Inadäquate Vergleiche. Anmerkungen zur radikalen Israelkritik

Da die moderne Welt immer komplizierter und widersprüchlicher wird, fällt es vielen Menschen schwer, die Ambivalenz der Moderne zu ertragen. Der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman schreibt in diesem Zusammenhang Folgendes: „Weil die Erfahrung der Ambivalenz von Angst begleitet wird und Unentschiedenheit zur Folge hat, erfahren wir sie als Unordnung…Die typisch moderne Praxis, die Substanz moderner Politik, des modernen Intellekts, des modernen Lebens, ist die Anstrengung, Ambivalenz auszulöschen“.


Mit dieser von Bauman beschriebenen Tendenz des modernen Menschen, sich von der Ambivalenz zu befreien und „alles zu unterdrücken …, was nicht genau definiert werden konnte“, ist sicherlich auch die weitverbreitete Neigung verbunden, manichäische Weltbilder zu entwickeln, in denen Gut und Böse sauber voneinander getrennt sind. Dies spiegelt sich nicht zuletzt auch in der Einstellung mancher Autoren zum Staate Israel wider. Nicht selten wird z.B. die Lage der Palästinenser in den von Israel seit 1967 besetzten Gebieten mit der Lage der Juden in der NS-Zeit verglichen. Mit derartigen Vergleichen wie auch mit einigen anderen Aspekten der radikalen Israelkritik möchte ich mich in der folgenden Kolumne befassen.

Über monokausale Welterklärungsmodelle oder – ist Treitschke immer noch aktuell?

Als Heinrich von Treitschke mit seinem 1879 ausgesprochenen Satz „Die Juden sind unser Unglück!“ den Berliner Antisemitismusstreit auslöste, sprach er vielen konservativ gesinnten Gruppierungen, die des liberalen und emanzipatorischen Zeitgeistes überdrüssig waren, aus der Seele. Ihre zunächst vergebliche Suche nach der Hauptursache für alle Defizite der Moderne und für die Unzufriedenheit vieler Deutschen mit den politischen und wirtschaftlich-sozialen Zuständen im Deutschen Kaiserreich, dessen Entstehung sie noch einige Jahre zuvor euphorisch begrüßt hatten, wurde nun durch Erfolg gekrönt. Aus dem Munde eines der prominentesten Historiker Deutschlands erfuhren sie, dass all diese unerfreulichen Erscheinungen im Wesentlichen auf einen einzigen Verursacher zurückgeführt werden könnten – auf das Judentum. Damit appellierte Treitschke an die altbekannten Ängste, die auch im aufgeklärten Zeitalter keineswegs aus dem kollektiven Unbewussten verschwunden waren und die jederzeit aktiviert werden konnten.

Treitschkes monokausales Welterklärungsmodell erleichterte die Suche nach Lösungen für die immer komplizierter werdenden krisenhaften Erscheinungen des neuen Zeitalters. Durch die Identifizierung der Moderne mit den Juden, die in der Tat zahlreich unter den Vorkämpfern der Modernisierungs- und Emanzipierungsprozesse vertreten waren, befreiten sich Treitschke und seine Gesinnungsgenossen scheinbar aus einem Teufelskreis. Der aussichtslose Kampf gegen die allmächtigen und anonymen Kräfte der Moderne verwandelte sich in einen Kampf gegen konkrete und durchaus verletzbare Juden. Die Ausschaltung der Juden bzw. des angeblich allmächtigen jüdischen Einflusses sollte automatisch zur Wiederherstellung der patriarchalischen Idylle führen.

Unwillkürlich erinnert diese Betrachtungsweise an die Fixierung vieler Kritiker der nach der Beendigung des Ost-West-Gegensatzes chaotisch gewordenen Weltordnung auf Israel als die wohl wichtigste Ursache für die größten internationalen Konflikte dieser Welt. Der vor kurzem verstorbene Totalitarismusforscher und Nahostexperte Walter Laqueur weist z. B. in seinem Buch „Mein 20. Jahrhundert: Stationen eines politischen Lebens“ aus dem Jahre 2009 darauf hin, dass Israel von den Vereinten Nationen „häufiger als alle anderen Staaten zusammengenommen … verurteilt (wurde)“. Also häufiger als das Pol Pot-Regime mit seinen 2 Millionen Toten, häufiger als das maoistische Regime mit seinen Millionen Opfern und viele Regime mehr. 11 Jahre später verhielten sich die Dinge nicht anders. So verabschiedete die Generalversammlung der UNO im Jahre 2020 17 Resolutionen gegen Israel und nur 6 gegen alle anderen Staaten der Welt (Nordkorea, Syrien, Iran, Myanmar und Russland im Zusammenhang mit der Krim-Annexion). Diese Tendenz zu einer Generalabrechnung mit dem Staat Israel als solchem setzt sich bei manchen Befragungen in der EU fort. Laut einer Umfrage, die vor einigen Jahren durchgeführt wurde, sahen 59% der befragten EU-Bürger in Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden. In seinem bereits erwähnten Buch schreibt Laqueur Folgendes dazu:

