Luthers Thesen: Fegefeuer

Was passiert im Fegefeuer? Und wie erlebt man das? Wieder muss die Diskussion der Luther-Thesen einen Begriff deuten.


Auch in der zehnten These spricht Luther, wie auch schon in den beiden vorhergegangenen, von den Sterbenden. Doch wieder taucht ein Begriff auf, dem wir uns widmen müssen, bevor wir über die Sterbenden sprechen können. Erst in der Diskussion der 13. These werden wir zum eigentlichen Kern der Frage nach der Buße der Sterbenden kommen.

Die zehnte These lautet in der Übersetzung der EKD

Dumm und übel handeln diejenigen Priester, die Sterbenden kirchenrechtliche Bußstrafen für das Fegfeuer vorbehalten.

Damit kommt das Fegfeuer ins Spiel, ein Wort, das uns noch öfter begegnen wird. Wir müssen auf unsere Diskussion der ersten These zurückkommen, in der es um das Himmelreich ging. Dort, wie auch bei der zweiten These, hatten wir gesagt, dass es ein Verständnis von Himmelreich gibt, bei dem es um die Ewigkeit nach dem Tode geht. Es gibt aber auch ein diesseitiges Verständnis von Himmelreich, bei dem es um ein Erleben des Göttlichen, eine Teilhabe am Reich Gottes, bereits in diesem Leben geht. Für unsere Diskussion hier spielen beide Aspekte eine Rolle, und sie hängen miteinander zusammen.

Der Mensch hat am Reich Gottes Teil, er erlebt das Himmelreich, wenn er ohne Schuld ist oder ihm die Schuld durch die, gegen die er schuldig geworden ist, erlassen ist. Es ist ein gewisser innerer Frieden, den der Mensch im Alltag erleben kann, wenn er weiß, dass andere mit ihm „im Reinen“ sind, wenn er unmittelbar erlebt, dass er Gutes tut, dass er wahrhaft Schönes schafft. Dieses Erleben ist ein Leben „wie im Himmel“.

Zugleich lebt dieser Mensch auch in der Gewissheit, dass sein Weiterleben in den Anderen, in der Gemeinschaft, nach seinem Tode gut sein wird, dass er in guter Erinnerung bleibt und dass das Gute, das er getan hat, in den Anderen und in der Welt fortbesteht.

Das Fegefeuer steht als Bezeichnung für den Weg, den der Mensch gehen muss, um aus seinem Schuldigsein in das Himmelreich zu kommen. Es ist der Weg der Marter, der Schmerzvollen Einsicht in die eigene Schuld, es ist der Weg des Konflikts mit den eigenen Unzulänglichkeiten, der Weg der Buße und der Vergebung. Es ist auch der Zweifel, ob man genug getan hat, die Schuld, die man auf sich geladen hat, abzutragen. Das Fegefeuer ist die Qual der Seele in der Erkenntnis ihrer eigenen Schuldhaftigkeit. Es ist vielleicht auch die Qual darüber, dass man der Vergebung durch einen Anderen, gegen den man schuldig geworden ist, gar nicht Wert ist.

Das tägliche Erleben des Fegefeuers kann man sich vielleicht am Besten daran verdeutlichen wenn man bedenkt, dass wir ja nicht nur gegenüber konkreten anderen Menschen, diesem oder jenem in unserer täglichen Umgebung, schuldig werden, sondern auch gegenüber fernen, fremden Menschen, gegen deren Schicksal wir gleichgültig sind, gegenüber folgenden Generationen, die mit den Konsequenzen unserer Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit leben müssen, gegenüber anderen Lebewesen und der Umwelt. Kurz gesagt, wir werden schuldig gegenüber dem Sinnzusammenhang des Guten, Schönen und Wahren, das wir als das Göttliche bezeichnet hatten.

Diese große Schuld gestehen wir uns selten ein, aber wenn, dann macht sie uns schlaflos und ruhelos, gerade weil wir doch meinen, dass wir da gar nicht rauskommen können, gerade weil wir uns dieser Schuld nicht einfach stellen können indem wir zu jemandem hingehen und um Vergebung bitten. Gerade dadurch, dass wir mit unserer Gleichgültigkeit im Alltag fortfahren, und indem wir glauben, gar nicht anders zu können, vergrößert sich das Gefühl einer Schuld, die kaum auszuhalten ist. Das ist das Fegefeuer.

Der Priester ist derjenige, der uns dabei hilft, uns unserer eigenen Schuld zu stellen, sie zu erkennen, sie als Schuld zu begreifen, und der von uns im Namen der Gemeinschaft fordert, durchs Fegefeuer zu gehen. Wieder nimmt Luther aber diese Forderung für die Sterbenden aus.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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