GNTM und der Traum, Prinzessin zu sein. Oder Fußballer. Oder Dichter

Kolumnist Sören Heim sieht Parallelen zwischen jungen Träumen von Sportler-, Schriftsteller- und Modelleben. Und findet die Herablassung gegenüber Letzterem heuchlerisch


Seit relativ jungen Jahren, beinahe so weit ich mich zurück erinnern kann, war in mir die Vorstellung, ich müsse Schriftsteller werden. Andere Ideen kam dazwischen, Astronaut, Anwalt, Fußballstar. Aber abgesehen von jener Phase, in der die Schule einem das Schreiben mit den schrecklichen Vater und Sohn Bildergeschichten auszutreiben versucht, immer wieder die Schriftstellerei.

Muss immer alles „harte Arbeit“ sein?

Eine der ersten und wichtigsten Aufgaben der Erwachsenenwelt schien dabei zu sein, mit unglaublicher Vehemenz darauf zu insistieren, dass das aber „harte Arbeit“ sei. Das Kindermagazin Flohkiste hatte sogar mal ein komplettes Feature über die harte Arbeit des Schriftstellers. Interessanterweise werden bei solchen Interventionen gegen junge Träume dann vor allem solche Stereotypen-Baukastenspieler und notorische Vielschreiber wie Enid Blyton oder Stefan Wolf zitiert, von denen Letzterer in den 50 Jahren seines Schaffens wohl mehr als hundert Mal in etwa das gleiche, von rassistischen und sexistischen Klischees durchzogene Jugendbuch geschrieben hat.
Von T.S. Eliot, dessen gesammeltes Werk inklusive Theaterstücke in einen knapp 500-seitigen Band passen, von Patrick Süßkind, der bis heute eigentlich vor allem vom Erfolg des Parfum zehrt und so immerhin nicht gezwungen ist, an diesem durch das Ausspucken von verschriftlichtem Mittelmäßigkeit zu kratzen, auch von Harper Lee oder vom alten Goethe, der gewiss genügend Freizeit hatte, schweigt man lieber.

Der Traum vom guten Leben

Aber der Traum ist natürlich nicht, sich einen Wolf zu schreiben. Der Traum ist ein anderer. Man hofft im Leben vor allem das zu tun, worin man am meisten Genuss findet. Man hofft, Neigung und Fähigkeit in glücklicher Synthese zusammenzubringen. Man hofft, dann und wann ein Werk von solcher Genialität rauszuhauen, dass man den Rest des Lebens unbeschwert seinen Träumen nachhängen kann. Auch beim Traum vom „Fußballstar“ ist es ja wohl ähnlich. Man will ein Maradona sein, dem die Erfolge (so schien es dem Kind) zufallen, und nicht ein Zweitliga-Profi, der nach vielen Stunden Training pro Tag mit 30 ohne weitere Ausbildung und mit viel zu wenig Rücklagen vor dem Nichts steht. Abseits davon träumt der junge Dichterling vielleicht auch von unglaublichem Erfolg beim anderen Geschlecht und gibt so implizit zu Protokoll, dass er sogar noch zu faul ist, dafür wie es sich gebührt wenigstens Gitarre zu lernen.

Geschenkt, dass die Realität dann anders ist und das vielleicht auch gar nicht so schlimm, geschenkt, dass hinter großer Kunst oft, aber längst nicht immer, viel Arbeit steckt und dass das One-Hit-Wonder ähnlich wie der Lottogewinn die Schaffenskraft auch betrüblich hintertreiben kann. Man lernt solche Dinge im Laufe des Lebens, lernt sie ertragen, einordnen und dann vielleicht sogar genießen. Aber erstmal ist da ein Traum, ich würde sagen einer, der recht unmittelbar mit dem des Strebens nach Glück überhaupt konvergiert.

Jetzt aber: Models!

Hach, das war eine lange Einleitung, um die immer wieder hochkochenden Anfeindungen gegen die Sendung Germany’s Next Topmodel, vor allem gegen den Beruf des Models im Allgemeinen und die Teilnehmerinnen im Besonderen zurückzuweisen. „Das Model ist die Fortsetzung des Lebenstraums Prinzessin, womöglich spricht das für unsere Demokratie, aber ich glaube es kaum“, kritisierte Olga Grjasnowa im vergangenen Jahr. In diesem Jahr machte auf Facebook ein einer GNTM-Kandidatin zugeschriebenes Zitat mit folgendem Wortlaut die Runde: „Nur weil man hübsch ist, heißt das nicht, dass man dumm ist. Man kann auch beides sein.“ Worüber man sich im sozialen Netzwerk natürlich ordentlich beömmelte.

