Erzwungene Nostalgie. Das Elend von „How I met your Mother“ (Abseits von Barney).

Durch das Spinoff „How I met your Father“ wird es jetzt richtig losgehen mit der „How I met your Mother“-Nostalgie. Doch die Serie ist den verklärten Blick nicht wert. Von der ersten Folge an war sie auf wenig Anderes aus, als zuckersüß um Nostalgie zu betteln, sagt Kolumnist Sören Heim.


Eigentlich wollte ich nichts über diese Serie schreiben, aber da man ja irgendwoher Klicks bekommen muss und sie wegen des Spinoffs „How I met your Father“ jetzt wieder gehyped werden wird, möchte ich mir doch noch einmal in gebotener Kürze anschauen, welche Probleme „How I met your Mother“ hatte. Abseits von Barney, das wurde nun wirklich ausreichend durchgenudelt und ihr findet viele Videos auf YouTube dazu. Der Typ ist ein creep und letztendlich ergibt sich mit ihm auch erzählerisch in etwa das gleiche Problem, das die neunte und zehnte Pastewka Staffel hatten. Wenn auch nicht in der gleichen Intensität, da die Serie nicht in der gleichen radikalen Weise ändert, wie sie von dieser Figur spricht.

Überhaupt will ich mich auf das Erzählerische konzentrieren. Die teils problematische Haltung zu „Liebe“ und „Freundschaft“ sei hiermit angesprochen, aber ich denke auch das wurde schon ausreichend anderswo diskutiert.

Nie eine wirklich tolle Sitcom

Im Moment poppen bereits die ersten Artikel auf, die zeigen sollen, warum „How I met your Father“ so viel schwächer ist oder sein wird als das unglaublich tolle „How I met your Mother“. Ich denke, da spricht zumindest teilweise Nostalgie. Bis vor kurzem wurde „How I met your Mother“ meiner Erfahrung nach keineswegs als solch eine tolle Serie erinnert. Sondern im besten Fall als eine, die gut gestartet ist und schrecklich auf die Fresse flog. Ich kann mich beidem nicht wirklich anschließen. HIMYM war nie unglaublich gut, doch hat das Niveau halbwegs gehalten. Selbst die vielkritisierte 9. Staffel ist, was die Witze betrifft, nicht schlechter als vorher. Ich habe recht regelmäßig gelacht. Mehr muss man von Comedy nicht erwarten, oder? Und dann muss man auch noch zugestehen: „How I met your Mother“ ist durchkomponiert wie kaum eine andere Serie. Wahrscheinlich konsequenter, als all die gefeierten Golden Age Serien, ob „Sopranos“ oder „Game of Thrones“ und was nicht noch alles. Jedes Setup hat ein Payoff, und sei es viele Staffeln später. Kein Erzählstrang hängt in der Luft, alles wird wieder aufgegriffen und die immerhin neun Staffeln müssen so gut geplant gewesen sein, dass man teilweise ganze Handlungsstränge mehrere Staffeln im Voraus anteasern konnte. Das sollte beeindrucken, wenn nicht begeistern. Aber:

Erzwungene Nostalgie

„How I met your Mother“ nervt. Es nervt so unglaublich sehr. Es ist eine Serie, bei der man sich beim Durchschauen regelrecht unwohl fühlen kann, selbst wenn man ganz gut unterhalten wird. Woran liegt das? Und könnte es sein, dass dem gespaltenen Urteil über die Serie mal wieder eher eine Abspaltung eigener Erfahrungen zu Grunde liegt als ein tatsächlicher Abfall der Qualität von frühen zu späteren Folgen? Ich würde sagen: ja. Begründung folgt.

Was schon in den allerersten Folgen auffällt: „How I met your Mother“ versucht Nostalgie mit Gewalt zu erzwingen. In einer Serie wie „Friends“ etwa oder „Scrubs“, um ähnlich leichte oder auch in der Anlage der Erzählung ähnliche Kost zu bemühen, entsteht unsere Nostalgie für die Serie dadurch, dass wir uns an das erinnern, was wir mit den Figuren durchgemacht haben. Das Ensemble von „How I met your Mother“ wird uns dagegen gleich in einer Art und Weise vorgestellt, die uns die Nostalgie ab den ersten Folgen abnötigen möchte. Denn es vergehen kaum fünf Minuten, in denen die vier bereits vor der ersten Folge lang befreundeten Figuren nicht selbst in Nostalgie schwelgen. Ein Großteil der emotional gemeinten Momente funktioniert nach dem Family Guy Prinzip: „Erinnert ihr euch noch, wie wir.. .“ Ein schrecklich billiges an Emotionen rühren.

