Von angsterfüllten Boomern und Hobby-Kapitäninnen

Stark ernüchtert von der Professionalität grüner Wahlkampfführung ist mittlerweile Kolumnist Henning Hirsch

Bild von OpenClipart-Vectors auf Pixabay

Ich will diese Kolumne mit meinen Eltern beginnen. Das tue ich, glaube ich, zum ersten Mal. Eigentlich habe ich die strikte Regel, nie einen nahen Verwandten in einer meiner Kolumnen auftauchen zu lassen; heute aber ist es als Einleitung sinnvoll.

Als meine Eltern mich im Sommer 1961 zeugten, war ihnen beiden nicht bewusst, dass sie einen Boomer zeugen. Sie zerbrachen sich weder den Kopf über den seit Mitte der 50-er Jahre zu beobachtenden Anstieg der Fertilitätsrate, noch ahnten sie im Entferntesten, dass man ihren Sohn dereinst als Boomer bezeichnen würde. „Was, um Himmelswillen, ist ein Boomer?“, hätte meine Mutter gefragt. „Das kommt bestimmt aus Amerika“, hätte mein Vater ihr geantwortet und damit wäre das Thema für meine Mutter abgehakt gewesen, und sie hätte sich als zukünftige Boomer-Mutter der Vorbereitung des Abendessens für meinen Vater zugewandt, denn das musste pünktlich um 19 Uhr auf dem Tisch stehen. An dieser Stelle verlassen wir meine Eltern aber auch schon wieder, die damals in einer 2-Zimmer-Mansardenwohnung in Bonn-Poppelsdorf wohnten, überspringen 60 Jahre und beamen uns in die Facebook-Jetztzeit.

Beschreibung der Szene

Ort: Deutschland, konkret: deutsches Facebook
Zeit: Ende Juni/Anfang Juli 21
Oberthema: Bundestagswahlkampf
Subplot: Wahlkampf der grünen Partei
Szene: Der Tag, als herauskam, dass Annalena Baerbock abgeschrieben hat bzw. hat abschreiben lassen
Kameraführung: aus dem Blickwinkel eines männlichen Boomers.

Als ich am Morgen des 29. Juni – das war ein Dienstag – verschlafen meinen Laptop aufklappte und die Beiträge der vergangenen Nacht durchscrollte, staunte ich nicht schlecht, als mir die brandaktuellste Meldung aus dem Hause Focus ins Auge sprang: Schwere Plagiatsvorwürfe gegen Baerbock: Teile von Buch abgeschrieben? Nicht schon wieder, lautete mein erster Gedanke. Wie dumm kann man sein, war mein zweiter. Das war’s dann mit dem grünen Wahlkampf gewesen, schoss mir als Nummer 3 durch den Kopf. Ich klappte den Laptop wieder zu, setzte mich aufs Klo und überlegte mir dort den ersten Post des Tages.

30 Minuten später stieg ich in die bereits hitzig geführte Debatte über Plagiate, Plagiatsjäger und chronische Tricksereien ein und bezeichnete Plagiate in Zeiten, in denen es professionelle Plagiatsjäger gibt, als selten dämlich. Noch dämlicher, als Plagiate zu verwenden, die jeder Teilzeit-Plagiatsjäger binnen Minuten aufspürt, fand ich es, dass dies nun ausgerechnet drei Monate vor dem alles entscheidenden Wahltag passieren musste. Warum muss man überhaupt ein Buch herausgeben, das man nicht selbst geschrieben hat, fragte ich. Wenn da sowieso nur drinsteht, was überall anders auch schon drinsteht, hätte man sich das doch gleich ganz schenken können. Ich wähl doch einen Kandidaten nicht deshalb, weil der vorher ein langweiliges Sachbuch, das eh niemand liest, veröffentlicht hat. Die Reaktionen der Kommentatoren streuten von Zustimmung („genauso ist es“, „Plagiate kommen vor dem Fall“) über Relativierung („das tun doch alle“ & „das, was Scholz und Laschet tun, ist weitaus schlimmer als ein nicht selbst geschriebenes Sachbuch“) bis hin zu kompletter Leugnung („das sind keine Plagiate, sondern frei zugängliche und gemeinfreie Fakten“). Und natürlich durfte der Hinweis nicht fehlen, dass ich als alter, männlicher, misogyner Boomer der Kandidatur einer jungen grünen Frau misstrauisch bis hin zu angsterfüllt gegenüberstünde. An dieser Stelle eine kurze sprachliche Klarstellung: Boomer sind qua Geburtsjahrzehnt immer alt. Wenn sie männlich sind, sind sie per Definition stets misogyn (entweder genetisch- oder sozialisationsbedingt oder beides). Die Adjektiv-Kaskade vor dem Boomer ist mithin überflüssig. Steckt alles im Substantiv schon drin.

