„Nein heißt Nein“ & häusliche Gewalt. Ein Streitgespräch

René Pickhardt schrieb hier schon einmal über seine Erfahrungen mit häuslicher Gewalt. Als Unterstützer des Prinzips „Nein heißt Nein“ debattiert er mit Männerrechtler Arne Hoffmann über Sex, Konsens und Anlaufstellen für Opfer.

V.I.O.L.E.N.C.E von Nari Sin unter CC BY-SA 2.0, zugeschnitten

Hallo René, Sie haben hier schon einmal über Ihre Erfahrungen mit häuslicher Gewalt berichtet. In einem kürzlich erschienenen Video sprechen Sie nun von Ihrer Vergewaltigung und unterstützen dabei auch die Initiative, „enthusiastic consent“ zur Grundlage der Rechtsprechung zu machen. Was heißt das genau und was versprechen Sie sich davon?

René Pickhardt: Darunter verstehe ich die Grundhaltung, dass sexuelle Handlungen zwischen 2 oder mehreren Personen einvernehmlich statt finden sollten. Das heißt es muss vor der sexuellen Handlung ein explizites JA von allen Beteiligten abgefragt werden. Somit würde man beim Sex ohne Konsens von einer Vergewaltigung sprechen. Die Privat- und Intimsphäre von Menschen halte ich ebenso wie die Würde für wertvoll und schützenswert. Eine derartige Verankerung im Gesetz – aber auch die Aufklärung darüber im Sexualkundeunterricht in den Schulen – hätte meiner Meinung nach eine sehr deutliche und positive Signalwirkung und würde Menschen Sicherheit für ihr Sexualleben geben.

Zu oft habe ich erlebt wie Frauen abfällig die Augen verdrehten, wenn ich mal keine Lust hatte oder Männer mir berichtet haben, dass es doch normal sei, die Frau ein wenig überreden zu müssen. Beide Beispiele sind für viele Menschen leider alltäglich – oftmals auch nicht traumatisierend – aber meiner Meinung nach dennoch sehr gewaltvoll.

Arne, was halten Sie von den Ausführungen? Gerade auch vor dem Hintergrund der Frage, ob entsprechend strenge oder strenger ausgelegte Gesetze häusliche/sexuelle Gewalt gegen Frauen u n d Männer eindämmen können?

Wie entsteht Konsens?

Arne Hoffmann: Dass Sex einvernehmlich stattfinden soll, ist klar. Ich glaube allerdings nicht, dass der Konsens nur durch ein explizites „Ja“ erfolgen kann, und bin nicht dafür, dass Sex ohne ein vorausgehendes explizites „Ja“ einen strafbewehrten Übergriff darstellen soll. Andernfalls wären die meisten sexuellen Zusammenkünfte eine Vergewaltigung. Tatsächlich findet doch der Großteil der Kommunikation beim Sex nonverbal statt und größtenteils nonverbal wird während dem Sex ausgehandelt, was dabei geschieht. Dass ein Nein zum Ja wird, gehört zum Ziel der erotischen Verführung – ein Prozess, den die meisten Menschen genießen, solange sie die Macht haben, ihn jederzeit beenden zu können. Ich weiß, dass an US-Colleges inzwischen gelehrt wird, man solle bei jedem einzelnen Schritt erst ein verbales, enthusiastisches Einverständnis des Partners einholen – „Darf ich jetzt deine Brust küssen?“ – glaube aber nicht, dass viele Studenten das tatsächlich umsetzen werden. Die Verantwortung jedes Menschen, seinen Partner nicht zu etwas zu manipulieren, was der gar nicht möchte, ist eine moralische Frage, die sich dem Strafrecht oft entzieht.

