Tinder im Kleinstadt-Test

Kolumnist Sören Heim hat sich durch aufregende Erzählungen breitschlagen lassen, über vier Jahre nach Erscheinen dann doch einmal Tinder auszuprobieren…

Foto: Sören Heim

Ich bin ja nun wirklich keiner von diesen „early Adoptern“. Die neuesten social-apps gehen regelmäßig an mir vorbei, die neuesten Modetrends sowieso. Für eine Türkeireise habe ich mir nun dann doch mal ein Tablet zugelegt, hauptsächlich weil ich ein mobiles Gerät brauchte, auf dem sich längere Texte diktieren lassen. Und dann fiel die Reise aus. Was bleibt mir nun noch mit diesem Gerät zu tun? Eigentlich nur eins: Tinder, das angeblich viele meiner Bekannten erfolgreich nutzen, endlich mal dem umfassenden Kleinstadttest unterziehen: Rechnen Sie das bitte mit ein, wenn sie anlässlich des Putsches vom 15. Juli die „cui bono“-Frage stellen.

Hallo? Ist hier jemand?

1. Ergebnis: All die coolen Leute, die mit ihren heißen Tinderdates prahlen/geprahlt haben, sind gar nicht bei Tinder (und nein, die sind jetzt nicht plötzlich alle in glücklichen Beziehungen). Wie komme ich drauf? Die Leute wohnen in einem Radius von ca. 5 km von mir. Und in diesem Radius gibt es genau 7 (!) Vorschläge. Bei Männern und Frauen. Zusammen. Zwei der Männer posieren mit nacktem Oberkörper vorm Spiegel. Vielleicht ist das einzige, was ich in den letzten Monaten verpasst habe, das Erfinden spannender Date-Geschichten.
Gut so. Einmal habe ich eine französische Freundin erfunden, und die ist dann mit meinem besten Freund durchgebrannt

2. Eigentlich ist überhaupt niemand bei Tinder. Also hier. Auch am zweiten Tag bleibt es bei ganzen drei Vorschlägen. Wenn man die umliegenden Dörfer und Kleinstädte mit einbezieht werden es kaum mehr. Vielleicht mal mit dem Ding an den Rhein setzen & Touristinnen aufreißen?

3. Nee…

Hallo? Irgendjemand … ?

4. Oder vielleicht mal den Suchradius erhöhen, um ein paar größere Städte mit einzukreisen. Steht zumindest in allen Online-Tipps. Aber Moment mal – warum sollten Großstadtbewohner den eigenen Suchradius ihrerseits erhöhen? Findet mich ja keiner! Ach, scheiß drauf, es ist 2016 und das ist das Internet. Wer will sich da lange mit Logik oder Wahrscheinlichkeiten herumschlagen?

5.: Hey, im Umkreis von 50 bis 100 km gibt es doch ganz schön viele schöne Menschen! Also: Leute, die wissen wie man sich in Szene setzt, die sich in gar nicht mal so gewöhnlichen Klamotten ordentlich zu kleiden wissen & die es schaffen in einem kurzen Text zumindest ein wenig Interesse an der Person dahinter zu wecken. In Zeiten in denen jeder Kack zur Kunst erklärt wird, Beatrix von Storch zur nationalen Popikone und Helene Fischer zur Retterin des Abendlandes (oder andersrum?) freue ich mich auch über solche kleinen Dinge…

6. Viel häufiger aber: Frauen, die zu glauben scheinen, beim Make-up mache es die Masse & Duckfaces seien ja sooooo total süüüüüß.
Männer, die sich mit nacktem Oberkörper vorm Spiegel fotografieren.

OK, vielleicht jemand andres?

7. Ohh, diese Selbstbeschreibungen! Mein absoluter Höhepunkt bisher, und gleich mehrfach: „Ein bisschen Intelligenz wär echt gut“. Man soll doch seine Schwächen nicht in den Vordergrund stellen.

8. Holde Weiblichkeit! Wenn der erste (oft einzige) Satz in eurem Profil lautet „ich will einen RICHTIGEN Mann“, beschwert euch bitte nicht über „unverlangt“ zugesandte Penisbilder. Das könnt‘ schon wer als Aufforderung lesen…

8. Kann es wirklich sein, dass das einzige Interesse, das ich mit den Frauen dieser Welt teile, Jan Böhmermann ist? Dabei war dieser Like noch nicht mal ernst gemeint.

9. Aber eigentlich sollte es ja um einen Kleinstadt-Test gehen. Der ist seit Punkt 4 abgeschlossen, wie der aufmerksame Leser bemerkt haben dürfte. Ich bin mir sicher, für halbwegs hippe Großstädter taugt das Teil zur Sex-Anbahnung ganz gut, vielleicht findet in Köln, Hamburg oder Berlin so auch der/die Ein- oder Andere die Liebe fürs Leben. Hier kann man das dagegen vergessen, denn, ich wiederhole: ES IST NIEMAND BEI TINDER.

In der Kleinstadt gilt eben heute wie schon vor 100 Jahren – wer neue Leute kennen lernen will, gehe raus auf die Straße … und spiele gefälligst Pokémon Go.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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