Woran scheiterte die UdSSR? Zur Auflösung der Sowjetunion vor 25 Jahren

Dem 1917 errichteten sowjetischen Regime ist es mehrmals gelungen, scheinbar ausweglose Krisen zu überstehen. Warum scheiterte es ausgerechnet an der Perestroika?


Der scheinbar unbezwingbare „real existierende Sozialismus“

Bei der Betrachtung der Prozesse, die zur Auflösung der Sowjetunion führten, befinden wir uns immer noch in der Phase des Staunens. Dies nicht zuletzt deshalb, weil es zuvor nur wenige wahrnehmbare Signale für den baldigen Zerfall des Sowjetreiches gege­ben hatte. Insofern unterschied sich dieser Zusammenbruch deutlich von dem Zer­fall des zarischen Reiches im Jahre 1917, der eine außerordentlich lange Vor­geschichte hatte:

„Hundert Jahre lang hat­te die russische Gesellschaft der Zaren­monarchie mit einer Revolution gedroht. Nikolaus II. hat wahrscheinlich deshalb den Vorwarnungen nicht geglaubt, weil es so viele davon gegeben hatte,

schrieb 1927 der im Exil lebende russi­sche Schriftsteller Mark Aldanow. Der Zerfall des Sowjetimperiums hingegen geschah ohne einen allzu langen Prolog. Und er ereignete sich ausgerechnet in der Zeit, in der das kommunistische Weltreich, auch in den Augen der scharfsinnigsten Beob­achter, von einigen Ausnahmen abgese­hen, als endgültig saturiert, ja, im Grunde als unbezwingbar galt. In den 1970er Jahren erreichte es die lang ersehnte militärisch-strategische Parität mit den Vereinigten Staaten und die Bestätigung der Nachkriegsordnung, d.h. der Spaltung Europas durch die westlichen Demokratien (die KSZE-Akte von Helsinki). Und auch in der Dritten Welt dehnte sich der kommunistische Einfluss scheinbar unaufhaltsam aus. Mitte 1975 (nach der amerikanischen Niederlage in Vietnam) bezeichnete Alexander Solschenizyn die weltpolitische Entwicklung nach 1945 als einen „Dritten Weltkrieg“, der nun mit einer Niederlage des Westens zu Ende gegangen sei:

Noch zwei, drei Jahrzehnte einer derart glorreichen friedlichen Koexistenz und den Begriff des „Westens“ wird es nicht mehr geben,

lautete das Fazit des Schriftstellers.

Und auch im Innern des Sowjetimperiums schien damals die herrschende Elite, ihre Macht endgültig gesichert zu haben. Die in den 1960er Jahren entstandene sowjetische Bürgerrechtsbewegung, hörte Ende der 1970er Jahre praktisch auf zu existieren. Die Verbannung Andrej Sacharows – der integrierenden Gestalt der Bewegung – nach Gorki (Januar 1980) hatte insofern einen symbolischen Charakter.

Nur das unbotmäßige Polen bereitete der Moskauer Zentrale noch einige Sorgen. Dennoch ist es den polnischen Generälen in der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 1981 gelungen, die Solidarność-Bewegung mit ihren etwa 10 Millionen Mitgliedern innerhalb von einigen Stunden zu zerschlagen, und dieser Vorgang wurde von vielen Beobachtern als ein zusätzlicher Beweis für die Unbezwingbarkeit der kommunistischen Regime aufgefasst. Jerzy Turowicz, der Chefredakteur des in Polen hochangesehenen katholischen Blattes „Tygodnik Powszechny“, sagte z.B. Ende 1987:

„Wir haben es niemals verhehlt, dass uns der real existierende Sozialismus nicht gefällt. Aber wir haben wiederholt darauf hingewiesen, dass wir nicht danach streben, (ihn) abzuschaffen, denn wir wissen, dass dies unmöglich ist.

