Tot, toter, am totesten. Immernoch: Die Serie.

Zum Staffelstart von Game of Thrones kann Sören Heim es nicht lassen und prügelt nochmal auf die bereits für tot erklärte Form der Serie ein. Die 6. GOT – Staffel schaut er trotzdem. Inkonsequent? Quatsch: Seifenopern machen Spaß

Montage aus "Sril Walter White" (Jaroh) und "A Lannister Always Pays His Debts" (Mike Kniec) und "Jon Hamm" (Dominnik D) https://goo.gl/eKy6tx / https://goo.gl/CVEvZs / https://goo.gl/2uvCeT - alle CC BY-SA 2.0

Lesen Sie zum Thema auch „Die Serie ist als Kunstform tot!“
und Der Messias von Westeros

Ein fieser Trick

Man müsse die einzelnen Erzählstränge von Game of Thrones einmal so schneiden, dass jeweils eine Geschichte hintereinander weg erzählt wird. So könne man zeigen, wie nachlässig die Handlung eigentlich geschrieben sei. Das schlug kürzlich ein guter Freund vor, der dem vielfach ausgerufenen Zeitalter der Serie ebenso kritisch gegenüber steht wie ich.

Ja ja, das ist unfair, man kann schließlich eine Erzählung schlecht von ihren erzählerischen Mitteln lösen. Und das hin und her Schneiden zwischen relativ unverbundenen Handlungen an unverbundenen Orten ist nunmal das einzige Mittel, das Game of Thrones kennt, gleichermaßen so etwas wie Tempo und eine eng miteinander verwobener Handlung zu suggerieren. Dankenswerterweise haben die Macher uns die entlarvende Schneiderarbeit aber in der vierten und fünften Staffel abgenommen: Die gähnende Langeweile des Daenerys-Stranges ist etwas, das von Game of Thrones bleibt wenn man Ortswechsel und Cliffhanger rausrechnet.

Unmotiviertes Szenen-Hopping

Auch das als die prägende Serie des so genannten Golden Age gefeierte Die Sopranos (zugegeben, tatsächlich die beste der Serien neuen Typs) kennt als Erzähltechnik übrigens vor allem diesen Schnitt. Negativ hinzu kommt noch, dass regelmäßig interessante Handlungsbögen bzw. Entwicklungen einzelner Charakteräre (Tonys Pferd, Christophers Drehbuch) einfach fallen gelassen werden, weil man sich wie Schiller im Don Carlos dann lieber auf neue Charaktere konzentriert, während andere (z.B. Christophers Drogenproblem) zu oft immer nur dann hervorgezaubert werden, wenn sie als dramatischer Effekt der Handlung mal wieder von Nutzen sind. Eine heute eher belächelte Serie wie Ally McBeal hatte im Groben für gewöhnlich mindestens drei Handlungsbögen: Ein bis zwei Gerichtsfälle und parallel dazu ein bis drei private Verwicklungen. Wenigstens einer der privaten Stränge war dabei eingebunden in die übergeordnete Entwicklung der Staffel und Serie, die restlichen Stränge fungierten mal besser, mal schlechter, als Kommentare zueinander. Die neuen Serienhits haben das größtenteils aufgegeben, einen Fortschritt darin vermag ich immer noch nicht zu erkennen. Die reine Neugier auf große Schicksale ist heute wieder so zentral für das dramatische Fernsehen wie zuletzt (und eigentlich doch bis heute ununterbrochen) in der großen Zeit der abfällig so genannten „Seifenopern“.

Ironische Eier!

