Israel – Der ewige Sündenbock

Tilman Tarach legt sieben Jahre nach der Erstausgabe eine völlig überarbeitete und aktualisierte Neuauflage seines Buches über das traditionelle Bild vom Nahostkonflikt vor. Heiko Heinisch hat „Der ewige Sündenbock“ gelesen und empfiehlt das Buch vor allem Medienvertretern, aber auch allen anderen, die einen ungewohnten Blick auf den Nahostkonflikt riskieren wollen.


Vor sieben Jahren ist das Buch Der ewige Sündenbock von Tilman Tarach erstmals erschienen. Nun liegt es in einer völlig überarbeiteten und aktualisierten Neuauflage vor. Eine Empfehlung.

Medien als Konfliktpartei

Wer den Nahostkonflikt in den Medien verfolgt oder die einschlägigen Bücher zum Thema liest, stößt auf das immer gleiche Narrativ. Es ist eine einfache Formel, die Oben und Unten, Unterdrücker und Unterdrückte, kurz die Bösen und die Guten eindeutig benennt: Auf der einen Seite Israel mit seiner hochgerüsteten Armee, mit Checkpoints, Razzien, Festnahmen und dem tödlichen Einsatz von Waffengewalt und auf der anderen Seite die Palästinenser, machtlos, unterdrückt, eingesperrt und ausgebeutet. Gewehre gegen Steine werfende Jugendliche und in ihrer Verzweiflung zu Messern, Scheren und Schraubenziehern greifende Frauen und Männer. Es ist ein Narrativ, das weniger die Realität abbildet, sondern vielmehr Teil eines Propagandakrieges ist, eines Propagandakrieges, über den die meisten Medien nicht berichten – nicht berichten können, weil sie nicht Beobachter sondern Partei sind.

Tilman Tarach zeigt, wie sich die Medien immer wieder zum willigen Sprachrohr palästinensischer Propaganda machen, indem sie unhinterfragt Meldungen weiterverbreiten. Die schlichte Tatsache, dass eine Meldung dem oben beschriebenen Narrativ entspricht, scheint den meisten westlichen Medien als „Wahrheitsbeweis“ auszureichen. So etwa als Associated Press im September 2000 das Bild eines blutüberströmten jungen Mannes und eines schreienden israelischen Polizisten mit Knüppel in der Hand veröffentlichte. Unterschrieben war das Bild mit den Worten „An Israeli policeman and a Palestinian on the Temple Mount“. Von der New York Times über die Libération bis zur Welt wurde das Foto weltweit abgedruckt, zeigte es doch exemplarisch die brutale Gewalt des starken Israel gegenüber den schwachen Palästinensern. Dabei hätte jedem auch nur kurz innehaltenden Journalisten auffallen können, dass das Foto mit Sicherheit nicht am Tempelberg aufgenommen wurde und es hätte verwundern müssen, dass der vermeintliche Täter, der schreiende und Knüppel schwingende Polizist sich nicht dem blutüberströmten Mann zuwendet, sondern jemandem oder etwas, der oder das sich außerhalb des Bildes befindet. Recherche hätte dann ergeben, dass der blutüberströmte Mann auf dem Foto kein Palästinenser ist, sondern ein jüdischer amerikanischer Student, der gerade von einer Horde Palästinenser zusammengeschlagen wurde, als ihm der Polizist zur Hilfe eilte.
Und das ist nur ein Beispiel unter sehr vielen.

Der Mörder ist immer der Jude

Palästinenser als Täter, nicht als Opfer, das stört das Narrativ. Das passt nicht ins Bild. Daher scheint es schwer zu fallen, diese Möglichkeit auch nur in Betracht zu ziehen. Die palästinensische Propaganda hat diesbezüglich ganze Arbeit geleistet, das von ihr gezeichnete Bild sitzt so tief in den Köpfen führender Redakteure und Journalisten weltweit, dass es selbst dann zum Vorschein kommt, wenn es offensichtlich nicht zutrifft. Anders sind die Schlagzeilen nicht zu erklären, die die als „Messer Intifada“ verharmloste Terrorwelle begleiten, die Israel seit einem halben Jahr in Atem hält. Der Kurier etwa titelte am 18. Oktober „Fünf Palästinenser tot nach Messer-Attacken“. Der Journalist Karl Pfeiffer bemerkt dazu treffend: „Dieser Logik zufolge hätte die Überschrift am 12. September 2001 lauten müssen: „15 Saudis bei Flugzeugabstürzen getötet“.“

