„Judas!“ – „Play it fuckin‘ loud!“

Ist die Nobelpreisdebatte vielleicht nur ein hochkulturfixierter Rehash der Electric-Dylan-Controvercy? Gewinnen diesmal die Folkies, die Romantiker? Der Literatenhype will für die Anerkennung der Lieddichtung streiten. Doch er nimmt sie nicht ernst.

Fender Guitar - von Larry Ziffle - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Geplant ist, dass ich hier auf die Kulumne des geschätzten Kollegen Kubanke antworte. Nicht ganz einfach, da die sich mehr mit der kulturellen Bedeutung Dylans (no disagreement here) als mit dessen konkreter literarischer Qualität oder dem Spannungsfeld Text/Musik auseinandersetzt, geschweige denn mit den an Texten und Arbeiten zu Dylan in diesem Feld gestern von mir aufgeworfenen Argumenten. Vorweg schicken möchte ich: Die gedankenlose kulturkonservative Besitzstandswahrer-Position „Dylan verdient den Preis nicht“, die man mancherorts liest, ist nicht die Meine. Überhaupt ist der Preis Nebensache. Hier passt ein kluges Zitat, das ich vom Mitkolumnisten Rapoport aufgeschnappt habe: „Klar, der Preis ist verdient, aber, wie jeder Preis, ungerechtfertigt. Preise sind immer der Einbruch des Banalen in die Welt des Sublimen.“ Es geht allgemeiner um die Frage, wie wir über Kunst diskutieren. Und für alle, die den Preis ernst nehmen, hätte zu gelten: Mindestens müsste diese Entscheidung den Preis radikal verändern. Man müsste sich ihrer weitreichenden Implikationen bewusst werden. Mehr dazu regulär am Sonntag.

Nun gut, die Erwiderung:

1. “Dylan und Co haben die Sprache nicht entscheidend weiterentwickelt, sondern recyclen alten Stil als Wiederaufbereitungsanlage für die moderne Gegenwart.”

Vielleicht “ja”, vielleicht “nein”. Erheblich ist es nicht. Es zeigt nur jenes verknöcherte Grundversäumnis, welches vollkommen verkennt: Ein Text taugt entweder viel oder wenig, berührt oder lässt kalt. Ob das nun Cohen ist oder Reed, Cave oder Waits, Brel oder Tupac – ist nicht von Belang. Wichtig ist jedoch, ihnen allen die Pforten der Wahrnehmung zu öffnen.

Was heißt „taugt“. Behaupten wir das oder zeigen wir das am Text? Muss er einfach nur ordenlich „grooven“ Dann, sorry, ist Dylan die falsche Wahl. Michael Jackson, Earth Wind and Fire, die Beatles. Justin Bieber: Die berühren größere Massen. Millionen Fliegen können nicht irren.

2. Ganz einfach: Wer ein brillanter Storyteller oder ausdruckstarker Poet ist, wer Menschheit und Welt sinnlich wie intellektuell entlarvend den Eulenspiegel vorhält, wer mit einem nur scheinbar läppischen “Bebop-A-Lula” oder “See Ya later, alligator!” Mauern zerbirst, verdient genau dieselbe Anerkennung wie ein Goethe oder Thomas Mann. Diesen Gedanken zu Ende gedacht, wird es Zeit für diesen Preis, auch mal bei Stephen King, John Grisham usw anzuklopfen und den überfälligen Kotau zu leisten. Keine Chauvi-grenze zwischen Bach und Beatles hie oder Schiller und Tolkien dort.

Hier werden Behauptungen aufgestellt, die in ihrer Allgemeinheit so halbwegs stimmen mögen, aber dann doch für den konkreten Fall zu belegen wären. Meine Güte, es wurde an 1000enden Autoren durch die Geschichte vorgemacht wie man mit/an Texten arbeiten kann. Das müsste doch auch für die Popkritik im Rahmen des Möglichen sein. Dünkelhafte übrigens wäre es, zu sagen „Horror ist generell schlechtere Literatur als bürgerliche Familienromane“. Kein Dünkel ist es Goethe King vorzuziehen, denn King ist auch nach Genrekonventionen einfach schlecht. King ist nicht schlecht, weil er unterhalten will oder in „lowbrow“ macht, sondern weil er trockene einfallslose Schinken schreibt, im Gegensatz zB zu Lovecraft oder Poe.

