Muss man jetzt Böhmermann gut finden? Leider ja.

Die Reaktion der Regierung macht Jan Böhmermann jetzt objektiv zum größten Satiriker seiner Zeit. Das wird als der folgenschwerste Fehler der Ära Merkel in Erinnerung bleiben.


Eigentlich ist in den letzten Wochen zur Funktionsweise Böhmermannscher Satire alles gesagt worden. Was verwundern darf, weil es ja nach dem Varoufakis-Fake schon einmal gesagt wurde, und zuvor, als Böhmermann Raab verarschte. Aber ein gigantisches Heer an Nixblickern, das sich auch diesmal wieder vor den Böhmermannschen Debattenkarren spannen ließ, verleiht nun doch tatsächlich absichtlich dilettantischen Knittelversen höhere Weihen – oder sieht darin einen ernsthaften Grund, den noch-nicht-mal-wirklich-Satiriker im Kitchen rotten zu lassen.

Ja, wäre es nicht vielleicht sogar möglich, dass „Erdowie, Erdowo, Erdoğan“ von der ganzen Geschichte gar nicht Wind bekommen hätte, und nicht plötzlich tatsächlich eine Geld- bis Haftstrafe im Raum stünde, wenn diese Nixblicker-Exegeten-Olympiade aus ach so differenziert gemeinten Anklagen und selten klugen Apologien (löbliche Ausnahme: der Kollege Schmitz) nicht stattgefunden hätte?

Es war doch so einfach: April, April!

Denn am Freitag vor einer Woche stellte sich die Sache so einfach dar: Es war von Anfang an zu erwarten gewesen und stand dann auch bald im Raum, dass die ZDF-Zensur ein Aprilscherz war. Oder eben die Provokation selbst? Hyperventilierende Gutmenschlichkeit – und endlich einmal traf dies von Bittermann geprägte Wort einmal wieder die Richtigen, nämlich genau jene, die es sonst so gern bei jeder Ungelegenheit im Munde führen – wollte es dabei nicht bewenden lassen und skandalisierte entweder die ZDF-Entscheidung (wie es Böhmermann und vielleicht auch sein Arbeitgeber wollten), oder das aus dem Kontext gerissene Schmähgedicht (wie es ebenfalls Böhmermann und vielleicht auch sein Arbeitgeber wollten). So weit, so … naja, Böhmermann halt. Denn wie so ein Böhmermann-Stunt funktioniert, fasst Felix Stephan in der Zeit treffend zusammen:

„Für Böhmermann sieht der Medienzirkus mit seinen ständigen Skandalen und Empörungswellen aus wie die legendäre Installation Der Lauf der Dinge, die die Schweizer Künstler Fischli und Weiss 1987 für die documenta 8 aufgebaut haben: In ihrer Installation löst eine Aktion eine Reaktion aus, die die nächste Reaktion nach sich zieht und immer so weiter. Der Apparat ist ständig in Bewegung, letztlich gehorcht er aber rein mechanischen Gesetzen. Und die sind vor allem berechenbar.

Die Medien gehen oft ähnlich vor: Sie wissen, dass Zuspitzungen und Personalisierungen besser laufen als Stücke, die über die Wirklichkeit so komplex berichten, wie sie nun einmal ist. Deshalb erzählen sie immer die gleiche Geschichte, obwohl die Welt sich verändert. Und Böhmermann verstellt die Schrauben im Maschinenraum so, dass das ganze Arrangement, sobald es für zu viele Leute zu bequem wird, in die Luft fliegt.“

Ziemlich niveaulos

Und sind wir ehrlich. Eigentlich ist das ziemlich niveaulos. Man provoziert und pöbelt eben so lange, bis es eine Reaktion gibt, lehnt sich dann auf dem bequemen Sessel der Kunstfreiheit zurück und schaut sich die herrliche Karambolage an. Aber dann reagieren eben nicht nur der ausrechenbare Medienbetrieb und die sozialen Netzwerke, dann springt nicht nur, wie fast zu erwarten war, der gute Erdo entsprechend darauf an. Dann ermittelt nicht nur die Staatsanwaltschaft (was sie muss, wenn Anzeige erstattet wird, doch schlimm genug, dass es jemand für nötig hält, Anzeige zu erstatten). Nein: Frau Merkel persönlich verurteilt das Schmähgedicht (ohne den Kontext zu bedenken, natürlich) und die Kanzlerin „distanziert“ sich ernsthaft von einem Künstler, von dem sie sich doch schon deshalb nicht distanzieren müsste, weil keine Nähe besteht, weil man kein Staatskünstler ist, nur wenn man für das ZDF arbeitet, weil Kunstkritik, auch die Kritik schlechter Kunst, nicht Aufgabe der Kanzlerin ist (insbesondere, wenn ihr anscheinend sogar die Fähigkeit abgeht, einen Schülerstreich zu durchschauen).

Aber gut finden? Muss man!