RP: Wir scheinen uns einig zu sein, dass Sex einvernehmlich sein soll. Konsequenterweise finde ich, dass nicht einvernehmlicher Sex gesellschaftlich und juristisch als Vergewaltigung anerkannt werden sollte. Arne möchte jedoch nicht ständig nach einem JA fragen und macht sich Sorgen, die Erotik ginge dabei flöten. Wie aber kann er sich im Falle der von ihm beschriebenen Verführung sicher sein, dass der anschließende Geschlechtsverkehr einvernehmlich ist? Die Gefahr ist hoch, dass aus einer (erotisch und gut gemeinten) Verführung für den Gegenüber ein Überreden oder gar eine Nötigung wird. Darüber hinaus wird mit der skizzierten Einstellung, sogar ein NEIN übergangen. Wie kann unter der Prämisse, dass ein NEIN die Einladung zum Weiterverführen darstellt, ein Mensch überhaupt noch die Macht haben zu signalisieren, dass er weder Sex wünscht, noch dass er verführt werden möchte? Für mich hat der Betroffene so nur die Chance es über sich ergehen zu lassen. Das wirkt auf mich nicht einvernehmlich.

AH: Wir haben ja Zahlen darüber, wie sich Menschen beim Sex verhalten. 40 Prozent aller Frauen haben einer Studie der Universität Texas zufolge schon einmal, öfter oder routinemäßig „Nein“ gesagt, obwohl sie „Ja“ gemeint haben. Die Feministin Cathy Young zitiert eine weitere Befragung: 60 Prozent aller Männer lassen sich nicht durch ein erstes „Nein“ von ihrem Vorhaben abbringen, aber die überwältigende Mehrheit hört auf, wenn die Frau mehr als einmal „nein“ sagt, und fast der gesamte Rest lässt sich durch körperlichen Widerstand stoppen. Auch deutliche nonverbale Signale (eine Hand abschütteln, auf Abstand gehen) funktionieren gut.

Es gibt übrigens auch viele Männer, die anfangs „nein“ sagen, obwohl sie „ja“ meinen – etwa weil sie eine Frau etwas mehr herausfordern wollen. In einer Befragung erklärten drei Viertel, sie fänden solche Taktiken durchaus vergnüglich.

Es steht jedem Paar frei, in seiner Beziehung eigene Regeln festzulegen und sich z.B. an den „Verträgen“ der SM-Szene zu orientieren, in denen genau festgehalten wird, was im Bett stattfinden darf und was nicht. Aber was bei gefesselten und geknebelten Partnern sinnvoll ist, sollte nicht zum allgemeinen Gesetz erhoben werden.

Im übrigen wohnt auch dem Aussprechen des Wortes „Ja“ keine magische Macht inne. Es gibt vielfältige Wege, einen Menschen zu einem „Ja“ zu manipulieren, obwohl er eigentlich keine Lust zum Sex hat.

Sex vor Gericht

Ja heißt auch nicht zwingend Ja – René, was sagen Sie dazu? Die Kritik am „Nein heißt Nein“ vor Gericht, wie sie etwa im Fall Gina-Lisa Lohfink geäußert wurde, verwies ja besonders auf die mögliche Aushöhlung des Prinzips „Im Zweifel für den Angeklagten“ – Gibt es denn ein Konzept, wie das vermieden werden könnte?

RP: Ich wünsche mir von Arne konkrete Antworten auf meine bereits gestellten Fragen: Wie stellst du bei der von dir beschrieben erotischen Verführung sicher, dass das finale JA eben nicht eine Manipulation war von deren Möglichkeit/Gefahr du gerade selbst gesprochen hast? Und wie kann ein Mensch überhaupt noch ein NEIN signalisieren, wenn Ablehnungen als Teil des erotischen Spiels und der Verführung gewertet und übergangen werden dürfen?
Die aktuelle Gesetzeslage und deine Einstellung verstehe ich so, dass aktive körperliche Gegenwehr – ich nenne das jetzt mal körperliche Gewalt – nötig wäre, um die Grenze deutlich zu machen. Ich hoffe du hast eine besser Alternative im Angebot, denn körperliche Gewalt als Teil des Prozesses, um (sexuellen oder anderen) Konsens herzustellen halte ich gelinde gesagt – und aus Erfahrung sprechend – für eine Scheißidee. Selbst wenn beide Partner die gleichen körperlichen Voraussetzungen hätten, was ja so gut wie nie der Fall ist. Ich stelle mir das gerade bildlich vor und denke das mal zu Ende: Jemand macht sein Nein durch körperliche Gewalt deutlich und bekommt eine Anzeige wegen Körperverletzung – eigentlich nur weil er oder sie gerade keine Lust auf Sex hatte aber das (non)verbale NEIN als Teil des Spiels gewertet und übergangen wurde…
Wenn ich Arnes gewaltfreie Alternative dann verstanden habe, gehe ich gerne auf seine aktuellen neuen Gedanken und Studien ein, zu denen ich mir Links bzw. Quellen wünschen würde.

