Russland – eine „verspätete Nation“?

Der Begriff „verspätete Nation“ wurde früher oft in Bezug auf Deutschland angewandt. Lässt er sich auch auf Russland übertragen? – Betrachtungen zur Entwicklung der nationalen russischen Identität

Grafik: Alexander Wallasch

Die Tatsache, dass in Russland nach der Annexion der Krim eine Art „Tsunami des Patriotismus“ ausbrach (so die regierungskritische Moskauer Zeitung „Nowaja Gaseta“), ruft im Westen Befremden und Staunen hervor. Russland scheint sich zurzeit auf einem anderen Planeten als der westliche Teil des „alten Kontinents“ zu befinden.

Dabei vergisst man leicht, dass sich die Dinge in der Vergangenheit ganz anders verhielten. Die Verklärung des nationalen „sacro egoismo“ war früher in West- und Mitteleuropa wesentlich stärker ausgeprägt als in Russland.

„Gesunder Volksegoismus“  oder  „kosmopolitischer Idealismus“?

Eine Art Zäsur stellte hier die Revolution von 1848 dar. Bis dahin war der „romantische Nationalismus“ in Europa vorherrschend gewesen. Seine Verfechter gingen davon aus, dass nur die europäischen Dynastien einem harmonischen Zusammenleben der freien Völker im Wege stünden. Mit dem Beginn des „Völkerfrühlings“ von 1848 stellte sich aber heraus, dass die Verwirklichung dieses Harmonie-Ideals auch durch andere Faktoren erschwert war, nicht zuletzt durch die nationalen Egoismen der jeweiligen, von der Revolution erfassten Völker.

Besonders deutlich spiegelte sich dies am Beispiel Polens wider. Nach dem polnischen Novemberaufstand von 1830, der sich zum beinahe einjährigen polnisch-russischen Krieg ausweitete, stellte die Solidarität mit dem unterdrückten Polen eine Art Prüfstein für die revolutionäre Gesinnung dar. Dieses Solidaritätsgefühl sollte sich aber ausgerechnet nach dem Ausbruch der Revolution von 1848 deutlich abkühlen. Vor die Wahl zwischen einer Prinzipien- und einer Interessenpolitik gestellt, wählten die revolutionären Regierungen in der Regel letzteres. Der erste Außenminister der Ende Februar 1848 in Paris entstandenen Provisorischen Regierung, Alphonse de Lamartine, wollte auf keinen Fall wegen Polen einen Krieg mit Russland riskieren. Die Franzosen liebten Polen, Italien und alle anderen unterdrückten Völker, erklärte er am 27. März 1848, aber über alles andere liebten sie Frankreich. Wenn dies die Haltung des traditionell polenfreundlichen Frankreich war, was konnte man dann von Deutschland erwarten? Sich für die polnische Unabhängigkeit einzusetzen, bedeutete für die Deutschen nicht nur internationale Verwicklungen zu riskieren, sondern auch territoriale Verluste hinzunehmen. Als dies realisiert wurde, nahm die Polenbegeisterung der deutschen Revolution rapide ab. Bei der Polendebatte in der Frankfurter Paulskirche vom Juli 1848 entschied sich die überwältigende Mehrheit der Abgeordneten für den „gesunden Volksegoismus“ und gegen den „sentimentalen, kosmopolitischen Idealismus“, d.h. gegen Polen.

Nach dem Scheitern der Revolution von 1848 sollten viele ehemalige „revolutionäre Romantiker“ in einem noch stärkeren Ausmaß der rücksichtslosen „Real- und Interessenpolitik“ huldigen. In seiner einflussreichen Schrift „Grundsätze der Realpolitik“ von 1853 sagte der enttäuschte 48er, August Ludwig von Rochau, die Macht allein sei für die Nationen die erste Bedingung des Glücks, und ein Volk, das auf sie verzichte, gehöre zu den Toten.

