Menschen sind Insekten. Was ist sicher, wenn alles zerfällt?

Ein Fantastischer Roman über Käfer und andres Geziefer? Dann auch noch als Briefroman? Ja: Das geht!

Könnt ein Bewohner von Tainaron sein - Rosenkäfer von Rolf Brecher unter CC BY 2.0

Tainaron ist ein Buch, über das es sich schwer schreibt. „Taina“ (тайна) heißt auf Russisch „Geheimnis“, was hier wenig zur Sache tut, da Leena Krohns kleiner fantastischer Briefroman auf Finnisch erschienen ist und der Titel in dieser Sprache keinerlei besondere Bedeutung zu haben scheint. Aber Tainaron lädt zum freien Assoziieren ein, es ist nicht einfach genauer festzumachen, ob und was die 30 Briefe des Romanes – Gedankenströme ohne Antwort eigentlich – „wollen“. Man fühlt sich an den Insektensammler erinnert, der Schönes konserviert und ihm so einen Gutteil der Schönheit austreibt, immer vor der Gefahr, dass auch der letzte leblose Rest unter präparierenden Händen zerfällt. Aber auch dieses Bild droht schnell schal zu werden, und einen gelehrten Verweis auf Nabokov, der uns gerade zufliegt, lassen wir aus ebendiesem Grund besser fahren. Zu Tainaron würde er wenig Erhellendes beitragen (wie auch die Parallelen zu Kafka, die Desirina Boskovich aufgrund der auch bei Krohn angedeuteten Metamorphosenthematik zieht, kaum mehr Berechtigung haben, als dass es in beiden Büchern irgendwie um Käfer geht). Und Taina? Geheimnis? Ist das nicht auch eine ganz falsche Spur? Wo es ein Geheimnis gibt ist zumindest prinzipiell doch etwas Grundlegendes zu ent-decken. Ich habe meine Zweifel ob, wer an Krohns Büchlein mit dieser Erwartung herangeht, nicht am Ende eher enttäuscht wird.

„Kein Ort wie du denkst“

Auf den ersten Blick ist der Roman rasch umrissen. Eine namenlose Icherzählerin berichtet in 30 Briefen von ihrem Alltag in der Stadt Tainaron, die zum Großteil von den verschiedensten Insektenwesen bevölkert wird. Was genau die Erzählerin dort tut bleibt unklar, vor allem scheint sie da zu sein um zu beobachten, in seltenen Fällen reflektiert sie Ereignisse aus ihrem Leben vor Tainaron. Berichtet wird Episodenhaft aus einer Stadt die nicht nur stetig im Wandel begriffen, sondern teils auch offenkundig widersprüchlich ist. „Tainaron ist kein Ort, wie du vielleicht denkst.Es ist ein Ereignis ohne Abmessungen. Es ist sinnlos Karten anzufertigen“, sagt etwa Führer Longhorn im 22. Brief. Einige Kapitel früher haben wir den „Vermesser“ kennen gelernt, der am eigenen Körper „die Länge und Breite von Straßen, den Durchmesser von Plätzen und die Höhe von Gebäuden“ abmisst. Jener „geht wie offizielle Repräsentanten des Volkes gehen, oder solche die wissen das alles sein Maß hat und mehr noch: wer oder was sie selbst sind“. „Ich bin das Maß aller Dinge“ sagt der Vermesser dann auch, mit deutlichem Anklang an das Menschenbild des bis heute fortwirkenden Renaissance-Humanismus, das in Tainaron nicht nur fragwürdig wird, weil die meisten Menschen Insekten sind.

Atemberaubende Schönheit

Zahlreiche Eindrücke aus Tainaron sind dabei von atemberaubender Schönheit, auch sprachlich, soweit sich das in einer englischen Übersetzung beurteilen lässt. Sprachliche Schönheit, das ist allerdings vielleicht zu viel gesagt. Oder vielmehr: falsch gesagt. Tainaron stellt uns eine äußerlich faszinierende Welt vors Auge, die wir uns kaum anders als schillernd-schön vorstellen können. Tatsächlich sprachschöpferisch tätig – dichtend – ist Tainaron durchaus selten, ein gewisser etwa im Falle von Martin kritisierter fantastischer Naturalismus kann Krohns Stil nicht abgesprochen werden. In diesem Fall allerdings ein künstlerisch äußerst adequater: Gerade die Spannung zwischen schillernder Oberfläche und nüchtern sezierendem Blick macht Tainaron auch sprachlich zum Faszinosum.

Vielleicht sollte man hier abbrechen, damit es dem Kritiker nicht ergeht wie dem unglücklichen Schmetterlingssammler oben. Denn es scheint mir fraglich, ob es möglich ist ernsthaft tiefer in Tainaron zu dringen. Ob Exegesen, die im Falle von Joyce, Kafka oder Philipp K. Dick tatsächlich den Genuss erst auf die Höhe des Werkes heben, im Falle von Tainaron nicht am Ende fruchtlos bleiben müssen oder sogar in erster Linie frustrierend – nicht weil das Schöne weniger schön wäre wenn man sucht es zu begreifen, sondern weil der Text absichtsvoll auf genau diese Erfahrung hin konstruiert sein könnte. Vielleicht, wenn auch nicht gerade wie, dann doch ein wenig analog zu John Lennons „I am the Wallruss“, als Falle für den sezierenden Blick, wobei hier Fragilität Lennons Spott ersetzen würde.

