Radisch vs Alexijewitsch – Literatur als Kunstform

Literaturkritikerin Iris Radisch kritisierte die Nobelpreisvergabe an Swetlana Alexijewitsch und sprach deren Werken ab, „Literatur“ zu sein. Aber warum? Und hat Radisch recht?

In guter Gesellschaft? Was ist Literatur? Foto: Sören Heim

„Ich habe überhaupt nicht verstanden, warum sie den Literatur-Nobelpreis bekommt … in meinen Augen ist es eine großartige Kollegin, eine Journalistin, eine Reporterin“

So kommentierte die Literaturkritikerin der ZEIT, Iris Radisch, für 3Sat die Vergabe des Nobelpreises für Literatur an Swetlana Alexijewitsch. Radisch fuhr fort: Die Auszeichnung sei ein klares Signal dafür, dass der Literaturnobelpreis nach außerliterarischen Kriterien vergeben werde. Im Kreis der Kollegen, die in den Tagen nach der Preisverleihung mehrheitlich das „Zeichen“ lobten, das mit dem Nobelpreis gesetzt worden sei und in unzähligen Variationen den Satz vom „Roman der Stimmen“ wiederholten, stand Radisch damit relativ einsam dar. Doch Radisch legte nach. Eine müsse ja die Fahne der Literatur hochhalten, erklärte sie:

„Literatur muss etwas Schöpferisches haben. Sie muss „fiction“, eine eigene Erfindung sein, sie muss eine besondere Sprachqualität haben, und sie muss – das ist ganz wichtig – eine eigene imaginative und weltverwandelnde Kraft haben“, forderte Radisch. „Das ist bei Swetlana Alexijewitsch nicht der Fall.“

Ist Kritik politisch verdächtig?

Die renommierte Literaturkritikerin macht damit zumindest den Versuch, einem Gefühl Ausdruck zu verleihen, dass nicht wenige Literaturfreunde nach der Verkündung der diesjährigen Nobelpreisträgerin anwandelte. In den Kommentarspalten der Onlineangebote großer Zeitungen machte es sich ebenso bemerkbar wie in persönlichen Gesprächen. Dem entgegen standen allerdings auch viele Verteidiger der Vergabe. Und immer wieder fielen Sätze, ähnlich dem vom „Roman der Stimmen“. Ein Patt zwischen Kritikern und Befürwortern, mindestens.
Und wer jetzt noch weiter meckert, dem haftet nicht zuletzt die Aura des Miesmachers, und beinahe auch des politisch Verdächtigen an. Da hilft es wenig, dass auch Radisch mehr mit dem Bauch als mit dem Kopf argumentiert. Sie spürt, da stimmt etwas nicht. Aber die Begriffe bleiben, wie wir noch sehen werden, nicht ganz ohne Grund, schwammig.

Etwas hilflos jongliert die Kritikerin mit dem der „Literatur“, die „Sprachqualität“ habe, die „fiction“ sei und Welt verwandeln soll. Damit ist alles – und nichts gesagt.

Woran es Radisch wie auch all den Kommentarspaltenkritikern, überhaupt der modernen Literaturkritik, mangelt, ist der Begriff der Komposition, den man selbst in der Musik seit den schöpferischen Zerstörungen John Calescher Machart nur noch verschämt auszusprechen wagt. Das Bestreben, ein Werk so zu gestalten, dass jede Note, beziehungsweise jedes Wort stimmt, wie es Virginia Woolf im Nachhinein an ihrem Meisterwerk To the Lighthouse selbst lobte. Doch auch der Begriff der Komposition ist ein schillernder, nur zu umkreisender, im besten Falle rückblickend immer wieder in Textanalysen mühsam festzusetzender. Von ihm spricht es sich so negativ wie vom Gott Meister Eckhardts, das erklärt die Hilflosigkeit in der Kritik, die von der Vollendung erstmal nur deren Fehlen spürt.