Gern. Ändern. Und nun mal genauer?

Dies führt zum nächsten Scheinargument.

3. “Der Preis ist bzgl. seiner Kriterien dafür nicht ausgerichtet.”

Na und? Dies ist lediglich ein Problem der quasi vereinsinternen Satzung und Ausdruck des dekadenlangen Versäumnisses, hier entsprechende Kategorien zu schaffen. Das im Innenverhältnis schmälert im Außenverhältnis zur Welt nicht den Mut und die Leistung der diesjährigen Jury. Endlch hat man begriffen, dass “konservativ/oldschool” etwas ganz anderes ist als “hängengeblieben”.

s.o. Das war von Anfang an eines meiner Hauptargumente. Der nächste Schritt wäre aber jetzt fundiert am eigenen Kunstbegriff zu arbeiten, statt dahinzuraunen „Man, things really gotta CHANGE!“ Was macht Liedkunst aus? Wie lässt sie sich ernsthaft mit Literatur vergleichen? Darauf müsste doch Antworten finden oder wenigstens suchen, wer sich kommende Diskussionen in Stockholm nicht so vorstellen will: „Roth schreibt sauber durchkomponierte Romane“ „Ja, aber Pynchon war in den Simpsons. Den SIMPSONS“ „Egal, Cale singt eh besser als Pynchon“ „Aber man darf auch die Bühnenshow von Beyoncé nicht außer acht lassen“ – Mag, sein, um des Effektes Willen überteibe ich.

Zuletzt wird gern entgegnet:

4. “Songtexte sind Teil einer mit Musik verbundenen Kunstform. Literatur muss ohne Schmiermittel funktionieren.”

Schmiermittel? Unsinn!

Bestimmt sind Ulf ein paar Honks über den Weg gelaufen, die genau so argumentiert haben. Die Welt ist voller Idioten. Meine Position ist die krass Gegenteilige: Gerade weil Musik mehr als nur Schmiermittel ist, nämlich integraler Bestandteil des jeweiligen Kunstwerkes, lässt sich ein Songtext nicht einfach durch Abzug der Musik zum Gedicht „runterrechnen“. Dylan lieferte dazu in seinen gesammelten Interviews übrigens viele kluge theoretische Einsichten, die so gar nicht mit dem Image des allem Konkreten ausweichenden Maskenmannes zusammen gehen wollen. Der (unbewusste?) geringe Respekt der Popkritik vor Musik überrascht dann doch immer wieder.

Aber mal angenommen es stimmte,

„Etliche Dylan-Lyrics, Reed-Texte, Brel-Zeilen, Public Enemy-Raps etc. funktionieren auch ohne den musikalischen Mantel ebenso hervorragend wie eigenständig“

so ließe sich das sicher wunderbar konkret an den Texten ausweisen (wieder: Mantel. Der Text als Substanz, Gedudel als Akzidenz? Nichtdoch!) Meine Kolumne hat zwei Arbeiten zu Dylan zitiert, die sich in Textarbeit versuchen und ihr Scheitern selbst eingestehen, die meisten anderen Arbeiten zu Dylan gehen von Anfang an den adäquateren, aber oft schrecklich schwammigen, zwischen Bewunderung und Analyse nur unscharf trennenden Weg der Untersuchung des „Gesamtphänomens“ Dylan. Dass, wie Ulf sagt „konservativ/oldschool” etwas ganz anderes ist als “hängengeblieben” ist in seiner Allgemeinheit natürlich wieder so wahr wie banal. Doch die Frage, ob man nach, sagen wir, Rushdie, nochmal schreiben kann wie Keller oder Goethe, ist, egal wie man sie letztlich beantwortet, für jede Auseinandersetzung mit Kunst, die nicht im postpubertären feel-good verharren will, relevant. Vom Einschnitt der Shoa in künstlerische Gewissheiten ganz zu schweigen. Das wischt man nicht mit Floskeln vom Tisch.

