Schule des Lebens

Die wahre und kluge Samstagskolumne von Heinrich Schmitz über den schäbigen Unsinn des „gesunden Menschenverstandes“, an den zu glauben genauso fatal ist, wie an das „gesunde Volksempfinden“, hat bei mir eine Erinnerung geweckt.


Eigentlich wollte ich etwas schreiben über die neuerliche Internetniedertracht der Beatrix Storch (Adel als politische Macht ist in Deutschland abgeschafft und deshalb kriegt diese AfD-Dame kein „von“ zugestanden – und von menschlichem Adel kann bei ihr schon gar nicht die Rede sein) – jene blutige Häme über ein kleines verstörtes Kind aus Aleppo.

Meine Erinnerung erklärt vielleicht deutlicher als jede Analyse, woher diese grausame Kaltschnäuzigkeit, geistige Unbeweglichkeit, dieser grüne Neid und diese sättigungslose emotionale Gier stammen, die nicht nur Beatrix Storch auszeichnen, sondern vor allem die Massen, die ihr ungeniert zujubeln und behaupten, sie hätte verteidigungswerte, unangreifbare „Meinungen“, die auf gesundem Menschenverstand und ebensolchem Empfinden beruhten.

Zwergschule in Sennelager

Ich habe zwei Jahre meiner Grundschulzeit in einer Zwergschule in Sennelager verbracht, jenem künstlichen Kaff am ehemals größten deutschen Truppenübungsplatz, der schon in der Kaiserzeit dazu diente, aus Menschen Soldaten zu machen. In bloß zwei Klassenräumen waren sämtliche Jahrgangsstufen untergebracht über die zwei Lehrer herrschten, die wohl von einem allliterarisch begeisterte Schulrat hierher abgeschoben worden waren: Herr Pippert war der Jüngere und hatte wohl das Ende des Krieges als Werwolf erleben müssen. Herr Pagel erschien uns Siebenjährigen uralt; ein Erich von Stroheim mit Unteroffiziersstiernacken, dessen Sprache an das Bellen und Kläffen eines mittelgroßen Hundes denken ließ, der – so sehe ich es heute – sich weder den Dackeln, noch den Bulldoggen zurechnen konnte.

Pädagogische Prügel

Beide P-Lehrer herrschten deshalb unumschränkt weil sie das längst erlassene Gesetz, das die körperliche Züchtigung von Schülern verbot, gnadenlos mißachteten. Pippert nutzte für seine pädagogischen Prügel sehr gerne Weidenstecken, die regelmäßig am nahen Bahndamm geschnitten wurden – ein fröhlicher Zug setzte sich dazu nach dem Turnunterricht in Bewegung – der Lehrer voran und freudig erregt die Schüler hinterdrein; sie schnitten die Zweige, entrindeten sie und ließen sie, schon recht die Sadisten, die sie werden sollten, durch die Luft zischen.

Ich kam mitten im Schuljahr auf dieses Kinderbrechinstitut und hatte noch einige kindliche Fähigkeit zum Fragen und Denken – deshalb begriff ich nicht, weswegen es die anderen so erfreute, daß sie mithelfen konnten, ihre Prügel selbst zu schneiden und sogar dabei phantasierten, wie sie niedersausten und auf den Hintern zerbarsten, was, wie ich dann feststellen mußte, nicht selten vorkam.

Anders als Pippert, vertraute Pagel seiner händischen Schlagkraft. Seine Spezialität waren Ohrfeigen, Kopfnüsse und Faustpüffe in die Seiten der Älteren.

