Ein verträumter Roman und ein ungelöstes Rätsel

Die Welt ohne Fenster wurde von Barbara Newhall Follet im Alter von 12 Jahren verfasst. Mit 25 verschwand die Autorin spurlos. Literaturkolumne über ein „Wunderkind“ von Sören Heim


Die Welt ohne Fenster von Barbara Newhall Follet ist mir zuerst ins Auge gefallen wegen des wirklich hübsch gestalteten Covers mit den goldenen Schmetterlingen. Das geht im Buch so weiter. Zahlreiche elegante Illustrationen von Jackie Morris, die auch das Vorwort verfasst hat, zieren den schmalen Band. Was soll das für ein Buch sein? Ein schwelgerisch-fantastischer Natur-Roman einer gerade erst 12-jährigen Autorin, die dann in ihren Zwanzigern auf mysteriöse Weise verschwunden ist? Das kann man sich schon mal näher angucken, und sei es nur aus Gründen der Kuriosität.

Natürlich stellt sich die Frage: Kann, und wie kann man, den Roman solch jungen Menschen rezensieren? Einerseits könnte man darauf abstellen, ob das ein gelungener Text „für ihr Alter“ sei. Das allerdings hilft LeserInnen nicht, die einfach einen guten Roman lesen wollen. Außerdem ist es vielleicht ein wenig herablassend, festlegen zu wollen, was Zwölfjährige zu können haben. Andererseits kann man den Roman behandeln wie jeden anderen auch, und das wäre vom ästhetischen Gesichtspunkt her am redlichsten. Aber natürlich will man ein Kind ermutigen, nicht niedermachen, selbst wenn es sich eher auf Dan Brown- als auf Virginia Woolf-Niveau bewegt. Wer schreibt schon mit 12 einen Roman?

In diesem Fall ist das Dilemma aber stark abgeschwächt. Newhall Follet ist im Alter von 25 Jahren verschwunden, und wenn sie heute noch lebte, wäre sie 104 Jahre alt und es wäre ihr gelungen, sich etwa sieben Jahrzehnte vor ihrem alten Leben zu verstecken. Diese Frau, bin ich mir sicher, würde auch eine negative Kritik aushalten. Doch das Buch ist tatsächlich sogar relativ lesenswert. Nicht nur als Kuriosität eines 12-jährigen „Wunderkindes“, sondern auch als literarische Träumerei, die auf viele Regeln pfeift und trotzdem meist nicht langweilt.

Exkurs zum Thema „Wunderkinder“

Ehe ich mich dem Buch zuwende, möchte ich allerdings noch einmal kurz den in den Diskussionen um Newhall Follet oft gebrauchten Begriff „Wunderkind“ thematisieren. Der scheint sich in diesem Fall einzig und allein darauf zu stürzen, dass Newhall Follet im Alter von 12 und 14 zwei Romane geschrieben hat. Allerdings: Zumindest der erste Roman ist durchaus kindlich, eigentlich gießt er einfach Träumereien eines Kindes mit sehr rudimentärer Handlung in Buchstaben. Der zweite scheint ein umfangreicheres Unterfangen gewesen sein, für das Newhall Follet sogar zu Recherchezwecken eine lange Schiffsfahrt unternahm. Allerdings handelt es sich nach allem, was ich rausfinden konnte, dann wiederum um einen Bericht dieser Reise mit leicht fiktionalen Elementen. Die meisten Kinder kämen wahrscheinlich nicht auf die Idee, so etwas aufzuschreiben. Aber wie elaboriert wir Dorfkinder in diesem Alter, nein eigentlich sogar noch davor, gespielt haben! Unsere Ritterspiele am Wasserloch waren mittlere Shakespeare-Dramen, und was wir mit der Pirateninsel von Lego angestellt haben, hatte wenig zu tun mit den immergleichen Kämpfen. Da wurde an Figuren und Dialogen gefeilt, da wurden der Cliffhanger und der tragische Tod samt langem Sterbe-Monolog zelebriert. Und wir waren, obschon keine bildungsfernen Kinder, keine Kinder aus Akademiker-Haushalten. Wir wussten damals, es war die Grundschulzeit, sicherlich nichts von Shakespeare und wenn wir Bücher lasen, dann Die Drei Fragezeichen und vielleicht Winnetou. Newhall Follet kommt aus einem sehr literarischen Elternhaus. Ihre Mutter ist Kinderbuchautorin, ihr Vater Verlagslektor. Immer wieder wurde das Kind so nicht nur zum Schreiben animiert, sondern der Genuss des Schreibens wurde ihr geradezu vorgelebt. Anders als heutige Kinder, deren Bildung von der Grundschule an auf den Arbeitsmarkt gemainstreamt wird, scheint Newhall Follet zudem im Heimunterricht eine eher klassische Bildung genossen zu haben, worauf unter anderem die vielen Verweise auf griechische Mythologie und der unglaubliche Wortschatz betreffend der Naturphänomene hinweisen.