AH: Wir sprechen von unterschiedlichen Dingen. Eines ist die spielerische Verführung mit Berührungen, Komplimenten, Verlockungen und so weiter. Die meisten lassen von ihren Verführungsversuchen ab, sobald deutlicher signalisiert wird, dass das Nein Bestand hat: verbal („Es ist mein Ernst, ich will das nicht!“), indem man aufsteht und geht, etcetera. Macht der Partner aber schließlich doch bereitwillig beim Sex mit, obwohl er anfangs Nein gesagt hatte, handelt es sich um keine Vergewaltigung. Hier hat das Strafrecht nichts verloren.

Eine andere Sache ist manipulativer Druck zum verbalen Ja, das für René das Nonplusultra darstellt. Drei von vielen denkbaren Beispielen: „Wenn du nicht mit mir schläfst, verlasse ich dich!“ – „Wenn du ein echter Mann wärst, würdest du mich jetzt vögeln!“ – „Wenn du nicht mit mir ins Bett gehst, tue ich mir etwas an!“ Angenommen, die jeweilige Methode ist erfolgreich und ein Partner lässt sich zum „Ja“ drängen, obwohl er eigentlich nicht die geringste Lust auf Sex hat. Wäre damit alles in Butter, was René zu glauben scheint, weil er alles vom Wort „Ja“ abhängig machen will? Wohl kaum. Trotzdem hat auch hier das Strafrecht nichts verloren.

Das Strafrecht greift aus gutem Grund dann, wenn ein Mensch einen anderen durch eines von drei Kriterien zum Sex nötigt: Gewalt, Drohung mit Gefahr für Leib und Leben, Ausnutzen einer schutzlosen Lage. Diese Kriterien sind sinnvoll. Wenn wir auch gewaltfreie Verführungsversuche und manipulativen Druck vom Strafrecht erfassen lassen, ufert die Definition von „Vergewaltigung“ aus ins Absurde. —

Und hier die Quellen nach denen du gefragt hattest1

JA kein Freifahrtschein!

RP: Mein Nonlpustultra ist nicht ein erzwungenes verbales JA als Freifahrtschein, sondern der freiwillig gegebene Konsens. Den erkenne ich in keinem der Beispiele. Eine Definition von Vergewaltigung, die derartigen manipulativen Druck und psychische Gewalt als Straftat beinhaltet wäre für mich wünschenswert und vermutlich näher an der Lebenswirklichkeit der meisten Opfer, als die aktuelle juristische Definition.

In meinem Blog erkläre ich, wie man mit Hilfe des Konsensprinzips einvernehmlichen und prickelnden Sex in aller Couleur haben kann. Den strebst du laut deiner 1. Antwort an. Während ich von dir immer neue Themen und Gegen-Argumente lese, kann ich immer noch keine Antwort auf meine Ursprungsfrage finden: Wie stellst du Konsens sicher? Woher weißt du, wann bereitwillig wirklich bereitwillig war, gerade wenn übergangene NEINS im Rahmen der erotischen Verführung im Spiel waren? Wie soll es bei einem One night stand klappen, wo die Grenzen noch viel unklarer als in der langjährigen Partnerschaft sind? Erkläre mir und den Lesern doch bitte, wie du ohne das Konsensprinzip besser als mit dem Prinzip die Einvernehmlichkeit gewährleisten kannst!

