Ein ästhetischer Blick auf die Politik

In der politischen Diskussion können wir von der Kunstkritik lernen – vielleicht gibt uns das die Gelassenheit zum Nachdenken.

Ein ästhetischer Blick auf die Welt: Gelassen und etwas distanziert. Foto: quapan, Lizenz: CC BY 2.0

Der amerikanische Philosoph Frank Sibley zeigte in den 1960er Jahren, dass es wesentliche Unterschiede in der Begründbarkeit ästhetischer und nicht-ästhetischer Aussagen gibt. Er zeigte, dass sich die Aussage “Dies ist elegant, ausgewogen, dynamisch,…” nicht in gleicher Weise begründen lässt wie Aussagen des Typs “Dies ist rot, blass, …” aber auch nicht so, wie “Das ist intelligent, effizient, praktisch,…”.

Kann man ästhetische Urteile begründen?

Trotzdem hat man auch bei ästhetischen Aussagen den Wunsch, Begründungen zu liefern, die einem Gesprächspartner ermöglichen, das eigene Urteil nachzuvollziehen. Empfindet man z.B. ein Kunstwerk als “ausgewogen” oder “anmutig” und erzählt dies einem Freund, der diese Einschätzung überhaupt nicht teilt, so wird man nach Gründen suchen, die den Freund umstimmen.

Die Ähnlichkeit zwischen ästhetischen und politischen Urteilen, die uns bei der Betrachtung des jeweils aktuellen gesellschaftlichen Geschehens begegnen, ist frapierend. Wo der eine nur wirres Chaos erkennen kann, scheinen dem anderen die Aktivitäten der politisch handelnden Menschen, einzelne ihrer Lösungen oder sogar das ganze politische System weitgehend “gelungen”, “ausgewogen”, “dynamisch” oder “elegant”.

Politischer Geschmack

“Über Geschmack kann man nicht streiten” sagt man manchmal, wenn die Meinungen über ein Werk der zeitgenössischen Kunst zu weit auseinander liegen. Und vielleicht ist das auch ein passendes Motto in manch einer politischen Diskussion. Aber jeder weiß: Verzichtet man auf die Auseinandersetzung, vermeidet man vielleicht den Streit, auf Dauer aber stellt sich Frustration ein. Denn auch wenn man akzeptieren muss, dass ästhetische Urteile nicht in gleicher Weise begründet werden können wie nicht-ästhetische, so glaubt man tief im Innern doch, eigentlich die besseren Argumente zu haben.

Und genauso ist es in der politischen Debatte.

Frank Sibley hat in seiner grundlegenden Arbeit “Ästhetische Begriffe” von 1963 auch Überlegungen darüber angestellt, wie eine ästhetische Diskussion geführt werden kann. Er geht dabei davon aus, dass ästhetische Urteile zwar nicht notwendig und eindeutig aus bestimmten nicht-ästhetischen Eigenschaften gefolgert werden können (man kann z.B. nicht aus der Existenz geschwungener Linien in einem Bild in Kombination von blassen Farben logisch auf eine “anmutige Gestalt” schließen) aber ein bestimmtes ästhetisches Urteil in einem konkreten Fall kann durch nicht-ästhetische und klar nachvollziehbare Eigenschaften gestützt werden (diese Gestalt ist anmutig wegen der so gebogenen Linien wegen dieser blassen Farben).

Der Kritiker

Eine zentrale Rolle beim Erkennen von ästhetischen Eigenschaften kommt nach Sibley dem Kritiker zu, der sein Publikum auf so einer Grundlage mit dem Werk vertraut macht. Dieser Kritiker wird z.B. auf bestimmte nicht-ästhetische Eigenschaften aufmerksam machen, die dem Betrachter vielleicht entgangen sind (”Sehen Sie, wie die Linien alle zu diesem einen Punkt hinführen?”), er wird die ästhetische Wirkung dieser konkreten Elemente betonen (”aus dieser Linienführung erhält die Figur ihre Eleganz”), wird ästhetische Urteile mit anderen, dem Betrachter vielleicht schon bekannten und geläufigen ästhetischen Eigenschaften verknüpfen (”die Unbeschwertheit der Darstellung ergibt sich aus der farbenfrohen Gestaltung des Hintergrundes”).

Wenn der Betrachter das ästhetische Urteil des Kritikers trotzdem nicht nachvollziehen kann, wird dieser – so Frank Sibley – dem Betrachter vielleicht andere Werke zur Betrachtung empfehlen, und er wird ihm raten, später zu diesem Werk zurückzukehren.
Für die politische Diskussion können wir einiges von diesen Überlegungen zur Ästhetik lernen. Der Blick auf die Politik ist genauso verwirrend wie der auf ein zeitgenössisches Kunstwerk. Trotzdem herrscht hier wie da kein Chaos. Und das, was wir auf den ersten Blick ablehnen, erweist sich bei genauerer und wiederholter Betrachtung durchaus als gelungen.

Politik als Kunst

Begegnet man gegensätzlichen politischen Ansichten, so ist es meist aussichtslos, den anderen mit “rationalen Argumenten” überzeugen zu wollen. Politik ist, ebenso wie Kunst (und viele andere Bereiche der menschlichen Tätigkeit) nicht vorrangig rational. Politische Bewertungen können deshalb auch nicht auf die gleiche Weise begründet werden, wie naturwissenschaftliche Aussagen, eher schon so, wie ästhetische Urteile.

Wir können unseren Gesprächspartner auf Elemente hinweisen, die seinem Blick bisher vielleicht entgangen sind. Wir können begründen, wie unser Urteil in einem konkreten Fall aus diesen Tatsachen folgt, ohne dass diese Folgerung in jedem anderen Fall genauso gültig sein muss. Und wir können unseren Gegenüber bitten, sich andere Fälle anzusehen, und später vielleicht zur Betrachtung des strittigen Vorgangs zurückzukehren.

Reflexion statt Reflex

Das erfordert Gelassenheit. Im Moment dominiert im politischen Gespräch allerdings das Gegenteil – hektische Unruhe und unüberlegte – dafür umso lautere – Gegenrede. Aber Reflexe sind das Gegenteil von Reflexion.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über den Aufruf der AfD, die Stimmauszählung bei den Wahlen zu kontrollieren.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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