Don Quijote im unheimlichen Tal

Kolumnist Sören Heim regt sich tierisch über eine Neubearbeitung des spanischen Don Quijote auf. Und wundert sich über sich selbst. Und versucht endlich, die Wut zu ergründen.

Honoré Daumier - Don Quixote in the Mountains / gemeinfrei

Schock schwere Not! Wie kann man ein Meisterwerk der Weltliteratur nur so verflachen? Muss man denn jedem Bedürfnis nach Vereinfachung, jedem Betteln um Anschlussfähigkeit nachgeben? Reicht es nicht, dass es vereinfachte Klassikerausgaben zuhauf für die schulische Mittelstufe gibt, weil anscheinend Zeit und Geduld fehlen anspruchsvolle Texte unter Aufwendung aller pädagogischen Begeisterungsfähigkeit erst dann mit Schülern zu lesen, wenn sie halbwegs dafür bereit sind? Und möchte denn niemand mehr den Genuss erfahren, den die Auseinandersetzung mit dem künstlerisch Großen gerade auch in der großen Anstrengung vermittelt, die sie bedeutet?

Spanische Literaturkritik außer sich

So weit meine ersten, in Sekundenschnelle ablaufenden Reaktionen auf die Nachricht, dass Andrés Trapiello eine „Übersetzung“ des Don Quijote von Miguel de Cervantes in moderner spanische Sprache vorgelegt habe. Und mit derartigen Reflexen befand man sich wohl in starker Übereinstimmung mit dem Gros der spanischen Kritikerzunft und des spanischsprachigen Kulturbetriebs.

Aber je mehr ich darüber nachdachte, und je mehr aufgeregte Kommentare ich zum Thema las, in denen einmal mehr der Verfall der europäischen Kultur und der Untergang des Abendlandes in schillernden Farben gezeichnet wurden, desto unsinniger erschien die Haltung mir. Hatte ich denn nicht Cervantes Meisterwerk zum ersten Mal in Braunfels naturalistisch gemeinter Übertragung aus dem späten 19. Jahrhundert genossen? Und davor schon in verschiedenen Bearbeitungen für Kinder und Jugendliche? Und später im etwas schmalzigen Musical von Dale Wassermann ebenso wie in dessen Verfilmung mit Jacques Brel? Und weiter: Wer liest wirklich das Lalebuch noch in der Sprachvariante von 1597 ? Wer führt sich den Original-Eulenspiegel zu Gemüte, wie er um 1510 erstmals publiziert wurde? Und haben die unzähligen bearbeiteten Eulenspiegel oder die zahlreichen neueren Bücher über Schildbürgerstreiche irgendjemandem geschadet? Gewiss, Cervantes Spanisch ist dem modernen näher als Dyl Ulenspegel unserem Deutsch, doch gerade wessen Schul-Spanisch wie meines kaum ausreicht um Trapiellos Quijote flüssig lesen zu können sollte sich mit Hochmut zurückhalten.

Woher die Wut?

Und dennoch fällt es schwer, die beinahe schon instinktive Abwehr, die sich gegen Kunstbearbeitungen Bahn bricht, herunterzuschlucken. Wieso eigentlich? Genießen wir doch in schöner Regelmäßigkeit die Be- und Umarbeitung klassisch gewordener Kunstwerke, seien es Stücke nach Dostojewskis Dämonen, Opern nach Goethes Faust oder Antikriegsfilme nach Joseph Conrads Herz der Finsternis. Selbst wenn Stücke von Shakespeare auf dem Holodeck der Enterprise nachgespielt werden oder Beowulf auf der Voyager hält sich der Aufschrei für gewöhnlich in Grenzen.

Vielleicht deshalb: Selbst die etabliertesten Kunstkritiker neigen dazu, Kunstwerke nicht zuerst aus ihrer Eigengesetzlichkeit heraus zu beurteilen, sondern als jenen Gehalt- und Gewaltvollen Ausdruck menschlicher Innerlichkeit, als der Kunst womöglich einmal in die Welt kam. Ein Werk ist in dieser Lesart damit auch immer ein Blick ins Herz des Autors, und vermittelt einen Blick in unser Selbst. Wird ein Werk abgewandelt kratzt das an unserem Bild der bewunderten Persönlichkeit ebenso wie am Selbstbild. Deshalb auch die Wut gegen Schriftsteller, Musiker und Regisseure, die das eigene Werk abwandeln, es wird als Verrat gesehen, auch wo ältere Versionen natürlich gerade im Internetzeitalter weiter zugänglich bleiben.

Die Kunst und das Bauchgefühl

Das aber erklärt noch nicht, warum Apocalypse Now und Camus Die Besessenen ohne weiteres akzeptiert werden, Trapiellos Quijote aber nicht. Vielleicht lässt sich das in Anlehnung an den Uncanny-Valley-Effekt begreifen, der beschreibt dass „Menschen hochabstrakte, völlig künstliche Figuren anziehender und akzeptabler [finden] als Figuren, die zunehmend realistischer werden.“ Analog hierzu steht bei deutlich abweichenden Bearbeitungen das neue Werk, und damit auch der neue persönliche Ausdruck, die neue scheinbar unverstellte Erfahrung im Mittelpunkt, während vorsichtige Überarbeitungen etablierter Klassiker nicht nur anmaßend, sondern, weil das Original immer mitgedacht wird, auch künstlich wirken. Auch der Verve, mit dem sich gegen sprachkosmetische Veränderungen in Kinderbüchern gestellt wird, mag teilweise daher rühren.

