Pinkwashing

Kein Vorwurf ist der Anti-Israel-Bewegung zu abstrus, kein Argument zu absurd, wenn es darum geht, Israel zu delegitimieren. Es darf auch ruhig antisemitisch sein.

Grafik: Timo Rödiger

Seit einigen Jahren ist der in seiner Absurdität kaum zu überbietende Vorwurf des Pinkwashing in Kreisen antiisraelischer Aktivistinnen und Aktivisten in Mode. Auf einer großen Konferenz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern und Queeren (LBGTQ) in Chicago stürmten unlängst rund 200 Demonstranten einen Konferenzraum, in dem sich auf Einladung der amerikanischen Organisation A Wider Bridge das Jerusalem Open House for Pride and Tolerance vorstellen sollte und verhinderten die Veranstaltung (Lizas Welt berichtete). Sie begründeten diese Aktion, die auf ihr Demokratieverständnis schließen lässt, damit, Israel sei ein rassistischer Apartheidsstaat und betreibe eben Pinkwashing. In Sprechchören forderten sie „From the River to the Sea, Palestine will be free“ – also nicht weniger als die Vernichtung Israels.

Homonationalismus

Was ist Pinkwashing, werden sich einige fragen? Abgeleitet vom Whitewashing, dem Schönfärben einer Sache, soll Pinkwashing zum Ausdruck bringen, Israel würde sich aus propagandistischen Gründen als liberaler, homosexuellenfreundlicher Staat darstellen, um von der Unterdrückung der Palästinenser ablenken zu können, sich also pink färben. Israels Einsatz für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transgendern und Queeren sei reine Imagepflege und das Anprangern der Homophobie in islamischen Staaten sei nichts anderes als „Islamophobie“ und „Homonationalismus“(!) und trage letztlich kulturalistische und koloniale Züge.

Aufgebracht hatte den Begriff die Queer-Theoretikerin Jasbir Puar in einem Artikel für den britischen Guardian im Jahr 2010:

Israeli pinkwashing is a potent method through which the terms of Israeli occupation of Palestine are reiterated – Israel is civilised, Palestinians are barbaric, homophobic, uncivilised, suicide-bombing fanatics.

Israel betreibe, wie der Titel ihres Artikels besagt, einen „homosexuellen Propagandakrieg“. Judith Butler, linke queer-feministische Ikone und Unterstützerin der Boycott-, Divestment- and Sanction Kampagne (BDS), verhalf dem Begriff zu weiterer Popularität. In einem Interview mit der Jungle World verstieg sie sich zu der Aussage:

Wenn »Homosexuellen-Rechte« zu einem Merkmal für den »fortschrittlicheren« Status europäischer Kulturen instrumentalisiert und benutzt werden, um staatliche Sicherheitsapparate auszubauen, dann ist diese Politik von einem europäischen Nationalismus und der Ausweitung sicherheitspolitischer Machtregime vereinnahmt worden.

Wo im Westen bislang Sicherheitsapparate ausgebaut werden, um speziell die Rechte Homosexueller zu schützen, ist vermutlich nur Frau Butler bekannt, wenn allerdings Menschen an Leib und Leben bedroht werden – aus welchem Grund auch immer – dann ist das in der Tat eine Aufgabe für die staatlichen Sicherheitsapparate. Was also will Frau Butler uns sagen?

Ausblenden der Realität

Den Aktivistinnen und Aktivisten in Chicago scheint, wie auch ihren Vordenkerinnen Butler und Puar, die Absurdität ihres Arguments zu entgehen, denn der Vorwurf des Pinkwashing funktioniert nur unter einer doppelten Ausblendung der Realität:

Da wäre zum einen die kaum zu bestreitende Realität, dass Israel in Bezug auf die Rechte von Homosexuellen zu den liberalsten Staaten der Welt zählt. Niemand streitet ab, dass es auch in Israel Homophobie gibt. Orthodoxe Juden etwa lehnen Homosexualität wie Orthodoxe aller monotheistischen Religionen vehement ab und bekämpfen sie und auch in Israel ist die rechtliche und vor allem die gesellschaftliche Gleichstellung noch lange nicht abgeschlossen. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Homosexuelle durch diverse Gesetze vor Diskriminierung geschützt werden. Bereits 1993 führte die israelische Armee eine Antidiskriminierungsklausel ein, seit 2001 schützt ein eigenes Gesetz Homosexuelle vor Diskriminierung, homosexuelle Paare haben ein Adoptionsrecht und mit einer Jüdin oder einem Juden verheiratete Homosexuelle erhalten problemlos die israelische Staatsbürgerschaft. Am Dienstag hielt die Knesset ihren ersten LGBT Rights Day ab. Aber das interessiert die antiisraelischen Aktivistinnen und Aktivisten nicht. Man darf allerdings getrost davon ausgehen, dass sie laut aufschreien würden, würden Homosexuelle in Israel unterdrückt. In den Augen der Israel-Gegner sind nicht Fehler der israelischen Politik das Problem, sondern die Existenz Israels. Wenn aber die Existenz des jüdischen Staates an sich falsch ist, sind zwangsläufig alle Handlungen dieses Staates falsch, oder, wie es Friedrich Hollaender so treffend formulierte: „An allem sind die Juden schuld.