Telefonat mit einer alten Schulfreundin

Vielleicht ist an dem misogyn tatsächlich was dran, überlegte ich beim Mittagessen. Nach 3 Scheidungen, 30 sündhaft teuren und ergebnislosen Club-einsame-Herzen-Singlereisen, 300 vergeblichen Dates mit Frauen im Altersintervall 40-60 aus dem PLZ-Bereich 5 und explodierenden Monatsbeiträgen in ElitePartner, Parship und Lovescout24 mutiert auch der friedlichste männliche Boomer zum Frauenfeind. Ich rief meine alte Schulfreundin Vera an:
»Klar, bist du misodingens. Warst du schon immer«, sagte sie.
»ICH war IMMER schon misogyn?«
»Erinnerst du dich noch daran, wie du jeder dritten der 30 Barbiepuppen deiner kleinen Schwester den Kopf abgeschnitten hast?«
»Ich hatte ihnen nur Glatzen rasiert«, erwiderte ich schuldbewusst.
»Und in mich und meine Gefühlswelt konntest du dich auch nie reinversetzen. Hast immer nur an dich gedacht.«
»Das ist aber nicht gleichbedeutend mit misogyn.«
»Betreib jetzt keine Haarspalterei. Du bist seit Kindheit ein Egoist und im Alter kommt halt auch noch Frauenfeindlichkeit dazu. Schau dich doch bloß mal an: 100 Jahre Single, unfähig, länger als zwei Stunden mit einer Frau gemeinsam in einem Raum zu verbringen, völlig bindungsparanoid. DAS nennt man kurz und knackig auf den Punkt gebracht: misogyn. Jetzt geschnallt?«
»Ja, hab’s geschnallt … Was hältst du eigentlich von der Baerbock?«, sagte ich.
»Ist das die, die ihren Lebenslauf frisiert hat?«
»Ja, ist die.«
»Ne Hochstaplerin wähle ich nicht. Die hätten den Habeck nehmen sollen. Den find ich echt sexy. Und jetzt muss ich mich ums Mittagessen kümmern«, sagte meine alte Schulfreundin Vera und legte auf.

Nun ist Vera eingefleischte Sozialdemokratin. Allerdings eine Sozialdemokratin Schmidtscher und Schröderscher Prägung. »Das waren noch Männer. Reden konnten die. Und das Charisma. Das besitzt doch heute keiner mehr«, seufzt sie, wenn wir ausnahmsweise mal über Politik fachsimpeln. Kann also durchaus sein, dass die Schmidt-Schröder-Prägung ihre Objektivität in Blickrichtung auf die grüne Spitzenkandidatin etwas einschränkt. Aber zumindest beweist Vera – ja ja, ist eine sehr kleine Stichprobe. Ich geb’s zu –, dass man nicht zwingend alt und männlich sein muss, um Lebenslauf-Blingbling als minderattraktiv einzustufen. Alt und weiblich findet das ebenfalls wenig sexy.

3x passiert ist 2x zu viel

Dabei fand ich die Idee, Baerbock zu nominieren, anfangs echt sexy. Muss nicht jeder Kanzler männlich – von der ewigen Merkel mal abgesehen – und Minimum 50 sein, wenn er ins Amt gelangt. Weiblich und 40, Trampolin-Championesse, Jugend voran, frohlockte ich im April, als die Kandidatur bekannt gemacht wurde. Und ein bisschen das Klima und die Welt retten, wollte ich auch. Den aufgeritzelten CV ließ ich deshalb passieren. Wen interessieren schon die Spiegelstriche in Lebensläufen? Also: mich nicht. Und ob ein englischer Master einem deutschen Diplom entspricht und ob man dafür vorher ein Vordiplom oder einen Bachelor gemacht haben muss – darüber sollen sich Prüfungsämter und Facebook-Kommentatoren streiten. Mir ist sowas egal. Bei den nicht-deklarierten Nebeneinkünften wurde ich kurz stutzig, ließ mich jedoch mit der Erklärung einlullen, dass man/frau irgendwas immer vergisst zu deklarieren und jetzt habe sie es ja mit Verspätung deklariert. Wenngleich die Nicht-Deklarierung von Nebeneinkünften bei den wahrheitspuseligen Grünen beinahe so schwer ins Gewicht fällt wie eine Tonne unverzollter pakistanischer FFP2-Masken, die ein CSU-Parlamentarier auf dem Corona-Schwarzmarkt vertickt. Mehr darf jetzt nicht mehr passieren, sagten die Medien und auf gar keinen Fall darf nun noch was passieren, dachte auch ich.

