25 Jahre World Wide Web

In einem viertel Jahrhundert ist aus der hoffnungsfrohen Plattform einer „Informationsgesellschaft“ ein unübersichtlicher Ort voller beschmierter Wände und mit viel empörtem Geschrei geworden.


Wir haben hier noch gar nicht gebührend gewürdigt, dass dieses faszinierende Weltweite Gewebe aus Texten, gespeichert in einem ebenso weltweiten Netzwerk aus Computern, gerade ein viertel Jahrhundert alt geworden ist. Dabei verdankt auch unsere Kolumnistenplattform ihre Existenz und ihre Verbreitung diesem WWW – dem World Wide Web, und allem, was darin möglich geworden ist, die Blogs, die Portale, die Redanktions-Software-Systeme, und natürlich die sozialen Medien mit ihren Links und Likes, mit den Trollen und den Kommentaren, den Diskussionen und den Shitstorms, kurz all dem, was moderne Publizisten wie wir so brauchen, wie der Fisch das Wasser zum Schwimmen.

Erinnern Sie sich?

In der ersten Hälfte seiner Existenz herrschte Euphorie. Die Schwarm-Intelligenz würde zu einer Demokratisierung des Wissens führen, Informationen wären immer überall und sofort verfügbar, Transparenz in politischen Entscheidungsprozessen wäre keine Utopie mehr. Alle machen mit bei der globalen Wissensproduktion und Informationsverbreitung und am Ende steht als leuchtende Zukunft die globale Informationsgesellschaft.

Aber allmählich hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich Lügen in diesem Gewebe genauso gut verbreiten lassen wie Wahrheiten. Auch die Bösen können die neuen Technologien nutzen, wer hätte das ahnen können. Dieses Netz ist leider nicht nur hochintellektuellen herrschaftsfreien Diskursen vorbehalten, es ist ebenso geeignet, den Stammtisch, das üble Gerede, das Geschwätz und die Gerüchteküche zu globalisieren. Ich habe in der Kritik der vernetzten Vernunft einiges dazu geschrieben.

Daran gewöhnen wir uns gerade, wir schaffen uns unsere ruhigen Nischen und ein dickes Fell gegen das dumme Geschwätz. Wir lernen neu, zu vertrauen und zu misstrauen.

Derweil erscheint aber seit ein paar Monaten ein neuer Akteur im Netz, schlimmer als der Troll. Eigentlich habe ich ihn mit diesem Titel schon provoziert, denn ich müsste ihn AkteurIn, besser noch Akteur_in oder Akteur*in nennen, aber es ist schwer, meine Autokorrektur und meine Rechtschreibprüfung dazu zu zwingen. Es ist also, ich mache es mir leicht, die Aktivistin, die sich inzwischen in den sozialen Medien die Deutungshoheit erobert hat.

Ein Beispiel: An dem Morgen des Tages, an dem dieser Text entstand, fand sich in meinem Twitter-Stream geteilt der Tweet einer Aktivistin mit einem Screenshot. Der Tweet lautete in etwa: „So weit ist es gekommen, dass in Deutschland wieder zu Pogromen aufgerufen wird.“ Auf dem Screenshot also dieser Aufruf in dem jemand in schlechtem Deutsch dazu aufforderte, am 9. November Moscheen anzuzünden. Eine Möglichkeit, den Autor irgendwie zu identifizieren, gab es nicht. Ich konnte nicht einmal sicher erkennen, auf welcher Plattform die Sache wohl gestanden hatte.

Aufgeblasene Schweinereien

Nun weiß man, dass es schon immer ein paar Idioten gegeben hat, die irgendwo ihre Parolen hingeschmiert haben. Früher waren es die Klo-Wände, heute ist’s Facebook. Man kann darüber erschrocken sein, dass es diese Leute gibt, man kann seine Sinne schärfen, um zu beobachten, ob da eine ernsthafte Bewegung entsteht, man kann darüber reflektieren.

Aber wer würde eine Klo-Schmiererei als „Aufruf zu einem Pogrom“ bezeichnet haben, die „nun in Deutschland wieder möglich ist“? Das ist das Neue, was erst im Web möglich geworden ist. Es gibt in diesem Web viele Pfade, und irgendwann kommt immer eine Aktivistin auf so einem Pfad an einer Klotür vorbei und teilt mit den anderen Aktivistinnen die „Aufrufe zu Pogromen“, die „sexistischen Darstellungen“ und überhaupt all die Bösartigkeiten der Bösen, die sich „in Deutschland wieder verbreiten können“, die hierzulande „nie weg waren und nun wieder hervorgekrochen kommen“.

Das Schlimme ist: Es ist so schwer, sich dem zu entziehen. Früher war es eine Klotür, es war unangenehm, aber es ging vorbei. Heute begegnen mir in diesem Web dauernd Klotüren, genauer gesagt, Bilder von ihnen, Zitate von Klotüren, aufgemacht als alarmierende Hinweise darauf, dass wir kurz vor der Machtübernahme von Faschisten stehen, oder wenigstens von Sexisten oder anderen Bösewichtern. Die Aktivistinnen schlagen Alarm, sie sehen in jedem Klospruch schon die Machtübernahme des Faschismus oder des extremen Patriarchats, wahlweise.

Wenn man dann sagt: „Mensch, das ist ne Klotür!“ dann wird man entweder als hoffnungslos naiv, als Ignorant, oder als einer, der selbst wahrscheinlich schon zu denen gehört, angesehen.

Die Gefahr besteht, dabei jedes Maß zu verlieren. Und zwar in jede Richtung. Denn natürlich ist es notwendig, auf Anzeichen radikaler Veränderungen in der Gesellschaft zu achten. Wenn aber täglich eine kleine Schweinerei nach der anderen zum Skandal aufgeblasen wird, stumpft man ab, man sieht überall nur noch Blasen und kann nicht mehr beurteilen, ob sich dahinter wirklich eine Gefahr aufbaut. Sachliche Diskussionen werden wahlweise durch Vorwürfe der Blauäugigkeit oder der Panikmache verhindert.

Was ist zu tun? Das Web der heißen Streits und des aufgeregten Geschreis wird sich nicht ändern. Wir brauchen Formen der Beruhigung, Medien, in denen man einander zuhören kann. Vielleicht liegen die außerhalb der Web-basierten „Sozialen Medien“.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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