Die Polarisierung der russischen Gesellschaft

Wie anders verlief damals die Entwicklung Russlands! Die Ereignisse von 1848 ließen das Land praktisch unberührt, deshalb blieb hier auch die Enttäuschung über die revolutionären Ideale aus. Während viele der früheren Revolutionäre im Westen ihre Heilserwartungen immer stärker mit der Nation verknüpften, begann das revolutionäre Ideal in Russland erst jetzt zur vollen Geltung zu gelangen. Jede Kritik an ihm hielt der radikale und zugleich meinungsbildende Teil der russischen Bildungsschicht – die Intelligenzija – für eine Art Sakrileg. Es habe im vorrevolutionären Russland einer ungewöhnlichen Zivilcourage bedurft, um sich offen zu einer Politik der Kompromisse zu bekennen, schrieb in diesem Zusammenhang 1924 der russische Philosoph Simon Frank.

Das internationale Prestige des eigenen Staates spielte für die russische Intelligenzija so gut wie keine Rolle.

Der russisch-türkische Krieg von 1877-78, der durch die brutale Unterdrückung des südslawischen Aufstandes durch die Osmanen ausgelöst wurde, schien hier eine Tendenzwende herbeigeführt zu haben. Der Göttinger Historiker Reinhard Wittram bezeichnete diesen Krieg als den ersten und einzigen panslawistischen Krieg Russlands. Viele russische Publizisten verknüpften mit ihm Hoffnungen auf eine Erneuerung des Landes und auf eine Eindämmung der revolutionären Gefahr. Mit Nachdruck vertrat diese Hoffnungen Fjodor Dostojewski, der in den 1870er Jahren zu einem der wichtigsten Ideologen des russischen Konservatismus avancierte. Den russischen Kriegsgegnern und den westlichen Widersachern Russlands schleuderte er im April 1877 entgegen:

Sie übersahen das ganze russische Volk als lebendige Kraft und übersahen die kolossale Tatsache: das Einssein des Zaren mit seinem Volk!

Es ist erstaunlich, wie sehr der Visionär Dostojewski, der in seinem literarischen Werk mit solch treffender Schärfe die Tragödien des 20. Jahrhunderts vorausgesehen hatte, in seiner Publizistik den Entwicklungen der Gegenwart hinterherhinkte. Er ließ sich durch die Fassade der Geschlossenheit, die den Krieg von 1877/78 begleitete, täuschen und übersah das tatsächliche Ausmaß der damaligen Zerrissenheit der Nation. Vier Jahre nachdem Dostojewski vom „Einssein des Zaren mit seinem Volk“ gesprochen hatte, wurde der reformorientierte Zar Alexander II., der in die russische Geschichte als „Zar-Befreier“ einging, durch die Terrororganisation „Narodnaja Wolja“ („Volkswille“ oder „Volksfreiheit“) ermordet. Der siegreiche Krieg gegen die Türkei hatte in keiner Weise zur nationalen Aussöhnung beigetragen. Im Gegenteil, der Prozess der Polarisierung der Gesellschaft trat danach in eine noch radikalere Phase. Die erschreckende soziale und politische Leere, die die Romanow-Dynastie nun umgab, offenbarte sich während des russisch-japanischen Krieges von 1904-05. Das militärische Debakel des zarischen Heeres wurde von der Gesellschaft im Großen und Ganzen mit Gleichgültigkeit aufgenommen, von Teilen der Intelligenzija sogar begrüßt.

Der Paradigmenwechsel im Zarenreich nach dem russisch-japanischen Krieg

Ausgerechnet nach dem verlorenen russisch-japanischen Krieg erlebte allerdings ein Teil der russischen Intelligenzija eine Art nationaler Renaissance. Die Auseinandersetzung des einflussreichen russischen Publizisten Petr Struve (eines ehemaligen Marxisten) mit dem nationalen Nihilismus der Intelligenzija in seinem 1908 erschienenen Artikel „Das Große Russland“ stellt ein besonders anschauliches Indiz dafür dar. Da vergleichbare Prozesse im Westen bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts stattgefunden hatten, lässt sich Russland in dieser Hinsicht wohl als eine Art „verspätete Nation“ bezeichnen. Mit dieser nationalen Renaissance war auch die Tatsache verbunden, dass die russische Bildungsschicht nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, ähnlich wie die Bildungsschichten Deutschlands, Frankreichs oder Großbritanniens, von einem patriotischen Taumel erfasst wurde. Defätistische Stimmungen stellten damals innerhalb der politischen Klasse Russlands eher ein Randphänomen dar und beschränkten sich lediglich auf die Bolschewiki und einige andere linksradikale Gruppierungen.