Tilman Tarach hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesem weit verbreiteten Narrativ eine durch reichhaltige Quellen gut belegte und anhand der Fußnoten nachvollziehbare Geschichte des Nahostkonflikts entgegenzustellen. Dass dabei an manchen Stellen der Sarkasmus mit ihm durchgeht sei ihm angesichts der Fakten, die er zu berichten weiß, mehr als verziehen. Er zeigt schlüssig, dass das Bild vom ewigen Täter Israel und seinem Opfer, den Palästinensern, schlicht falsch ist. Die Geschichte, die er erzählt, beginnt fast 19 Jahre vor der Gründung des Staates Israel; mit einem Pogrom, das weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Das vergessene Pogrom

Am 23. August 1929, einem Freitag, stürmten Araber unter islamistischen und judenfeindlichen Schlachtrufen („Das Gesetz Muhammads wird mit dem Schwert durchgesetzt“, „Palästina ist unser Land, und die Juden sind unsere Hunde“) das jüdische Viertel von Hebron und massakrierten 67 Menschen, hunderte wurden verletzt und vertrieben, ihre Häuser geplündert – Hebron wurde judenrein. Eine jüdische Gemeinde, die seit der Antike existierte, war vernichtet worden. Zu ähnlichen Angriffen kam es auch in Jerusalem, Jaffa und anderen Städten. Insgesamt waren am Ende des Tages 133 Tote zu beklagen. Dass es nicht noch mehr waren, ist vielen arabischen Nachbarn zu verdanken, die jüdischen Familien Schutz gewährten. Verantwortlich für das Massaker von 1929, der führende Aufpeitscher, wie Tilman Tarach schreibt, war niemand anders als Hajj Muhammad Amin el-Husseini, der Großmufti von Jerusalem. Sein Name durchzieht fast das ganze Buch, denn die von ihm verbreitete antijüdische Propaganda ist bis heute Grundlage des palästinensischen Kampfes.

Der Großmufti und die Juden

So geht die immer wieder in fast allen Medien kolportierte Legende, die Juden (oder wahlweise die Israelis) wollten die al-Aqsa-Moschee entweihen oder gar zerstören – im Zusammenhang mit den aktuellen Messerattacken heißt es immer, Auslöser sei ein „Streit um den Tempelberg“ – auf das Jahr 1928 zurück und wurde unter anderem vom Großmufti gestreut, der schon früh die ideologische Nähe zu den Nationalsozialisten erkannte und den Kontakt suchte. Den sogenannten arabischen Aufstand der Jahre 1936 bis 1939, in dessen Zuge 500 Juden ermordet und 10.000 aus gemischten jüdisch-arabischen Dörfern vertrieben wurden, ließ sich der Mufti vom Deutschen Reich finanzieren. Als er nach Scheitern des Aufstands flüchten musste, fand er in Nazi-Deutschland Aufnahme, von wo aus er seinen Kampf gegen die Juden fortsetzen konnte. In einer Rede vor muslimischen SS-Divisionen bekräftigte der Mufti die Gemeinsamkeiten von Islam und Nationalsozialismus: Führerprinzip, Gehorsam, Blut und Ehre und nicht zuletzt der Kampf gegen die jüdische Gefahr.

Aus den vom Autor vorgelegten Dokumenten geht klar hervor, dass es dem Mufti und seinem islamistischen Anhang bis heute nie alleine um ein freies Palästina ging, sondern um den kompromisslosen Kampf gegen die Juden. Der Mufti wird nach wie vor verehrt, nicht nur von der Hamas, sondern auch von der als säkular geltenden Fatah. Im Jahr 2013, anlässlich des Jahrestages der Fatah-Gründung, sagte Präsident Mahmud Abbas: „Lasst uns unserer Vorkämpfer gedenken: des Großmuftis von Palästina, Hajj Amin el-Husseini.“ Der spätere Held der Palästinenser, Jassir Arafat, war ein Ziehsohn des Muftis, auch in ideologischer Hinsicht und wurde nicht zuletzt durch den Mufti in seine Position befördert. Als der Mufti 1974 im Libanon starb, schritt Arafat weinend unmittelbar hinter dem Leichnam her – ein weiteres Bekenntnis zu Amin el-Husseini.