Ich sage das nicht, um die Autorin abzuwerten, im Gegenteil. Sie scheint eine sehr kluge, fantasiebegabte und talentierte Zwölfjährige gewesen zu sein, die zudem die Kraft besaß, an einem Projekt, das sie sich ausgesucht hat, konzentriert zu arbeiten. Sogar zweimal, denn das erste Manuskript soll zerstört worden sein.1 Aber ich möchte aufwerten, was man anderen Kindern zutraut. Das Spiel von Kindern kann unglaublich kreativ sein und trägt die Keimzelle zu allen Kunstformen in sich. Und wenn die Lust besteht und das Umfeld stimmt, kann so etwas durchaus auch schon künstlerischen Niederschlag finden. Dafür muss man kein ominöses „Wunderkind“ sein, Intellekt, Interesse und Unterstützung dürften in vielen Fällen ausreichen. Und ob jemand dann als „intelligent“ und „kreativ“ oder als „Tagträumer“ u.ä. wahrgenommen wird, hat auch viel mit dem sozialen Hintergrund zu tun. Und ob man die Anregung bekommt, solche Träume aufzuschreiben und dann auch noch die Tür zu einem Verlag geöffnet bekommt, erst recht.

Ein verträumtes Buch mit dünnem „Plot“

Genug der Vorrede. Die Welt ohne Fenster erzählt also die Geschichte der jungen Eepersiep, die ihren Eltern davonläuft und erst in Wald und auf Wiesen, dann am Meer, dann im Gebirge lebt. Nach mehreren Jahren erfährt sie, dass sie eine Schwester hat und möchte auch diese zu einem „wilden“ Kind machen. Sie kehrt zurück, verführt die Schwester mitzukommen, doch deren Drang, die Eltern wiederzusehen, ist zu groß. Die beiden trennen sich und Eepersiep wird eine Waldnymphe.

Die größte Stärke des Romans dabei ist sicherlich die Schwelgerei in den Sphären der Natur. Die Welt ohne Fenster wartet immer wieder mit schönen Beschreibungen auf, etwa:

Auf der anderen Seite disses Teppichs befand sich ein Stück Wald, dann ein weiterer Teppich. Diesmal aus Gras und etwas kleiner, und dann war da noch eine lange Reihe mächtiger Kiefern und dahinter ein See wie ein Opal. Derweil setzte die Sonne ihren Weg hinter den Horizont fort, die Masse aus Farben wurde kleiner und heller, und Fleuriss, die in ihrem jungen Leben noch nie so viel Schönheit gesehen hatte, kam aus dem Staunen nicht heraus. Die Farbe verblasste langsam, bis nur noch ein tiefes Rot übrig war, und Fleuriss kam es vor, als befinde sie sich im Herzen einer riesigen Rose.

