Lauterbach und die Homöopathie

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will die Finanzierung homöopathischer Mittel als Kassenleistung streichen. Endlich, meint unser Kolumnist Heinrich Schmitz, der das seit Jahren fordert.


Bild von ElliRakete auf Pixabay

In den letzten Jahren habe ich mich immer mal wieder mit der Homöopathie beschäftigt. Ein faszinierendes Thema. Denn obwohl eigentlich jeder naturwissenschaftliche Beweis für eine Wirksamkeit dieser magischen Zuckerkügelchen fehlt, gibt es ebenfalls intelligente Menschen, die auf deren Wirkung schwören. Leider auch Ärzte.

Vor ein paar Tagen sah ich zufällig mittags auf RTL einen Arzt, der auch mit homöopathischem Zeug seine Patienten behandelte. Das machte mich ernsthaft wütend, weil auf diese Tour den Menschen, na gut es sind nur die RTL-Gucker, vorgegaukelt wird, Homöopathie habe etwas mit Medizin zu tun. Die schreiben da ernsthaft:

Homöopathie ist eine Alternative zu klassischer Medizin. Sie behandelt Krankheiten mit Arzneimitteln, die auf den Theorien des deutschen Arztes Samuel Hahnemann aufbauen.

Nein, Homöopathie ist eben keine Altermative zur klassischen Medizin. Das hat mit Medizin soviel zu tun wie Astrologie mit Astronomie, also rein gar nichts.  Zur Vermeidung von Redundanzen zitiere ich mich hier mal selbst:

Im Wunderland der Globuli
Heinrich Schmitz 25. Februar 2017

In keinem Land der Welt sind homöopathische Präparate so beliebt wie in Deutschland. 60 % der Deutschen haben die schon genommen und 9 von 10 derjenigen, die sie genommen haben, glauben, dass sie ihnen geholfen haben. Dabei gibt es gute Gründe, deren Einsatz drastisch einzuschränken.

Homöopathische Präparate wirken. Sagen jedenfalls viele Menschen, auch Bekannte, die sonst nicht an Hokuspokus glauben. Millionen Deutsche behandeln sich selbst oder lassen sich von homöopathisch tätigen Heilpraktikern und teilweise sogar von Ärzten mit Zuckerkügelchen behandeln, auf die eine Verdünnung irgendwelcher Stoffe gesprüht wurde, die man im Originalzustand nicht mal mit Handschuhen anfassen, geschweige denn einnehmen würde.

Money for nothing

Die Verdünnung ist im Idealfall so stark, dass kein einziges Molekül des ursprünglichen Giftes mehr in dem Kügelchen nachgewiesen werden kann. Im Klartext, das Ding enthält keinerlei Wirkstoff. Money for nothing, aber nicht mal chicks for free. Wo kein Wirkstoff drin ist, kann nichts wirken. Okay, der Zucker aus dem Kügelchen wirkt wie Zucker. Mehr aber auch nicht.

Dass die Homöopathie dennoch helfen kann, liegt am Placeboeffekt. Der Mensch glaubt halt gerne und bekanntlich kann der Glaube Berge versetzen. Ich habe zwar noch keinen durch den Glauben versetzen Berg gesehen, aber das liegt ja nur daran, dass der entsprechende Glaube kleiner/gleich Senfkorn sein muss.

Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort!, und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein. Matth. 17,20

Ja, nichts ist unmöglich. Danach funktioniert die Homöopathie.

Blöd ist nur, dass diejenigen, die diesem Hahnemannschen Glauben folgen, sich selbst und ihre Kinder gefährden, wenn sie bei ernsthaften Krankheiten auf die allseits verpönte Schulmedizin verzichten und stattdessen ein Placebo unter der Zunge zergehen lassen. Während es mir bei geschäftsfähigen Erwachsenen noch ziemlich egal ist, wenn sie sich sehenden oder auch trüben Auges in Gefahr begeben, stellen sich mir bei der Behandlung von Kindern mit Globuli die Nackenhaare auf. Kranke Kinder gehören zum Kinderarzt und nicht zum Heilpraktiker. Wer das Leben eines Kindes auf diese Weise in Gefahr bringt, gehört mindestens wegen fahrlässiger Körperverletzung bestraft. Wenn er Pech hat, hat er sein Kind auch verloren. Das ist dann die ultimative Erstverschlechterung.

Gewerbsmäßiger Betrug?

