Metamorphosen des „Gutmenschen“ – Florett, Hammer, Pisskübel

Dass die jährlichen Unwortswahlen der „Sprachkritischen Aktion“ Unsinn sind, macht den Begriff des „Gutmenschen“ nicht besser. Als polemische Spitze hat er seinen Zenit längst überschritten.

What the Dickens? Auch dieser Charly hier hat sich über Gutmenschen lustig gemacht. Und wurde als solcher beschimpft - gemeinfrei

Das vorweg: Die Wahlen zum Unwort des Jahres sind regelmäßig eine ziemlich unsinnige Veranstaltung. Das hat etwas Kindisches, etwas Tabuisierendes, das hat etwas von „der hat Arschloch gesagt“ oder „Timmy hat gepupst“. Dabei wäre das Ganze als Hinweis auf problematischen Sprachgebrauch, auf Konnotationen die etwa in bestimmten Begriffen immer mitschwingen gar nicht so blöd, immerhin gelingt es der „Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres“ tatsächlich einmal pro Jahr die Diskussion auf Sprechakte zu lenken.

Linguistisch an Oberfläche

Allein: Linguistisch bleibt man brutal an der Oberfläche, es wird skandalisiert statt eine tiefergehende Analyse transparent gemacht. Man hätte die vergangenen Jahre, nur zum Beispiel, nutzen können, um den tiefgreifenden Bedeutungswandel zu durchdringen, den das Wort „Reformen“ durchgemacht hat. Oder die Verwendung des Begriffes „Wirtschaftskompetenz“ durchleuchten. Stattdessen: „Opfer-Abo“, „Sozialtourismus“ „Lügenpresse“ – Immer vor dem all zu offensichtlichen Hintergrund des „wer das sagt ist bäh“. Sprachkritik in Prangermentalität ist Kinderkacke.

Auch das noch vorweg: Hasso Mansfeld hat in allem recht, was er faktisch in seinem Kommentar zusammenträgt: Der Begriff Gutmensch ist kein Naziwort und stammt nicht aus dem Stürmer. Er findet über hundertjährige Vorgänger. Etwa in Charles Dickens Satiren auf Do-Gooders und Busybodies, und womöglich bereits noch in älteren Abwertungen der „Gutheit“ christlicher Minderheitssekten des Mittelalters. In die neuere Debatte durchaus selbstironisch eingeführt wurde er vor allem von Klaus Bittermann und dessen Wörterbuch des Gutmenschen – also von einem Linken, den die, die das Wort heute vor allem benutzen, wahrscheinlich mindestens als ebensolchen Gutmenschen, wenn nicht gar als Linksversifften Vaterlandsveräter bezeichnen würden. So weit, so gut, so weit, so menschlich.

Das Florett sticht nicht mehr…

Aber aller Infantilität zum Trotz, die dem jährlichen sprachmagischen Bohei der „Sprachkritischen Aktion“ um das Tabu, an das sich dann doch keiner halten will, anhaftet, ist Gutmensch dennoch längst keine treffende „polemische Zuspitzung“ mehr, die den „Moralisten, also Menschen die ihre eigene Moral unabhängig von allen realen Gegebenheiten verabsolutieren“, mithin den modernen „Spießer“ mit dem feinen Florett der angespitzten Zunge erlegt.
Längst unfähig geworden ist der Gutmenschen-Stempel, und sei es mit (sprachlicher) Gewalt, den guten Menschen, der „des Menschen edelste Eigenschaften“ verkörpert, vom Gutmenschen zu scheiden, der Korinthen kackt und der gesamten Menschheit mit Gewalt sein kleinkariertes Weltbild aufzuzwingen bestrebt ist.
Wahrheit hat ihren Zeitkern, sie ist geknüpft an die Umstände, in die sie eingebettet ist (Wut auf das britische Königshaus etwa hatte wohl mal eine revolutionäre Berechtigung, heute ist sie in der Bunten richtig aufgehoben), und ihren Zeitkern hat auch Polemik. Bestand 2012, als die „Sprachkritische Aktion“ schon einmal nahe dran war ihr wirkungsloses Interdikt über das „Unwort“ auszusprechen, noch die Hoffnung den „Gutmenschen“ als kritisches Werkzeug vor schlechten Menschen zu retten, so ist dieser Zug heute abgefahren.