So war das Sowjetimperium zu Beginn der Gorbatschowschen Perestroika weder von außen noch von innen gefährdet – im Grunde eine optimale Ausgangssituation für eine Erneuerung des Systems. Im Gegensatz zu manchen russischen Reformern von früher, befanden sich die Urheber der Perestroika weder unter dem Druck der Straße noch unter dem Schock einer militärischen Niederlage wie dies z.B. nach dem Krimkrieg (1856) oder nach dem Russisch-Japanischen Krieg von 1904-05 der Fall gewesen war. Misserfolge in Afghanistan ließen sich mit den früheren militärischen Niederlagen nicht vergleichen. Warum scheiterte dann das sowjetische Regime bzw. das Sowjetimperium ausgerechnet an der Perestroika?

Russlands Rolle bei der Erosion des zarischen und des sowjetischen Reiches

Viele Beobachter in Ost und West wei­sen auf die sprengende Kraft der nationa­len Bewegungen an den Rändern der UdSSR hin, die zur Auflösung des Imperi­ums erheblich beitrugen. Dennoch wären die nichtrussischen Völker allein wohl kaum imstande gewesen, den Zerfall des Sowjet­reiches herbeizuführen. Im Kampf gegen den kommunistischen Leviathan brauch­ten sie einen mächtigen Verbündeten, und dies konnte im Grunde nur Russland – das Herzstück des Imperiums – sein.

Ohne die Abwendung der aktivsten Teile der russischen Gesellschaft vom bestehenden Regime und von der in ihm herrschenden Doktrin wäre die Los­lösung der nichtrussischen Peripherie vom Zentrum kaum denkbar gewesen:

Zum entscheidenden Faktor beim Zerfall der UdSSR war … nicht die Haltung des Baltikums, sondern Russlands geworden,

sagte später in diesem Zusammenhang Michail Gorbatschow. Er meinte damit nicht zuletzt die Souveränitätserklärung Russlands, die der russische Kongress der Volksdeputierten am 12. Juni 1990 proklamierte. Zwar gehörten andere Sowjetrepubliken, so z. B. Estland, Litauen oder Lettland, zu den Vorreitern auf diesem Gebiet und hatten entsprechende Erklärungen bereits in den Jahren 1988-89 verabschiedet. Die Souveränitätserklärung Russlands – des Kernlandes der UdSSR – wog aber besonders schwer und trug zusätzlich zur Aushöhlung der bestehenden föderalen Strukturen bei. Einen der letzten verzweifelten Versuche Gorbatschows, die Union zu retten, stellte das Referendum über den Fortbestand der UdSSR als „erneuerter Föderation“ dar (17.3.1991). 76% der Wähler aus den Sowjetrepubliken, die an diesem Volksentscheid teilnahmen, sprachen sich für den Erhalt der UdSSR aus. In Russland waren es etwa 71%. Dessen ungeachtet setzte sich die Erosion der föderalen Strukturen und der sie legitimierenden kommunistischen Ideologie nach dem Referendum nicht zuletzt auch in Russland fort.

In diesem Punkt ähnelten die Prozesse von 1989-1991 denjenigen von 1917. Denn auch die Auflösung des zarischen Reiches war nur deshalb möglich, weil große Teile des russischen Staatsvolkes sich von dem damals herrschenden System abwandten. Die erschreckende Leere, die den Zarenthron sowohl während der Revo­lution von 1905 als auch im Februar 1917 umgab, zeigte, dass die Romanow-Dynastie ihre Verwurzelung bei den eigenen Untertanen weit­gehend verloren hatte. Der Zarenglaube der russi­schen Volksschichten zer­bröckelte und wurde in einem immer stärkeren Ausmaß durch den Glau­ben an eine Revolution abgelöst.