Da tut einem als denkendem Menschen doch der Kopf weh. Da kann man regelrecht depressiv werden. Denn nun muss man tatsächlich den Böhmermann gut finden1. Ja, muss man! Diesen Typ, dessen einziges Stilmittel ein doppelt bis dreifacher Boden ist. Diesen Komiker, der eben nie aufs Ganze geht (das ist ein großes Missverständnis), der sich immer mehrere Hintertürchen einbaut und damit gleichzeitig sicher stellt, dass seine Satire noch nicht mal handwerklich gut gemacht sein muss.

„Ja, das ist Mist, aber weil ich vorher gesagt habe, dass es Mist ist, und dass alle sich aufregen werden, dass es Mist ist, ist es vielleicht doch kein Mist“.

Das ist (in meinen Worten) Böhmermann. Und das, muss man jetzt tatsächlich anerkennen, ist gute Satire. Weil sie tatsächlich der Welt den Spiegel vorhält, weil sie den Hebel ansetzt an die Mechanismen der marktförmigen Empörungsindustrie, die nun zunehmend zeigt, wie gut sie auch mit autoritären Elementen kann (als überraschte das, wo ständig skandalisiert wird, wird irgendwann auch geteert und gefedert). Für die viel gelobte Extra-3-Satire, die nun manchmal dem Böhmermannschen Modell als positives Beispiel entgegengestellt wird, gilt übrigens im Prinzip das Gleiche. Auch die war schon kaum mehr als ein kindischer Schulhofreim, bei dem der Name eines Zielobjekts verballhornt wird.

Größter Gesellschaftskritiker unserer Zeit

Wie dem auch sei: Die Reaktionen von Merkel und Erdo, dem streitend vereinigten Pressezirkus und den Menschen auf der Straße und vor allem im Netz machen aus Jan Böhmermann tatsächlich den großen Gesellschaftskritiker unserer Zeit. Das ist so traurig, dass man fast drüber lachen möchte. Hoffen wir mal, dass wenigstens, wenn es hart auf hart kommt, sich deutsche Gerichte so weise zeigen werden, ihn nicht durch eine Verurteilung quasi Heiligenstatus zu verleihen. Sonst marschieren am Ende wirklich demnächst Birkenstocks zu Ramstein durch Berlin, um den Böhmermann aus Tegel oder Moabit freizusprengen.

1Disclaimer: Es gibt in Deutschland keine gesetzliche Verpflichtung, Jan Böhmermann gut zu finden. Dies ist immer noch ein freies Land.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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  • Michael

    Haha danke für diesen Artikel! Sehr klug geschrieben, wobei ich als Böhmermann Fanboy einwenden muss, dass er meiner Meinung nach doch einige sehr gute Aktionen gebracht hat, auch handwerklich hervorragend umgesetzte und nicht nur solche, die ihre Berechtigung erst aus der dritten Meta-Ebene erhalten: „Deutschland Off Duty“ war so eine Aktion, sein „Ich hab Polizei“ ebenfalls.

    • sh

      Über die gelungenen Aktionen kann man für so nen Artikel schon mal hinweg sehen, sonst wirds „differenziert“ und das will keiner lesen 😉

  • Herr Heim, es geht doch gar nicht mehr um Böhmermann und sein Kasperletheater. Es geht um die Erpressbarkeit der Verfassungsorgane Bundesregierung und Bundeskanzlerin durch die Türkische Republik. Das ist eine internationale schwere Krise.

  • The Saint

    Wie denn jetzt, was der Böhmermann über den Erdogan gesagt, ist gar nicht wahr? Das ist ja unerhört! Man kann von einer deutschen Satiresendung doch bitte erwarten, dass sie die Wahrheit und nichts als die verkündet und die Vertreter von Quatschstaaten und -religionen mit Respekt behandelt.

  • St

    Die deutsche Musikgruppe „Rammstein“ wird mit zwei m und der Ort „Ramstein“ mit der amerikanischen Airbase mit einem m geschrieben.

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  • Fritz Steinke

    Wie alle Gattinen unserer verflossenen Bundespräsidenten legt sich Böhmermann nun auch ein karitatives Hilfswwerk an. Das ist unglaublich schön, wie dieser gestresste und vermeintliche Comedy-Künstler (man kann auch Humorist sagen) nun endlich die sozialen und ökologischen Probleme in Deutschland löst. So könnte er auch einmal für die Obdachlosen kämpfen, indem er mediengerecht eine Parkbank bei laufender Kamera belegt. Bei Greenpace ist das besonders herrlich, weil die oft daneben liegen – halt wie Böhmermännchen auch. Gott verschone uns vor Trivial-Comedy. Etwas anspruchsvoller sind nur noch die Dienstmädchen- und Arzt-Heftromane. Die sind mitunter sogar noch lustiger als die Sprüche von B – irgendwie hängt das mit Einfaltspinsel zusammen. Jeder muß sein Publikum bedienen, das bringt Knete!

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