Die Superreichen

Oxfam bringt alljährlich eine Studie heraus, die die Ungleichheit auf der Welt anprangert und fordert, dass der Reichtum auf alle Menschen gleich zu verteilen ist. Zur Illustration der Ungleichheit eine Geschichte.

Da wohnt der Superreiche des Dorfs. Foto: Thomas Kohler. Lizenz: CC BY 2.0

Oxfam hat mal wieder – wie in jedem Jahr – die Einführung des Kommunismus auf der ganzen Welt gefordert, weil es damit den armen Menschen endlich viel besser gehen würde. Dazu eine kleine Geschichte und eine Anmerkung.

Die Geschichte

In einem Dorf lange vor unserer Zeit lebten 100 Familien. Einer Familie gehörte das Land rund um das Dorf sowie die Maschinen, mit denen das Land bearbeitet, die Saat ausgebracht und die Ernte eingefahren wurde. Vor langer Zeit war diese Familie als erste in die Gegend gekommen, sie hatte das Land urbar gemacht und Getreide in die Stadt gekarrt, um es da zu verkaufen. Nach einiger Zeit hatte sie Arbeiter angeheuert, die die Saat ausbrachten, diese Arbeiter hatten sich kleine Häuser gebaut – so war das Dorf entstanden.

Die Landbesitzer-Familie kümmerte sich um die Beschaffung der Saat, legte Geld für neue Maschinen zurück und verkaufte das Getreide in der Stadt. Das Familienoberhaupt entschied, wann neue Maschinen gekauft werden, wo welche Saat auszubringen war und zu welchem Preis das Getreide verkauft wurde. Ihm allein gehörte das alles also, und wenn er alt war, übertrug er es an sein ältestes Kind.

Der Wert des Landes, der Maschinen, der Saat und des Getreides betrug 99.000 Dukaten, außerdem hatte die Familie noch ungefähr 1000 Dukaten in einem Geldbeutel, mal mehr, mal weniger, je nach dem, ob gerade Getreide verkauft war oder neues Saatgut geholt worden war.

Die anderen 99 Familien arbeiteten bei dem Landbesitzer auf dem Feld oder in der Werkstatt, oder sie fuhren in die Stadt, um Getreide zu verkaufen und neues Saatgut zu holen. Dafür bekamen sie jedes Jahr 100 Dukaten, wovon sie lebten. Außerdem hatte jede Familie ein Haus, das 900 Dukaten wert war.

Sie lebten glücklich in dem Dorf, bis zu dem Tag, als kluge Menschen ins Dorf kamen die ausrechneten, dass in diesem Dorf 1% der Bevölkerung mehr besaß als die restlichen 99% zusammen!

Eine Anmerkung: Ist Erben Diebstahl?

Man könnte argumentieren, dass die meisten Menschen ihren Reichtum nicht selbst erarbeiten, sondern erben. Das, so sagen manche, sei aber Diebstahl, weil der Reichtum beim Tod eines Menschen irgendwie wieder an alle und nicht an „Erben“ fallen müsste.

Pragmatisch kann man argumentieren, dass Erbschaft die Stabilität der bestehenden gesellschaftlichen Institutionen sichert. Ob es nun moralisch gut oder schlecht ist, dass jemand durch Erbschaft etwas bekommt, wofür er selbst nicht gearbeitet hat, könnte dahingestellt bleiben unter dem Argument, dass die bestehenden verlässlichen Strukturen mit jedem Todesfall prekär sein würden, was letztlich auch nicht im Interesse derer wäre, die nicht erben, sondern etwa in einer vererbten Fabrik zur Arbeit gehen.

Mein Argument geht aber noch ein bisschen anders: Erbschaft ist eigentlich nur ein anderes Wort für „Die Familie ist die Keimzelle / kleinste Einheit der Gesellschaft“. Das Eigentum, so möchte ich argumentieren gehört eigentlich nicht zum Individuum, auch wenn das moderne Recht immer einen persönlichen Besitzer benötigt. Eigentum gehört eigentlich zur Familie als dieser kleinsten Einheit, aus der die Gesellschaft gemacht ist. Jedes Familienmitglied übernimmt davon etwas, pflegt es und gibt es weiter. Natürlich kann sich eine Familie auch teilen und damit kann auch das Eigentum geteilt werden. Aber auch nach der Teilung und nach der Zusammenführung mit einer anderen Familie (oder der Gründung einer neuen Familie) bleibt das Eigentum bei der Familie.

Die Idee, das Erbschaft Diebstahl ist, kann eigentlich erst aufkommen, wenn man die Familie als Grundelement der Gesellschaft schon aufgegeben hat.

Ab nächsten Sonntag bei Arte-Faken: Die Serie! Erste Staffel: Arm oder Reich?

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über die Freiheit hinter verschlossenen Türen.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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  • Heinrich Schmitz

    Nun geben aber diese 62 Superreichen nicht dem Rest der Welt Arbeit und Auskommen. Sie zahlen ja nicht mal anständig Steuern.

    • derblondehans

      … genau. Aber das ist in korrupter Politik begründet. Oder?

    • Jörg Friedrich

      Ich würde sagen, diese Behauptung ist in ihrer pauschalen Allgemeinheit durch Empirie nicht zu bestätigen.

