Freiheit hinter verschlossenen Türen

Die Freiheit, sich auf den Weg in ein besseres Leben zu machen, gilt für alle Menschen. Aber auch die, die dort leben, wohin andere aufbrechen, müssen ihre Freiheit schützen. Ein Dilemma?


Friedrich Hölderlin pries die Freiheit des Menschen, die es ihm erlaubt, aufzubrechen, wohin er will. Wer freiheitlich denkt, der beansprucht diese Option nicht nur für sich selbst, sondern für alle Menschen. Verschlossene Türen beschränken diese Freiheit, egal, ob sie den Weg nach draußen oder den nach drinnen versperren. Deshalb scheint eine liberale Gesinnung mit einem restriktiven Grenzregime nicht vereinbar zu sein. Solange sich jemand nichts zuschulden kommen lässt, sollen ihm keine Grenzen zum Hindernis seiner freien Bewegung werden – erst recht nicht, wenn er auf der Flucht ist, wenn er aufgebrochen ist, ein friedliches, freies, selbstbestimmtes Leben zu suchen.

Worauf gründet unsere Freiheit?

Freiheit wird im Alltag nicht in erster Linie durch staatliche Restriktion begrenzt – das gilt jedenfalls in West- und Mitteleuropa. Nehmen wir Hölderlins Freiheit mal ganz alltäglich: Wenn ich, ein schmächtiger, nicht besonders kräftiger Mann mittleren Alters, heute Abend mit dem Rad nach Hause aufbrechen will, dann habe ich keine Sorge, mein Ziel zu erreichen: keine Bösewichte werden mich vom Rad zerren und mich ausrauben, niemand wird mich erschlagen, um mir meine warme italienische Jacke vom Leib zu reißen.

Diese Gewissheit gründet sich nicht nur auf meine bisherigen guten Erfahrungen, sondern auch auf mein Verständnis davon, wie wir hier und jetzt „so drauf“ sind – um mal das große Wort von der „Sozialisierung“ zu vermeiden. Die meisten Menschen um mich herum sind in der gleichen Gesellschaft wie ich groß geworden, sie wissen, was man tut und was nicht. Zusammen haben wir ein gewisses gemeinsames Verständnis davon, warum und wie unsere Gesellschaft im Alltag ganz gut funktioniert: Wir lassen einander in Ruhe, wir sind einigermaßen verlässlich, wir sagen ziemlich oft die Wahrheit. Wir haben einen gewissen Respekt voreinander.

Natürlich wissen wir aus den Zeitungen und aus den Spielfilmen, dass es da auch andere gibt: Diebe und Schläger, Räuber und Verbrecher. Intuitiv können wir aber zumeist ungefähr einschätzen, wo wir sehr sicher sind und wo es besser ist, vorsichtig zu sein. Und meistens sind wir uns ziemlich sicher, dass wir sicher sind.

Das suspekte Wir

Das alles gründet sich – wie gesagt – darauf, dass wir hier und jetzt einander kennen und beurteilen können. Dieses Beurteilen-Können der Anderen, die so sind, wie ich, ist eine zentrale Grundlage meiner praktischen Freiheit. Mit den Anderen zusammen bin ich Wir. Wir hier machen so was nicht. Wir hier benehmen uns so und so.

Vielen liberalen Menschen ist dieses Wir suspekt. Weltbürger würden das Wir gern so weit fassen, dass da alle Menschen drin enthalten sind. Das klingt theoretisch sehr schön, aufgeklärt und tolerant. Praktisch aber kommt das Wir sehr schnell an eine Grenze. Ich persönlich merke schon im nahen europäischen Ausland, dass Die Da mir fremd sind, dass sie nicht so sind wie Wir. Dann werde ich unsicher, meine Freiheit wird begrenzt, weil ich Situationen nicht beurteilen kann. Ich werde vorsichtig, ich mache nicht alles, was ich will.

Auch die größten Verfechter eines globalen Menschheits-Wir müssen, so denke ich, eingestehen, dass die Menschen mit der Freiheit, die sie einander einräumen, es nicht überall gleich wichtig nehmen. Hinsichtlich der Gleichberechtigung aller Menschen, seien sie schwach oder stark, Männer oder Frauen, arm oder reich, sportlich oder gebrechlich, haben Wir es hier und heute schon ziemlich weit gebracht. Daran ändert es auch nichts, dass die eifrigsten Befürworter des globalen Menschheits-Wir immer wieder betonen, dass es auch hier und jetzt noch Bösewichte, Verbrecher und patriarchalische Ewiggestrige gibt.