Gibt es einen Schlüssel?

Auf der anderen Seite gibt es Momente in Tainaron, die suggerieren, dass es einen Schlüssel zum Werk geben könnte, der vor allem in der persönlichen Erfahrung der Erzählerin zu suchen ist. Da ist etwa ein kurzer, bald schon wieder halb infrage gestellter, Traum von einer Verfolgungsjagd mit anschließender Vergewaltigung. Da ist eine Reise der Protagonistin in abgelegenere, heruntergekommene Stadtgebiete, auf der diese beinahe in einem Loch in Treibsand zu versinken droht, wo haarige Klauen auf sie warten. Das sind Überlegungen zur Zerbrechlichkeit von Individualität, zu Wandlung und Verwandlung und zur Frage, was ein „Ich“ eigentlich ausmache. Und vor allem: Die Übertragung dieser Überlegungen auf Verhältnisse vor Tainaron, etwa zum niemals antwortenden Briefpartner: „Dass du in deinem Schweigen so unerbittlich bist, lässt dich langsam eher wie einen Gott werden oder wie die Toten. Derart ist deine Verwandlung; und sie stößt mich nicht einmal wirklich ab” (ja, man kann sogar, wie es Boskovich in einer der wenigen Rezensionen in englischer Sprache vorschlägt, das gesamte Buch als Allegorie auf einen Abschied, vielleicht gar auf den letzten, den Übertritt vom Leben in den Tod lesen).

Banal über’s Banale hinaus

Doch was an all diesen Überlegungen verstören, und wenn man sie auf Augenhöhe nimmt sogar abstoßen kann, ist ihre doch erschreckende Banalität. Es handelt sich größtenteils um solche Fragen und Problemstellungen, wie sie der „Philosophie“ im Allgemeinen von ihren Verächtern untergeschobenen werden. Hohl klingende Fragen wie der nach dem Sinn des Lebens, danach, woher wir kommen und wohin wir gehen. Ihnen gemein ist, dass die Frage so menschlich wie eine befriedigende generalisierbare Antwort kaum möglich sein dürfte. Mir scheint Tainaron dann auch weniger ein Versuch mittels geschickter Verfremdung den Geist der Protagonistin zu ergründen oder Antworten auf sogenannte Grundfragen zu liefern. Vielmehr stößt die oberflächliche schillernde Andersartigkeit Tainarons auf den zweiten Blick den Leser brutal auf die graue Ähnlichkeit scheinbar so zahlloser Lebensprobleme, mit denen Menschen sich Tag für Tag herum plagen, und Insekten Tainarons sind in diesem Sinne auch nur Menschen. Zwar berichtet die Erzählerin von Insekten, die erfreut auf sie zu stürzen und fragen „ kennst du mich nicht? Wir kannten uns als ich ein anderer war“. Und Longhorn wundert sich „warum sollte der Gestaltwandler eine Person sein?“, wohl mit doppelter Betonung auf eine und Person zu denken. Doch haben wir nicht alle schon einmal einen alten Bekannten getroffen, der sich äußerlich kaum verändert hatte und doch ein ganz anderer war? Oder einen anderen innerlich wieder erkannt, der uns äußerlich ganz fremd? Sehen Sie. Wenn man das so hinschreibt klingt es banal. Nichtmal Küchenpsychologie. Küchenesotherik. Krohns Kunstgriff besteht vielleicht vor allem darin, einfache Leitsätze, mittels derer wir das Leben zu gliedern und zu ertragen suchen, mittels des Glanzes überwältigender Äußerlichkeit in ein neues Licht zu rücken, und den Blick gleichsam weg von grauen, brütenden, banalen, Fragen hin zur Mannigfaltigkeit der Welt. Und das ohne dass in Tainaron damit das Fragen selbst banalisiert würde.

Beim dritten Mal: schweigen.

Abschließend fiele mir nun sicher noch das ein oder andere zur literaturgeschichtlichen Einordnung von Tainaron ein, denn so einsam wie es scheinen mag steht der Text am Ende ja doch nicht innerhalb des weltliterarischen Kanons. Die geführte Reise klingt an Dante an, die Fantastik der Innerlichkeit könnte an Gullivers Reisen oder auch an Cyrano der Bergeracs Die Reise zu den Mondstaaten und Sonnenreichen gemahnen, überhaupt an frühaufklärerische Fantastik. Aber ich habe nun schon zweimal darauf hingewiesen, dass man auch zu viele Worte verlieren kann, beim dritten Mal möchte ich auf mich hören. Lesen Sie Tainaron, lassen Sie sich begeistern oder lassen Sie’s, versuchen Sie auf eigene Gefahr in tiefere Schichten vorzudringen und wundern Sie sich nicht wenn Sie bald wieder an der Oberfläche treiben. Ob es nun ein Geheimnis gibt oder ob das Wortspiel mit Taina am Anfang dieses Textes nur stand, weil mir beim besten Willen kein anderer Einstieg gelang, wer weiß. Und vor allem: Wer will das überhaupt wissen?

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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