Die russischen Unterschichten blieben indes von dieser nationalen Wende im Wesentlichen unberührt. Der Weltkrieg wurde von ihnen nicht als „Vaterländischer Krieg“ erlebt. Mit Euphorie begrüßten sie aber 1917 die Revolution.

Die national gesinnten Verfechter der im Februar/März 1917 entstandenen „ersten“ russischen Demokratie, gingen nun davon aus, dass sich die Einstellung der Volksschichten zum Krieg nach dem Sturz der unpopulären Romanow-Dynastie grundlegend ändern würde. Sie erwarteten eine revolutionäre Kriegsbegeisterung vergleichbar derjenigen, die im revolutionären Frankreich nach dem Ausbruch des Krieges gegen die legitimistischen Mächte geherrscht hatte. Nichts dergleichen aber geschah. Die Mehrheit der russischen Soldaten, bei denen es sich im Wesentlichen um „Bauern in Uniform“ handelte, war nicht an der Verteidigung der „ersten“ russischen Demokratie, sondern vor allem an der Abrechnung mit ihren innenpolitischen Gegnern, den Gutsbesitzern, interessiert.

Die Volksschichten … weigerten sich plötzlich das Land zu verteidigen. Im dritten Jahr des Weltkrieges verlor das Volk die Überzeugung von der Notwendigkeit der Existenz Russlands,

so der russische Exilhistoriker Georgij Fedotow.

Welche Dimensionen der nationale Nihilismus der russischen Volksschichten damals erreichte, ließ sich daran ablesen, dass Lenins Zusammenarbeit mit dem deutschen Kriegsgegner, die von der russischen Regierung dokumentarisch belegt wurde, dem Siegeszug der Bolschewiki in keiner Weise schadete.

Im russischen Bürgerkrieg, der nach dem Sieg der bolschewistischen Revolution begann, standen die national gesinnten und am besten organisierten Gegner der Bolschewiki – die „Weißen“ – von vornherein auf verlorenem Posten, weil sie die revolutionären Ideale der russischen Unterschichten in Frage stellten und im Verdacht standen, die  vorrevolutionären Zustände restaurieren zu wollen.

Im Westen hingegen erreichte damals die Verklärung des nationalen Egoismus, ungeachtet der zerstörerischen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, einen neuen Höhepunkt. Georgij Fedotov schrieb 1931 hierzu:

Das Vaterland scheint für die Mehrheit der heutigen Europäer die einzige Religion, der einzige moralische Imperativ zu sein, der sie vor der individualistischen Zersetzung rettet. Die Größe des Vaterlandes rechtfertigt jede Sünde, verwandelt jede Niedertracht ins Heldentum.

Die „nationale Renaissance“ in der stalinistischen UdSSR

Aber auch in Russland selbst setzte unter der Hülle der bolschewistischen Diktatur allmählich die Suche nach den verschütteten nationalen Wurzeln ein. Jedem revolutionären Bruch mit der Vergangenheit folge nach einer gewissen Zeit die Sehnsucht nach der Wiederherstellung der geschichtlichen Kontinuität, bemerkte in diesem Zusammenhang der Sowjetologe Edward Hallett Carr. Für diese Sehnsucht entwickelte vor allem Josef Stalin ein feines Gespür, als er die vorrevolutionäre russische Geschichte zu rehabilitieren begann. Seit 1934 wurde die bis dahin in der sowjetischen Geschichtswissenschaft dominierende Schule des Historikers Michail Pokrowski (1868-1932), die das vorrevolutionäre Russland als Inbegriff der Unterdrückung angesehen hatte, immer schärfer kritisiert. Die Idee der nationalen Größe durfte nun wieder offiziell propagiert werden. Diese ideologische Wende war nicht zuletzt durch die rapide Verschlechterung der deutsch-sowjetischen Beziehungen nach der nationalsozialistischen Machtübernahme und durch die Ausrichtung Moskaus auf einen eventuellen Krieg gegen das Dritte Reich verursacht. Um die Identifizierung der Gesellschaft mit den Zielsetzungen des Regimes zu fördern, begann sich die stalinistische Führung immer häufiger eines patriotischen Vokabulars zu bedienen.