Viele Verfechter der bestehenden Ordnung versuchten damals die revolutionäre Gefahr – und dies erinnert an die Endphase des Sowjetrei­ches – mit Hilfe chauvi­nistischer Ideen zu be­kämpfen. Sergej Witte, der zu den bedeutendsten Staatsmännern im vorre­volutionären Russland zählte, bezichtigte den letzten russischen Zaren allzu großer Sympathien für die extreme russische Rechte. Witte hielt diesen Kurs des Zaren für verhängnisvoll. Und in der Tat, der Flirt mit den Chauvinisten hat die Monarchie nicht zu der erhofften Volksnähe geführt. Die russische Bauernschaft – die überwäl­tigende Mehrheit der Bevölkerung des Reiches – war für die nationalistische Ideologie nur begrenzt empfänglich. Der unge­lösten Agrarfrage hat sie wesentlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt als der natio­nalen Größe Russlands. Der nationalisti­sche Rausch, der die europäischen Völker nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrie­ges erfasste, hat sich in Russland lediglich auf die Bildungsschicht, die sogenannte Zensusgesellschaft, beschränkt. Die Un­terschichten blieben davon wenig berührt. Mit Euphorie begrüßten sie aber 1917 die Re­volution. Die militanten russischen Natio­nalisten spielten bei den Ereignissen von 1917 so gut wie keine Rolle. Der russische Nationalismus erlitt also zu Beginn des Jahrhunderts bei seinem Versuch, das Zarenregime zu beerben und das Imperium zu revitalisieren, ein totales Fiasko.

Siebzig Jahre später, in der Stunde der Dämmerung des Sowjetreiches, mel­dete er erneut seinen Anspruch an, die Doktrin, die bis dahin das Imperium ze­mentierte, abzulösen, und trat als Alterna­tive auf.

Als Gorbatschow versuchte, mehr De­mokratie zu wagen und das Unfehlbar­keitsdogma der Partei aufgab, stellte es sich heraus, dass die kommunistische Idee in den Augen der Bevölkerungsmehrheit ähnlich diskreditiert war wie die Zaren­idee zu Beginn des Jahrhunderts. Der Mas­senterror war für das Bestehen des kom­munistischen Regimes, zumindest in sei­nem nachstalinistischen Stadium, nicht er­forderlich. Hier haben sich manche Klassi­ker der Totalitarismus-Theorie geirrt. Auch die totale Kontrolle über die Produk­tionsmittel stellte keine unerlässliche Vor­aussetzung für das Überdauern des Sy­stems dar. Das Vorhandensein eines star­ken wirtschaftlichen Privatsektors in der Periode der Neuen Ökonomischen Politik hat die Alleinherrschaft der Bolschewiki in keiner Weise gefährdet. Eines konnte aber dieses Regime nicht verkraften – den freien Wettkampf von Ideen.

Der Kampf um die Nachfolge der diskreditierten kommunistischen Ideologie

In der russischen Öffentlichkeit ent­brannte in der Endphase der Gorbatschowschen Perestroika (Ende der 1980er Jahre) ein harter Kampf um die Nachfolge der diskreditierten kommuni­stischen Idee. Er wurde mit einer solchen Schärfe geführt, dass man ihm in Moskau sogar die Bezeichnung der „geistige Bür­gerkrieg“ verlieh. Bei diesem Kampf um die geistige Hegemonie im Lande hatten die russischen Nationalisten erneut, ähn­lich wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, mächtige Konkurrenten. Diesmal waren es aber nicht revolutionäre Utopisten, sondern pragmatisch denkende Reformer, die Russland, wie sie sagten, „normalisie­ren und nach Europa zurückführen“ woll­ten. Nicht der hegemonialen Stellung Russlands in Europa und in der Welt, son­dern seiner demokratischen Erneuerung maßen sie absolute Priorität bei. Da­mit verstießen sie aber nach Ansicht der Nationalisten gegen die fundamentalen Interessen des Landes. Einer der führen­den Ideologen des nationalen Lagers, Alexander Prochanow, schrieb 1990:

Zum ersten Mal in der Geschichte unse­res Landes, ja in der Weltgeschichte, se­hen wir, wie eine Macht nicht infolge von außenpolitischen Rückschlägen oder von Naturkatastrophen zerfällt, sondern infol­ge der zielstrebigen Handlungen ihrer Führer.