Gedankenspiel

Und zum anderen: Nehmen wir einmal spaßeshalber an, Israel hätte seine liberale Gesetzgebung mit dem einzigen Ziel erlassen, sich in diesem Bereich positiv von der islamischen Welt abzuheben und sehen wir nebenbei davon ab, dass Homosexuelle ganz real von der israelischen Gesetzgebung profitieren, weil sie ihnen Gleichberechtigung garantiert und ein Leben frei von Verfolgung ermöglicht, unabhängig davon, warum sie so ist, wie sie ist. Diese geradezu perfide Strategie des Pinkwashing könnte doch nur aufgehen, weil Homosexuelle in mehr oder weniger der gesamten islamischen Welt diskriminiert, verfolgt und zum Teil ermordet werden. Im Iran hängt man sie an Baukränen auf, in Saudi Arabien werden sie ausgepeitscht oder geköpft, auch im Jemen steht auf homosexuelle Handlungen die Todesstrafe. In Ägypten werden Homosexuelle zu Gefängnisstrafen verurteilt, obwohl es nicht einmal ein Gesetz gibt, das Homosexualität ausdrücklich verbieten würde. In der Türkei ist Homosexualität nicht verboten, es gibt sogar Homosexuellenvereine, aber sie ist gesellschaftlich geächtet und immer wieder fallen Schwule Ehrenmorden zum Opfer. Bosnien ist das einzige mehrheitlich islamische Land, in dem ein Antidiskriminierungsgesetz zum Schutz der sexuellen Orientierung existiert, in Indonesien wird sie immerhin weitgehend toleriert – außer in der Provinz Aceh, in der die Sharia gilt.

Im von der Hamas regierten Gazastreifen werden Schwule verfolgt und ermordet, im Westjordanland sind sie gesellschaftlich geächtet und werden oft genug ebenfalls verfolgt und ermordet. Aus diesem Grund sahen in den letzten Jahren hunderte schwule Palästinenser in einer Flucht nach Israel den letzten Ausweg. Dort leben sie meist als U-Boote in Tel Aviv, da sie leider nur selten Asyl erhalten. Israelische LBGTQ-Organisationen unterstützen sie, versuchen ihnen Asyl in anderen Staaten zu verschaffen und setzen sich dafür ein, dass homosexuelle Palästinenser in Israel automatisch Asyl erhalten. Die palästinensische LBGTQ Gruppe al-Qaws arbeitet von einem Büro aus, das ihr im Jerusalem Open House for Pride and Tolerance zur Verfügung gestellt wird, also von jener Organisation, deren Veranstaltung in Chicago verhindert wurde. In den palästinensischen Gebieten ist ein solches Büro undenkbar.

Aber vermutlich haben die Juden das alles nur erfunden.

Heiko Heinisch

Heiko Heinisch

Nach Abschluss des Geschichtsstudiums arbeitete Heiko Heinisch u.a. am Ludwig-Boltzmann-Institut für historische Sozialwissenschaft. Nach längerer freiberuflicher Tätigkeit arbeitet er seit Mai 2016 als Projektleiter am Institut für Islamische Studien der Universität Wien. Nach längerer Beschäftigung mit den Themen Antisemitismus und nationalsozialistische Judenverfolgung wuchs sein Interesse an der Ideengeschichte, mit Schwerpunkt auf der Geschichte der Ideen von individueller Freiheit, Menschenrechten und Demokratie. Er hält Vorträge und veröffentlichte Bücher zu christlicher Judenfeindschaft, nationalsozialistischer Außenpolitik und Judenvernichtung und widmet sich seit einigen Jahren den Problemen, vor die Europa durch die Einwanderung konservativer Bevölkerungsschichten aus mehrheitlich islamischen Ländern gestellt wird. Daraus entstand das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Europa, Menschenrechte und Islam – ein Kulturkampf?“ im Wiener Passagen Verlag (2012). Er ist Mitglied des Expert_Forum Deradikalisierung, Prävention & Demokratiekultur der Stadt Wien. Im Dezember 2016 erschien das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Charlie versus Mohammed. Plädoyer für die Meinungsfreiheit“ im Passagen Verlag.

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