Die damalige Nationalisierung des Bolschewismus war allerdings nicht nur außenpolitisch, sondern auch innenpolitisch bedingt. So konnte das stalinistische Regime nach der beinahe gänzlichen und mit äußerster Brutalität durchgeführten Enteignung der russischen Bauernschaft infolge der Kollektivierung der Landwirtschaft das Ideal der sozialen Gerechtigkeit nicht mehr überzeugend vertreten. Die Verbreitung der nationalen Ideen schien besser dazu geeignet, die Bevölkerung emotional an den Staat zu binden.

Die Rehabilitierung der nationalen Idee durch Stalin diente zwar vorwiegend propagandistischen Zwecken, zugleich reagierte Stalin aber, wie bereits gesagt, auch auf echte emotionale Bedürfnisse der russischen Bevölkerung. Die Wiederentdeckung des bis dahin verbotenen Wortes „Heimat“ sei nicht nur auf Befehl erfolgt, schrieb 1935 der bereits erwähnte Georgij Fedotow.

Dass die nationale Renaissance, die am Vorabend des Ersten Weltkrieges zunächst nur bei den russischen Bildungsschichten zu beobachten war, sich etwa drei Jahrzehnte später beinahe auf die gesamte Bevölkerung ausdehnte, konnte man während des deutsch-sowjetischen Krieges sehen, der, anders als der Erste Weltkrieg, von den russischen Volksschichten bekanntlich als „Vaterländischer Krieg“ erlebt wurde. Der Paradigmenwechsel, der sich in Russland zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg vollzogen hatte, ließ sich am Beispiel von zwei russischen Politikern ablesen, die jeweils mit dem Kriegsgegner kooperiert hatten. So hatte Lenins Zusammenarbeit mit den Deutschen seiner Popularität, wie bereits erwähnt, kaum geschadet. Die Kollaboration von General Wlassow mit dem Dritten Reich hingegen, hatte ihn in den Augen der großen Mehrheit der russischen Bevölkerung gänzlich diskreditiert. Der russische Patriotismus wurde zu der wohl wichtigsten Kraft, die das Überleben des sowjetischen Staates ermöglichte und an der Hitlers „Griff nach der Weltmacht“ zerbrach.

Dabei muss man betonen, dass diese patriotische Wende keine antiwestliche Spitze enthielt. Im Gegenteil. Viele Soldaten der Roten Armee waren damals stolz darauf, dass sie vor den Toren Leningrads und Moskaus nicht nur ihr eigenes Land, sondern auch die gesamte vom Nationalsozialismus bedrohte Welt verteidigten. Winston Churchill sagte dazu am Tag des Hitlerschen Überfalls auf die Sowjetunion:

Der Kampf jedes Russen … ist der Kampf aller freien Menschen und aller freien Völker in allen Teilen der Welt.

Kaum jemand habe damals damit gerechnet, dass die Rückkehr zu der gespenstischen stalinistischen Wirklichkeit der Vorkriegszeit möglich sei, so der polnische Dichter Aleksander Wat, der die Kriegszeit in der Sowjetunion verbracht hatte:

 Alle glaubten, wenn diese Woge der Millionen Helden und Märtyrer von der Front zurückkäme, dann könnte kein Stalin mehr etwas ausrichten, dann würde Russland sich ändern, und zwar von Grund auf.

Kühne Visionen entwarfen damals sogar derart treue Diener Stalins wie der populäre Schriftsteller Alexei Tolstoj. Am 22. Juli 1943 schrieb er in sein Notizbuch:

Das Volk wird vor nichts mehr Angst haben … Die chinesische Mauer zwischen Russland (und der Außenwelt) wird fallen.