Ja, über „Prinzessinnen“ lacht es sich leicht. Doch wieso? Es klingt auf den ersten Blick schief, aber: Der Traum, Prinzessin zu sein, ist ein im besten Sinne zutiefst bürgerlicher. Es ist, obschon nur dem Ideal nach, „pursuit of happiness“ pur. Auch junge Fußballer oder Dichter eben wollen, wie ich oben gezeigt zu haben glaube, genau das: Prinzessin sein!

Aber das Business ist doch menschenverachtend. Und die Show erst, die ist doch so frauenfeindlich. So hör ich die Spatzen nun von den Dächern pfeifen (die Spatzen der ZEIT etwa, oder des Spiegel, wo Margarete Stokowski eindeutig besser weiß, was junge Frauen zu wollen haben:

Auch ehemalige Kandidatinnen erklären immer wieder, dass sie da ganz wunderbare, lustige, schlaue Mädchen kennengelernt hätten. Umso schlimmer ist es, wenn diese tollen Mädchen da mitmachen. Man würde fast behaupten, sie verkaufen ihre Seelen, aber Geld verdienen sie damit nicht.

Frauenfeindlich ist der doppelte Standard

Aber hat Stokowski nicht recht? Ist die Show nicht total frauenfeindlich? Nun ja: Frauenfeindlich ist erstmal der doppelte Standard. Wenn es OK ist, angehenden „Fußballstars“ im Verein den Kopf zu waschen und dem brutalen Drill zu unterziehen, der notwendig ist, um im Sport Erfolg zu haben, wenn man vom Schreiben Begeisterten immer wieder Stefan Wolf und wer auch immer heute dessen Äquivalent sein mag als viel aber schlecht schreibende Leistungsträger entmutigend vor den Latz knallen darf, was ist dann GNTM anderes als genau dieser erhobene Zeigefinger des Erwachsenen, den auch die GNTM-Kritik ja meist drohend schwingt, nur eben mit leicht abgewandelter Schlagseite? Was als das ewige „das Leben ist hart, kein Ponyhof, blablabla“, das als erzieherische Maßnahme sonst so wohlgelitten ist? Sicher: Was die jungen Teilnehmerinnen wollen, davon ausgehen darf man, interessiert die Kritik wenigstens genauso wenig wie die Produktion. Aber das dürfte für die Flohkiste, die sich mahnend an junge Schriftsteller richtet, wohl genauso gelten.

Aber GNTM bildet doch gar nicht ab, wie das „Business“ wirklich ist? Na, das haben erhobene Zeigefinger so an sich. Tatsächlich gab ja die achte Staffel einen in der medial inszenierten Konkurrenzgesellschaft seltenen Einblick ins wahre (nicht nur) Modelleben, das ja selten eine Auslese ist, bei der die gewinnen, die sich auch am meisten anstrengen (wie es die Show durchaus dem gesellschaftlichen Ideal kompatibel zu suggerieren versucht). Damals räumte Luisa Hartema mit vergleichsweise minimalem Aufwand derart ab, dass das Showkonzept zwischenzeitlich ins Wanken zu geraten schien. Warum? Weil sie eindeutig Modelqualitäten mitbrachte, die den anderen Teilnehmerinnen (teilweise lag es schon einfach an der Größe), abgingen. Dass die Welt ist, wie sie ist, muss nicht gefallen, dass aber das eigene Leiden am Konkurrenzkampf ausgerechnet an einem Fernseherformat für junge Frauen exerziert wird – das nenne ich geradezu kindisch.

Werdet doch lieber Fußballerinnen!

Zuletzt: Ist es nicht furchtbar, dass junge Frauen noch immer lieber „Prinzessin“ als Dichter oder Fußballstar werden wollen? Zeigt das nicht, wie sexistisch und rollenkonform unsere Gesellschaft eingerichtet ist? Und dass Frauen auch heute noch … Moment!