Und darauf stürmt die Serie dann gleich die nächste Nostalgie Schicht. In diesem Sinne ist „How I met your Mother“ ein relativ früher Ausfluss der Meme-Kultur. Ständig basteln sich die Figuren kleine Rituale („General Knowledge“ beispielsweise, „Read my blog“,„Ranjid!“ usw.), die dann bei jeder Gelegenheit wieder aufgerufen werden . Sprüche, Spiele, dergleichen mehr, was dann teilweise von den Fans auch übernommen werden kann. Das soll Bindung schaffen, aber der absolute Overkill erinnert eher an den Typen, der mit dir „nur eine Folge“ schauen möchte und dann auf deinem Sofa einzieht Und auch noch kuscheln will.

Auch die Figuren sind dabei auf Nostalgie angelegt, und auf unverdiente. Unverdient in dem Sinne, als dass das Gefühl nicht durch die Erzählung erarbeitet wird. Stattdessen handelt es sich gewissermaßen um Sitcom-Figuren 2. Ordnung. Ted ist eine überdrehte Variante von Ross, Marshall und Lily sind Monica und Chandler aus den späteren Friends-Staffel, ohne dass es für sie einen Weg dorthin gäbe, sie sind es einfach: das Überpaar von nebenan. Barney ist Joey auf Steroiden und Robin ist Rachel, aber bewaffnet. Von all diesen Figuren machen eigentlich nur zwei eine größere Entwicklung durch, und von diesen beiden hat wiederum eine diese Entwicklung nicht verdient (Barney, siehe oben: das Pastewka Problem).

Die Einhegung des Anarchen

Nebengedanke. In diesem Zusammenhang ist ein interessantes Phänomen im Bereich Sitcom zu beobachten, das ich die „Einhegung des Anarchen“ nennen möchte. Seit den 80er Jahren war festzustellen, dass in den bürgerlichen Sitcoms vermehrt Figuren auftreten, die fast oder ganz außerhalb des Komplexes der geteilten sozialen Normen agieren. Kramer in „Seinfeld“, Sophia in „Golden Girls“, Alf in „Alf“, Al in „Married with Children“. Dies Figuren waren festgeschrieben. Sie begannen als Boten des Chaos und blieben es.

In der Folge ist dann zu beobachten, wie auf diesem Archetyp aufgebaut, er aber gleichzeitig immer stärker eingehegt also „re-zivilisiert“ und in ein soziales Umfeld zurückgeführt wird. Joey in „Friends“ ist so eine zivilisierte Form des Anarchen, ebenso der Hausmeister in „Scrubs“, dessen Wiedereingliederung in die Gesellschaft sich als Bogen durch alle Staffeln zieht. Und Barney ist gewissermaßen das Extrem dieses Prozesses. Einerseits ist er, wenn man ihn ernst nimmt, eine der übelsten antisozialen Figuren der Sitcom-Geschichte. Andererseits ist er von Anfang an der radikalst eingehegte Anarch. Er steht nicht mehr für Chaos, sondern selbst noch das sich nicht an Regeln Halten ist ihm streng geregelt. Alles, was Barney macht, ist einem komplexen Codex unterworfen, den er sich selbst gegeben hat. Und wiederum zieht sich durch alle Staffeln ein Bogen, der Barney aus der Welt dieses Codex in die Welt des allgemeinen Codex überführen soll.

