Simp-Sons & Daughters: Donald Trump im Wahlkampf

„So was von platt“ – Das der erste Gedanke von Kolumnist Sören Heim, als er sich den vielgefeierten Anti-Trump-Spot der Simpsons ansieht. Dann setzt das Nachdenken ein: Machen die Simpsons sich gar nicht über Trump lustig? Sondern über Zuschauer, die immer schon wissen, wo sie zu stehen haben? Und ist das vielleicht das Beste, was die Simpsons seit langem gebracht haben?

Bully - Francisco Azola - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Hmm… Hmm. Hat sich irgendwer eigentlich dieses etwa zweiminütige Video, mit dem wahlweise „die Simpsons“ oder „die Macher der Simpsons“ so deutlich Stellung gegen Trump bezogen haben, und das auch in der deutschen Presse in den vergangenen Wochen Land auf Land ab gefeiert wurde, einmal genauer angeschaut?

Folgender Inhalt in aller Kürze: Marge und Homer schauen im Fernsehen einen Wahlwerbespot der Demokraten. Darin fährt am Anfang Hillary Clinton ihrem Bill unhöflich übers Maul, weil der immer noch nicht gerafft hat, dass er nicht mehr der Präsident ist. Dann folgt eine längere Trump-Sequenz, in der Trump einen Anruf aus dem Situation Room bekommt, was auf eine eklatante Bedrohung für die innere Sicherheit verweist, der sich dann allerdings zuerst mit Botox aufspritzen lässt, ein Schoßhündchen als Toupet herrichten lässt, Eier auf goldenen Tellern bestellt und ein paar fiese Tweets über politische Gegner ablässt. Blende zurück auf Homer und Marge.

Marge: „Endlich habe ich mich entschieden. Und du auch, nicht?“ Homer: „Absolut. Ich wähle … Trump. Richtig?“ Marge: „Wenn das deine Entscheidung ist frage ich mich, ob ich je wieder mit dir zusammen sein kann.“ Homer: „Und auf diese Weise wurde ich zum (Anhänger der) Demokraten.“

Platt, platter, Simpsons?

Zwei Lesarten scheinen mir möglich. Die erste nimmt den Wahlwerbespot als überspitzte wahre Aussage und macht sich voll und ganz die Perspektive Marges zu eigen. So liest es (nicht nur) die deutschsprachige Presse, und möglich, dass das Ganze auch genauso intendiert war. Das würde zu dem generellen Eindruck passen, dass die Simpsons in den letzten Jahren immer platter, immer eindeutiger und immer mehr zur tendenziösen Clipshow verkommen sind, und weit weg von dem hintergründigen Humor, der die Serie einst auszeichnete.

Übrigens auch in früheren Parodien auf Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten, etwa George W. Bush (den älteren) „If he thinks George Bush won’t go into the sewer, well then he doesn’t know George Bush“, Bill „ich bin ja auch ein ziemlich dämliche Präsident“ Clinton, Jimmy Carter oder den damals-noch-nicht-Kandidaten Donald Trump.

Der Witz hinter dem Tiefschlag

Aber vielleicht ist das kleine Video auch doppelbödiger angelegt, als es Medienwelt und Zuschauer ertragen. Denn die „attack ad“ der Demokraten, die Marge offenkundig derart überzeugt, ist ja nun tatsächlich unglaublich mies gemacht. Politisch relevante Probleme werden so in persönlichen (noch nicht mal moralischen, sondern eher ästhetischen) Diffamierungen des Kandidaten Trump begraben, dass man sie zwischen Botox, Hündchen und Eiern leicht ganz übersieht. Das ist zugegeben genau das Niveau, auf dem auch Trump seine Kampagne fährt, wenn er nicht gerade von Mauern träumt, gegen Minderheiten hetzt oder zu Gewalttaten aufruft, aber es ist wahrscheinlich auch das Niveau, auf dem man nur sowieso schon überzeugte Gegner Trumps erreicht. „Ich hab nicht angefangen“ ist kein Spruch, der gegen Trump zieht.

Dass Homer, aus welchen Gründen auch immer kein Trump-Gegner, nicht überzeugt ist, überrascht nicht. Gerade wenn man ihm noch einen Rest Intelligenz zugesteht. Und trotz allem Unsinn, den er veranstaltet, ist Homer ja ein Sympathieträger der Simpsons-Fans.

Ist Sex-Entzug ein politisches Argument?

Nun kommt die interessante Volte: Statt sich auf eine Diskussion einzulassen, weist Marge ihren Ehemann (!) ebenso schroff ab wie zuvor Clinton ihren Bill. Je nach Interpretation sollen Sex-Entzug oder Trennung Homer davon überzeugen, das „Richtige“ zu wählen. Darin klingt durchaus die lange Zeit hochnäsige Art und Weise an, in der die überzeugten Demokraten über Trumps Basis bei der abgehängten weißen „alten“ Arbeiterklasse gesprochen haben. Erst allmählich scheint die Clinton-Kampagne diese Zielgruppe ins Visier zu nehmen, zumindest deuten Clintons neueste wirtschaftspolitische Versprechungen darauf hin. Es dürfte aus dieser Perspektive dann auch kein Zufall sein, dass Marge (und nicht Homer) von Anfang an so unvermittelt hinter Clinton steht. Und dass sie positiv auf Propaganda reagiert und nicht auf Argumente. Marge versucht die eigene Haltung statt inhaltlich mit der seit Aristophanes immer mal wieder in Anschlag gebrachten ultimativen „Waffe einer Frau“ durchzusetzen: Zumindest einige politische Kommentatoren (und Oprah) scheinen überzeugt, das beste Argument, warum Frauen Clinton wählen sollen sei das Geschlecht der Kandidatin (Ist das nicht eine ziemliche herablassende Haltung gegenüber Wählerinnen? – Debatte dazu bei The View).

Allerdings: Selbst schuld

Nun möchte ich nicht verhehlen, dass auch ich nicht sicher bin, ob und wie sich mit den Homers dieser Welt diskutieren lässt, die aus Frustration einen Kandidaten wählen, dessen bisher bekannt gewordenen konkreten Pläne keinen Grund zur Hoffnung geben, die Situation genau dieser Wählergruppen würden sich dadurch bessern. Und ich habe ehrlich gesagt wenig Mitleid mit denen, die unter Präsident Trump (ebenso in einem Frankreich unter Le Pen oder, um ein paar Jahre vorzugreifen, in einem Storch-, Petry- oder Höcke-Deutschland) noch merken werden, wie schnell man in Zeiten postmoderner Identitätspolitik von rechts selbst einer verfemten Minderheit angehören kann. Aber Marges politische Strategie scheint wenig zielführend. Mit so vielen „weißen heterosexuellen Männern“ kann man gar nicht nicht schlafen, wie man müsste, um damit ernsthaften … ähm… … man entschuldige den Kalauer … Druck aufzubauen.

Aber um etwaige Lösungen des Populismus-Problems soll und kann es in diesem kurzen Text auch nicht gehen. Vielmehr um eine weitere Problemstellung: kann es sein, dass im Rahmen der Simpsons, in dem Schein nach dummem Gewand, einmal wieder eine intelligente Analyse gesellschaftlicher Polarisierung erschienen ist? Und kann es sein, dass deren Pointen vom Gros der internationalen Analysten und Denker komplett übersehen wurde? Und was heißt das? Was lernen wir daraus?

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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