Da den gläubigen Anhängern der Homöopathie lediglich wirkungslose Zuckerkügelchen für viel Geld angedreht werden, stellt sich die Frage, ob die Hersteller oder Verordner dieser Dinger sich nicht wegen Betruges strafbar machen.

Was ein Betrug ist, regelt § 263 Abs. 1 StGB.

Wer in der Absicht, sich oder einem Dritten einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen, das Vermögen eines anderen dadurch beschädigt, dass er durch Vorspiegelung falscher oder durch Entstellung oder Unterdrückung wahrer Tatsachen einen Irrtum erregt oder unterhält, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Wenn man das gewerbsmäßig macht, liegt ein schwerer Fall vor und die Strafe ist Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.

Zucker gewordener Betrug

Dass diejenigen, die mit Globuli handeln sich einen Vermögensvorteil verschaffen, liegt auf der Hand. Gemessen an den Preisen, ist das der teuerste Zucker der Welt, auch wenn da vorher noch irgendein pseudowissenschaftlicher Firlefanz mit veranstaltet wird. Das Vermögen des Kunden wird dementsprechend auch um geschätzte 99,9% des Kaufpreises geschädigt. Die Irrtumserregung liegt darin, dass dem Kunden eine Wirksamkeit suggeriert wird, die nicht nur wissenschaftlich nicht belegt, sondern von den nicht vorhandenen Inhaltsstoffen her, sicher ausgeschlossen werden kann. Ganz objektiv sind die Globuli also der Zucker gewordene Betrug. Allerdings nur im Hinblick auf den objektiven Tatbestand. Auch wenn ich sicher bin, dass sich ein Großteil der Homöopathen der Unwirksamkeit der Präparate bewusst sein dürfte, wird man ihnen dies nicht nachweisen können. Damit entfällt dann leider der Nachweis des Betrugsvorsatzes.

Natalie Grams, ein vormals erfolgreiche Homöopathin, wollte die Wirksamkeit der Homöopathie mit einem Buch beweisen, stellte dann aber bei ihren Recherchen fest, dass sie bisher nur Hokuspokus betrieben hatte. Hätte sie trotzdem weiter mit homöopathischen Pillchen be- und gehandelt, dann wäre sie zur Betrügerin geworden. Hat sie aber nicht. Stattdessen hat sie das lesenswerte Buch „Homöopathie neu gedacht“ geschrieben und versucht, damit die Menschen aufzuklären. Das tut sie auch mit einer empfehlenswerten Infoplattform im Internet.
Fakten interessieren nicht

Das Buch löste nun aber keineswegs Nachdenken oder Dankbarkeit bei den getäuschten Homöopathie-Anhängern aus, sondern überwiegend Ablehnung und blanken Hass. Wer etwas gegen Homöopathie sagt, hat den Shitstorm abonniert. Wie bei den Anhängern anderer Verschwörungstheorien oder Wahnideen, ist es nahezu unmöglich, homöophatologisierte Menschen durch Fakten zu beeindrucken. Wer an Chemtrails glaubt, lässt sich auch nicht davon abbringen und dem Träger des goldenen Aluhutes klarzumachen, dass der ihn nicht vor dem Bösen aus dem All schützt, ist auch nicht erfolgversprechend. Die Globulisierung passt in das postfaktische Zeitalter, in dem ein amerikanischer Präsident den Wissenschaftlern erklärt, dass der Klimawandel eine chinesische Erfindung ist. Hail to the Hahnemann.Ja, wer heilt hat Recht, aber die Dinger sind es nicht die heilen, es ist nur die Zuwendung, die der Homöopath gewährt. Die Homöopathen glauben, dass Wasser ein Gedächtnis hat. Muss man wirklich mehr dazu sagen? Da traut man sich ja nicht mehr, aus dem Wasserhahn zu trinken. Wer weiß an welchen Stuhlgang sich das Leitungswasser gerade erinnert. Wasser ist H2O, sonst nichts. Niemand käme auf die Idee, dass seine Schnittwunde schneller heilt, wenn er ein scharfes Messer in den Bodensee wirft und dann etwas Wasser aus dem See entnimmt. Naja, fast niemand. und mancher Wahnsinnige Homöopath will eine ein Psychose mit Thujaverdünnung und eine paranoide Schizophrenie mit Anacardium Orientale heilen. Nee is klar. Manche loggen sich halt einfach aus der Realität aus.

