Facebook ist doof!

Nutzer von Facebook sind immer wieder überrascht, wenn ihre Beiträge plötzlich gelöscht und/oder ihr Account für mehr oder weniger lange Zeit gesperrt werden. Ist Facebook doof? Die Samstagskolumne von Heinrich Schmitz


Foto: Bea Haas

Meine Facebookexistenz besteht seit Ende 2009. In dieser Zeit bin ich recht aktiv gewesen, meine Frau meint zu aktiv – was ich nicht bestreiten kann. Trotz der langen Zeit und einer Vielzahl von Posts und Kommentaren bin ich bisher erst einmal für einen Tag gesperrt worden, weil ich angeblich ein Bot sei. Diesen Schluss zog der Algorithmus von FB aus der Tatsache, dass ich „zu schnell“ kommentiert hätte. Dass ich so schnell kommentieren kann, wie ich das manchmal mache, hat schlicht und ergreifend damit zu tun, dass ich es kann. Sollte ich dabei so schnell wie ein Bot sein, betrachte ich das als reife Leistung.

Ein weiteres Mal wurde ich als böser Hassredner gerügt, weil ich Folgendes gepostet hatte:

Da werden Weiber zu Hyänen. Oder waren es Hydranten?

Ich glaube nicht, dass sich da ein Herr Schiller über den Missbrauch seiner Glocke beschwert hat. Der wäre gleich lebenslang gesperrt worden, wenn er das ganze Gedicht gepostet hätte. Terrorverherrlichung würde der Algorithmus schreien.

Die Losung anstimmt zur Gewalt.

Freyheit und Gleichheit! hört man schallen,

Der ruh’ge Bürger greift zur Wehr,

Die Straßen füllen sich, die Hallen,

Und Würgerbanden ziehn umher,

Da werden Weiber zu Hyänen

Und treiben mit Entsetzen Scherz,

Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,

Zerreissen sie des Feindes Herz.

Feindes Herz zerreißen geht ja gar nicht, und wer ist schon die Schiller? Deutscher Klassiker? Ach was. Dieser Radaubruder. Bürgerwehr? Der spinnt wohl.

Ansonsten hatte ich privat bisher relativ wenig Ärger mit FB. Beruflich bekomme ich allerdings häufiger mit, dass die Regeln ein steter Quell der Belustigung sind.

Wie alle „sozialen Netzwerke“ hat auch Facebook seine sogenannten Gemeinschaftsstandards. Die können Sie hier nachlesen. https://www.facebook.com/communitystandards/

Diese Regeln sollen dafür sorgen, dass aus einem sogenannten sozialen Netzwerk, dessen tieferer Sinn darin besteht, die Daten, Vorlieben und Abneigungen seiner Nutzer auszuspähen, um die dann an die Werbewirtschaft zu verticken oder auch selbst zu verwerten, kein allzu asoziales Netzwerk wird.

Sehen wir uns spaßeshalber die Regeln zu „Gewalt und kriminelles Verhalten“ an:

1. Gewalt und Anstiftung

Unser Ziel ist es, potenziellen Schaden in der Offline-Welt zu verhindern, der möglicherweise im Zusammenhang mit Inhalten auf Facebook steht. Auch wenn uns bewusst ist, dass Menschen ihre Verachtung bzw. Geringschätzung oder Ablehnung häufig durch Drohungen oder Aufrufe zur Gewalt ausdrücken, die scherzhaft und nicht ernst gemeint sind, entfernen wir dennoch Beiträge, die zu schweren Gewalttaten anstiften oder diese unterstützen. Wir entfernen entsprechende Inhalte, deaktivieren Konten und arbeiten mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen, wenn wir der Ansicht sind, dass eine echte Gefahr von Körperverletzung oder eine unmittelbare Gefährdung der öffentlichen Sicherheit besteht.

Ja nun, das ist doch fein. Allerdings hapert es mit der Umsetzung und das, obwohl FB meint:

Wir achten möglichst auch immer auf Sprache und Kontext, um lockere Aussagen von Inhalten zu unterscheiden, die eine glaubhafte Bedrohung der öffentlichen oder persönlichen Sicherheit darstellen. Bei der Beurteilung, ob eine Bedrohung glaubhaft ist, berücksichtigen wir eventuell auch zusätzliche Informationen wie die öffentliche Sichtbarkeit einer Person und die Gefahren für ihre körperliche Sicherheit.