Übrigens: “Es mit sich machen lassen”, “Kein NEIN äußern” oder “Keine körperliche bzw. verbale Gegenwehr” werte ich nicht als Zustimmung. Man denke an ein Schulkind, das von der kompletten Klasse gemobbt wird und aufgegeben hat sich zu wehren. Da würde kein Mensch auf die Idee kommen, dass das Kind auf Grund der ausbleibenden Gegenwehr nun einverstanden ist und seinen (impliziten) Konsens gegeben hat! Wieso sollte so etwas im Bett, in der das Opfer durch die (direkt) vorangegangene (häusliche oder psychische) Gewalt mundtot gemacht wurde, plötzlich ok sein?

In meinem Blog versuche ich nochmal deutlicher auszuführen, wie Konsens auch rechtlich umgesetzt werden kann.

AH: Wenn jemand mit einem anderen Menschen Sex hat und der andere durch keine Signale deutlich macht, dass er das in diesem Moment nicht möchte, muss man davon ausgehen, dass dieser Sex freiwillig stattfindet. Ich teile hier durchgehend die Auffassung der Professorin für Strafrecht und Kriminologin Monika Frommel: Eine Frau, die keinen Sex möchte, muss sich nicht wehren, „sie muss aber versuchen, sich zu entziehen, wenn dies möglich ist. Will sie sich – aus inneren Gründen – weder wehren noch entziehen, dann kann dies sehr belastend sein, aber kein Strafrecht kann hier sinnvoll eingreifen.“ Dasselbe gilt für Männer.
Vor ein paar Tagen hat die ZEIT ein Interview mit dem Paartherapeuten und Sexualforscher Ulrich Clement veröffentlicht. Er verdeutlicht, dass Erotik „eine kleine Hürde“ braucht: „Sonst ist sie wie Tennis ohne Netz: witzlos. Der amerikanische Sexualtherapeut Jack Morin hat dafür die erotische Gleichung aufgestellt: Erregung = Anziehung + Hindernis. Anziehung allein reicht nicht. Man muss etwas haben, das es zu überwinden gilt.“ Ich glaube nicht, dass man diese Grunddynamik außer Kraft setzen kann. Die wenigsten Menschen werden vor dem Sex einen Vertrag miteinander abschließen, nur um hundertprozentige Sicherheit zu haben, dass ein Partner nicht innerlich unwillig beim Sex mitmacht. Sex ist kein Mobbing. Beim Sex geht man davon aus, dass der Partner es auch möchte und es ihm gefällt.

Hilfe für Opfer

Mir scheint, wir werden bei diesem Thema keinen Konsens mehr erzielen.
Vielleicht nochmal zu einem anderen Komplex der euch glaube ich beiden am Herzen liegt: René, Sie hatten ja bei uns und im Video sehr ausführlich und offen über sexuelle Gewalt gegen sich berichtet. Da sprach viel Verzweiflung übers nicht gehört Werden… woran lag es Ihrer Meinung nach, dass es so schwer war Hilfe zu finden?

RP: Das Hauptproblem von männlichen Opfern häuslicher Gewalt ist meiner Meinung nach die zusätzliche strukturelle Gewalt, die aus dem anerzogenen, sexistischen Weltbild vom starken Mann, dessen Rolle es ist die schwache Frau zu beschützen, resultiert. Dieses wird scheinbar von zu vielen Menschen als Normalität wahr genommen.
Sucht man(n) auf der Webseite der Polizei Informationen über eine Anzeige wegen häuslicher Gewalt wird der Weg über caritative Institutionen vorgeschlagen. Ich als Mann wurde dort bei jedem Anlauf vertröstet. Die Mittel seien vom Ministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend für weibliche Opfer bereitgestellt. Auf der Webseite dieses Ministeriums habe ich in allen mir bekannten Förderrichtlinien und Hintergrundinfos die häusliche Gewalt betreffen zwar geschlechtsneutrale Sprache gefunden, jedoch ging es ausschließlich um Frauen oder Kinder in der Opfer- und Männer oder Eltern in der Täterrolle. Allein die Vorstellung, dass es auch umgekehrte Rollenverteilungen geben könnte scheint in unserem Ministerium, dessen Name die Männer nicht explizit nennt, und in unserer Gesellschaft ein Tabu oder unvorstellbar zu sein. Auch auf EU-Ebene ergab sich für mich ein ähnliches Bild.