    • Georg Weßling

      Wer sagt das? Gates und Zuckerberg verteilen sogar ihr Vermögen. Im Übrigen ist diese Oxfam Studie schon deshalb ohne Sinn, weil -medientypisch- gar keine Aussage damit verbunden ist. Die kommt dann auch noch verfälscht an. Denn es steht dort nicht „62 Superreichen“ gehört die Hälfte der weltweiten Vermögen. Tatsächlich heißt es: „62 Superreichen gehört so viel wie der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung“. Wo beginnt denn nun eigentlich die ärmere Hälfte? Bei 2000 Euro netto im Monat oder erst unter 1000 Euro netto? Was hat das mit Lohnspreizung in Deutschland zu tun, mit prkären Beschäftigungsverhältnissen oder Zeit- und Leiharbeit? Richtig! Gar nichts! Das ist nur ein Mediencoup einer NGO, die ebenfalls Geld braucht, um ihre Mitarbeiter bezahlen zu können.

  • Herbert Wolkenspalter

    Das Problem wäre nicht der Reichtum an sich sondern die Macht des Geldes, mithilfe dessen man mächtiger ist als gewählte Regierungen. Die aus der Macht des Geldes entstehenden Sachzwänge werden dann „alternativlos“ gelöst.

    Der Kapitalismus hat zwar mehr gebracht als der Kommunismus, aber der Weisheit letzter Schluss ist er auch nicht. Und unsere Politik hat keine Entwürfe, die deren beider Fehler im Ansatz vermeiden.

  • Heiko Heinisch

    Historisch betrachtet sind Zeiten geringer Unterschiede im Wohlstand Zeiten geringer Konflikte – und entsprechend Zeiten großer Unterschiede im Wohlstand Zeiten sozialer Unruhen. Menschen akzeptieren ein gewisses Maß an Ungleichheit, solange sie halbwegs sorgenfrei leben können. Übersteigt die Ungleichheit allerdings jedes Maß – und das ist gegeben, wenn Einzelnen in einem Jahr mehr verdienen, als der Durchschnittsbürger im ganzen Leben erwirtschaften kann – steigen Wut und Ablehnung derer, die wenig haben. Wir betrachten unseren Wohlstand nie als absolut, sondern immer im Verhältnis zu jenem der anderen. Und für die Ungleichheit, die in den letzten 20 Jahren rapide gewachsen ist, gibt es schlicht keine vernünftige Begründung. Daher fällt es schwer, sie einfach als gegeben hinzunehmen.

    • derblondehans

      H.H.: ‚Und für die Ungleichheit, die in den letzten 20 Jahren rapide gewachsen ist, gibt es schlicht keine vernünftige Begründung.‘

      … doch gibt es, korrupte Politik macht ’s möglich. Verluste sozialisieren, Gewinne privatisieren. Das ist übrigens Sozialismus in höchster Potenz.

      • Heiko Heinisch

        Ich meinte Begründung im Sinne von „sie lässt sich nicht sinnvoll begründen“, „sie ist nicht vernünftig argumentierbar“ und von daher nicht hinnehmbar. 😉

        • derblondehans

          … ach sooo, na guuuuut. 😉

    • Jörg Friedrich

      Das sind – entschuldige bitte – ziemlich starke Thesen, die zwar oft wiederholt werden, aber selten belegt. Schon die Frage, ob die Ungleichheit immer größer wird, ist nicht so einfach zu beantworten, wie es die Oxfam-Studie behauptet. Nachweislich geht die Zahl der extrem armen Menschen sogar absolut zurück, obwohl die Bevölkerungszahlen gerade in armen Ländern steigen. Sie etwa hier: http://www.fao.org/3/a-i4646e.pdf

      • Heiko Heinisch

        Es geht nicht um die 62, die letztlich nur ein Symptom sind. Das Problem ist eine sich öffnende Schere auch in den Industrienationen zwischen denen, die mit einem Job kaum noch ihr Leben finanzieren können und denen, die unverschämte Geldmengen verdienen, oder mal kurz ein paar Millionen als Abfindung bekommen. Was das Auseinanderklappen der Gehälter betrifft, befinden wir uns meines Wissens tatsächlich in einer historisch zumindest seltenen Situation, die in den 1980ern einsetzt und seither progressiv ist. Ich versuche morgen die Daten rauszusuchen.

    • Jörg Friedrich

      Darüber hinaus scheint es mir schon fragwürdig, ob es wirklich irgendwann mal Zeiten kleinerer Unterschiede gegeben hat. Wie will man das vergleichen? Heute werden die Vergleiche global angestellt. Kann man für das 19. Jahrhundert etwa globale Vergleich in den sozialen Unterschieden anstellen? Ok, du bist der Historiker – aber ich bezweifle, dass die sozialen Unterschiede zwischen den Reichsten in den Kolonialmächten und den ärmsten in den Kolonien geringer waren als heute im internationalen Vergleich. Die Zeiten größter Konflikte in Europa korrelierten jedenfalls wenig mit den Zeiten großer sozialer Unterschiede – wenn man nicht gerade marxistisch-idealisierenden Geschichtsinterpretationen folgt.

    • Jörg Friedrich

      Schließlich: Die beschworenen 62 Superreichen sind bekannte und anerkannte Unternehmer, insbesondere als der IT-Branche. Denen neidet doch konkret wohl kaum jemand ihren Reichtum – vom alten Europa mal abgesehen. Das sind doch die Helden unserer Zeit – und ich vermute mal, wenn man die Liste weiter durchgeht, wird man auf weitere große Idole treffen. Dass ein sozialrevolutionäres Potenzial entsteht, welches sich anschickt, den Google-Gründern ihren Reichtum zu entreißen, ist für mich ehrlich gesagt nur als Postillon-Meldung Vorstellbar.

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