Viele im Westen sahen den Staat Israel als Störenfried: Wenn es ihn nicht gäbe, dann wäre die Welt weder von Islamismus noch von Terrorismus bedroht. Die Araber würden gegenüber dem Westen eine positive Haltung einnehmen, Sunniten würden nicht die Schiiten bekämpfen, niemand würde auf der Einführung der Scharia beharren, Osama bin Laden wäre noch im Handel und im Baugeschäft tätig, muslimische Einwanderer wären integrationswillig.

Zwar unterzieht Laqueur das politische Vorgehen der israelischen Regierungen durchaus einer scharfen Kritik. Vor allem die israelische Siedlungspolitik in den besetzten palästinensischen Gebieten nach 1967 hält er für einen großen Fehler. Dennoch stellt für ihn die Tatsache, dass die Empörung der Medien und der internationalen Organisationen sich in erster Linie auf Israel konzentriert und dass unzählige Diktaturen und Unrechtsregime der übrigen Welt viel seltener als Israel an den Pranger gestellt werden, ein Rätsel dar: „(Den Israelis) wurden Verbrechen vorgeworfen, die andere Staaten vor ihnen in ganz anderen Dimensionen begangen hatten… Warum durfte gar das Existenzrecht ihrer Nation von vielen Staaten bestritten werden?“, fragt Laqueur.

Unsägliche Vergleiche

Und in der Tat gerät die vielfach berechtigte Kritik an manchen Schritten der israelischen Regierung, zum Beispiel im Bereich der Siedlungspolitik, in zahlreichen Medien zu einer moralischen Delegitimierung des israelischen Staates als solchem. Dazu dienen u.a die oft verwendeten Vergleiche des politischen Vorgehens Israels mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Erfunden wurde diese infame Gleichsetzung von den sowjetischen Propagandisten. Ihr „Werk“ lebt aber auch nach dem Untergang der Sowjetunion weiter, wenn man die Israelkritik mancher Medien genauer verfolgt. Einige Beispiele sollten genügen. So vertritt z.B. der ehemalige französische Widerstandskämpfer und Buchenwaldhäftling Stéphane Hessel die These, die nationalsozialistische Besatzungspolitik in Frankreich sei wesentlich harmloser gewesen als die „heutige Besetzung von Palästina durch die Israelis“. Dabei lässt Hessel außer Acht, dass die nationalsozialistische Herrschaft in Frankreich untrennbar mit dem Holocaust verbunden war, mit der Ermordung von mehr als 73.000 Juden, die aus Frankreich nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager deportiert wurden.

Es ist zwar völlig legitim, die israelische Besatzungspolitik scharf zu kritisieren. Dies tun bekanntlich auch viele Israelis. Hessel sprengt aber alle Maßstäbe, indem er die Politik Israels mit derjenigen eines totalitären Regimes gleichsetzt, das aus ideologischen Gründen systematisch die völlige Vernichtung bestimmter Bevölkerungsgruppen in den besetzten Gebieten betrieb.

Der eingangs bereits erwähnte Soziologe Zygmunt Bauman, der den Begriff „Das Jahrhundert der Lager“ prägte, geht in seiner Kritik Israels noch weiter als Hessel. In einem Interview für die polnische Zeitschrift „Polityka“ vom August 2011 sagte er Folgendes über die von den Israelis errichtete Mauer, welche die israelischen Gebiete von den palästinensischen trennt:

Was ist diese Mauer, die um die besetzten Gebiete gebaut wird, anderes, als der Versuch, die Auftraggeber der Mauer um das Warschauer Ghetto zu übertreffen?