AH: In diesem Punkt sind René und ich uns einig. Ich arbeite seit über 15 Jahren an diesem Thema, und es geht nur schleppend voran. 2012 hat die Opferhilfe Hamburg die damalige Frauenministerin Schröder in einem Offenen Brief auf die Schieflage aufmerksam gemacht, was männliche Opfer angeht. Das blieb meiner Kenntnis nach ebenso ergebnislos wie ein Offener Brief, den der männerpolitische Verein MANNdat 2007 an den nordrhein-westfälischen Innenminister geschickt hatte, um die unzureichende Hilfe und Beratung seitens der nordrhein-westfälischen Polizei für männliche Betroffene häuslicher Gewalt anzusprechen. Der Soziologe Ludger Jungnitz berichtet von Fällen, „wo Betroffene ausgelacht wurden oder es nicht geschafft haben, eine Anzeige zu erstatten.“ Selbst wenn ein Mann am Kopf blutet, kann es ihm passieren, dass er für Polizisten automatisch als Täter gilt und abgeführt wird.
Im Sommer letzten Jahres wurden der damalige MANNdat-Vorsitzende Dr. Andreas Kraußer und ich als Experten zu einer öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Frauen, Gleichstellung und Emanzipation des nordrhein-westfälischen Landtags eingeladen; der von uns unterstützte Antrag der FDP, der Präventionsangebote für gewaltbetroffene Männer forderte, wurde mit der Mehrheit von SPD, Grünen und Piraten abgelehnt. .

Wohin sich wenden?

Wo haben Sie denn schließlich konkret Hilfe gefunden?

RP: Hilfe habe ich im Gesundheitssystem gefunden. Sowohl in der psychiatrischen Akutklinik in die ein guter Freund mich einen Tag nach der Vergewaltigung gebracht hatte, nachdem die Notärztin im Rettungswagen mich zu erst mitnehmen wollte, aber dann feststellte, dass kein Prozess für männliche Vergewaltigungsopfer existiert und mich nach 45 Minuten doch zu Hause gelassen hat. Ich weiß nicht, was ohne die Zivilcourage meines Freundes passiert wäre. Auch in der anschließenden ambulanten Therapie und aktuell in einer Rehaklinik konnte ich viel Unterstützung und Hilfe finden. Allerdings musste ich oft mit schmerzlichen Erinnerungen darüber hinweg sehen, dass es auch im Gesundheitswesen extra geschützte Angebote für weibliche Opfer von Gewalt mit ausschließlich weiblichem Personal gibt aber keine Männerstationen existieren. Dass ich in den ersten 2 Wochen nach dem sexuellen Übergriff panische Angst vor Frauen hatte und ständig mit Pflegerinnen, Patientinnen und sogar alleine in einem Raum mit der Ärztin war, hatte vielleicht auch einen positiven Lerneffekt, empfand ich zunächst allerdings stark belastend.
Ökonomisch gesehen hat meine Heilung mittlerweile ca. 30000 € gekostet, die letztlich von der Gesellschaft getragen werden. Darin ist noch nicht der wirtschaftliche Schaden für meinen Arbeitgeber enthalten, der durch meine zunächst eingeschränkte Leistungsfähigkeit entstand. Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine frühere Intervention z.B. in den caritativen Einrichtungen die Kosten unterm Strich hätten reduzieren können, da ich vielleicht eine weniger starke posttraumatische Belastungsstörung entwickelt hätte.

