Ich bin ein Boomer. Wer holt …

… mich aus Facebook raus, fragt Kolumnist Henning Hirsch

Bild von Tikwa auf Pixabay

„Mama, hinter uns ist ein Boomer“, sagt die Kleine an der Supermarktkasse.
Ich schaue hinter mich. Hinter mir steht keiner.
„Das Wort hat sie im Kindergarten aufgeschnappt. Entschuldigung“, erklärt die Mutter, die sich zu mir umgedreht hat, mich bei ihrer Entschuldigung aber mit Augen ansieht, die unmissverständlich signalisieren, dass sie ihrer Tochter innerlich recht gibt.
„Nicht der Rede wert“, sage ich und packe fettarmen Käse, kalorienreduziertes Dosenravioli und zuckerfreie Grapefruitlimo aufs Band.
„8.23 Euro. Zahlen Sie mit Karte oder bar?“, fragt die hübsche Kassiererin.
„Bar“, sage ich.
„Natürlich“, sagt die hübsche Kassiererin in einem Ton, der deutlich zum Ausdruck bringt, dass es dumm ist, einen Boomer zu fragen, ob er eine EC-Karte für einen 8€23-Einkauf benutzt, sie diese Frage aber trotzdem stellen muss.

Auf dem Weg zurück stoppe ich an der Apotheke und besorge mir dort was für den Magen, den Blutdruck, gegen Haarausfall und für ein erfülltes Sexleben. Die Apothekerin packt mir freundlicherweise noch eine Probe Krampfaderprophylaxe-Creme forte ein. „Kann man nicht früh genug mit anfangen. Sie als Boomer gehen ja schon stark auf die 60 zu“, sagt sie. Auf der Theke liegt ein Prospekt „Rollator leasen leicht gemacht“, den tut sie mir zusätzlich dazu. Im Briefkasten entdecke ich einen Flyer mit der Überschrift „Seniorenstift Elysium – Paradies für mittelprächtig verdienende Bommer“.

Wo kommt diese inflationäre Boomer-Scheiße plötzlich her, wundere ich mich, während ich gleichzeitig überlege, zu welchem anderen Zweck man ne Krampfaderprophylaxe-Probe sonst noch verwenden kann. Mir fällt nichts Gescheites ein und deshalb werfe ich die Krampfaderprophylaxe-Probe ungeöffnet in die Schublade mit den anderen ungeöffneten Proben.

Was genau zum Teufel ist ein Boomer?

Boomer, was genau zum Teufel ist ein Boomer, hämmert es in meinem Kopf. Ich beschließe, eine schnelle Meinungsforschung am Telefon durchzuführen und rufe meine 3 Kinder an. Nacheinander, jeweils einzeln, sie wissen vorher nicht Bescheid, Antwort muss spontan – ohne Zuhilfenahme fremder Quellen – erfolgen.

„Habe den Begriff noch nie gehört“, sagt Sohn Nr. 1 und legt wieder auf, weil er anderweitig beschäftigt ist und von Forschung am Telefon generell wenig hält.
„Die sind in etwa so alt wie du und technisch völlig unbegabt“, meint Sohn Nr. 2.
„Boomer liegen voll im Trend. Jeder will einen haben“, erklärt wiederum die Tochter.

Damit ist schon mal bewiesen, dass meine Kinder nicht im selben Kindergarten waren wie die Kleine vorhin an der Supermarktkasse.

Ich mache mich im Internet schlau:

Der Ausdruck „Boomer“ bezieht sich auf die Personen, die zur Zeit des „Baby-Booms“ geboren wurden. Dieser Zeitraum umfasst ungefähr die Mitte der 1950er und 1960er Jahre, somit sind die jüngsten Personen aus dieser Generation heute um die 60 Jahre alt.
© Netzwelt

Die Phrase „OK Boomer“ wird als Erwiderung auf Meinungen älterer Personen, meist aus der Baby-Boomer-Generation, verwendet, die vom Aussprechenden individuell als engstirnig, veraltet, negativ-abwertend oder herablassend empfunden werden. Häufig handelt es sich dabei um Aussagen, die sich auf den technischen Fortschritt, die globale Erwärmung, die Definition von Minderheiten oder auf allgemeine Einstellungen und Wertvorstellungen der jüngeren Generation (häufig als Generation Woke oder Generation Snowflake bezeichnet) beziehen.
© Wikipedia