Als ich diesen Satz zunächst in einer deutschen Zeitung las („Die Welt“ vom 7.9.2011), dachte ich, es handele sich hier um einen Übersetzungsfehler. Dann las ich die Äußerung Baumans im polnischen Original und stellte fest, dass die deutsche Übersetzung die ursprünglich auf Polnisch geäußerten Gedankengänge Baumans wortgetreu wiedergab.

Bauman vergleicht also die Erbauer der israelischen Mauer mit den Urhebern des Holocaust, für die das Warschauer Ghetto letztendlich nur eine Durchgangsstation zu der völligen Vernichtung der dort zusammengepferchten 430.000 Juden darstellte. Diese Aktion begann mit dem Aushungern der Ghetto-Bewohner. So erhielten die in Warschau lebenden Deutschen 2310 Kalorien pro Tag, die Juden hingegen nur 183 Kalorien, „für die sie überdies… fast zwanzigmal soviel wie die Deutschen bezahlen mussten“, schreibt der deutsche Historiker Friedrich Battenberg. Mitte 1942 begann dann die direkte Vernichtung. Bis Oktober 1942 wurden 310.000 Juden aus dem Warschauer Ghetto in Treblinka vergast. Und schließlich wurde das Ghetto im Mai 1943 nach dem verzweifelten Aufstand einer kleinen Schar von Widerstandskämpfern gänzlich zerstört: „Das ehemalige Wohnviertel in Warschau besteht nicht mehr“, meldete am 16. Mai 1943 SS-Gruppenführer Jürgen Stroop seinen Vorgesetzten und fügte hinzu: „Die Gesamtzahl der erfassten und nachweislich vernichteten Juden beträgt 56.065“.

So handelten also die Erbauer und die Bewacher des Warschauer Ghettos sowie ihre Auftraggeber. Baumans Worte, dass die Erbauer der israelischen Mauer versuchten, „die Auftraggeber der Mauer um das Warschauer Ghetto zu übertreffen“, sind daher unfassbar.

Die Entwertung des Totalitarismusbegriffs

Über die Motive, die Bauman zu einem derart unfassbaren Vergleich veranlassten, will ich hier nicht spekulieren. Ich möchte meine Ausführungen nur mit folgender Bemerkung beenden:

Die Einzigartigkeit der totalitären Diktaturen wird seit der Entstehung des ersten totalitären Regimes der Moderne infolge der bolschewistischen Revolution vom Oktober 1917 von unzähligen Autoren erforscht. Minuziös werden die Unterschiede zwischen den totalitären Tyranneien und anderen Herrschaftssystemen herausgearbeitet. Umso bedenklicher wird es, wenn man die Ergebnisse dieser Forschung in Frage stellt, und zwar durch die Gleichsetzung der totalitären Regime mit Systemen ganz anderer Art wie dies z.B. Stéphane Hessel oder Zygmunt Bauman in den oben genannten Beispielen tun.

Eine effiziente Auseinandersetzung mit den totalitären Herausforderungen setzt eine genaue Definition dessen voraus, was totalitär ist. Denjenigen, die die Merkmale der totalitären Regime auf nicht-totalitäre politische Phänomene übertragen, kann es ähnlich ergehen, wie den kommunistischen Ideologen der 1920er und der beginnenden 1930er Jahre, als sie jede politische Gruppierung, die sie ablehnten, nicht zuletzt die Sozialdemokratie, als „faschistisch“ bezeichneten. Erst nach der nationalsozialistischen Machtübernahme mussten die Kommunisten allmählich feststellen, dass zwischen den sogenannten „Sozialfaschisten“ und den wirklichen Faschisten doch ein qualitativer Unterschied bestand. Der Begriff „Faschismus“ wurde aber durch seinen inadäquaten Gebrauch weitgehend ausgehöhlt. Ähnlich könnte es denjenigen Autoren ergehen, die dazu neigen, die nationalsozialistische Vernichtungspolitik mit der Politik nicht-totalitärer Staaten, z. B. Israels, gleichzusetzen. Sollten die Umstände sie zwingen, ein wirklich totalitäres Regime zu definieren, werden sie schwerlich imstande sein, ein solches System begrifflich einzuordnen. Denn die dunkelsten Farben ihrer Palette haben sie bereits für die Beschreibung der Politik nicht-totalitärer Staaten verbraucht. Eine weitere Steigerung wäre hier kaum möglich.

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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