Gibt es denn derzeit Stellen, an die sich Männer mit Gewalterfahrung konkret wenden können?

AH: Da bei den bestehenden Institutionen die Lage so desolat ist wie René es schildert, muss eine echte Hilfe für männliche Opfer erst errichtet werden. Graswurzelaktivisten der Männerbewegung haben in den letzten Jahren versucht, autonome Hilfsangebote dieser Art aufzubauen, aber da nur Frauenhäuser staatliche Unterstützung erhalten, ist das Überleben dieser Notlösungen kontinuierlich gefährdet. Aktuell setze ich große Hoffnung auf das Männerberatungsnetzwerk, dessen Arbeit aber gerade erst begonnen hat.
Hier muss sich auf staatlicher Ebene vieles dringend ändern, und das ist meines Erachtens nur möglich, wenn die gesellschaftliche Unterstützung der Männerrechtsbewegung zunimmt. Leider wird stattdessen maskulistisches Engagement von den MachthaberInnen in der Geschlechterpolitik wie Manuela Schwesigs Frauenministerium ignoriert, wenn nicht sogar attackiert. Auch Anti-Gewalt-Berater berichten über heftige Anfeindungen, sobald sie auf weibliche Täter zu sprechen kommen.

„Es geht um Gleichberechtigung“

René, Sie sprechen in Ihren Artikeln öfter davon, dass es Männern helfen könnte sich stärker auf den Feminismus einzulassen. Inwiefern?

RP: Letztlich geht es um Gleichberechtigung. Dass Frauen vor 50 Jahren starke Benachteiligungen erlebten und zum Teil immer noch erleben ist ein tragischer Fakt, den wohl kaum jemand ernsthaft bestreiten kann. Die Mädels haben sich damals vernetzt und aus der schwachen Position heraus um ihr gutes Recht auf Menschenwürde und Gleichheit gekämpft und viel erreicht. Davon können wir Männer uns einiges abgucken.
Wie das Gespräch zeigt gibt es Situationen (z.B. männliche Gewaltopfer), in denen Männer benachteiligt werden. Die Frage, wer wie viel und wer mehr oder weniger benachteiligt wird erscheint mir nicht zielführend. Erstens sollten wir Benachteiligungen grundsätzlich entgegen wirken und zweitens lässt sich deren Ausmaß auf Grund der (vermutlich hohen) Dunkelziffer eh nicht schätzen.

Leider beobachte ich diese Grabenkämpfen sowohl in der Männerrechtsbewegung als auch im feministischen Lager. Besonders absurd finde ich die überwiegend ablehnende Haltung gegenüber männlichen Opfern bei Feministinnen. Eine Feministin, die die Ursache der strukturellen Benachteiligung von Frauen im Sexismus sieht müsste sich doch intuitiv und aus eigenem Interesse gegen das Bild „des starken Mannes der kein Opfer sein darf und der von ihm beschützenswerten Frau“ wehren und damit männliche Opfer anerkennen und schützenswert finden.

AH: Ich stimme zu, dass eine Opferolympiade – welches Geschlecht wird am stärksten benachteiligt – niemandem nützt. In meinem Buch „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ spreche ich mich für den integralen Antisexismus aus, also die Bekämpfung von Sexismus bei beiden Geschlechtern. Ich verweise auch regelmäßig auf die Minderheit der Equity-Feministinnen, die mit Männern an einem Strang ziehen. Und bei dem ersten ganzheitlichen Genderkongress in Nürnberg war geplant, dass ich zusammen mit Ursula Matschke, der Gleichstellungsbeauftragten von Stuttgart, eine Arbeitsgruppe zur häuslichen Gewalt leite.
Leider sagte Frau Matschke zwei Tage vor dem Kongress ebenso wie mehrere andere Teilnehmer plötzlich ab. Erst später erfuhren wir, dass das Ministerin Schwesig untergeordnete Bundesforum Männer – für das häusliche und sexuelle Gewalt gegen Männer übrigens kein Thema zu sein scheint – Referenten vor der Teilnahme an unserem Kongress warnte. Die klassischen Frauenverbände und Gleichstellungsbeauftragten verweigerten ohnehin ihre Teilnahme. Eine prominente Gleichstellungsbeauftragte kündigte an: „Wir werden alles tun, damit niemand kommt.“
Solche Dinge machen es leider enorm schwer, mit Feministinnen an einem Strang zu ziehen, was die Bekämpfung häuslicher und sexueller Gewalt angeht. Dabei müsste in der Tat die Gemeinsamkeit der Opfererfahrungen enorm verbindend sein und helfen, Empathie füreinander zu entwickeln und sich gegenseitig bei diesem Kampf zu unterstützen.