Hinter dieses Erreichte wollen wir nicht zurück, auch nicht die, die erst dann gut über das hier und jetzt sprechen würden, wenn wirklich #ausnahmslos alle Menschen hier gute Menschen geworden sein würden. Deshalb müssen wir auch offen sagen, dass wir uns hier im Miteinander Standards einer Freiheit geschaffen haben, die weltweit nicht alltäglich und selbstverständlich sind.

Zum Punkt

Nun kommen also viele Menschen aus Gegenden zu uns ins Hier und Jetzt, die nicht nur Andere sind, sondern Fremde: Wir wissen fast nichts über sie. Wir gestehen ihnen das Recht zum Aufbruch zu, keine Frage, die Freiheit, aufzubrechen wohin sie wollen, gilt auch für sie. Aber wir hier haben keine Ahnung, ob sie so sind, wie wir. Wir wissen nicht mal, ob sie wissen, was wir erwarten, was wir für normal halten im Umgang miteinander. Sie sind nicht mit uns aufgewachsen, sondern in einer fremden Welt mit Normen, regeln und Selbstverständlichkeiten, die wir nicht kennen.

Ein Beispiel: Ich war neulich in Tansania. In den Unterlagen, die ich zuvor bekommen hatte, stand, ich sollte mein Bargeld in einer Bauchtasche direkt am Körper tragen. So etwas halte ich in Deutschland zum Beispiel nicht für notwendig. Die Begründung war verblüffend, aber einleuchtend: Das Bestehlen von westlichen Ausländern wird dort weitgehend als Kavaliersdelikt angesehen, als Sport, als Geschicklichkeitsspiel. Es ist für die Menschen dort völlig klar, dass wir unermesslich reich sind, kommen wir doch mit einem Flugzeug von weit her, um in diesem Land nur ein paar Tage zu verbringen. Das, was ein Taschendieb mir dort vielleicht stiehlt, ist für ihn so eine Art ehrlich verdientes Geld, der Preis für seine Geschicklichkeit, für mich ist es – so die Vorstellung dort – in jedem Fall nur eine Kleinigkeit.

Das Beispiel soll illustrieren, dass die Vorstellungen von dem, was kriminell ist, was erlaubt und was verboten, in verschiedenen Regionen dieser Welt weit auseinander gehen können.

Damit wir uns hier und jetzt aber unsere Freiheit erhalten, müssen wir sicher sein, dass die ankommenden Fremden zuerst lernen, was bei Uns ein normaler Umgang miteinander ist. Das mögen manche moralische Überheblichkeit nennen. Ich nenne es Sicherung der Freiheit, die wir schätzen. Wir sichern diese Freiheit auch im Interesse derer, die zu uns kommen, denn sie sind ja hierher aufgebrochen, weil sie glauben, dass hier manches besser funktioniert als da, wo sie herkommen.

Manch einer meint, es gäbe nur die Wahl zwischen dem völlig freien Zuzug von Flüchtlingen und dem Schließen der Grenzen. Das ist falsch. Niemand sollte den Menschen verbieten, sich auf den Weg zu machen, oder pauschal zu verhindern versuchen, dass sie ihr Glück bei uns finden können. Aber wir müssen diese Menschen auffangen und auf unsere Welt vorbereiten. Jeder, der dazu bereit ist, sich an unsere Regeln zu halten, sollte eine Chance dazu bekommen.

Wir können unsere Türen nicht schließen, wir sollten sie auch nicht einfach weit öffnen. Wir müssen eine Schleuse einbauen, damit unsere Freiheit weiterhin – und für jeden – funktioniert.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über Unkräuter, Untaten und Unwörter.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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  • derblondehans

    Afrika ist reich an Bodenschätzen und natürlichen Ressourcen. Davon kann Europa nur träumen. Bleibt die (Lösungs-)Frage, warum die Afrikaner mit ihrem Reichtum nix anfangen können/wollen/dürfen. Die Afrikaner sind – zuerst – selbst verantwortlich.

    Für Deutschland sollte, ausschließlich, das Prinzip der Subsidiarität in Innen- und Außenpolitik gelten. Meine ich. Das entspricht wohl ähnlich Ihren Vorstellungen. ‚Antänzer‘ und Ideologien mögen bleiben wo der Pfeffer wächst.

  • Heinrich Schmitz

    “ Wir lassen einander in Ruhe, wir sind einigermaßen verlässlich, wir sagen ziemlich oft die Wahrheit. Wir haben einen gewissen Respekt voreinander.“ – Ein Blick in die Kriminalstatistik sagt etwas anderes aus.

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