Rational betrachtet ist das Unsinn. Wer sich allein mit der Entstehung und dauernden Revision von Ezra Pounds In A Station of the Metro einmal ein wenig beschäftigt hat, weiß, wie die Setzung schon einzelner Zeichen ein Kunstwerk verändern können. Für den künstlerischen Gehalt sollte es egal sein, wer die Zeichen setzt. Der ursprüngliche Autor, spätere Bearbeiter, auch Tippfehler können jeweils das gleiche Kunstwerk schaffen. Aber wirklich abgewöhnen wird man es dem Menschen nicht können, sich mit seiner ganzen Person ins Kunstwerk zu stürzen und sich damit auch immer wieder persönlich am Autor und dessen realer oder vermeintlicher Intention festzubeißen. Und man sollte es ihm auch nicht abgewöhnen. Zur Auseinandersetzung mit Kunst gehört diese persönliche Seite. Sie ist es, die zur Kunst hinreißt, und irgendwann – vielleicht – dann auch zu distanzierter Betrachtung nötigt.

Doch zumindest professionelle Kritiker sollten, ehe sie wie ich zum Einstieg in diese Kolumne wutentbrannt in die Tasten hauen, bedenken, dass das Nachdenken über Ästhetik mit der persönlichen Begeisterung oder Aversion bei Leibe nicht abgeschlossen ist.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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  • Toller Text. Ist insgesamt lustig, wie „fake“-mäßig unsere grundsätzliche Lust am sogenannten „Authentischen“ in allen möglichen kulturellen Bereichen ist, schön fassbar zum Beispiel auch an den heftigen Protesten gegen die ersten historischen Interpretationen der Bach-Werke in den frühen Siebzigern. Dieses Viel-näher-am-Original-Seiende wurde vom Publikum viel schlechter aufgenommen als die bis dahin bekannten, geschmeidiger wirkenden Interpretationen der Nach-Bach-Zeit, die man als viel „authentischer“ betrachtete als die fremd und sperrig wirkenden Harnoncourt-Sachen (an die man sich inzwischen auch gewöhnt hat). Ähnlich ist es mit unserem populären Mittelalter-Bild, das zu wesentlichen Teilen im romantischen 19. Jahrhundert zusammengebastelt wurde. Wir rennen durch die Marksburg und das Allertollste ist die Folterkammer und wir wollen nicht hören, dass das alles nicht echt ist, genauso wie es mitunter wehtut, wenn uns ein Mediävist erzählt dass das berühmte „Recht der ersten Nacht“ in der uns bekannten Form nie existiert hat, ist einfach zu schön, bitte nicht wegnehmen, dann doch lieber Mittelaltermarkt als echtes Mittelalter. Denn das ist das Skurrile daran: oft reicht es uns einfach nur, dass es irgendwie „alt“ ist, aber bitte nicht so alt, dass es schon wieder schwer zugänglich ist und deshalb gefallen uns Don Quixote oder der Eulenspiegel denn auch am besten in der 19.-Jahrhundert-Übersetzung und nicht in der Originalsprache und noch weniger in einer Neuübersetzung, denn die ist – eben – neu, sie hat nicht die Aura des Historischen, Vergangenen, „Authentischen“, die wir suchen – als Kontrast zur prosaischen Gegenwart.

  • Danke 🙂 . An das bach-Beispiel hatte ich auch gedacht, wollte den Text aber nicht überfrachteten.

  • Peter Brunner

    Wie kann es denn sein, dass Sie eine Neuinterpretation eines bedeutenden literarischen Werkes besprechen, ohne die breit diskutierte und allgemein hoch gelobte Neuedition des Simplicissimus durch Reinhard Kaiser zu erwähnen? Kennen Sie die nicht?

    Falls es Ihnen zu aufwendig ist, das ganze Buch zu lesen – ich habe es beim Erscheinen besprochen und könnte Ihnen das zur Verfügung stellen …

    • Sören Heim

      Ich kopiere mal der Vollständigkeit halbe meine fb-Antwort ein:
      „ob Sie es glauben oder nicht, auch darüber, diese zu erwähnen habe ich nachgedacht. Da ich sie aber erstens nicht gelesen habe und zweitens denke, die angeführten Beispiele reichen im Rahmen einer Kolumne, habe ich sie raus gelassen. Ihre Rezension lese ich dennoch gern“.

  • Wie kann es denn sein, dass Sie eine Neuinterpretation eines bedeutenden literarischen Werkes besprechen, ohne die breit diskutierte und allgemein hoch gelobte Neuedition des Simplicissimus durch Reinhard Kaiser zu erwähnen? Kennen Sie die nicht?

    Falls es Ihnen zu aufwendig ist, das ganze Buch zu lesen – ich habe es beim Erscheinen besprochen und könnte Ihnen das zur Verfügung stellen …

    • ob Sie es glauben oder nicht, auch darüber, diese zu erwähnen habe ich nachgedacht. Da ich sie aber erstens nicht gelesen habe und zweitens denke, die angeführten Beispiele reichen im Rahmen einer Kolumne, habe ich sie raus gelassen. Ihre Rezension lese ich dennoch gern 🙂

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