Im Großen wie im Kleinen

Springen wir vom Kleinen ins Große: Das Erzwingen von Emotionen mit roher Gewalt ist auch das übergeordnete Erzählprinzip von „How I met your Mother“. Und das ist der Grund, warum so viele von der Serie zum Ende hin so enttäuscht waren, die dann allerdings nicht wahrhaben wollen, dass die Serie einfach nur konsequent geblieben ist. Die Mutter ist ein Fremdkörper. Die Mutter musste angesichts der Anlage der Serie ein Fremdkörper sein, diese Serie konnte niemals eine befriedigende Auflösung haben. Die einzige befriedigende Auflösung wäre Ted & Robin gewesen, also das alte Ross & Rachel – Prinzip (ich komme zu dem „Ende nach dem Ende)). Doch naheliegenderweise wollte man, zumindest vordergründig) keine dritte Sitcom mit dem Standard-Ross&Rachel-Manöver abschließen. Friends, Scrubs, es reicht. Da aber im Vorfeld keine andere Figur als halbwegs überzeugende Ersatz-Rachel aufgebaut werden konnte, muss die 9. Staffel nun alles versuchen, um diese neue Figur, die wir nicht kennen, die von außen in die Erzählung geworfen wird und als diese unglaublich emotionale Begegnung verkauft werden soll, auch uns emotional nahe zu bringen und uns das irgendwie als befriedigende Auflösung zu vermitteln. Das geht doppelt schief und muss schief gehen: Einerseits, weil der emotionale Schwerpunkt schon in den letzten Staffeln auf Barney und Robin verschoben wurde (siehe oben: Pastewka Problem) und andererseits, weil nun mindestens die achtfache Dosis Nostalgie mit Gewalt notwendig wird, um die Mutter emotional aufholen zu lassen. Das dürfte dann sogar für eingefleischte Fans zu viel sein. Doch eigentlich macht „How I met your Mother“ in der neunten Staffel nur, was auch schon in den vergangenen acht das Prinzip der Serie war.

Das Problem wird dann auch nicht gelöst, sondern eher verschärft, wenn die Serie dann in ihrem Zeitraffer-Schluss selbst den Finger darauf legt, indem durch die Hintertür doch noch das Standard-Ross&Rachel-Manöver durchgedrückt wird. Statt über 9 Staffeln organisch zu Ted&Robin zurückzuführen, was abgeschmackt, aber emotional befriedigend gewesen wäre, wird mit dem Hammer eine neue Figur in die Handlung gekloppt, um die Ecke gebracht, und dann nochmal mit aller Gewalt die eigentlich erwartete Perspektive auf Ted&Robin wieder hergestellt. Sehr unbefriedigen, aber wie gesagt: Alles durchaus im Einklang mit dem Verhältnis, das HIMYM von Anfang an zum Emotionalen an den Tag legte.

Der Wandel der Zeiten

Für ihr vielleicht größtes Problem derweil kann die Serie allerdings nichts. Es ist ein Wandel der Zeiten, ein Wandel der Welt und damit auch ein Wandel der Sehgewohnheiten eingetreten. „How I met your Mother“ startete 2005, sozusagen am Ende der verlängerten Neunziger, als die Welt noch relativ rosig aussah, zumindest sagten sich das bürgerlichen Schichten im Westen, und solche verwickelten Alltags-Herzschmerz-Geschichten mit viel Nostalgie, der Beschwörung von Freundschaft und Clique und ein teilweise geradezu verstörendes Konzept von „Liebe“ noch auf ein aufnahmebreites Publikum trafen. „How I met your Mother“ war sozusagen der Versuch, zu destillieren, was an „Friends“ funktioniert hat und es dem Publikum noch mal in der konzentriertesten Essenz zu servieren. Und wirtschaftlich war das ja wohl auch eine kluge Entscheidung. Dann kam die große Rezession, es kam die „Arabellion“, es kam der islamische Staat und überhaupt wurde immer deutlicher, wie brüchig diese Idylle ist, als die der Westen und besonders die westliche Popkultur die eigene Lebensweise verklärt hatte. „Grimdark“ wurde zum herausragenden Stil neuerer Serien Und „How I met your Mother“, das an seiner Erzählweise eigentlich nichts geändert hatte, wirkte plötzlich schrecklich aus der Zeit gefallen. Aber was macht man nun, wenn man die Serie einmal gemocht hat? Genau: Man sagt, sie habe in den späteren Staffeln deutlich an Qualität verloren. QED.

Auch wenn mit „How I met your Father“ jetzt der Versuch einsetzen wird, „How I met your Mother“ zu rehabilitieren und in den Nostalgie-Overdrive zu schalten. „How I met your Mother“ taugt im Gegensatz zu „Friends“ oder „Scrubs“ heute nicht einmal mehr zur nostalgischen Realitätsflucht. Man kann in Massen Schokolade essen und sich damit das ein oder andere High verschaffen. Mit konzentriertem Sirup pur funktioniert das nicht. Es schmeckt unverdünnt einfach eklig. Und „How I met your Mother“ war von Anfang an darauf ausgelegt, diese Art von konzentriertem Sirup zu sein.

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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