiten tragen.

Soso, die ersten 1000 Tage. Ab Tag 1001 darf man dann aufatmen. Und spätestens vom dritten Geburtstag an – zum letzten Mal wird in einem Abschwörritual Capri Sonne gereicht –  ist alles in geordneten Bahnen und die lebenslange Präferenz für Biomöhren gefestigt.  Was die „aktuelle Forschung“ alles so herausfindet! Da kann man schon staunen.

Man kann aber auch mal auf die Seiten des Robert-Koch Instituts gehen und nachschauen, wie es eigentlich um die Zunahme der gefürchteten dicken Kinder steht. Hoppla, was hat die Forschung hier rausgefunden: Bei Kindern in Deutschland ist Übergewicht insgesamt rückläufig.

Egal, Mathe und Rechtschreibung werden ohnehin überschätzt. Was können die schon zur Gesundheit beitragen?! Also werden ein paar Stunden jede Woche abgezwackt und gesundes Essen unterrichtet. Weil vielleicht sind es ja nicht die ersten 1000 Tage, die über Wohl und Wehe entscheiden, sondern die ersten 1000 Wochen. Dann wäre bis zum Abitur auch noch einiges zu retten.

Foodwatch hält nichts von Ernährungsunterricht

Nanu? Deutliche Kritik bekommt der Minister von Foodwatch: „Das ist kein Bildungsproblem, sondern ein Problem des Angebots, das die Lebensmittelwirtschaft uns vorsetzt“, sagt Oliver Huizinga, ein sogenannter „Campaigner“ (deutsch „Kampagner“? – problematisch, weil zu nah an schaumweinsteuerpflichtigem Getränk aus nicht regionaler Erzeugung). Ernährungsunterricht sei nicht die Lösung. Schuld seien nämlich nicht die Verbraucher, sondern die Industrie, die ihnen ungesundes Zeugs verkauft, und damit letztlich der Gesetzgeber, der das nicht verbietet.

Jens Baas, Chef der Technikerkrankenkasse (TK), die sich mit Foodwatch im Kampf gegen die falsche Ernährung zusammengetan hat, sieht ebenfalls  Industrie und Politik in der Pflicht:

Gesunde Ernährung liegt im Trend, fällt aber vielen schwer. Wenn ich für den Besuch im Supermarkt ein Biochemiestudium benötige, um Zucker in der Zutatenliste überhaupt identifizieren zu können, wenn ich Licht und Lupe brauche, um diese Liste überhaupt lesen zu können, läuft etwas falsch.

Ich kann Herrn Baas versichern: Um ein Stück Brokkoli von einem Schokoriegel zu unterscheiden, braucht man kein Biochemiestudium. Mit solchen Behauptungen wird suggeriert, Lebensmittel seien mit einem Gift namens Zucker kontaminiert, ohne dass der Verbraucher eine Chance hätte, das zu bemerken. Was für ein Unsinn! Selbst Eltern, die im alten Unterrichtskanon noch Latein statt Selleriestickbasteln auf dem Stundenplan hatten, schaffen das.

Teuflische Werbung

Einigkeit besteht bei Minister und Foodwatch dagegen, wenn es um die medialen Verführungen des Alltags geht. Mit der Werbung kann es so nicht weitergehen! Im Grünbuch steht daher:

Wir wollen uns mit den Wirtschaftspartnern auf selbstverpflichtende, verifizierbare Regelungen zur Werbung von und mit Kindern unter zwölf Jahren verständigen, damit irreführende Werbeaussagen in dieser sensiblen Zielgruppe keine falschen Kaufanreize setzen.

Was soll das heißen? Sind neuerdings Kinder im Grundschulalter für ihre Ernährung selber zuständig? Haben sie keine Eltern, die bestimmen, was gegessen wird?

Moment. Habe ich gesagt, Minister und Foodwatch seien sich einig? Stimmt nicht ganz. Der Minister will es zunächst freiwillig versuchen. Erst wenn das nicht klappt, „sind regulative Eingriffe angezeigt“.