Wohlwollende Erziehungsmaßnahmen gab es auch: wir jüngeren Schüler rissen uns darum, Lehrer Pippert in der zweiten großen Pause seine tägliche Bildzeitung vom damals einzigen Kiosk des Örtchens zu besorgen. Das galt als Auszeichnung. Dazu mußte man zwei Kilometer auf seinem kleinen Rädchen die vielbefahrene Bundesstraße entlang radeln, vorbei an den Puffs und Kneipen, die seinerzeit das Zentrum Sennelagers ausmachten. Mit stolzgeschwellter Brust kam man dann kurz vorm Klingeln der Schulglocke zurück, überreichte das Neuigkeitenblatt und fühlte sich durch das wohlwollende Lächeln des Lehrers geehrt. In der folgenden Unterrichtsstunde mußten wir uns dann still und schweigend beschäftigen, damit Herr Pippert seine Bildzeitung studieren konnte. Damit ja keine Unruhe aufkam, wurden wir durch pscht- und andere Zischlaute hinter der entfalteten Zeitung ständig ermahnt, bloß stille zu sein. Wurde der Flüsterpegel doch zuviel, haute der Mann mit der Weidenrute aufs Pult, was mich, den Neuling erschreckte, aber die anderen inzwischen aus Gewöhnung (an)teilnahmslos geworden, schon lange nicht mehr aufregte.

Die täglichen Bestrafungen

Freudig-lebendige Erregung ergriff die unteren Klassen wenn es zu den täglichen Bestrafungen kam: zu dämliche Antworten auf pädagogische Fragen wurden mit Tatzen-Schlägen auf die Finger belohnt. Vergessene oder nicht gemachte Hausaufgaben hatten zur Folge, daß der arme Delinquent vor die Klasse zitiert wurde und je nach Schwere der Verfehlung abgezählte Hiebe erhielt. Nie hatten sich Eltern darüber beschwert, daß ihre Kinder geschlagen wurden; einerseits konnten sie sich noch an die Zeiten erinnern, da das eine Selbstverständlichkeit in ihrem eigenen Schülerleben war und andererseits nahm ihnen so der Dorfschullehrer den schweren Liebesdienst der Kinderzüchtigung ab – denn eines stand ja fest: seine eigenen Kinder liebevoll zu schlagen schmerzt die besorgten Eltern natürlich weitaus mehr als die geschlagenen Kinder. Es mußte halt sein – Erziehung ohne Schmerzen, körperlich oder seelisch, ohne Prügel und Erniedrigung ist wohl nicht möglich.

Der Prügelknabe

In meiner Zwergenschule traf der pädagogische Einsatz des Herrn Pippert mit geradezu tödlicher Sicherheit täglich einen bestimmten Jungen; den Sohn eines Bauern, dem der Betrieb in den Konkurs geglitten war. Wie ich später erfuhr, quälte sich die Familie mit väterlichen Brutalitäten und Alkoholismus, die Kinder waren verwahrlost – und somit gab es für die kleinbürgerlichen Lohnstreifenempfänger, also die Eltern meiner Mitschüler, manches über das sie sich wohlanständig ihre Mäuler zerreißen konnten.

Zu diesen wohlanständigen Angstellten und Beamten gehörte, wie auch sonst, Lehrer Pippert, der ununterbrochen an dem Bauernsohn etwas zu bemängeln und zu bemäkeln hatte. Durch duckmäuserischen Fleiß ein Mikätzchen geworden, waren dem Aufgestiegenen nun die Kleidung des Jungen zu schäbig und schmutzig, sein Haar zu verfilzt und ungekämmt und vor allem seine selten gemachten Hausaufgaben zu liederlich – der Junge bekam täglich unter dem Gejohl der anderen, die gerade noch mal davongekommen waren, seine Tracht.

Ich kleiner, kleinmütiger Wicht war zwar entsetzt zu Anfang – aber bald merkte ich, wie es mich entlastete, den Jungen zu verspotten, mich wie die anderen der Erleichterung hinzugeben, nicht selbst geschlagen zu werden.

Ich hatte zwar durchschaut, daß der Lehrer besonders diesen einen auf dem Kieker hatte, wie man in Westfalen sagt und berichtete meinen Eltern davon empört, ließ sogar durchblicken, daß der Junge mir leid tat, bekam aber bloß zu hören, es würde schon etwas dran sein wenn es ihn träfe, Mitleid bräuchte ich nicht zu haben. Und so wurde ich in dem Gefühl bestärkt, alles, aber auch alles sei in Ordnung und gerecht, wenn ich nur selbst immer allen Anordnungen folgte. Und ich, der so schon siebenjährig in die bürgerliche Anpassung hinein glitt, gab auch brav keinen Anlaß für Tadel und Schläge – ich fiel nicht auf.