Der Text ist nicht der Text

Die Frage

„Mit welcher Logik – die nicht hirnrissig wäre – würde man also “Suzanne” und Co als Teil einer Lyriksammlung nominieren dürfen, als Teil eines Songbooks jedoch nicht?“

dagegen ist relativ leicht zu beantworten. Suzanne ist kein besonders gutes Gedicht. Handwerklich wie inhaltlich einfache Emo-Lyrics mit einem relativ gewitzten Twist: Als reiner Text kaum bemerkenswert. Ein netter Gedankenstrom mit ein paar Reimen, der nicht nur weit hinter dem Besten Cohens zurücksteht sondern auch zB vor der virtuosen Handhabung der Formen der zerbrechenden klassischen Tradition und des gleichzeitigen Assonant/Dissonanten Neu-Arrangements dieser Bruchstücke des Nobelpreisträgers von 1948, Eliot, einfach nicht bestehen könnte. Zum Glück ist Suzanne kein „Gedicht“: Die kulturelle Leistung von Cohen, Cave, Cale & Co (alle dieser Tage als kommende Preisträger ins Spiel gebracht), als Dichter Figuren, die textlich-formal tief im französischen Symbolismus steckengeblieben sind (und zB auch nur vom Beat erschreckend wenig konkret in ihren Texten umsetzen), ist die Übertragung dieser eher traditionellen Form von Poesie in ein konsumierbares, dennoch intellektuell gehobenes Pop-Format.

Nehmen wir etwa Suzanne. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass das hier vorzufindende nicht einmal wirklich der Text von Suzanne ist. Wenn Sie genau hinhören, spüren Sie in der Darbietung Pausen, Vokaldoppelungen, Dehnungen (hier eher nicht: Kürzungen), die eben nicht einfach zufällige Hinzufügung sondern bedachter Teil des Kunstwerkes sind. Ebenso natürlich auch die geschmeidige Intonation, die in ihrer beinahe schon übertriebenen Distanz (!) dem Teil genau den Kick verleiht, der es über den im Text zweifellos steckenden Kitschfaktor hinaustreibt und große Musik aus Suzanne macht. Dylans Like a Rolling Stone ist, von der verfemten Entscheidung, das Ding mit Band und E-Instrumenten zu drehen, bis hin zum virtuosen Management der Betonungen in verschiedenen Tempi ein Paradebeispiel für die gestalterische Kraft, die da am Werk ist. Als Gedicht würde dieser Text spätestens über den Refrain stolpern, die rein sprachlich rhythmische Beliebigkeit der Strophen-Zeilen wäre auch eher kein Qualitäsmerkmal (Es ist schwer. Probieren Sie es. Vergessen Sie, dass Sie Like a Rolling Stone je gehört haben. Lesen Sie den Text. Lesen Sie laut). Als Song funktioniert er. Und gerade die Freiheit die der Text sich sprachlich nimmt erlaubt Dylan ihn musikalisch zu formen: Ich zumindest wollte mich nicht aufschwingen zu bestreiten dass der Texter/Komponist das weiß, und genau darauf hin und damit weiter arbeitet.

Play it fuckin‘ loud!

Umso schlimmer, dass aus nobelpreistaktischen Gründen nun ein paar Popper genau diese Leistung gern abschneiden würden. Vielleicht weil sie in eigener Dünkelhaftigkeit nach der Segnung ihrer Kunst als hohe Literatur verlangen? Als eine Form von Literatur, deren schiere Existenz sie doch gerade noch (siehe 2.) bestritten haben! Auch Pop ist nämlich, ähnlich wie die Brüche Eliots, die (sogenannte) hermetische Lyrik Celans, die abgefuckten Romansynphonien Pynchons, ein künstlerischer Versuch der Moderne Herr zu werden. Dass Cohen, Cave, Cale & Co (und Dylan, the only one in Plain D) eben nicht dichten, sondern Musik machen, was mehr ist als Gedichte zur Gitarre zu arrangieren, ist kein Zufall und auch nicht einfach damit zu erklären, dass man so mehr Geld verdient und mehr Groupies hat.

Letztlich ist die Nobelpreisdebatte vielleicht nur ein hochkulturfixierter Rehash der Electric-Dylan-Controvercy. Nur gewinnen diesmal dem Anschein nach die Folkies, die Romantiker. Vorerst. Denn ich möchte die Prognose wagen: Dylans Bedeutung wird sich noch weit in die Zukunft erstrecken. Wenn auch nicht als „Dichter“. Der Nobelpreis dagegen wird an diesem PR-Stunt ersticken. Folgendes geht an alle, die Pop auf Texte runterechnen:

Play it fuckin loud!

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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