Trotz ihres leidenschaftlichen Engage­ments für die sogenannten russischen In­teressen vermochten indes die militanten Nationalisten, ähnlich wie ihre Vorgänger am Vorabend der bolschewistischen Revo­lution, keine überragenden Erfolge zu er­zielen. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung hat ihnen erneut eine eindeu­tige Abfuhr erteilt. Dies zeigte sich beson­ders deutlich bei den russischen Präsidentschaftswahlen vom 12. Juni 1991, bei denen Boris Jelzin auf Anhieb mehr als 57 Prozent der Stimmen erhielt. Eine Nation, die in den Augen vieler Beobachter als die imperiale Nation par excellence gilt, wählte also zu ihrem ersten demokratisch legitimierten Staatsoberhaupt einen Politiker, der sich vom imperialen Gedanken expressis verbis distanzierte. Die Hegemonialstrukturen des Sowjetreiches erhielten nun einen Riss an der empfindlichsten Stelle – im Zentrum. Von diesem Schlag konnten sie sich nicht mehr erholen.

Verbündete derer, die nach Unabhängigkeit strebten 

Die russischen Demokraten wurden in der letzten Phase der Perestroika zum wichtigsten Verbündeten der nach Unab­hängigkeit strebenden Völker an den Rän­dern des Imperiums. Nach den blutigen Ereignissen in Vilnius und in Riga im Ja­nuar 1991, als die sowjetischen Dogmatiker mit Gewalt das Rad der Geschichte zurückdrehen wollten, gingen Hunderttau­sende von Moskauern auf die Straßen, um dagegen zu protestieren.

Im April 1991 richtete der bekannte polnische Publizist Józef Kuśmierek einen offenen Brief an Boris Jelzin, der folgende Sätze enthielt:

„Sie sind für die Polen der erste russische Politiker, der im Namen Russlands und nicht im Namen des russischen Imperiums spricht … Sie symbolisieren für mich ein Russland, das ich als Pole nicht fürchten muss.

Seit dem Tode Stalins hatte es an der westlichen Peripherie des Moskauer Im­periums immer wieder Versuche gegeben, die sowjetische Hegemonie abzuschütteln – Ost-Berlin, Budapest, Prag, Warschau. Alle diese Ver­­suche scheiterten; denn Moskau stellte einen ruhenden Pol des Im­periums dar und war stark genug, um je­den Auflehnungsversuch der abhängigen Völker im Keime zu ersticken. Während der Perestroika geriet aber dieser Pol selbst in Bewegung. Der Ver­zicht Gorbatschows auf die Breschnew-Doktrin stellte die wichtigste Vorausset­zung für die Auflösung des „äuße­ren Sowjetimperiums“ – des Ostblocks – dar. Der Sieg der russischen Demokraten in Moskau im August 1991 leitete die Auf­lösung des „inneren Imperiums“ – der UdSSR – ein.

Die Abkehr vom „proletarischen Internationalismus“

Das russische Vielvölkerreich, das die Bolschewiki nach dem Zusammenbruch des Zarenregimes restauriert hatten, wurde nicht nur durch Gewalt zusammengehalten. Es basierte auf der Ideologie des „proletarischen Internationalismus“, die die wichtigste weltanschauliche Klammer des sowjetischen Imperiums darstellte. Der Wegfall dieser Klammer infolge der Erosion der kommunistischen Ideologie und der Entmachtung der KPdSU nach dem gescheiterten Putschversuch vom August 1991 stellte das gesamte imperiale Gefüge in Frage. Während des August-Putsches und unmittelbar danach bestätigten beinahe alle Unionsrepubliken ihre bereits früher erfolgten Souveränitätserklärungen bzw. erklärten sich für unabhängig. Am 8. Dezember 1991 fand ein Treffen der Präsidenten Russlands, der Ukraine und des Vorsitzenden des Obersten Sowjets Weißrusslands bei Minsk statt, dessen Ergebnisse zu einer Zäsur für die Geschichte des russischen bzw. sowjetischen Reiches wurden, denn die Vertreter der Staaten, die  einst (im Dezember 1922) den Unionsvertrag unterzeichnet hatten, erklärten jetzt, „dass die UdSSR als Subjekt des Völkerrechts und als geopolitische Realität aufhört zu bestehen“. Anstelle der UdSSR beschlossen die Unterzeichner, einen viel lockereren Staatenbund – die Gemeinschaft der Unabhängigen Staaten (GUS) – zu gründen.