Aber natürlich passierte mehr. Ende Juni wurde ein Sachbuch mit dem schönen Titel Jetzt: Wie wir unser Land erneuern ins Schaufenster gestellt. In weiten Teilen wohl von einem Ghostwriter geschrieben, der – wie das Ghosts aufgrund enger Deadlines und schmaler Entlohnung häufig tun – zwischendurch immer mal wieder per Copy & Paste fremde Textpassagen eingestreut hatte. Ohne diese Passagen ordentlich als Zitate zu kennzeichnen. Passiert halt, wenn es schnell gehen soll und man beim Lektorat hudelt. Was soll’s? Ist ja bloß ein Sachbuch und großartig Neues oder gar Weltbewegendes steht ja ohnehin nicht drin. Ob ich das Buch gelesen habe? Nein. Liegt aber weder am Inhalt noch an der (angeblichen) Autorin. Ich lese generell keine Bücher, die Politiker geschrieben haben bzw. haben schreiben lassen. Die sind mir zu langweilig. Ich bevorzuge Bukowski und U-Comix.

!Die anderen sind doch noch viel schlimmer?

Bücher, in denen mit Plagiaten gearbeitet wird, besitzen eine dumme Eigenschaft: sie erwecken einen doppelten Zweifel. Zum einen lassen sie an der Seriosität des Verfassers zweifeln, und zum anderen zweifelt man in Zeiten professioneller Plagiatsjäger ebenfalls an der Cleverness des Herausgebers. Beides – also mangelhafte Seriosität und mangelnde Cleverness – sind keine guten Voraussetzungen, um sich fürs wichtigste Amt im Staat zu bewerben.

Aber das sind doch bloß Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was die zwei anderen schon alles verbockt und vertuscht haben, meinen Sie? Das mag schon so sein, antworte ich. Allerdings sind die beiden anderen bereits 60 und hatten mithin 20 Jahre mehr Zeit, Sachen zu verbocken und zu vertuschen. Und sie sind drin im Geschäft – der eine als Vizekanzler, der andere als Ministerpräsident –, während die grüne Kandidatin halt draußen vor der Tür steht und erstmal um Einlass in den Vorraum der großen Macht bitten muss. Alte Regel: Wer als Newcomer rein will, bei dem ist Glaubhaftigkeit erste Kandidatenpflicht. Während man denen, die bereits seit 20 Jahren drinnen sind, die in Teilen abhandengekommene Glaubhaftigkeit schon mal verzeiht. Politik, v.a. wenn man an der Macht ist, ist ein dreckiges Geschäft. Wer weiß, was Annalena Baerbock in 20 Jahren alles verbockt und vertuscht haben wird?

Und das Klima? Und die Welt? Was ist mit den Sachthemen? Da sind Lebensläufe und abgekupferte Bücher doch völlig unwichtig, schieben Sie jetzt hinterher? Klar, ist das Klima wichtiger als Copy-and-paste-Wikipedia-Beiträge. Klima haben jedoch die meisten Parteien auf ihrer Agenda. Ist heutzutage kein grünes Alleinstellungsmerkmal mehr. Und die Welt retten – wenngleich mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung – möchten ebenfalls SPD und die Linke. Union und FDP begnügen sich derweil mit der Stärkung des Standorts Deutschland. Aber auch das ist als Zielsetzung legitim und mMn nicht unvernünftig, zumindest dann nicht, insofern man an weiterhin bezahlbarer Energie interessiert ist und an seiner Individualmobilität hängt.