Nun gut, auf Game of Thrones habe ich nun schon oft genug herumgeprügelt, aber dessen Probleme sind ja allgegenwärtig. Denn wir leben nicht in einem goldenen Zeitalter, wir leben in einem Zeitalter eines allgegenwärtigen Neonaturalismus, in dem das endlose düstere Geschwätz nicht mal mehr zwischen Buchdeckel passen muss. Auch die dritte große gefeierte Serie des Golden Age, Mad Men, ist nichts anderes als ins beinah Unendliche ausgewalztes naturalistisches Drama. Wo Lobhudeleien auf die Serie paradoxe, derbe Comedy erwarten lassen, temporeiche hard-boiled Grotesken aus einer Werbeagentur (und auch der Titel legt doch derartiges nahe) bekommt man stattdessen die nur überhaupt denkbar langsamst erzählten, schon tausendmal dagewesenen Konflikte um enttäuschte Liebe, beruflichen Erfolg, Abtreibung und ein ganz klein wenig Rassismus – immer nur vorsichtig eingestreut, und immer mit dem belehrenden Blick des „Heute wissen wir das natürlich alles besser“ (zwei sehr ausführliche Mad Men-Kritiken hier und hier). Zudem läuft Mad Men stets nach dem Motto des „wanting to have you’re Übermensch and deconstruct it, too“ (ja, das hab ich erfunden und es stimmt!). Wie auch in Game of Thrones werden „Große Männer“ gezeigt, die Geschichte machen, gleichzeitig lässt man all zu deutlich durchblicken, dass man all das jetzt aber nicht wirklich cool finden sollte, so wiederum abgesichert lässt sich traditionelle Männlichkeit (oder was historisch unbedarfte Projektionen sich drunter vorstellen) dann erst so richtig abfeiern. Wenn man die Eier von Don Draper hat, aber hey – ironische Eier. Nicht umsonst setzte Mad Men, nun ganz unironisch, Retro-Mode-Trends.

Wenn selbst die beste Serie aller Zeiten nicht überzeugt, tackeln wir das Golden-Age vielleicht doch nochmal an den Wurzeln. Die Sopranos also. Das ist zumindest was das moderne Gütesiegel „moralische Ambiguität“ betrifft deutlich besser gelungen als Mad Men, Game of Thrones und das ebenfalls in einer Reihe mit diesen genannte Breaking Bad. Dass es erzählerisch die gleichen Schwächen aufweist wurde schon bemerkt. Aber sollte Die Sopranos nicht wenigstens inhaltlich innovativer sein als die Epigonen?

Aber doch wenigstens: Inhaltliche Innovation!?

Ich zweifele: Eine wilde Prämisse, die eine eigentlich unglaublich konventionelle Story trägt. Das war das Blendwerk, mit dem Breaking Bad seine Lorbeeren einfuhr, und für Die Sopranos ist das kaum anders:

Ein Mann leidet an seinem Beruf, an den Dingen die er zu tun gezwungen ist um für eine Familie zu sorgen, zu der er doch gar nicht immer so gerne heimkehrt. Eine Frau verzweifelt an ihrem Mann und den Deformationen, die dieser aus der Welt mit nachhause bringt, ein Sohn am Vater, der Vorbild sein soll und es doch nicht sein kann, eine Tochter entdeckt die große Welt und manchmal aufmüpfig ihre Sexualität… Soweit die großen Konflikte von Eine schrecklich Nette Familie … ich meine Die Sopranos, natürlich auch von Breaking Bad, den Simpsons, Flintsones, Jetsons usw. Und das läuft natürlich, weil es egal ob Mafia, Atomkraftwerk oder Weltraum, das Leben nicht weniger Zuschauer weiterhin zentral zu treffen scheint. So weit, so gut. Aber eben gerade nicht, weil es besonders innovativ, Grenzen niederreißend oder sonst wie revolutionär wäre. Sondern weil es Altbekanntes, Vertrautes, man will fast sagen gemütlich-familiäre Aspekte einer chaotischer erlebten Welt aufgreift und diese mit ganz traditionellen Strukturen in eine opulente, teils drastische Bildsprache packt. Das ist schon alles. Wiederkehr des Immergleichen & noch eine Schippe Spektakel drauf, kulturindustriell erfolgreiches Rezept für Massenkunst, die auch den gehobenen Geschmack befriedigen kann, und das dem Schema nach bereits seit Jahrzehnten. Sonderlich schlimm ist das ja nicht, im Gegenteil: Als spaßige Feierabendunterhaltung habe ich dann auch sowohl Game of Thrones als auch Breaking Bad und Die Sopranos verschlungen (Nur Mad Men geht wirklich nicht, da ist Germany’s Next Topmodel besser gescripted!). Allein, dass sich immer wieder irgendwelche Feuilleton-Vordenker finden, die den Seifenopern unserer Zeit hohe kunsttheoretische Weihen verleihen (dann aber auf die Konsumenten der falschen Seifenopern herabschauen, was Plot & Komposition betrifft könnte manche Episode einer Golden-Age-Serie vom Nachmittagsprogramm bei RTL 2 lernen), das ist traurig.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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