Diese glänzen sowohl durch leichten Sprachfluss als auch durch reichen Wortschatz und eine Bildgestaltung, die das Alltägliche magisch erscheinen lässt. Am stärksten zeigt sich der Text dabei im ersten Drittel und gegen Ende. Vom Meer, so hat man das Gefühl, weiß Newhall Follet nicht allzu viel zu sagen, das sich in Bilder übersetzen lässt. So hübsch das alles zu lesen ist, über die nur 160 Seiten zieht sich der Text durchaus öfter so, dass man ihn ganz beiseite legen möchte. Vor allem der Mittelteil ist ein einziges retardierendes Moment. Knapp nach den ersten 30 Seiten schwärmen die Erwachsenen aus, um Eepersiep einzufangen, und hier sitzt der spannungstechnische Höhepunkt der Handlung. Wollte man den Text im Ganzen genießbarer machen, man würde dort deutlich straffen und den Versuch, die Schwester zu sich zu locken, statt 100 Seiten danach vielleicht 20 später stattfinden lassen. Denn dazwischen geschieht wenig, und die Beschreibungen wiederholen sich sowohl im Wortlaut als auch in der Stimmung, die hervorgerufen wird. Auch wird immer wieder deutlich, wie viel wohler sich Newhall Follet in den Sphären der kindlichen Träumerei und des Spiels fühlt als in denen der Handlung, die Interaktion mit Erwachsenen beinhaltet. Rund um die Expedition der Erwachsenen wirkt das Buch handwerklich einfach so deutlich schwächer. Entscheidungen kommen aus heiterem Himmel und werden auch so eingeführt nach dem Motto: „Jetzt wollten die Erwachsenen das und das. Aber plötzlich hatten sie die und die Idee. Nein, da geschah es, dass…“ Die Erzählerin hat offenkundig größte Schwierigkeiten, sich vorzustellen, wie Erwachsene versuchen würden, so ein ausgerissenes Kind einzufangen und vor allem, was sie dabei fühlen würden. Trauer, ja. Angst, ja. Aber das bleibt sehr generisch und wirkt wie auf einer ganz anderen Ebene, nein, in einem ganz anderen Buch, erzählt als die einsamen Erlebnisse Eepersieps.

Nachtrag zum Verschwinden Newhall Follets

Die Welt ohne Fenster ist eine Lektüre, mit der man keine Zeit verschwenden wird, und sie hält ein paar schöne Momente bereit. Eine „Pflichtlektüre“ ist es nicht. Womöglich wird die Neu- Veröffentlichung die Diskussion wieder anheizen, was wirklich mit Newhall Follet passiert ist. Faszinierend, wie wenig man in dieser so skandal- und mysteriengeilen Welt darüber zurzeit lesen kann. Denn das ist ein Fall, wie gemacht für die Öffentlichkeit. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, lest es auf Wikipedia nach. Interessant ist allerdings, wie ausschließlich das Vorwort zum Roman die Theorie folgt, Newhall Follet habe endlich genau das getan, was sie sich im Roman erträumt habe und sei davongelaufen. Die Geschichte, dass die junge Autorin einfach verschwunden sei, beruht einzig und allein auf der Aussage des Ehemanns, der ihr Verschwinden erst nach zwei Wochen gemeldet hat. Die Mutter dagegen ging aufgrund von Ungereimtheiten in der Folge eher von einem Verbrechen aus. Nun ist es natürlich sehr verlockend, sich Newhall Follets Leben in Analogie zu ihrem Werk vorzustellen und es würde auch zu der großen Reiselust der Autorin passen, von der u.a. wiederum das Vorwort berichtet. Aber man sollte sich doch zumindest nicht allein auf diese romantische Version kaprizieren, wenn es eine weitere, naheliegende, deutlich düsterere gibt.

1Man sollte allerdings auch nicht ganz verdrängen, dass alles, was wir über den Schreibprozess wissen, von der Autorin selbst und den Eltern stammt. Und die hatten damals nicht zuletzt auch ein finanzielles Interesse an einer guten Geschichte hinter der Geschichte.

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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