Ganz anders bei Foodwatch. Hier ist man weniger zimperlich, wenn es um falsche Kaufanreize geht. Huizinga fordert auf der Pressekonferenz zur TK-Studie von der Bundesregierung, „Maßnahmen zu ergreifen, die uns allen eine gesunde Wahl erleichtern.“ Darunter versteht er unter anderem, „dass die Werbung, die sich an Kinder richtet, nur für gesunde Produkte erlaubt ist.“ Und  da auch Foodwatch das mit den 1000 Tagen nicht überzeugt, sollen wir bis „mindestens 16 Jahre“ als Kinder gelten.

Als nächster Schritt wird dann wahrscheinlich Werbung verboten, die sich an junge Eltern richtet, die noch nicht das gesundheitslehrenangereicherte Schulsystem durchlaufen haben. Und natürlich Großeltern. Das sind ja bekanntlich die Schlimmsten, wenn es darum geht, den sensiblen Kleinen Teufelszeug zuzustecken. Nicht zu vergessen Fußballspieler. Die dürfen in der Öffentlichkeit keine jugendgefährdenden Schokoriegel mehr essen.

In Hinblick auf die Positivliste gesunder Lebensmittel kommen knifflige Fragen auf. Was ist gesünder, eine Nektarine oder ein Glas Cola? Beide haben einen Zuckergehalt von 12%. Wann sollte die Kindergärtnerin beim Blick in die Brotbox zufrieden nicken? Wenn sie dort eine Nektarine findet oder eine Kindermilchschnitte?

Die Milchschnitte hat 8,3 Gramm Zucker, die Nektarine (durchschnittlicher Größe) mit 18 Gramm mehr als doppelt so viel. Egal. Für die Positivliste von Lebensmitteln mit U-16-Werbeerlaubnis wenden Sie sich einfach vertrauensvoll an Ihren Wächter in Sachen Volksgesundheit und Schutz der Deutschen vor sich selbst.

Männer mit gesundem Appetit sind schlechtes Vorbild

Ermittelt hat die TK/Foodwatch-Studie auch den negativen Einfluss des männlichen Geschlechts. „Männer wollen Genuss, Frauen ist die Gesundheit wichtig – auf diese vereinfachte Formel lassen sich die Befragungsergebnisse bringen“, teilt uns die Krankenkasse mit.

Da im Mittelpunkt der Kampagne um die gesunde Ernährung das Übergewicht steht, wundert man sich, dass trotz der „falschen“ Einstellung zur gesunden Ernährung weltweit nur einer von zehn Männern stark übergewichtig ist, während bei den Frauen jede siebte betroffen ist.

In Deutschland ist der Unterschied nicht so groß. Aber auch hier liegen die Frauen mit 23,9% gegenüber den Männern mit 23,3% in Sachen Adipositas leicht vorne.

Thilo Spahl

Thilo Spahl

Thilo Spahl ist Diplom-Psychologe und lebt in Berlin. Er ist freier Wissenschaftsautor, Mitgründer des Freiblickinstituts und Redakteur bei der Zeitschrift NovoArgumente.

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  • Nicole H.

    Lieber Herr Spahl,
    es geht nicht um die offen erkennbaren Zucker die für jeden halbwegs begabten auf den ersten Blick deutlich sichtbar sind (von Ihnen so schön überheblich spöttisch im Vergleich von Brokkoli und Schokoriegel dargestellt). Es geht um die Zucker, die in Lebensmitteln stecken in denen man sie nicht vermutet. Wie z.B. in jedem Fertiggericht, jeder Tomatensoße, Baked Beans, Krautsalat, Leberwurst, Müsli, Rollmöpsen oder auch (lange bekannt) im Ketchup. Diese Liste lässt sich endlos fortsetzen und Tatsache ist, wenn aus einem Supermarkt alle Lebensmittel entfernen werden würden, in denen Zucker (versteckt oder offen) enthalten ist, würde sich das Lebensmittelangebot um ca. 70-80% verringern.
    Und ja, Zucker ist ein Gift. Zumindest der, bei dem man nicht selbst entscheiden kann (es gibt über 70 verschiedene Bezeichnungen für Zucker!), ob und in welcher Menge man ihn zu sich nehmen möchte und daher bei einem Mittagessen mit Getränk und Dessert mit Leichtigkeit das 5-fache der empfohlenen Tagesration verzehren kann. Ganz ohne Schokolade oder Softdrink. Nochmal; es geht nicht um Süßigkeiten oder Cola, sondern um ganz „normale“ Lebensmittel.
    Ach so; Ihre Gegenüberstellung von Nektarine, Milchschnitte und Cola ist ja fast schon zum fremdschämen! Industriezucker mit dem Zucker aus unzubereiteten Früchten zu vergleichen (und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit künstlich hergestellten Fruchtzucker!) ist wirklich Kindergarten und zeugt von wenig Auseinandersetzung mit dem Thema. Das hätten Sie mit ganz wenig Aufwand wirklich besser recherchieren können.