… und der Hammer stinkt vom Kopfe

Jeden, der nicht eine stahlhelmkonservative, instrumentale Haltung zum Menschen, zum Wert des Lebens, zum Wert besonders des nichtdeutschen Lebens vertritt, jeden, dem Freiheit mehr ist als die Entscheidung welchem staatlichen oder ökonomischen Herren man dient, jeden, der Zukunft noch für alle Menschen besser zu gestalten wünscht kann die Schmähung längst treffen. Auch der Kollege Mansfeld wurde in Kommentaren schon als Gutmensch beschimpft. Man mag es manchmal für nötig halten mit dem Hammer zu philosophieren, und als das Florett schon stumpf schien war der Gutmensch zeitweise vielleicht noch dieser Hammer. War. Heute ist er ein Bottich mit Urin, den man wahllos über echten und eingebildeten Feinden ausgießt. Und es ist wohl kein Zufall, dass einige Freunde des Gutmenschen auf Facebook auch nicht davor zurückscheuen, die Jury der Unwortswahl mit der Reichschrifttumskammer gleichzusetzen.

Ja: Gutmensch ist „ein Begriff, der die Feindbestimmung leicht, und die Debatte schwierig macht“.  Um das zu realisieren braucht es keine „Sprachkritische Aktion“. Die ist sogar wahrscheinlich, um mit Frau Merkel zu sprechen, „nicht hilfreich“. Ein wenig Gefühl für die Sprache die man verwendet und ihren gesellschaftlichen Kontext sollte reichen.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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  • Herbert Wolkenspalter

    Einverstanden, dass die jährliche Kür des Unworts eine überflüssige Veranstaltung ist. Allein schon, dass man überhaupt einen „Sieger“ haben muss, wo es eine ganze Reihe von würdigen Sprachverkrümmungen gibt, die unsere so vielseitige deutsche Spache mit ihrer jedermann zustehenden, wortschöpferischen Kreativität ermöglicht, wie sie kaum eine andere Sprache kennt.

    Sicher, man kann das Wort „Gutmenschen“ als abgedroschen auffassen – besonders jetzt, wo es erst richtig ausgedroschen wird. Man muss aber nicht. Es gibt Worte, die sind wie Paprikachips. Einmal erfunden, werden sie zum Evergreen. Unsere schöne Sprache lebt! Es bleibt leben, was gefällt oder was keine Alternative hat außer vielleicht einer umständlich aber „korrekt“ konstruiert bürokratischen. Brrr.

    Zensoren und Wortkontrolleure sind das – mit Verlaub – Alleletzte, was einer Sprache und ihrer Ausdrucksfähigkeit passieren kann. Mit der Sprache darf Freiheit sein. Hier muss sie sein! Wer an Worten herumpopelt, bohrt Mitmenschen in der Nase. Das ist nicht nur unfein, nein, das ist eine ekelhaft vergewaltigende Invasion, ein Verbrechen an der Äußerungsfreiheit, schlimmer als vieles andere. Es ist despotische Unterdrückung von selbstgekrönten Herrschern. Sprache ist Sache des Volkes, wie sie im Alltag entsteht und sich entwickelt, nicht einer akademischen, theoretisierenden, künstlich schraubenden und bohrenden Elite.

    Auch ein einzelnes Wort kann schon eine Menge beinhalten. Es kann gewollt unscharf sein, dennoch eine Kernbotschaft enthalten. Es kann aber auch präzise und konkret sein. Ein Wort kann in verschiedenen Situationen verschiedenes bedeuten. Das macht die Virtousität der Sprache aus! Das alles ist erlaubt – und es passiert auch. Ständig. Überall. Außer bei Sprachvergewaltigern vielleicht, die perfekte Definitionen verlangen, die gleichzeitig Grenzen eines unerweiterbaren Horizonts sind. Welch eine gigantische Dummheit und Selbstbeschädigung der Unterdrücker!

    Das Einzige, was mit gesendeten Wörtern erlaubt ist, ist sie so zu verstehen, wie sie die der Sender meinte. Nur damit beweist sich Sprachkompetenz und -intelligenz. Alles andere, wie z.B. ausschweifende Interpretationen, die der Sender womöglich noch nicht einmal kannte, sind Hirngespinste allein des Interpreten, der die Verantwortung für seinen eigenen Kopfsalat hat. Das muss einmal ganz deutlich gesagt werden! Im Zweifelsfall weiß der Sender am besten, wie er es meinte. Nicht der Interpret oder Fremdnasenbohrer.

  • Pingback: Muss man jetzt Böhmermann gut finden? Leider ja. – Die Kolumnisten. Persönlich. Parteiisch. Provokant.()

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