„Ok, Boomer“ ist eine Aussage, die dafür verwendet wird, um despektierliche Aussagen der Baby Boomer Generation (Personen, die nach dem zweiten Weltkrieg zwischen 1946 und 1964 geboren sind) gegenüber den Millenials (Generation Y, ab 1980er bis Mitte 1990er) und der Generation Z (ab 1997 – 2012) zu relativieren.

Einfacher gesagt: Die Jugend von heute ist genervt von den respektlosen Aussagen und dem Schubladendenken der Eltern und Großeltern und tut diese mit den Worten „Ok Boomer“ ab. Diese beiden Worte könnten in ihrer inhaltlichen Bedeutung auch mit einem ironischen „Ok, alles klar“ oder „Spinn dich aus“ oder „Ja ne, ist klar“ übersetzt werden.
© studihub.de

Boomer bezeichnet also einerseits eine Geburtsdekade bzw. zwei davon und drückt mit dem Zusatz „OK“ eine Geisteshaltung aus, und zwar eine nicht so schöne: engstirnig, veraltet, negativ abwertend und herablassend.

Das verdient eine kurze Würdigung.

Wir konstruieren einen Beispiel-Boomer

An unserem Geburtsjahr können wir nachträglich nicht allzu viel ändern. Wir können uns optisch aufhübschen oder aufhübschen lassen (Toupet, falsche Zähne, Dr. Juchheim, Botox oder uns bei einem Schönheitschirurg für ein Rundum-Erneuerungspaket unters Messer legen), im Darknet neue Ausweispapiere bestellen. Unsere inneren Organe haben trotzdem 60 Jahre auf der Uhr, auch wenn die Lippen aufgespritzt sind und im Fake-Perso bei Geburtsjahr 1981 vermerkt ist. Und ebenfalls das Gehirn wird durch Toupet und Dr. Juchheim nicht einen Tag jünger. Biologisch 60 ist und bleibt nun mal 60. Ärgerlich, aber bis zum 70sten gewöhnt man sich daran.

Bei der uns 60-jährigen zugeschriebenen Geisteshaltung müssen wir allerdings ein wenig differenzieren: Es gibt zum einen Boomer, die auch wie Boomer denken (Typ A), und es gibt des Weiteren  Boomer, die nicht wie Boomer denken (Typ B). Im Folgenden beschäftigen wir uns mit Typ (A). Und zwar in der Ausprägung: männlich und weiß (den Zusatz „alt“, den man mitunter sieht, braucht es nicht. Denn wer 60 ist, ist alt und ist sich dessen aufgrund quietschender Bandscheibe und häufiger Zahnwurzelbehandlungen durchaus bewusst).

Typ (A) sei in unserem Beispiel ein (beinahe) 60-jähriger Kolumnist aus dem Rheinland. Geschieden, 3 Kinder. Sein Geld verdient er tagsüber mit Marketing & Orga. Abends schreibt er. Zudem hängt er viel in Facebook ab. In Twitter (da stört er sich an der Textlimitierung auf 280 Zeichen) und in Instagram (da stört er sich an allem) begegnet man ihm hingegen selten. Von Tiktok und ähnlichem Nonsens lässt er komplett die Finger weg. Jetzt wollen wir die Attribute engstirnig und veraltet mal hinsichtlich der oben in Wikipedia genannten Themenbereiche unter die Lupe nehmen:

(I) Technischer Fortschritt
Hier gilt die Aussage von Sohn Nr. 2 „Technisch völlig unbegabt“ vollumfänglich. Unserem Kolumnisten sind neue Apps und Software-Updates grundsätzlich suspekt. Nicht selbst erklärende Programme, in die er sich einarbeiten muss, hasst er. Alexa, Siri und Cortana hasst er noch viel mehr. Wenn der Laptop nicht das tut, was er will – und der Laptop tut oft nicht das, was unser (beinahe) 60-jähriger Kolumnist will – steht er manchmal kurz davor, das Teil aus dem Fenster zu werfen. Davon hält ihn einzig der Gedanke ab, dass ein neuer Laptop teuer ist und tagelang mühsam konfiguriert werden muss.