Zweistaatenlösung?

Kenntnisreich erzählt Tilman Tarach die Geschichte eines Konflikts, bei dem eine Einigung immer wieder an der arabischen Seite scheiterte, weil deren führende Vertreter nie an einem Kompromiss interessiert waren. Die vielbeschworene Zweistaatenlösung hätten die arabischen Staaten bereits 1947 verwirklichen können. Der damalige UN-Teilungsplan für Palästina sah einen jüdischen Staat Israel ungefähr in seiner heutigen Größe und die Aufteilung der heute als Palästinenser-Gebiete bekannten Territorien zwischen Ägypten und Jordanien vor. Es waren die arabischen Staaten, die diesen Plan ablehnten und in einem ersten israelisch-arabischen Krieg versuchten, den gerade gegründeten jüdischen Staat wieder zu vernichten. Es sollte nicht der letzte Versuch bleiben.

Die unrühmliche Rolle der UNO

Auch die bis heute unrühmliche Rolle der UNO wird vom Autor beleuchtet. So wurde für die palästinensischen Flüchtlinge ein eigenes Flüchtlingshilfswerk gegründet, das UNRWA, dessen Hauptsitz sich heute – man höre und staune – in Gaza befindet. Und so kommt es, dass die UNO ein Flüchtlingshilfswerk für alle Flüchtlinge weltweit, das UNHCR, betreibt und ein eigenes für die palästinensischen Flüchtlinge. Das Interessante an dieser Konstellation ist jedoch, dass eine der Aufgaben des UNHCR darin besteht, Flüchtlinge so weit wie möglich in Aufnahmestaaten zu integrieren und so aus Flüchtlingen, wenn ihre Rückkehr dauerhaft unmöglich ist, Bürger anderer Staaten zu machen, also die Zahl der Flüchtlinge zu verringern. Im Gegensatz dazu scheint die Aufgabe der UNRWA darin zu bestehen, die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge zu vermehren. Anders ist es kaum zu erklären, dass aus den 700.000 bis 900.000 von der UNRWA betreuten Flüchtlingen des Jahres 1949 bis heute ca. 5 Millionen geworden sind – sie vererben ihren Flüchtlingsstatus weiter. Es gibt nicht nur keine Versuche, palästinensische Flüchtlinge in andere Staaten zu integrieren, diese Integration ist dezidiert nicht erwünscht. Nicht von den arabischen Staaten. Nicht von der PLO oder der Hamas. Nicht vom UNRWA. Die Flüchtlinge sollen Flüchtlinge bleiben, während gleichzeitig auf ihrem Rückkehrrecht gepocht wird – Israel mit seinen rund 8 Millionen Einwohnern soll gezwungen werden, 5 Millionen Palästinenser, Tendenz steigend, aufzunehmen. Ein Schelm, wer dahinter böse Absichten vermutet.

Es ging immer ums Ganze

Die von Tilman Tarach zusammengetragenen Belege zeigen mit aller Deutlichkeit, dass es den Führern der arabischen Seite, ebenso wie den späteren Vertretern der Palästinenser, egal welcher Couleur, nie nur um die besetzten Gebiete ging, sondern immer um das Ganze – einen rein arabischen Staat ohne Juden, ein Palästina from the river to the sea. Bis heute „ziert“ sich die PLO, trotz vieler Zusagen seit den 1990er Jahren, das Existenzrecht Israels anzuerkennen. Bis heute gilt jene Charta, laut der – ganz im Sinne des ehemaligen Großmuftis – „Gesamt-Palästina“ ein „untrennbarer Teil des gesamtarabischen Vaterlandes“ ist, „eine untrennbare territoriale Einheit“ und die den bewaffneten Kampf als einzigen Weg „zur Befreiung Palästinas“ propagiert. Ein Blick auf das ehemalige britische Mandatsgebiet, zu dem neben Israel auch das heutige Jordanien gehört, macht mehr als deutlich, was passieren würde, wenn dem nachgegeben würde: Weder im Gazastreifen, noch im Westjordanland, nicht einmal in Jordanien (In Artikel 6 der Verfassung heißt es: „Jede Person, sofern sie nicht jüdisch ist, ist jordanischer Staatsbürger“) leben heute Juden! Dennoch wird Israel – und nicht die arabischen Staaten – der Apartheid bezichtigt. „Nur in arabischen Staaten leben Palästinenser in Lagern – in Israel sind sie Staatsbürger“, stellt Tarach richtig (S. 174). Araber machen rund 20% der israelischen Bevölkerung aus.