Träumen denn die Teilnehmerinnen bei GNTM überhaupt davon, „Prinzessin“ zu werden? Oder hat ihnen das nicht vielmehr Olga Grjasnowa in der ZEIT herablassend in den Mund gelegt? Und ich habe es übernommen, weil es pars pro toto so schön für all unsre kaum erfüllbaren Träume stehen kann?
Die Damen bei GNTM nämlich wollen Model werden, nicht Prinzessin. Und die meisten haben wohl eine deutlich realistischere Vorstellungen von den Möglichkeiten und Einschränkungen dieses Berufes als viele junge Auszubildende, oder der Autor dieses Artikels, als er sich kaum volljährig für zwölf Jahre bei der Bundeswehr verpflichtete (und diese frühzeitig wieder verließ).

Zudem ist modeln, verglichen mit Literatur oder Fußball wohl auch der vernünftigere und realistischere Traum, so sehr die Verbindung der Worte Vernunft und Traum gruseln mag. Ich kenne mindestens zwei junge Frauen, die durch zeitweise Modelaufträge mit wenigen Stunden Arbeit in der Woche, teils im Monat, ihr Studium finanziert haben. Ich kenne nicht einen Dichter und erst recht keinen Fußballer, dem das gelungen ist. Und: Ein mir bekanntes Model, die tatsächlich hart an dem Traum gearbeitet hat, erzählte mir, sie spreche von sich meistens als „Künstlerin“, da man Models gegenüber oft eine herablassende Haltung an den Tag lege. Für mich ein Indiz, dass bei aller Idiotie, die GNTM wie jeder Reality Show ja sicher zu eigen ist, das Ressentiment gegen den Beruf deutlich tiefer geht.

Gerade Journalisten sollten sich verkneifen hier billige Punkte zu machen. Was sind wir denn anderes als durch Erfahrung geerdete Träumer, die irgendwann auch mal Prinzessin werden wollten?

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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  • madinside

    Meine Kritik an GNTM bezieht sich auf die Öffentlichkeit, in der all das stattfindet, was auch den Unterschied zum Fußball-Drill darstellt, von dem mir keine TV-Show bekannt ist. Darüberhinaus erscheint mir GNTM wie der schlecht verhüllte (harhar, pun totally intended) Versuch, zu bester Sendezeit Fleischbeschau ausstrahlen zu können, also das Programm mit sexuell reizvollen, jungen Frauen zu füllen.

    Dass das Modeldasein auch knochenharte Arbeit und Disziplin erfordert, halte ich für naheliegend. Ich sehe aber erstmal keinen Anlass, das so öffentlich auszuschlachten und auch jedes Scheitern zu zelebrieren. Auch finde ich es bedenklich, dass die jungen Frauen immer durchgehend als Mädchen identifiziert werden, also diminutiv und als Kind, nicht als junge Erwachsene, die mit ihrem Engagement in der Sendung ihre Zukunft als Erwachsene selbst in die Hand nehmen wollen.

    • sh

      Öffentlichkeit hat allerdings auch den Vorteil, dass all zu eklatante Missstände eher ans Licht geraten, im Gegensatz zum verlinkten Sportartikel oder einem mir bekannten Trainer im Jugendbereich, der zur Motivation unter anderem mit Schlüsseln nach Kindern schmiss.

      • derblondehans

        … wer glaubt, das in ‚produzierter Öffentlichkeit‘ eklatante Missstände eher ans Licht geraten, träumt wohl auch davon Prinzessin zu sein … *rofl*

  • Pingback: Tot, toter, am totesten. Immernoch: Die Serie. – Die Kolumnisten. Persönlich. Parteiisch. Provokant.()

  • Dietmar JaCobi

    Das bisschen Knackarschparade muss schon sexuell stark Verhungerten zwischen die Fernbedienungsfinger geraten, um das Wesentliche nicht wahrzunehmen: Die Castingshow müsste korrekterweise KLUM’S NEXT TOPMODEL heißen. Denn die Ausbeutungsmatrone, die sich selbst zu klein und zu rund fühlte, um an den großen Modenschauen teilzunehmen und deshalb auch von Karl Lagerfeld ignoriert wurde, leistet sich offensichtliche Ungerechtigkeiten, um ihre Gelüsten und Antipathien freien Lauf zu lassen. Damit wird sie der Meinung vieler, die für Germany sprechen könnten, nicht gerecht. Was sich unter ihren „KLUMFUSSTRITTEN“ abspielt und diesmal in einer peinlich schwach gefüllten Arena fern von Germany gipfelte, zeigt in komprimierter Form genau das gesellschaftliche Verhalten, das weltweit so viel Frust und Aggression entzündet, dass Terroristen hoffentlich nie auf die Idee kommen, „Prassbiotope“ wie Bel Air mit BC-Waffen zu entvölkern.

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