Vielen Dank Ihnen beiden, ich bin mir sicher diese Themen bieten noch viel Stoff für Debatte, vielleicht ja direkt im Anschluss auch mit unseren Lesern.

Das Gespräch wurde via email geführt. Es moderierte Sören Heim

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140 Prozent aller Frauen haben einer Studie der Universität Texas zufolge schon einmal, öfter oder routinemäßig „Nein“ gesagt, obwohl sie „Ja“ gemeint haben.

  -> Vgl. Nuber, Ursula: Intime Fragen. Die amerikanische Sexualforschung. In: Nuber, Ursula: Frauen und Sexualität. Weinheim/Basel 1991, S. 125-134. Der Verweis auf die Studie findet sich auf S. 131-132.

  Siehe im übrigen zu weiteren Studien und Befragungen, die diese Zahl in der Tendenz stützen: Fillion, Kate: Lip Service: The Truth About Women’s Darker Side in Love, Sex and Friendship. New York 1996, S. 256.

  – Die Feministin Cathy Young zitiert eine weitere Befragung: 60 Prozent aller Männer lassen sich nicht durch ein erstes „Nein“ von ihrem Vorhaben abbringen, aber die überwältigende Mehrheit hört auf, wenn die Frau mehr als einmal „nein“ sagt, und fast der gesamte Rest lässt sich durch körperlichen Widerstand stoppen.

  -> Vgl. Young, Cathy: Ceasefire! Why Women and Men Must Join Forces to Achieve True Equality. New York 1999, S. 144.

  – Es gibt übrigens auch viele Männer, die anfangs „nein“ sagen, obwohl sie „ja“ meinen – etwa weil sie eine Frau etwas mehr herausfordern wollen. In einer Befragung erklärten drei Viertel, sie fänden solche Taktiken durchaus vergnüglich.

  -> Vgl. ebenfalls Young, Cathy: Ceasefire! Why Women and Men Must Join Forces to Achieve True Equality. New York 1999, S. 144.

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Portrait_Arne_HoffmannArne Hoffmann, geboren 1969, studierte Medienwissenschaft an der Universität Mainz. Er gilt durch zahlreiche Artikel und Bücher wie „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ zu den Sprechern und Vordenkern der deutschen Männerbewegung. Seit über zehn Jahren führt er das geschlechterpolitische Newsblog Genderama.

Rene Pickhardt

Rene Pickhardt

Rene wurde 1985 geboren und war von 2011 bis 2014 in einer Beziehung in der er häusliche Gewalt erlebt hat. Seit Ende 2015 schreibt er in seinem Blog über häusliche Gewalt mit einem Schwerpunkt auf männliche Opfer. Er führt einen englischen IT Blog und promoviert über natürliche Sprachverarbeitung. Mit seiner Freundin betreibt er in seiner Freizeit das Projekt #unverschuldet, dass durch youtube videos verschuldeten Menschen Hilfe und Motivation bieten soll.
Gewalt: http://gewalt.rene-pickhardt.de
IT: http://www.rene-pickhardt.de)
#unverschuldet: http://www.unverschuldet.org
auf youtube: http://www.youtube.com/unverschuldet

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