Nach der Lektüre des Buches stellt sich die beunruhigende Frage, warum etwas so Offensichtliches in der medialen Öffentlichkeit wie auch in großen Teilen der Linken so beharrlich übersehen wird. Das Buch sei daher vor allem Medienvertretern dringend empfohlen, aber auch allen anderen, die einen vermutlich ungewohnten Blick auf den Nahostkonflikt riskieren wollen.

Tilman Tarach, Der ewige Sündenbock. Israel, Heiliger Krieg und die „Protokolle der Weisen von Zion“: Über die Scheinheiligkeit des traditionellen Bildes vom Nahostkonflikt, Edition Telok Berlin, Freiburg, Zürich 5. Aktualisierte Auflage 2016. 336 Seiten, 17,80 €.

Heiko Heinisch

Heiko Heinisch

Nach Abschluss des Geschichtsstudiums arbeitete Heiko Heinisch u.a. am Ludwig-Boltzmann-Institut für historische Sozialwissenschaft. Nach längerer freiberuflicher Tätigkeit arbeitet er seit Mai 2016 als Projektleiter am Institut für Islamische Studien der Universität Wien. Nach längerer Beschäftigung mit den Themen Antisemitismus und nationalsozialistische Judenverfolgung wuchs sein Interesse an der Ideengeschichte, mit Schwerpunkt auf der Geschichte der Ideen von individueller Freiheit, Menschenrechten und Demokratie. Er hält Vorträge und veröffentlichte Bücher zu christlicher Judenfeindschaft, nationalsozialistischer Außenpolitik und Judenvernichtung und widmet sich seit einigen Jahren den Problemen, vor die Europa durch die Einwanderung konservativer Bevölkerungsschichten aus mehrheitlich islamischen Ländern gestellt wird. Daraus entstand das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Europa, Menschenrechte und Islam – ein Kulturkampf?“ im Wiener Passagen Verlag (2012). Er ist Mitglied des Expert_Forum Deradikalisierung, Prävention & Demokratiekultur der Stadt Wien. Im Dezember 2016 erschien das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Charlie versus Mohammed. Plädoyer für die Meinungsfreiheit“ im Passagen Verlag.

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  • Derek_V

    Die uebliche pro-zionistische Scheisse. Wie man dermassen selbstgerecht ob der eigenen Unmenschlichkeit sein kann versteht man wohl nur wenn man sich klar macht, dass Richard Heydrich auch das Gute auf seiner Seite waehnte.

    • derblondehans

      … wer ist Richard Heydrich?

    • The Saint

      Schauen’s, Derek, Isreal hat schon deswegen die besseren Karten, weil Sie sich in Tel Aviv mit einem T-Shirt, auf dem „Jews Suck“ steht, auf die Strasse stellen und Flugblätter verteilen können, auf denen Sie die zionistische Scheisse anprangern.

      Versuchen Sie das mal in Ramallah mit einem „Muslims Suck“ T-Shirt und Flugblättern gegen die palästinensische Scheisse.

      Und da Sie schon die Nazis, wenn auch die falschen, bemühen: auch die sahen sich von den Juden bedroht. Das ist nur eine von vielen Übereinstimmungen zwischen Hamas und NSDAP: Unrechtsstaat, Willkür, Todesstrafe, Folter, Attentate, Korruption, Genozid, Attentate und dergleichen Annehmlichkeiten mehr. Da hätten Sie dann Ihren palästinensischen Scheiss, gegen den Sie, darauf Wette ich eine Flasche Reinhard Sekt, wahrscheinlich nocn nie ein Wort verloren haben.

