EURO 2016 – Die Lust am Terror?

Die Berichterstattung zur Fußball-EM beschäftigt sich mehr mit der Gefahr terroristischer Anschläge, als mit dem Fußball. Klug ist das nicht.



Foto: CC0 Public Domain Bearbeitung: HS

Seit Wochen ist die Gefahr terroristischer Anschläge auf die Fußball-EM in Frankreich das beherrschende Thema unzähliger Fernseh-/ Radiosendungen und Presseartikel. Offenbar kann man mit dem Thema zur Zeit Aufmerksamkeit erzielen wie mit keinem zweiten. Tatsächlich betreiben die Medien und die in diesen Medien auftretenden „Terror-Experten“ damit jedoch neben ihrem eigenen Geschäft das Geschäft der Terroristen – und das der jeweiligen Politiker, die die Terrorangst schüren, um mit dem Argument der Sicherheit zunehmend die Freiräume der Bürger in Europa einzuschränken.

Wochen vor der EM warnten die USA bereits Touristen vor möglichen Anschlägen in Europa.

Wir warnen US-Bürger vor dem Risiko terroristischer Anschläge in Europa“, heißt es auf der offiziellen Seite. Ziele könnten vor allem Sehenswürdigkeiten, Restaurants, Einkaufszentren oder der öffentliche Nahverkehr sein. Der Hinweis gilt bis zum 31. August dieses Jahres.

Ja, irre hilfreich. Das alles und jedes zum Anschlagsort werden kann, ist so banal wie zutreffend. Das ist so und das war so und das wird auch immer so sein. Auch nach dem 31.August 2016, garantiert. Als ob es ab 1.9.2016 keine Terrorgefahr mehr gäbe.

In Bulgarien starben bei einem Bombenanschlag auf die Kathedrale „Sweta Nedelja“ 125 Menschen. Falls Sie sich daran nicht erinnern, macht nichts, das war bereits 1925.

Falls Sie meinten, Terroranschläge seien ein Phänomen der letzten Jahre und sie seien eine Erfindung von Islamisten, liegen Sie völlig falsch. Gucken Sie sich einmal diese unvollständige Auflistung bei Wikipedia an. Da hat man schon manchen Anschlag vergessen.

Neu ist allenfalls der Umgang mit der Angst vor neuen Anschlägen und deren medialer Vermarktung. Offenbar verkauft sich das Grauen gut. Auf der einen Seite wird die Bevölkerung verunsichert – wobei das unserem Bundesinnenminister mit seinem dämlichen Spruch, Teile seiner Antwort würden die Bevölkerung verunsichern, in unnachahmlicher Weise gelungen ist – auf der anderen Seite wird so getan, als hätten die Behörden alles im Griff. Beides ist großer Unfug.

Wenn der französische Präsident Hollande z.B. auf der einen Seite den Ausnahmezustand verhängt und diesen bis zwei Monate nach der EM aufrecht erhält – in dieser Zeit in Frankreich also eine Art Kriegsrecht gilt und überall schwer bewaffnete Soldaten rumstehen – sein Sportminister aber gleichzeitig verbreitet, „Kein Event war so sicher wie die EM 2016“, dann kann man eigentlich nur wahlweise in irres Gelächter ausbrechen oder aber mit dem Kopf auf die Tischplatte schlagen. Hollande verspricht „maximale Sicherheit“. Das kann er auch tun ohne zu lügen, da maximale Sicherheit eben keine 100%ige Sicherheit ist. Ich tu mein Bestes, bedeutet ja nicht, dass das reicht.

Kein Staat und keine private Organisation kann verhindern, dass entschlossene Menschen andere Menschen töten. Die Zahl der möglichen Ziele ist zu groß, um allen einen wirklichen Schutz verpassen zu können. Natürlich kann man die Stadien in Hochsicherheitsbereiche umwandeln, aber es müssen doch gar nicht die Stadien sein, die angegriffen werden. Natürlich kann man die offiziellen Fanmeilen in den jeweiligen Hauptstätten einigermaßen überwachen, aber doch nicht alle Orte, an denen Menschen zusammenkommen, um zu feiern. Das Rudelgucken macht doch viel mehr Spaß als alleine Zuhause vor der Glotze zu hängen. Der ein oder andere mag mit Sandsäcken um sein Sofa und schusssicherer Kevlarweste um den Wanst vor dem Fernseher sitzen. Til Mette sah bei der letzten WM schon Soldaten in der Wohnung patrouliieren.

Wie wenig der optisch hergestellten Sicherheitsillusion, die unsere Politiker für uns zaubern, zu trauen ist, zeigen eindringlich die Versicherungen, indem sie die Prämien für eine Terrorversicherung für das EM-Turnier so hoch berechnet haben, dass die UEFA es sich gar nicht leisten konnte, eine Versicherung abzuschließen. Mit der Einschätzung von Risiken kennen die sich am besten aus.

Man sollte sich auch nicht der Illusion hingeben, ein Anschlag können nur aus den Reihen des IS kommen. Der vor ein paar Tagen in der Ukraine mit fünf Maschinengewehren, drei Raketenwerfern und andere Waffen sowie Munition und 125 Kilo TNT festgenommene Franzose, war offenbar ein französischer Nationalist, der die französische Regierung wegen des „massiven Zuzugs von Ausländern nach Frankreich, die Verbreitung des Islam und die Globalisierung“ treffen wollte.  Solche Vögel gibt es vermutlich auch in jedem EM- oder auch Nicht-EM-Land.