    • thilospahl

      Liebe Nicole H.,

      dann erklären Sie mir mal den Unterschied zwischen giftigem „Industriezucker“ und dem guten Naturzucker. Und vielleicht auch den zwischen „künstlich hergestelltem Fruchtzucker“ (C6H12O6), was immer Sie sich darunter vorstellen mögen, und gewöhnlicher Fructose (C6H12O6). Mal davon abgesehen, dass sich die Fachwelt streitet, ob gesundheitlich gesehen Fruchtzucker gleich oder eher schlechter zu bewerten ist als Saccharose. Die genaue Aufschlüsselung des Zuckers in Nektarinen (vorwiegend Saccharose) finden Sie unter http://www.naehrwertrechner.de/naehrwerte-details/F202000/Nektarine/, falls Ihnen das hilft.

      • Nicole H.

        Aber lieber Herr Spahl; künstlich isolierte Fructose ist doch nicht vergleichbar mit frischem Obst und Gemüse, welches zudem inhaltlich in seiner Gesamtheit betrachtet werden muss! Vielleicht stören Sie sich an dem Begriff „giftig“, den ich hiermit ein wenig relativiere und nur noch als „gesundheitsschädlich“ deklariere.
        Ja, wenden Sie ein, es kommt halt auf die Menge an! Wenn man zu viel von egal was isst, ist das doch immer gesundheitsschädlich! Und mit dieser Menge und unserer Kontrolle darüber, wären wir wieder beim eigentlichen Auslöser Ihres Artikels; Fructose ist wie Glucose (Traubenzucker) ein Einfachzucker, hat aber eine doppelt so hohe Süßkraft und kann zudem viel günstiger hergestellt werden. Deswegen auch Everybody’s Darling in der Lebensmittelindustrie, die sich ja noch nie mit der Verwendung von hochwertigen bzw. gesunden Inhaltsstoffen rühmen konnte und eben diese Fructose mit Begeisterung in wirklich alles hineingibt was geht (siehe exemplarische Liste oben). Somit kommt dann ein Mensch, der noch nicht mal Süßwaren, Softdrinks oder Fast Food konsumieren muss, ohne weiteres an ein gewaltiges Plus an künstlich raffiniertem Industriezucker. Das fehlende Sättigungsgefühl, was mit dem Verzehr von Fructose einhergeht, sei hier nur am Rande erwähnt.

        Ich bin auch nicht dafür, dass uns gesetzlich vorgeschrieben wird was wir zu essen haben und auf was wir ab jetzt verzichten müssen. Dennoch, eine breite Aufklärung tut hier wirklich not und es kann und darf tatsächlich nicht verlangt werden, dass der sog. „aufgeklärte Konsument“ auf industriellen Lebensmitteln schließlich „nur“ das Kleingedruckte zu lesen braucht um informiert zu sein. Wenn man Chemie studiert haben muss um zu erkennen, ob man mit Verzehr seiner Rollmöpse über das verträgliche Maß an Zucker hinausschießt, ist der weit verbreitete Hinweis auf den „mündigen Bürger“ fast schon zynisch.
        Und wenn sich die Fachwelt über die gesundheitsschädigende Wirkung von Fructose streitet, dann geht es IMMER um die künstlich raffinierte Fructose und nie um Obst und Gemüse!
        Tiefere Information zum Thema versteckte Zucker bietet u.a. das Buch „Die bittere Wahrheit über Zucker“ von Dr. Robert H. Lustig oder auch das Selbstexperiment von Damon Gameau, der in seinem Film „Voll verzuckert“ über 3 Monate explizit nur versteckte Zucker zu sich nimmt und die dramatischen Auswirkungen darüber dokumentiert.

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