Aber was sind schon die Naturwissenschaften und was ist schon eine Studie, bei der 1800 Studien ausgewertet wurden, für einen, der die Wahrheit kennt? Nichts. Alles Lügenwissenschaft. Die Übersichtsstudie im Auftrag der australischen Gesundheitsbehörde NHMRC von 2015 führte nach der Auswertung von mehr als 1.800 Homöopathie-Studien zu dem durchaus erwartbaren Ergebnis, dass bei keiner denkbaren Krankheit ein homöopathisches Mittel zur Therapie empfohlen werden könne. Das kümmert die Globulitiker aber nicht die Bohne. Die Geisterfahrer sind immer die anderen. Es gibt sogar Globuli, die angeblich mit verdünntem Elektrosmog besprüht sind. Die „helfen“ gegen die Angst vor Elektrosmog. Nun denn.

Da es auch nicht verboten ist, sich gegen Kopfschmerzen eine heiße Frikadelle in die Stirn zu nageln oder auch nachweislich krebserregende Substanzen zu inhalieren, wird der Gesetzgeber sich schwer tun, diesen kugelförmigen Unsinn einfach zu verbieten. Das würde höchstens den Preis der dann auf dem Schwarzmarkt gehandelten Wundermittel erhöhen. Aber aufklären müsste er vielleicht mal und das nicht nur in homöopathischen Dosen, sondern mit deutlichen Worten. Erstaunlich, dass unsere Politiker sich da so zurückhaltend verhalten. Fürchten die vielleicht Wählerstimmen zu verlieren?

Keine nachgewiesene Wirksamkeit

In den USA müssen die homöopathischen Mittel nun immerhin ein Aufdruck tragen, der „Keine nachgewiesene Wirksamkeit“ bescheinigt. Würde jemand ein Auto kaufen, auf dem drauf steht „Fährt nicht“? Wohl kaum. Vermutlich wird aber auch dieser Aufdruck keinen Hahnemannjünger davon abhalten, das Zeug weiter zu erwerben. Okay, soll jeder schlucken, was er will.

Unerträglich finde ich aber, dass es Krankenkassen gibt, die diesen Müll auch noch finanzieren. Während bei echten, wirksamen Medikamenten ein Zulassungsverfahren prüft, ob ein Arzneimittel wirksam und unbedenklich ist, werden nachweislich unwirksame Mittelchen von der Gesamtheit der Beitragszahler einer Kasse finanziert? Gibt‘s doch wohl nicht? Doch gibt‘s.

Versuchen Sie mal, Ihren Hausarzt davon zu überzeugen, dass die Ihnen verordneten 6 Massagen Ihnen zwar etwas gebracht haben, es aber gut wäre, wenn Sie die noch zwei oder dreimal verschrieben bekämen. Da verkauft der Ihnen lieber einen IGEL, als das zu tun.

Wer seine Globuli unbedingt haben will, der soll sie doch bitte selbst bezahlen. Dass die ihm subjektiv gut tun, ist kein Argument. Mir tut manchmal auch ein frisch gezapftes Kölsch und ein Mettbrötchen mit Zwiebeln gut, ohne dass ich auf die Idee käme, die Krankenkasse müsse mir das bezahlen.

Während Gesundheitsminister Jens Spahn diesen Schwachsinn weiter von den Krankenkassenbeiträgen finanzieren lassen wollte, will nun Karl Lauterbach den Krankenkassen untersagen, dies weiterhin zu tun.

Naturwissenschaftlichund im Sinne der Volksgesundheit ist das sinnvoll; politisch kann das für ihn und seine Partei jedoch gefährlich sein. Denn kaum jemand macht soviel Rabatz wie die Homöopathen und ihre Anhänger. Glücklicherweise haben die zwar in der Regel keine Traktoren und sind auch nicht alle Lokführer, aber es sind halt schon sehr viele. Aktuell reicht ja auch schon jede gute Idee, um die Fraktion der „Die-Ampel-muss-weg“-Brüller auf den Plan zu rufen. Kann also sein, dass Homöopathie nicht medizinisch, aber doch politisch wirkt, zumal Lauterbach nach Corona ohnehin angezählt ist, während Spahn wieder oben auf ist, und das, obwohl er den Anfang der Coronapolitik maßgeblich gestaltet hat.

Wir reden übrigens über Einsparungen von 10 Millionen Euro. Für den Einzelnen recht viel, für das Budget der Krankenkassen nicht mal ein Tropfen auf den heißen Stein. Für 2023 geht der GKV-Spitzenverband von einer Finanzierungslücke von 17 Milliarden Euro aus.

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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