(II) Globale Erwärmung
Ja, es wird wärmer. In manchen Jahren auch nicht; in denen wird es dafür nasser. Den Unterschied zwischen Wetter und Klima kennt unser Kolumnist. Zumindest oberflächlich. Er sagt, dass es in seiner Kindheit noch richtige Winter und richtige Sommer gab. Vielleicht irrt er sich aber auch, denn im Alter lässt die Gedächtnisleistung nach. Ob Holland in 20 Jahren überflutet wird, interessiert ihn vor allem unter dem Aspekt, ob dann noch mehr Holländer als sonst schon üblich die Campingplätze am Rheinufer bevölkern werden. Da er selber in 20 Jahren 80 sein wird und im Seniorenstift Elysium vor sich hindämmert, interessiert es ihn die Sache mit Holland in Not allerdings nicht so brennend. Greta Thunberg mag er. „Die ist blitzgescheit, macht ihr Ding und bleibt cool dabei. Das gefällt mir“, sagt er. „Und warum schließt du dich ihr dann nicht an?“, fragt ihn die Tochter. „Weil ich mich ja nicht jedem anschließen muss, nur weil ich ihn cool finde“, erwidert er. „Und dein ökologischer Fußabdruck, was ist mit deinem ökologischen Fußabdruck?“, hakt die Tochter nach. „Der ist gar nicht so schlecht. Vor allem weil ich wenig Sachen kaufe und die meisten Dinge so lange gebrauche, bis sie von selbst auseinanderfallen. Ressourcenschonung durch Konsumverzicht.“

„Würdest du auch auf dein Auto verzichten?“, will die Tochter wissen.
„Auf gar keinen Fall!“

(III) Definition von Minderheiten
Hier kann sich unser Kolumnist nach etlichen – zumeist ergebnislos verlaufenden – Facebook-Diskussionen zu diesem Thema des Eindrucks nicht erwehren, dass es für eine nicht unerhebliche Anzahl Mitmenschen weniger wichtig ist, ob man greifbaren Minderheiten (z.B. Flüchtlingen) in der Realität konkret helfen kann, sondern es sich zuvorderst um eine akademische Befindlichkeitsdebatte dreht. Man definiere eine x-beliebige Minderheit (z.B. Schwule Veganer in der Fußballfan-Szene), dichte sich selbst dazu und fühle sich sofort diskriminiert: Ich gehöre der Gruppe der Schwulen Veganer im BVB-Block an und finde es total ungerecht, dass ich immer der erste bin, der von den Schalkern aufs Maul bekommt.

Wenn man dann als Typ A-Boomer einwendet …:
(a) man muss sich als schwuler Veganer nicht unbedingt in den BVB-Ultrablock stellen
(b) die Sache mit Schalke hat sich ja jetzt für ein paar Jahre von selbst erledigt, da Königsblau nicht mehr erstklassig ist
… erschallt umgehend der Ruf: OK Boomer! (im Sinne von: DU Nullchecker hast wie immer gar nichts verstanden!!!).
Vermutlich so ein Sich-selbst-erfüllende-Prophezeiung-Ding.

Boomer ernähren sich von Currywurst und fahren alte Diesel

Typ-A-Boomer sind idR. keine Veganer und legen im Sommer schon mal ein Discount-Kotelett auf den Grill. Von me2 haben sie gehört, kannten aber die meisten der „neuen“ Verhaltensregeln gegenüber Frauen schon aufgrund der Erziehung, die sie in den 60-er und 70-er Jahren bei ihren Eltern genossen hatten. Dass man Sekretärinnen nicht ungefragt an die linke Arschbacke greift (auch nicht bei der Weihnachtsfeier) und schlüpfrige Witze im Büro oft megapeinlich sind, wissen Boomer nicht erst, seit es Harvey Weinstein an den Kragen ging. Und als die Boomer in den 80ern gegen Apartheid und Rassismus in Südafrika auf die Straßen strömten und für die Freilassung von Nelson Mandela demonstrierten, waren viele von denen, die sich heute lautstark gegen jedwede Form von Diskriminierung wenden, noch gar nicht als Samenzelle im Hoden ihres nicht-gebärenden Elternteils existent.