Viele Verfechter des imperialen Gedankens in Russland betrachteten das Treffen vom 8. Dezember 1991, das die Auflösung der UdSSR beschloss, als heimtückisches Komplott der erklärten Feinde Moskau, die im Auftrage des Westens Russland als Großmacht zerstören wollten. Dabei ließen die Verfechter dieser russischen „Dolchstoßlegende“ die Tatsache außer Acht, dass die Erosion des kommunistischen Systems und der Idee des „proletarischen Internationalismus“ dem Sowjetreich die wichtigste organisatorische und weltanschauliche Klammer entzog. Ohne diese Klammer war die Aufrechterhaltung der bestehenden Staatsstrukturen schwer möglich – obwohl manche russische Politiker, nicht zuletzt auch Michail Gorbatschow, diesbezüglich nach wie vor anderer Meinung sind.

„Die Rückkehr nach Europa“ oder „russischer Sonderweg“?

Als Boris Jelzin und seine Gesinnungs­genossen im August 1991 die KPdSU entmachteten, kämpften sie nicht nur unter de­mokratischen, sondern auch unter natio­nal-russischen Fahnen. Die Aufbruchsstimmung, die damals in Moskau herrschte, erinnerte sehr stark an die Atmosphäre der Frankfurter Paulskirche im Jahre 1848, als die Idee der Freiheit und die der Nation eine Symbiose eingegangen waren.

Man muss sich indes vor Augen führen, in welche Richtung sich die deutsche Na­tionalbewegung weiter entwickeln sollte. Denn das, wonach diese Bewegung streb­te, war nicht nur Freiheit, sondern auch Macht:

 Die Bahn der Macht ist die einzige, die den gärenden Freiheitstrieb be­friedigen und sättigen wird,

erklärte zum Beispiel im September 1848 der konservativ-liberale Abgeordnete der Frankfurter Nationalver­sammlung Friedrich Christoph Dahlmann. Und als es sich herausstellte, dass der autoritäre preußische Staat über ein viel wirksameres Instrumen­tarium als die Paulskirche verfügte, um die Macht Deutschlands zu steigern, hat die Mehrheit der national gesinnten deutschen Liberalen vor ihm kapituliert.

Im postsowjetischen Russland begann sich kurz nach dem August-Sieg der Demokraten eine ähnliche Entwick­lung anzubahnen.

Viele Demokraten, die sich vor Au­gust 1991 für die „Rückkehr“ Russlands nach Europa eingesetzt hatten, begannen sich auf den sogenannten „russischen Sonderweg“ zu besinnen:

 Sobald die russischen Westler an die Macht kommen, müssen sie aufhören, Westler zu sein,

sagte damals einer der engsten Mitarbeiter Jelzins, Jewgenij Koschokin. Eine grenzenlose Verklärung des Westens sei in Russland nur dann mög­lich, wenn man sich in der Opposition befinde, fügte Koschokin hinzu.

Die national gesinnten Demokraten begannen sich immer stärker mit dem prowestlich orientierten Außen­minister Andrej Kosyrew auseinanderzusetzen, dem sie eine grenzenlose Nachgiebigkeit gegenüber dem Westen, wie auch gegenüber den unmittelbaren Nachbarn Russlands vorwarfen. Haben sich also die Verfechter des „rus­sischen Sonderweges“ aus dem demokra­tischen Lager nun an die Positionen der militanten „national-patriotischen“ Opposition angenähert? Wohl kaum. Wenn man die Auseinandersetzungen zwischen den „Westlern“ und ihren Opponenten aus dem demokratischen Lager näher betrach­tete, fiel auf, dass zwischen den beiden Gruppierungen kei­ne unüberbrückbare Kluft bestand.