Vielleicht betrachten Terrorgruppen und einzelne Massenmörder die EM ja auch als ihr Terror-EM-Turnier und bereiten aus den unterschiedlichsten Motiven die unterschiedlichsten Anschläge vor, um unter sich den Terroreuropameister zu küren. Da kämen neben IS und Ultranationalisten aus Frankreich ja noch die PKK, Nationalisten aus der Ukraine, graue Wölfe aus Türkei oder auch freischaffende Irre oder beliebige andere Gruppen in Frage. Die Anschlagsziele müssen auch gar nicht unbedingt in Frankreich liegen. Und es müssen auch gar nicht Fußballfans sein, die ins Visier gelangen. Nichts ist unmöglich. Es wird garantiert auch völlig fußballferne Idioten geben, die sich die Spiele ansehen, weil sie einen Terroranschlag live erleben wollen. Da die öffentlich-rechtlichen berichten, wird uns dann hoffentlich wenigstens der Werbeblock  erspart bleiben.

Nun könnte man natürlich sagen, wenn das wirklich so brandgefährlich ist, dann lassen wir den Scheiß doch einfach. Ist doch nur Fußball. Aber das wäre das Falscheste was wir überhaupt tun könnten. Genauso falsch wäre es – wie bereits angekündigt – das Turnier nach einem Anschlag zu beenden. Bereits eine solche Ankündigung ist geradezu eine Aufforderung zum Tanz an Terroristen. Das ist völlig bescheuert. Nein, so geht das nicht.

Die Älteren werden sich noch an den Terroranschlag auf die israelische Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in München erinnern. Nach diesem furchtbaren Anschlag wurden die Spiele zwar für einen Tag unterbrochen, dann aber nach einer Trauerfeier –  mit Zustimmung der israelischen Regierung – fortgesetzt. Avery Brundages Satz:

 The games must go on.

wurde zwar heftig auch kritisiert, aber er war die einzig richtige Antwort auf den dreckigen antisemitischen Terror. Genauso richtig äußerte sich der Präsident des Organisationskomitees Willy Daume:

Es ist schon so viel gemordet worden – wir wollten den Terroristen nicht erlauben, auch noch die Spiele zu ermorden.c

So und nur so kann es gehen, was auch immer während der EM geschehen mag. Da hilft dann nur der Wahlspruch unsere Nationalmannschaftsphilosophen Lukas Podolski: “Mund abwischen und weiter.“

Zu unserer europäischen Kultur, zu unserer Freiheit, die Europa nicht geschenkt wurde, sondern die mit reichlich Blut erkämpft wurde, gehört ohne Frage auch die Fußballkultur, die Menschen aller gesellschaftlichen Gruppen vereint. Dass die FIFA und auch die UEFA offensichtlich korrupte Haufen sind, ändert nichts daran, dass der Fußball die Menschen fasziniert und begeistert wie keine zweite Sportart. Es sollte jedem Terroristen von vorneherein klar sein, dass er zwar mit einem Anschlag großes Leid anrichten kann, dass es ihm aber niemals gelingen wird, diese Kultur wegzubomben oder zu schießen. Gekickt wird auch zwischen Trümmern. So falsch war das Lied der Nationalmannschaft von 1974, Fußball ist unser Leben, gar nicht.

 

Ha-Ho-Hea-Hea-He. Wenn das keine Terroristen verscheucht, dann weiß ich es auch nicht.

Umgekehrt sollten wir aber auch allen Sicherheitspolitikern und  selbsternannten Terrorexperten deutlich machen, dass wir keineswegs bereit sind, unsere Freiheitsrechte durch gesetzgeberische Anschläge und Überwachungstechniken immer weiter einschränken zu lassen, auch wenn sie uns erzählen, dass erhöhe unsere Sicherheit. Nein, das tut es nicht, es erhöht nur die Möglichkeiten uns zu überwachen.

Hilfreich wäre, wenn die Medien in den Übertragungen über die EM als reines Sportereignis berichten und andere Nachrichten den Nachrichtensendungen überließen. Umgekehrt brauche ich in den Nachrichten auch keine Wiederholung dessen, was ich gerade erst live gesehen habe. Wenn sich Politiker zur Nationalmannschaft, deren Zusammensetzung oder deren Sangeskünsten äußern wollen, dann können sie das ja soviel sie wollen. Darüber zu berichten kann man sich aber getrost schenken. Möge die EM einfach mal den Fußballern und den Fans gehören und nicht dem kommenden Wahlkampf. Ob außer anständig zahlenden Fans noch irgendwelche Politiker für lau ins Stadion gekommen sind, will ich auch gar nicht wissen, aber vielleicht erspart uns ja deren selbstgeschürte Terrorangst den ein oder anderen peinliche Anbiederungsversuch. Schön wär’s ja.

Ich wünsche Ihnen und mir eine schöne EM mit spannenden Spielen, vielen Toren und ohne Terror.

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne „Recht klar“ erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

More Posts - Website

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir verwenden Cookies, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an soziale Medien und für Analysen weiter. Durch die Benutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen

Wir verwenden Plugins, mit denen Sie unsere Inhalte in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Google+ teilen können. Bereits durch den Aufruf von Seiten werden Informationen an diese sozialen Medien weitergegeben. Außerdem verwenden wir Google Analytics, um die Nutzung unserer Seite analysieren zu können.

Schließen