Die politische Gesinnung des Typ-A-Boomers ist bisher noch wenig erforscht. Man findet ihn kreuz und quer über alle Parteien verstreut. Eventuell mit leichter Schwerpunktbildung rechts von der Mitte. Mir sind allerdings Typ-A-Vertreter auch in SPD, Linker und sogar bei den Grünen bekannt. Unser Beispiel-Kolumnist verortet sich selbst im linksliberalen Spektrum, sieht sich jedoch, seit der organisierte Liberalismus sich auf Einkommensteuererklärungen, die auf Bierdeckel passen müssen und Gratis-WLAN für alle verzwergt, politisch als heimatlos an. Ein Typ-A-Boomer kann also gleichzeitig Carnivore (gerne Currywurst) und sozialisationsbedingt strikt hetero sein, einen alten Diesel fahren und Gendern meiden wie weiland seine konservativen Eltern die Mao-Bibel, aber gleichzeitig mit schwulen Kumpels im Ultrablock des BVB (beim gewählten Beispiel-Boomer wäre das jedoch die Südkurve des Effzeh) stehen und die Notwendigkeit zeitnah zu treffender klimapolitischer Maßnahmen anerkennen. Ganz so eindeutig, wie es das „OK“ signalisieren soll, ist es mit dem Typ-A-Boomer dann doch nicht. Bzw. der Typ-A-Boomer ist durchaus bunter, als es das „Ok!“ vermuten lässt.

Dass einem die Älteren mit ihren antiquierten Ansichten oft auf den Sack gehen, ist nämlich nun wahrlich nichts grundlegend Neues bzw. keine Erleuchtung, die erst den Millenials kam. Auch mir gingen mein Vater und mein Großvater mit ihren von meiner jugendlichen Perspektive abweichenden Blickwinkeln oft ganz gehörig auf den Sack. Ich nannte sie nicht Boomer (da ich den Begriff nicht kannte, und weil das ja auch falsch gewesen wäre), sondern Neandertaler, um mir dann von meinem Vater erzählen zu lassen, dass der 30 Jahre früher seinen Vater und Großvater ebenfalls als aus der Zeit gefallen angesehen hatte. Der Ok-Boomer-Generationenkonflikt ist also so alt wie die Menschheit selber. Die Themen, über die gestritten und diskutiert wird, ändern sich, der Tenor bleibt jedoch immer dieselbe: Die Jugend sieht es anders als die Alten.

Ganz anders der Typ-B-Boomer

Vom Typ A- müssten wir jetzt noch den Typ B-Boomer streng unterscheiden. Da jedoch die Uhrzeit schon weit fortgeschritten ist, und es für den Typ-A-Kolumnisten langsam Zeit wird, an seinen Vor-Mitternacht-Schlaf zu denken, wollen wir an dieser Stelle stoppen. Zum B-Typ nur so viel: Der ist woker als die meisten Millenials. Surft genauso sicher auf der Zeitgeistwelle wie ein 25-jähriger Soziologiestudent der FU Berlin und gendert beidhändig fehlerfrei. Weshalb ihm auch nie ein strenges „Ok Boomer!“ entgegenschallt. Diese Kolumne sollte aber am besten von einem B-Typ-Boomer geschrieben werden.
+++

Und nun wird’s Zeit für die Magenpillen (oder ist heute der Blutdruck an der Reihe?) und die Anti-Haarausfalltinktur, bevor unserem (Beispiel-) Kolumnisten bei Folge 5 (Staffel 7) von „The walking dead“ auf Netflix die Augen zufallen werden.

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern ... Wer mehr von ihm lesen möchte: www.saufdruck.de

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