Ein einziges Mal aber hatte ich angepaßtes Feigling-Kind doch Pech – und obwohl ich ansonsten gelobt wurde für meine Folgsamkeit und mein gesenktes Haupt, ach was, meines zum Denken noch kaum fähigen Kopfes (aber das war ja auch das Ziel aller Erziehungsmaßnahmen), entging ich der Strafe nicht. Ich hatte eine Diktatkorrektur vergessen – ein einziges Wort falsch geschrieben, eine Flüchtigkeit mit sogar einer Zwei Plus belohnt. Aber leider nicht verbessert: leider nicht drei Mal das falsche Wort richtig geschrieben; drei mal die magisch-stupide Wiederholung vergessen. Einfach vergessen, war wohl mit den Gedanken woanders gewesen – und woanders sein ist immer gefährlich! Für den, der woanders ist – und besonders für die, denen jemand ins Woanders entgleitet.

Also mußte ich vor der Klasse erscheinen, mich beugen und mir auf den Hintern drei Schläge versetzen lassen – das war mathematische Gerechtigkeit: drei Unterlassungen, drei Schläge.

Tat das weh? Meinem noch vorhandenen Selbstgefühl tat es weh. Ich weinte sogar, was den Herrn Pippert zu strenger Beschwerde veranlaßte: „ich züchtige ihn, damit er was lernt und er heult auch noch weibisch wie ein Mädchen!“

Die anderen lachten zustimmend; und verspotteten mich auf dem Heimweg. Endlich hatte es auch den braven Musterschüler mal erwischt.

Elterliche Gewalt

Immerhin, meine Eltern waren empört – aber nicht weil man Kinder nicht schlägt. Sie erschienen sogar am nächsten Tag mit mir in der Schule. „Meinen Sohn“, erklärte mein Vater, der sich wunderte, daß er einem Beamten so entschieden entgegen treten konnte, „ schlagen Sie nicht mehr! Das ist mein Sohn und wenn, dann bestrafe ich ihn!“

Ich glaubte damals mein Vater sei auf meiner Seite! – dabei wehrte er sich nur gegen einen Fremden, der ihm die Erziehungsgewalt, jawohl Gewalt, über seinen Sohn streitig machte.

Merkwürdigerweise wurde ich von da an von Schlägen verschont. Aber ich wurde zum Gespött der anderen Schüler, die glaubten, mir würde eine Prügelextrawurst gebraten. Noch am selben Tag lauerten sie mir auf dem Heimweg auf. Sie verspotteten mich, lachten mich aus und zergten mich, bis plötzlich jener Bauernsohn auftauchte, der sonst das Ziel von Prügel und Spott gewesen war. Er rettete mich, stieß die anderen weg und brachte mich nach Hause. Weiß der Teufel weshalb…damals wußte ich es nicht. Ich war dankbar, bewunderte ihn, weil er größer, stärker und widerstandsfähiger war als ich. Ich hoffte, in ihm vielleicht einen Freund zu finden. Heute ist mir klar, daß er ebenso die allergrößte Sehnsucht nach einem Freund hatte…und diese Hilfe war sein Versuch zu einer Freundschaft…

Aber dazu kam es nicht! Ich schäme mich, zu gestehen, daß ich ihn im Stich ließ. Das Gift Pipperts und Pagels, das bereits in die anderen eingedrungen war, hatte auch mich längst infiziert. Meine Eltern erlaubten mir nicht, den Jungen zu treffen. Er war doch bloß das Blag einer asozialen Familie; der konnte nur ein „falscher Freund“ werden und mich vom Wege abbringen. Der würde sowieso in der Gosse enden, bei den verkommenen Eltern! Und bald stimmte ich wieder in das Lachen der anderen ein, die sich königlich amüsierten, wenn der Lehrer ihn schlug oder mit Spott niedermachte.