Es ist mithin naiv, wenn man das eigene Wahlprogramm – Hand aufs Herz: Wer liest Programme? Also ich nicht – für derart überlegen und selbsterklärend einschätzt, dass alles andere drumherum – z.B. die Glaubwürdigkeit des eigenen Spitzenkandidaten – daneben verblasst. Wäre dem so, bräuchten wir keine Spitzenkandidaten, sondern würden die Programme per Dialogpost an jeden Haushalt versenden. Und bei den Spitzenkandidaten geht’s eben nicht nur darum, dass sie die Inhalte des jeweiligen Programms auf Knopfdruck repetieren können. Sie müssen zudem sympathisch, wortgewandt und attraktiv rüberkommen. So sexy (gilt für m/w/d gleichermaßen) sein, dass ich als Otto-Normalwähler, der ich die Programme nicht lese, am Ende der Bewerberkür mein Kreuz bei Grün (oder Schwarz oder Rot) setze. Das ist ja wie bei Heidi Klum, sagen Sie? Ja, ist wie bei Heidi Klum, antworte ich.

Ein bisschen Schmutz ist immer

Und Schmutzkampagne, was ist mit der Schmutzkampagne, wollen Sie nun noch von mir wissen. Ich kann beim besten Willen keine Schmutzkampagne entdecken. Also keine Schmutzkampagne, die schmutziger wäre als das, was wir bereits von früheren Wahlkämpfen her kennen. Und vom Schmutz à la Trump sind wir Gottseidank noch 2 Immobilienblasen und Finanzkrisen entfernt. Zudem – wer sich in die erste Reihe stellt, muss Schmutz abkönnen. Das müssen Laschet und Scholz ebenfalls und mussten auch schon viele Kanzleramtsbewerber früherer Jahre über sich ergehen lassen. So lange sie nicht unter die Gürtellinie zielen, sind harte Schläge erlaubt. Hindert ja niemand die Grünen daran, den beiden anderen Kandidaten deren Verfehlungen und Fettnäpfe jeden Tag um die Ohren zu hausen. Wahlkampf ist kein Kuschelseminar.

Mich beschleicht seit dem Ding mit dem frisierten Lebenslauf und mehreren recht hölzern wirkenden TV-Auftritten der grünen Kandidatin das, sich von Woche zu Woche verstärkende Gefühl, dass die Ökos mit einer Hobby-Kapitänin zuzüglich billig angeheuerter Amateur-Crew ins Rennen um die Kanzlerschaft aufgebrochen sind. Weiblich und jung plus Politikstudenten und ehrenamtliche Prenzlberger Hausfrauen in der Schaltzentrale reichen halt doch nicht. Obwohl ich die Idee – schrieb ich ja schon weiter oben – anfangs durchaus sexy fand. Nach der Plagiatssache ist bei mir jedoch große Ernüchterung eingezogen. Das wird nichts werden mit der noch im April geplanten Machtübernahme. Die Zustimmungswerte purzeln mit jeder neuen Sonntagsfrage. Und zwar stetig nach unten. Wenn am 26. September 15 Prozent auf der Uhr stehen, können sich die Grünen glücklich schätzen. Es wird dann mit Ach und Krach und etwas Glück für die Juniorpartnerschaft mit der Union reichen. Und ob ich Juniorpartnerschaft für derart sexy einschätze, dass ich da mein Kreuz setzen werde, weiß ich heute noch nicht. Schwarz-grün klingt für mich ähnlich attraktiv wie die Ergrünung der CSU, die Söder neuerdings behauptet. Im Sozialbereich, dem Feld, dem ich bei zementiert 4 Millionen ALG2-Empfängern die Top-Priorität für eine baldige Radikalreform beimesse, wird sich mit dieser Farbkombi nichts großartig ändern.

Positiv betrachtet: Die Grünen sollten den Wahlkampf 21 als Testlauf ansehen und es 2025 ein weiteres Mal versuchen. Dann allerdings mit professionellerem Management. Wähler schätzen die Abteilung Attacke. Die gepflegte Defensive taugt eher für die Nationalmannschaft als für den mit Fallen gespickten Marsch ins Kanzleramt. Willy Brandt benötigte im Boomer-Zeugungs-Jahrzehnt 3 Anläufe, um den Macht- und Paradigmenwechselwechsel herbeizuführen.

Nie war ich in den vergangenen 41 Jahren (59 minus 18) derart unentschlossen wie heute, wie ich mich am Wahltag entscheiden soll.
+++

Ob diese Kolumne aus dem Blickwinkel eines angsterfüllten, männlichen Boomers geschrieben wurde?
Ja (siehe weiter oben: Beschreibung der Szene)

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern ... Wer mehr von ihm lesen möchte: www.saufdruck.de

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