Luthers Thesen: Selbstverachtung muss sein

Wahre Buße führt zu Selbstverachtung, meint Luther. Muss das sein?


In der bisherigen Diskussion der ersten Luther-Thesen hatten wir gesehen, dass echte Buße, schmerzhafte Reflexion über die eigene Schuld, die man im Umgang mit anderen auf sich geladen hat, für das Leben eine zentrale Rolle spielt. Nur durch eine solche Reflexion ist es dem Menschen letztlich möglich, Frieden mit den Anderen zu finden. Was nicht ausreicht, ist formale Entschuldigung.

Mit der vierten These schließt Luther diesen Komplex zunächst ab. Sie lautet, in der EKD-Übersetzung:

Daher bleibt Pein, solange Selbstverachtung, das ist wahre innere Buße, bleibt, nämlich bis zum Eintritt in das Himmelreich.

Der Satz ist etwas verschachtelt. Ein bisschen umgebaut würde er heißen: Wahre innere Buße ist Selbstverachtung. Diese verursacht Pein, die bleibt bis zum Eintritt ins Himmelreich.

Bevor wir diese These vorschnell mit dem Argument ablehnen, dass Selbstverachtung auf Dauer keine Einstellung sein kann, mit der man positiv in die Welt schaut, sollten wir vielleicht einmal fragen, was der Grund dieser Selbstverachtung sein kann. Wir hatten schon gesehen, dass wir Menschen aus verschiedenen Gründen Dinge tun, die Anderen Leid oder Schaden zufügen, aus Gedankenlosigkeit, aus Bequemlichkeit, aus Schwäche, aus Eigennutz. Buße führt dazu, dass ich mit meiner eigenen Schwäche umgehen lernen muss, vielleicht kann ich sie teilweise „in den Griff“ bekommen, aber ganz abstellen werde ich sie nicht können. Wenn ich aber diese Unzulänglichkeiten als solche begreife und gleichzeitig sehen muss, dass daraus Leid für andere entsteht – dann führt das nahezu zwangsläufig zur Selbstverachtung.

Ein Beispiel: Ich verspreche jemandem, mich um sein Anliegen zu kümmern, aber durch Trödelei und Ablenkung kommt es immer wieder dazu, dass ich die Erledigung dieses Anliegens immer wieder hinausschiebe oder nur oberflächlich erledige. Da ich dem anderen wirklich gern helfen würde und da ich sehe, dass ich keinen akzeptablen Grund habe, das nicht zu tun, versuche ich, mich zu ändern, die Dinge effektiver zu erledigen, weniger Zeit für unwichtiges zu verschwenden um mich um die Anliegen meiner Freunde kümmern zu können. Aber ich erlebe immer wieder, dass mir das nicht gelingt. Ich ärgere mich über mich selbst, ich verachte mich dafür.

Sicherlich muss man mit dieser Selbstverachtung umgehen lernen, sie könnte letztlich sogar zur Ausrede werden, um gar nicht mehr den Versuch zu unternehmen, etwas für die Anderen zu tun. Aber „sich einfach so akzeptieren, wie man ist“, so wie es oft als Rat gegeben wird, kann auch nicht die Lösung sein. Denn am Ende bliebe bei mir selbst und bei anderen nur der Eindruck, dass man vieles nicht getan hat, was man doch hätte tun können und sollen – und damit wäre der innere Frieden, das Himmelreich, verspielt.

Ganz ohne Selbstverachtung kann man kein guter Mensch werden, und die Selbstverachtung unterscheidet vielleicht die guten Menschen von den Moralaposteln. Der gute Mensch weiß, dass er nicht immer gut ist, dass er schwach und manchmal auch böse ist, aber er versucht es immer wieder, auch mal aufrichtig gut zu sein. Er weiß zudem, dass er nicht besser ist als die Anderen. Und er vermutet, dass auch die Anderen, die oft nicht gut sind, immer wieder darum kämpfen, hin und wieder etwas gutes für andere zu tun.

Hier geht es zur dritten These.

Hier geht es zur fünften These.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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  • UJ

    Was Luthers 4. These so krass, so radikal, erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass er davon ausgeht, dass der gläubige, bußfertige Christ im Diesseits niemals Frieden wird finden können. Auch nicht für eine kurze Zeit. Dem Einzelnen bleibt nichts als Schmerz und Selbsthass über seine Unzulänglichkeit und Sündhaftigkeit. Bis zu seinem Tod.

    Ich bin zwar kein Lutherexperte, habe aber doch das ein oder andere von ihm gelesen. Ich hatte

    dabei nie den Eindruck, dass das Himmelreich für Luther ins Diesseits hineinreichen und dort auch Wirkung entfalten könnte. Es kommt vollends mit dem Ende aller Dinge und basta. Bis dahin scheint es eher eine Kennzeichnung für eines der zwei Lager zu sein, die bis ans Ende aller Tage im Streit liegen: Das Reich der Welt gegen das Himmelreich Gottes. Entweder ich gehöre zur einen Seite, oder zur anderen. Und dann ist alles klar: Entweder mich erwartet dann die Verdammnis oder die ewige Glückseligkeit. Je nachdem, wie man Luther versteht, habe ich noch nicht einmal Einfluss darauf, welches Schicksal mich nach dem Tod erwartet.

    Mit dem Streit zwischen Himmelreich und dem Reich des Bösen wären wir wieder beim dualistischen Denken Luthers, von dem ich in einem der vorherigen Kommentare sprach.

    Die katholische und, soweit ich weiß, auch die orthodoxe Theologie sind hier andere Wege gegangen. Das dualistische Modell, dem Luther anhängt, hat zwar auch hier Eingang in die theologische Tradition gefunden. Daneben gibt es aber auch die Überzeugung, dass das Himmelreich in die Welt hinein wirkt, man es gleichsam immer wieder aufblitzen sehen und daraus Kraft schöpfen kann, sich immer wieder neu danach auszurichten.Dass der Mensch zeit seines Lebens Sünder ist, ein Christ demzufolge zeitlebens Büßer sein müsse, wird damit nicht bestritten.

    Aber dass das Leben auch schön sein kann, es viele kostbare Momente des Glücks, vielleicht sogar Augenblicke der Glückseligkeit enthalten kann – auch wenn sie nie von Dauer sind – diese Erkenntnis scheint Luther in seinen Thesen völlig abzugehen.

    Wenn ich mir Luthers z.T. wohl recht derbe Ausdrucksweise zu eigen machen würde, könnte ich die ersten vier seiner Thesen auch so zusammenfassen:

    Wir Menschen sind scheiße, unser Leben ist scheiße und das wird bis zum Tod immer so bleiben.

    Kein Wunder, dass der Pfarrerssohn Nietzsche später einmal sagen würde, dass die Christen, seiner Meinung nach, doch etwas erlöster aussehen könnten…

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