Vertreter der beiden Orientierungen kri­tisierten zum Beispiel manche westliche, vor allem amerikanische Politiker, die den Status Russlands als Großmacht aushöhlen wollten. Eine solche Haltung sei äu­ßerst kurzsichtig, meinte der russische Bot­schafter in Washington, Wladimir Lukin, der zu den Hauptkontrahenten Kosyrews zählte:

Die Nato – dies war eine amerika­nische Reaktion auf das starke und aggressive Russland und auf das schwache, ge­schlagene Deutschland. Die Fortsetzung der gleichen Strategie in einer Situation, in der Deutschland immer stärker und Russland immer schwächer wird – das ist ­bereits keine Politik, sondern eine Trägheit des Denkens.

Lukin paraphrasierte hier im Grunde die Worte George F. Kennans, der bereits An­fang der sechziger Jahre schrieb, dass die USA auf die sowjetischen Entwicklungen in der Regel mit einer etwa zehnjährigen Verspätung reagierten.

Kosyrews Warnungen an die Adresse der Vereinigten Staaten waren indes denjeni­gen Lukins zum Verwechseln ähnlich. An der amerikanischen Columbia Universität sagte er:

 Jeder Versuch, den Status Russlands als Großmacht auszuhöh­len, hat mit politischem Realismus nichts zu tun. Aufgrund seiner menschlichen und materiellen Ressourcen und aufgrund sei­ner geographischen Position bleibt Russland eine Großmacht.

Sowohl die Verfechter der prowestli­chen Orientierung als auch ihre Kritiker aus dem demokratischen Lager versuchten den Westen zu überzeugen, dass ein demokratisches und innerlich stabiles Russland zum wichtigsten Ordnungsfaktor auf dem von Krisen geschüttelten Territorium der ehemaligen Sowjetunion werden könnte.

Solche ehrwürdigen Einrichtungen wie die UNO oder die KSZE würden wohl kaum imstande sein, die unzähligen Kon­flikte, die das untergegangene Sowjetreich hinterlassen habe, in den Griff zu bekom­men, bemerkte der Vorsitzende des Außenpolitischen Komitees des Obersten Sowjets Jewgenij Ambartsumow, der als Kontrahent Kosyrews galt. Insofern habe Russland als der stärkste Nachfolgestaat der UdSSR eine besondere Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Stabilität in der Region, so Ambartsumow.

Und nun eine Aussage Kosyrews zum gleichen Thema:

 Der Sieg der Demokra­tie in Russland wird stabilisierend auf den gesamten eurasischen Raum wirken.

Deshalb warb Kosyrew um massive westliche Unterstützung für die krisengeschüttelte russische Demokratie.

Die beste Form dieser Unterstützung wäre sicherlich eine stärkere Anbindung Russlands an die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Strukturen des Westens gewesen. Diese erfolgte allerdings nur in einem sehr bescheidenen Ausmaß. Während der westliche Teil des europäischen Kontinents in den 1990er Jahren eine immer tiefergehende Integration erlebte, begann das weitgehend isolierte Russland in einem immer größeren Ausmaß seinen nationalen Interessen zu huldigen und dadurch quasi ins 19. Jahrhundert zurückzukehren. Das „gesamteuropäische Haus“, für dessen Errichtung sich seinerzeit Michail Gorbatschow so vehement eingesetzt hatte, wurde also nicht erbaut. All das trug – neben den zahlreichen innenpolitischen Fehlern der demokratischen Sieger vom August 1991 – wesentlich zur Erosion und schließlich auch zum Scheitern der „zweiten“ russischen Demokratie bei.

Leonid Luks

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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