      • Derek_V

        Im Gegensatz zu Ihnen lege ich an Israel höhere Maßstäbe an wie an die Hamas.

        • The Saint

          Verstehe, Derek. Palästinenser sind eben nur Kameltreiber, die von zivilisatorischen Errungenschaften wie Menschenrechten, Gleichheit vor dem Gesetz, Diplomatie usw. usf. noch nichts gehört haben bzw. nichts davon halten und deswegen ein paar Selbstmordattentate auf Schulbusse mit Kindern gut haben, wegen des niedrigeren Maßstabs. Die übliche antijüdische Scheisse eben.

          • LS

            Die Palästinenser sind nicht „Die Hamas“

            So wie auch die Anhänger Kahanes nicht die Israelis sind.

          • The Saint

            Tatsächlich? Das ändert natürlich alles.

  • Berggrün

    Wie immer, wenn es Sprechverbote und Denkverbote gibt, gedeihen Gesinnungshuberei und Moralismus. Das beschränke ich keineswegs auf Links, obwohl Linke dafür grundsätzlich anfälliger scheinen. Nach zwei Besuchen in Israel bin ich so manches Vorurteil los, sowohl über das Judentum als auch den Konflikt zwischen den Palästinensern und Israel.
    Eines Abends war ich mit ein paar israelischen Kollegen essen. Wir redeten über Politik und natürlich über die Intifada der Araber. Dabei machten wir ein Gedankenspiel: 1945 hätten die Alliierten entschieden, daß Deutschland zwar ein Viertel seines Staatsgebietes an Polen abzutreten habe, damit Stalin den Hitler-Stalin-Pakt nicht rückgängig machen mußte, also die Annektion Ostgaliziens und Polasiens, die heutigen Westgebiete der Ukraine und Weißrußlands. Dort lebten nicht nur, aber mehrheitlich Polen. In der realen Vergangenheit war den Polen erlaubt worden, die rund 9 Millionen Ostdeutschen aus ihrer Heimat zu vertreiben und Polen dafür anzusiedeln.
    Nun stelle man sich vor: Polen hätte die Erlaubnis erhalten, Schlesien, Pommern und Ostpreußen zu besetzen, aber nicht zu annektieren und vor allem, aus humanitären Gründen die Deutschen nicht zu vertreiben. Die Amerikaner hätten zudem eine Destabilisierung ihre Westzone gefürchtet, wenn Millionen mitteloser Deutscher in die zerbombtem Städte geströmt wären. Also durften die Schlesier und Pommerer zu Hause bleiben. Die polnische Reaktion wäre gewesen, die Gebiete zu vernachlässigten, außer durchquerenden Eisen- und Autobahnstrecken. Außerdem wäre die Grenze zum Staat Deutschland (also da wo sie heute ist) geschlossen geblieben. Um den Hoheitsanspruch zu untermauern, hätten sie isolierte Städte auf der grünen Wiese gebaut, in Breslau hätten sie einen Stadtteil besetzt und eingemauert. Danzig wäre wieder ein Quasi-Freistaat. Zweimal hätte der deutsche Staat versucht, durch einen Krieg sich die Gebiete zurückzuholen, aber dank umfangreicher russischer Waffenhilfe (bei gleichzeitiger nur zögerlicher Hilfe der Amerikaner für die Deutschen) und hoher Kampfmoral konnten die Polen die deutschen Angriffe wieder zurückschlagen, einmal standen die polnischen Panzer sogar schon 20 km vor Berlin, erst eine verklausulierte amerikanische Drohung mit der Atombombe führte zum Rückzug über die Demarkationslinie.
    Inzwischen hat sich Deutschland damit abgefunden, die Generation der Heimatvertriebenen stirbt langsam aus, außerdem ist Polen ein begehrter Handelspartner geworden. Gegenüber den Russen hat man ohnehin die gleichen Interessen. Die paar Schlesier stören da nur.
