Mit meiner Empörung brauche ich kein Abitur

Soziale Medien – das ist zumeist Empörung auf Grund von Vorurteilen. Fakten spielen keine Rolle und richtig gelogen ist fast schon die Wahrheit.

Das Grundprinzip der "Sozialen Medien" Foto: amarillyon. Lizenz: CC BY SA 2.0

Der Vorgang wiederholt sich inzwischen im Wochentakt: Bei Facebook taucht eine skandalöse Nachricht auf, die bei sozialen, feministischen oder anti-kapitalistischen Aktivisten Empörung auslöst. Von großen Facebook-Seiten mit ein paar 10.000 Fans werden sie ungeprüft veröffentlicht, hunderte Fans teilen die Meldung auf ihren Seiten, tausende empörte Kommentare sind die Folge. Oft greifen auch die Online-Redaktionen von Rundfunkanstalten innerhalb weniger Minuten die vorgebliche Nachricht auf. Ein Shitstorm entsteht, die Empörung, die sich dann oft gegen politische Institutionen oder private Unternehmen richtet, schlägt hohe Wellen.

Nicht die Lüge ist empörend

Wenn sich die ganze Sache dann als plumpe Fälschung herausstellt, richtet sich die Empörung aber keineswegs gegen diejenigen, die auf einfache Lügen hereingefallen sind und veröffentlicht haben. Die ganze empörte Community schämt sich nicht etwa ihrer Leichtgläubigkeit. Stattdessen argumentiert man etwa so: Daran, dass wir die Sache sofort geglaubt haben, sieht man eigentlich, dass sie hätte wahr sein können. Im konkreten Fall war es zwar gelogen, aber es war irgendwie „gut gelogen“ – es war irgendwie dicht an der Wahrheit, denn sonst hätten wir kritischen Geister das doch nie geglaubt. Also eigentlich hat es irgendwie doch gestimmt.

Vor wenigen Tagen konnte man diese Entwicklung an der Geschichte um den angeblichen toten syrischen Flüchtling in Berlin beobachten. Zu Beginn dieser Woche gab es einen neuen Fall, der besonders markant zeigt, wie Meinungen mit Lügen gemacht werden und mit der Wahrheit nicht mehr geändert werden können.

Der beliebte Vorwurf: Sexismus

Am Montag veröffentlichte das „Missy Magazine“ das Foto eines Blattes, welches angeblich eine Werbung eines Fitnessstudios zeigen sollte. Darauf war eine schlanke, spärlich bekleidete Frau zu sehen, darüber der Spruch „Mit meiner Figur brauche ich kein Abitur“. Unten rechts sah man Logo und Claim des Fitnessstudios. Das Missy Magazine fragte süffisant: „Fitnessland, ist diese Werbung euer Ernst?“

Das Missy Magazine betreibt auf Facebook eine Fan-Seite in der Rubrik „Medien/Nachrichten/Verlagswesen“ und auch auf der Webseite gewinnt man den Eindruck, dass das Unternehmen als professionelles Magazin, als journalistisches Angebot wahrgenommen werden will. Man würde erwarten, dass eine Redaktion ganz selbstverständlich vor der Veröffentlichung eines solchen Fotos wenigstens ansatzweise dessen Echtheit prüft.

Eine einfache Internet-Recherche hätte schnell Folgendes ergeben: Die dargestellte Anzeige ist nirgends auf der Homepage des Unternehmens zu finden. Sie passt in Qualität und Ausführung überhaupt nicht zu den sonstigen Werbemitteln des Unternehmens. Zudem sollte das fotografierte Blatt stutzig machen, welches nicht aus einer Zeitschrift stammen kann, aber auch nicht Vorder- oder Rückseite eines Flyers zu sein scheint.

Das hat das Missy Magazine aber nicht dazu veranlasst, bei seiner Quelle, wie später behauptet, einem Leser aus Braunschweig, nachzufragen.

Innerhalb einer Stunde war das Bild bei Facebook hunderte Male geteilt, überall fanden sich empörte Kommentare über den Sexismus, der aus dieser Werbung sprechen würde. Auch bei Twitter postete das Missy Magazine das Bild – mit ähnlicher Wirkung.

Nach zwei Stunden wurde das Fitnessstudio auf den Shitstorm aufmerksam und veröffentlichte eine Gegendarstellung. Das Unternehmen distanzierte sich von dieser Art der Werbung und versicherte, nicht der Urheber zu sein.

Schnell alles löschen und weiter empören

Was nun geschah, ist fast noch bizarrer als die ungeprüfte Veröffentlichung des Bildes. Missy Magazine löschte zunächst schlicht das Posting mit dem Bild, einschließlich aller Kommentare und Diskussionen. Da viele Diskussionen auf anderen Facebook-Seiten geführt worden waren, auf denen das Bild geteilt worden war, wurden all diese Postings und Diskussionen automatisch mit gelöscht. So einfach kann man im Internet die Spuren seines Fehlverhaltens löschen und die eigene Weste rein halten.

Sodann veröffentlichte das Magazin ein neues Posting, in dem man zwar sagt, dass es einem leid täte, einem Hoax aufgesessen zu sein, im gleichen Satz aber verkündet, man sei eben „nicht überrascht“ gewesen von dieser Darstellung, schließlich habe es von dem betreffenden Fitnessstudio schon ähnliche Werbung gegeben. Es folgt der Link zu einer anonymen Webseite, auf der Unbekannte ein Foto einer Werbung des gleichen Fitnessstudios veröffentlicht haben. Quellenangabe, Nachweis der Echtheit? Fehlanzeige.

Die Lüge – fast die Wahrheit?

Es kann dahingestellt bleiben, ob das neue Foto echt ist oder nicht, und ob es tatsächlich ebenso Grund zur Kritik und zum Vorwurf des Sexismus gibt. Bemerkenswert ist hier, dass das Missy Magazine offenbar keinerlei Grund zur selbstkritischen Reflexion der eigenen Arbeit sieht. Stattdessen behauptet man mal eben, dass die Lüge fast eine Wahrheit ist und die Kritik am Fitnessstudio berechtigt gewesen wäre.

Ein Shitstorm gegen das Missy Magazine bleibt jedoch aus. Denn das Magazin gehört ja zu den Guten, die unablässig die schlimmen Entwicklungen in der Welt anprangern. Meinungsmache durch Pseudo-Journalismus gehört offenbar nicht dazu.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über den Zika Virus und den Papst.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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