95 Thesen

Fast jeder weiß, dass Luther im Herbst 1517 angeblich ein Blatt mit 95 Thesen an die Kirchentür zu Wittenberg genagelt haben soll. Aber was stand drin? Und was hat das mit uns zu tun?


Seit ein paar Tagen befinden wir uns im Feiermodus. Wir begehen den Beginn der Reformation, die vor einem halben Jahrtausend mit 95 Thesen begonnen hat. Martin Luther hat sie geschrieben, das wissen wir – aber was steht eigentlich drin? Wer hat sie je gelesen?

Es hat sich herumgesprochen, dass es irgendwie um den Ablasshandel ging, und dass Luther dagegen war, und dass er Kritik am Papst geäußert hat, das ist auch weitgehend Konsens. Aber was steht genau drin? Und hat das überhaupt noch irgendwas mit uns im Hier und Heute zu tun?

Mit der Kolumne „95 Thesen“ will ich diesen Fragen nachgehen. In 95 Folgen werde ich Luthers Thesen eine nach der anderen diskutieren. Genau das wollte ihr Autor, denn die Thesen waren kein Manifest, kein Parteiprogramm, sondern ein Diskussionsangebot, verbunden mit einem Aufruf zur Debatte. Luther wollte seine Thesen in Wittenberg „disputieren“ und er bittet „jene, die nicht anwesend sein können, um mit uns mündlich zu debattieren, dies in Abwesenheit schriftlich zu tun.“

Diesem Wunsch wollen wir folgen, und die Einladung zum schriftlichen Disput geht an alle, die ernsthaftes Interesse an der Frage haben, welche Lebenseinstellung in diesem alten Text zur Geltung gebracht wird und was wir heute damit anfangen können.

Der Plan ist, pünktlich zum 500. Jahrestag des Erscheinens der 95 Thesen eine kleine Sammlung von Diskussionsbeiträgen zusammenzustellen und diese interessierten Lesern zum weiteren Nachdenken zur Verfügung zu stellen.

Wir werden die Thesen nicht in ihren historischen Kontext einordnen, werden keine Vorläufer in der Religionsgeschichte befragen und werden auch nicht die Rezeptionsversuche der letzten 500 Jahre referieren. Wir zerren die Thesen direkt und umstandslos in die Gegenwart, in unser heutiges Denken, Sprechen und Handeln. Wir wollen nämlich nicht wissen, was andere uns über diese Worte sagen, was andere uns darüber wissen lassen wollen. Wir werden die Thesen lesen und nachlauschen, ob sie in uns ein Echo auslösen. Ob wir damit erfahren, was Luther uns sagen wollte, kann dahingestellt bleiben, wenn wir auf diese Weise etwas hören, was uns anspricht, und für uns Bedeutung hat.

Die zugrunde liegende Übersetzung der 95 Thesen findet sich hier.

  1. These: Wo ist das Himmelreich?
  2. These: Die formale Buße
Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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