Es war aber gerade diese Perspektive, die die damalige Kremlführung am meisten schreckte. Die Stalin-Riege betrachtete die erneute Disziplinierung der auf ihren Sieg so stolzen Nation nun als ihr wichtigstes Ziel. Der Westen wurde nun wieder dämonisiert, vor den verderblichen westlichen Einflüssen wurde ununterbrochen gewarnt. Ihre antiwestliche Kampagne verknüpften die stalinistischen Ideologen mit einer ans Groteske grenzenden Verklärung des Russentums. Dennoch hatten sich die „Gralshüter“ der stalinistischen Ideologie niemals gänzlich mit der „russischen Idee“ identifiziert. Die Verklärung der russischen Nation wurde von ihnen immer mit einem „aber“ versehen. Denn die stalinistische Führung musste, trotz ihres Hangs zum russozentrischen Denken, zugleich auch ihr „internationalistisches Gesicht“ wahren. Das „Kommunistische Manifest“ von Marx und Engels stellte immerhin eine Art Gründungsdokument des sowjetischen Staates dar, und zu den zentralen Aussagen dieses Dokuments gehörten folgende Sätze:

Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben.

Demokratisch oder national? – die russische Revolution vom August 1991

Nun aber ein großer chronologischer Sprung.

In der Stunde der Dämmerung des Sowjetreiches, als die kommunistische Ideologie, die das 1917 errichtete Regime legitimiert hatte, eine immer tiefere Erosion erlebte, erhoben die russischen Nationalisten ihren Anspruch darauf, die bis dahin herrschende Ideologie zu beerben.

Trotz ihres leidenschaftlichen Engagements für die sogenannten russischen Interessen vermochten indes die imperial gesinnten Nationalisten, ähnlich wie ihre Vorgänger am Vorabend der bolschewistischen Revolution, keine überragenden Erfolge zu erzielen. Die Mehrheit der Bevölkerung erteilte ihnen erneut eine eindeutige Abfuhr. Dies zeigte sich besonders deutlich bei der Wahl Boris Jelzins – der damaligen Symbolfigur der Reformer – zum ersten demokratisch legitimierten Staatsoberhaupt Russlands (12. Juni 1991) und auch beim kläglichen Scheitern des kommunistischen Putschversuchs im August 1991 (dies nach einer mehr als siebzigjährigen kommunistischen Indoktrination!). Die Kluft zwischen Ost und West schien nun überwunden, die „Rückkehr nach Europa“ stellte das erklärte Ziel der im August 1991 entstandenen „zweiten“ russischen Demokratie dar.

Die Sieger vom August 1991 kämpften allerdings nicht nur unter demokratischen, sondern auch unter national-russischen Fahnen. Die Aufbruchsstimmung, die in Moskau damals herrschte, erinnerte in gewisser Weise an die Atmosphäre der Frankfurter Paulskirche vom Jahre 1848, als die Idee der Freiheit und die der Nation eine Symbiose eingegangen waren. Diese nationale Wende war aber zunächst, ähnlich übrigens wie diejenige im deutsch-sowjetischen Krieg, nicht mit antiwestlichen Ressentiments verknüpft. Noch Mitte 1992 bezeichnete Boris Jelzin die westlichen Länder als „natürliche Verbündete Russlands“. Aber schon bald danach begannen sich die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen abzukühlen. Russland wurde nur partiell in die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Strukturen des Westens integriert. Die von Michail Gorbatschow lancierte Idee eines „gemeinsamen europäischen Hauses“ wurde nicht verwirklicht. Dies war auch einer der wichtigsten Gründe für die Erosion der „zweiten“ russischen Demokratie und für die autoritäre Wende, die in Russland nach dem Machtantritt Wladimir Putins erfolgte. Und so begannen sich die Wege Russlands und des Westens, nach einer kurzen Phase der Begegnung Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre, erneut zu trennen.

Gegen den Zeitgeist

Als Putin im April 2005 die Auflösung der Sowjetunion zur größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts deklarierte, deutete er damit an, dass er das im Dezember 1991 gefällte „Urteil der Geschichte“ revidieren wollte. Dennoch verstößt die rücksichtslose Machtpolitik der Kreml-Führung  im Namen der sakralisierten nationalen Interessen derart eklatant gegen den postnationalen Zeitgeist, der Europa seit den verheerenden Erfahrungen der beiden Weltkriege prägt, dass Russland nun erneut Gefahr läuft, sich in einen lebenden Anachronismus auf dem Kontinent zu verwandeln und den Anschluss an die Moderne zu verlieren. Das Schicksal der Zarenmonarchie und der UdSSR führt deutlich vor Augen, welch schmerzliche Folgen der Kampf gegen den Zeitgeist haben kann.

Leonid Luks

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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