Was aus diesem Jungen geworden ist, weiß ich nicht. Pippert und sein Kollege Pagel blieben hochgeehrte Lehrer in der kleinen Soldaten-Puffstadt.

Ein zweites Mal habe ich Grund zur Scham, denn ich habe mir nicht einmal seinen Namen gemerkt, seinen Namen nicht und nicht sein Gesicht…heute erst taucht er wie ein Schatten aus meiner Kindheit auf!

Was aber aus den anderen Schülern geworden ist, das ist mir schlagartig klar geworden: Sie sind diejenigen, die solche Grausamkeiten wie Frau Storch vom Stapel lassen. Es sind diejenigen, die halbgebildet und bildungsscheu (immer nur lernend, was abgefragt werden könnte) herzlos und hirnamputiert die Threads auf Facebook mit ihrer Häme, ihrem Geifer und Gelächter über Leidende füllen – das für eine Meinung halten und die mit Tatsachen verwechseln.

Draufhauen auf wohlfeile Sündenböcke

Es sind jene, die geduckt nach Grausamkeiten gieren, froh selbst gerade so eben noch davon gekommen zu sein (by the rotten skin of their teeth) und als Ausgleich für ihre erlittenen Ängste draufhauen auf wohlfeile Sündenböcke – aber niemals auf die Herrn Pippert und Pagel, die wirklichen Verursacher ihrer Schmerzen. Es sind jene, die andere zu Asozialen, Verbrechern und Vergewaltigern erklären mit dem klammheimlichen Wunsch, selbst einmal zuschlagen zu dürfen.

So sind sie aufgewachsen, die wohlanständigen Kleinbürgerkinder, die jetzt die Pegidaplätze füllen und die Reihen der AfD schließen oder, sofern sie etwas Bildung gelernt haben, um zu avancieren, womöglich für die „Freie Welt“, die „Junge Freiheit“ oder den Kopp-Verlag schreiben oder gar aus den Grausamkeiten ihrer Kindheit ein selbstmörderisches philosophisches System machen, es Patriotismus, Vaterland oder Identität nennen wie Beatrix Storch, Marc Jongen, Jürgen Elsässer, Götz Kubitschek oder Björn Höcke. Immer noch lauern sie darauf, daß andere geprügelt und geschlagen werden, damit sie sich wohler und bestätigt fühlen.

Damals als Siebenjähriger erlebte ich eine vorläufige Rettung: die Familie zog erneut um – ich besuchte eine andere Schule, bald darauf das Gymnasium. Obwohl sich da manches fortsetzte, was ich zu Beginn der Schulzeit kennengelernt hatte und fast als Selbstverständlich ertragen habe – erwünschtes Denunziantentum, Opportunismus, Speichelleckerei, vorurteilsbehaftetes Niedermachen der Schüler durch sadistische und reaktionäre Lehrer und natürlich durch die anderen Schüler ebenso, gab es eben auch ein paar wissende Zeugen, die die Zerstörung der jungen Generation nicht weiter forttreiben wollten.

Aber wenn ich mich heute umschaue, jetzt, da mich das Geheul und Geplärr der Reaktionäre in den Ohren schmerzt, muß ich wohl glauben, daß es nicht genügend Bestätigung und Ermutigung für meine Generation und die folgende gegeben hat. Es gab genug zu fressen, womöglich genügend teure Weihnachtsgeschenke (mit denen sich die Eltern eher sich selbst bestätigend beschenkten, denn ihre Kinder) aber wenig Umarmungen, Mitgefühl und Zärtlichkeit.

Die Wogen an Haß, Gier, Neid und Sadismus, die ohne Scheu ausgekübelt werden mit angeblich „gesundem Menschenverstand“ im Sinne des „gesunden Volksempfindens“ bestärken meine tiefe Skepsis.

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