Die Komposition in der Literatur

Um uns der Frage anzunähern, was Komposition für die Literatur bedeuten könnte, werfen wir vielleicht zuerst noch einmal einen Blick auf die Musik. Alles geht leichter mit Musik. Volksliedsammlungen, wie etwa Des Knaben Wunderhorn können wir getrost als literarisch und musikalisch interessante oder wertvolle Werke begreifen (der Einfachheit halber nehmen wir einmal an, Brentano und von Arnim hätten die Notationen dazu gleich mitgesammelt). Die teils beträchtliche Bearbeitung durch die Sammler verleiht dem Gesammelten auch zumindest rudimentär eine übergeordnete Form, etwa dadurch, dass inhaltlich ähnliche Lieder beieinander stehen. Und doch ist Beethovens Kreutzersonate zwar wie die Volksliedsammlung Musik, aber beide sind kaum zu vergleichen. In der Sonate wird, zumindest dem Ideal nach, jede Note so gesetzt, jede Stimme so instrumentiert, dass am Ende kein Teil ausgetauscht werden könnte, ohne dass das Ganze entweder zerstört, oder aber ein ganz anderes würde. Von der Liedsammlung kann man das guten Gewissens kaum sagen.

Wie die Liedsammlung zu Beethoven, so verhält sich, ein wenig überspitzt, Alexijewitsch zu dem, woran Radisch als Literatur festhalten möchte und wofür sie Nabokov und Thomas Mann als Beispiele nennt. Alexijewitsch arrangiert in journalistischer Weise Texte (Der Krieg hat kein weibliches Gesicht etwa ist, von einer kurzen Einleitung abgesehen, beinahe eine reine Zitatesammlung), sie kommentiert, verbindet (so in Zinkjungen, dessen Tagebuchteil sich tatsächlich dem Reportagecharakter zum Trotz auch in der Tradition der fingierten Aufzeichnungen Dostojewskis und Gogols lesen lässt) und gibt so mitreißende, spannende, anrührende und verstörende Einblicke in die Lebenswelt der Menschen, mit denen sie gesprochen hat. Beide Texte sind hier auf russisch einzusehen.

Wird man sich an Alexijewitsch erinnern?

Man kann diesen Einblicken eine literarische Qualität nicht ganz absprechen, und manches Mal weist das Zitatearrangement in Rhythmus und Zusammenstellung über die einzelne Erfahrung hinaus. Doch das Heteronome des Materials, und damit auch die arrangierende Hand der Autorin bleiben stets sichtbar. So steckt das Werk irgendwo auf halbem Weg zwischen journalistischer Untersuchung und künstlerischer Transzendenz fest. Gerade weil Thomas Mann zwischen 1914 und ’18 keine Reportagen aus dem kriegszerissenen Europa, sondern den Zauberberg verfasst hat, liest man ihn heute fast, wie man ihn vor 100 Jahren gelesen hat. Wahrscheinlich wird man ihn in 100 Jahren noch lesen. Zinkjungen wird man, wenn Afghanistan-Krieg und Zerfall der Sowjetunion noch ein paar Jahrzehnte weiter entrückt sind, wohl vergessen haben. Auch Tschechows Die Insel Sachalin findet ja, nicht zu unrecht, heute weniger Leser als seine Erzählungen und Theaterstücke.

Manch einen mag das nicht anfechten, manch einer mag darauf bestehen: Guter, anrührender Journalismus ist nobelpreiswürdig. Und natürlich haben sie insoweit recht, als dass der Preis nie dezidiert für literarische Texte im Sinne von Iris Radisch vergeben wurde. Ich will es dennoch im Zweifel mit Radisch halten. Und mit der „Musik“ in der Literatur. Und mag auch Musik, so Thomas Manns Settembrini im Zauberberg „politisch verdächtig“ sein. Zum Glück gibt es für Literatur als Kunstform noch einige andere beachtenswerte Preise.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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