    In Schlesien und Pommern sieht man das anders. Schon bald entwickelte sich in den besetzten Gebieten eine Widerstandsbewegung. In den 50ern überwiegend aus ehemaligen SS- und Wehrmachtssoldaten bestehend, wachsen nun neue Schlesier heran (die Geburtenrate beträgt 3,7, also mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland) die mit den Geschichten der Alten nichts mehr anfangen können. Sie hassen die Polen, sie hassen sie für ihren Wohlstand, ihre Gottlosigkeit, ihre halbnackten Frauen, tollen Autos und ihre Soldaten, die so gut ausgerüstet sind. Sie hassen auch ihre zerstrittenen Anführer, die sich längst in Ranküne und heimlicher Schieberei mit den Polen ergehen. An ihre Stelle ist die Bewegung der „Junggoten“ und als besonders radikaler Ableger die „Annaberger“ getreten, neofaschistische, von Großgermanien träumende Bewegungen mit straffer Führerkultur. Sie haben jedoch Geld, das aus Kreisen deutscher, österreichischer und amerikanischer Rechtsradikaler stammt. Hier muß man mitmachen, hier gibt es Arbeit, dann gilt man was im Viertel, im Dorf. Wer nicht auf dem Feld arbeitet oder polnisch lernt und in Grenzstädten wie Zabrze oder Bromberg arbeiten kann, hat nichts.
    In Abständen kommt es zu Aufständen. Die russische Regierung unter Putin ergreift dann per Fernsehberichten des Staatsfernsehens rege Partei für die Aufständischen, man vergleicht sie gerne mit den eigenen Helden von Stalingrad. Sonst tut man aber nichts. Polen schlägt sie immer wieder nieder. Dabei hat die Armee zahlreiche Spezialwaffen für den Bürgerkrieg entwickelt, die vor allem in Südamerika regen Absatz finden.
    Wer wirklich was drauf hat, es irgend kann, sieht zu, daß er ein Visum für die USA oder Deutschland bekommt. Hoffnung gibt es keine. Die Polen sind sich auch uneinig. Einige fordern, endlich „Tabula Rasa“ zu machen, andere, die Schlesier einen eigenen Staat werden zu lassen. Doch wovon sollte der leben? Die Deutschen haben längst klar gemacht, daß sie an ihrer alten, heruntergekommenen Ostprovinz keinerlei Interesse mehr haben. Görlitz soll schön deutsche Grenzstadt bleiben. Die Grenze bleibt zu.
    Was also sollte nun Israel tun? Was hätte Polen tun müssen? Polen tat, so bitter es für uns Deutsche war, das richtige: Annektieren geht nicht ohne Vertreibung. Sie mußten die Deutschen vertreiben oder auf Pommern und Schlesien verzichten. Nur eines ging. Auch Israel muß sich entscheiden: Wenn es Gaza und Westjordan nicht isolieren kann, dann wird es die Araber dort vertreiben müssen. Ansonsten wird es selbst über kurz oder lang eine Mischung aus einem Favela von Rio und Camden, Pennsylvania. Es geht nicht um so viele Menschen – die Stadt Alexandria hat mehr Einwohner als alles, was man „Palästina“ heute nennt. Die Würfel sind längst gefallen. 1948 und 1973. Da ist so wenig etwas zu ändern wie daß die Polen Breslau nicht wieder herausgeben werden, selbst wenn sie Lemberg zurückbekämen. Die Grenzen des Nahen Ostens, so wie sie 1916 und 1948 gezogen wurden, halten sich nicht. Syrien ist bereits zerfallen. Saudi-Arabien folgt als nächstes. 1967 hätte Israel alle Araber westlich des Jordan vertreiben müssen. Es hat es nicht gemacht, und der Preis ist hoch. Fragt sich, wie lange sie ihn zahlen wollen. Wenn die Haschemiten-Dynastie in Amman ins Wanken geriete, wäre eine Gelegenheit.

  • 16-1-16-1

    In meinen Augen eines der besten Bücher zum Thema. Angesichts der zahlreichen Versuche, den israelischen Staat zum „Juden“ unter den Staaten zu machen (UNO, EU) und die zahllosen Morde und Mordversuche an Israelis nach allen Regeln der Kunst zu bagatellisieren, zu relativieren oder als „Widerstand“ umzulügen ist Tarachs Werk eine notwendige und engagierte Gegenstimme.

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