Mit der Sprache und dem Kontext hakt es aber bei FB. Nehmen wir mal die berühmt-berüchtigte Hassrede. Hierzu heißt es bei FB:

12. Hassrede

Wir sind davon überzeugt, dass die Menschen sich freier äußern und miteinander kommunizieren, wenn sie nicht dafür angegriffen werden, wer sie sind. Darum lassen wir Hassrede auf Facebook nicht zu. Sie schafft ein Umfeld der Einschüchterung und Ausgrenzung und kann in gewissen Fällen Gewalt in der Offline-Welt fördern.

Wir definieren Hassrede als direkten Angriff auf Personen aufgrund geschützter Eigenschaften: ethnische Zugehörigkeit, nationale Herkunft, Behinderung, religiöse Zugehörigkeit, Kaste, sexuelle Orientierung, Geschlecht, Geschlechtsidentität und ernsthafte Erkrankung.

Und so schaffte es dann sogar ein Zitat von Obelix, eine Löschung auszulösen.

Soll niemand sagen, FB würde die Germanen nicht vor übler Unbill beschützen. Ich weiß zwar nicht so genau, wer jetzt diese mit übler Hassrede überzogenen Germanen sein sollten, vielleicht Herr Höcke und seine Kameraden, vermute aber dass der Algorithmus hier einfach alle Nationalitäten auf Englisch, also German, davor schützt, als Spinner bezeichnet zu werden.

Wir definieren Angriffe als gewalttätige oder menschenverachtende Sprache, schädliche Stereotypisierung, Aussagen über Minderwertigkeit, Ausdrücke der Verachtung, der Abscheu oder Ablehnung, Beschimpfungen oder Aufrufe, Personen auszugrenzen oder zu isolieren.

Nee is klar.

Ein völlig korrekter Kommentar wie folgender

wurde zunächst gelöscht und der User für 30 Tage gesperrt. Nachdem er das gerügt hatte, stellt FB den Kommentar wieder her und teilte mit

Darauf konnte der User sich allerdings ein Ei pellen, denn die 30-tägige Sperre wurde trotzdem nicht etwa aufgehoben.

Möpse

Besonders lustig ist die Anwendung der Regeln bezüglich von Nacktheit und Sexualität.

14. Nacktheit und sexuelle Handlungen von Erwachsenen

Facebook schränkt die Darstellung von Nacktheit oder sexuellen Handlungen ein, da manche Mitglieder unserer Gemeinschaft diese Art von Inhalten als anstößig empfinden. Außerdem entfernen wir grundsätzlich Bilder mit sexuellen Inhalten, um das Teilen nicht-einvernehmlicher Inhalte sowie von unzulässigen Inhalten in Zusammenhang mit Minderjährigen zu verhindern. Einschränkungen bezüglich der Darstellung von sexuellen Handlungen gelten auch für digital erstellte Inhalte, es sei denn, sie wurden zu Bildungszwecken gepostet, oder es handelt sich um humorvolle oder satirische Darstellungen.

Dass FB kein Pornoportal werden soll, ist nachvollziehbar. Immerhin konnte ich aber vorgestern unbehelligt einen Song der Thunderpussy

posten.

Was nun aber an folgendem Beitrag sperrenswert ist, wird mir wohl nur ein amerikanischer Sittenwächter erklären können:

Nicht nur explizit sexuelle Inhalte sind ein Problem für FB, sondern bereits Nacktheit.

Unsere Richtlinien zur Darstellung von Nacktheit sind mit der Zeit nuancierter geworden. Uns ist bewusst, dass Nacktheit aus vielen Gründen geteilt werden kann, u.a. als eine Form von Protest, zur Steigerung des Bewusstseins für ein bestimmtes Anliegen oder aus bildungsrelevanten oder medizinischen Gründen. Ist eine solche Absicht klar zu erkennen, erlauben wir unter Umständen solche Inhalte. So schränken wir zum Beispiel die Darstellung weiblicher Brüste ein, wenn die Brustwarzen zu sehen sind, lassen aber Bilder zu, die etwa Protestaktionen oder stillende Frauen darstellen, oder Fotos von Narbenbildungen nach Brustamputationen. Wir versehen Bilder, in denen Genitalien oder der Anus im Kontext einer Geburt sowie nach der Entbindung oder in gesundheitsbezogenen Situationen zu sehen sind, mit einem Warnhinweis, damit die Betrachter wissen, dass der Inhalt potenziell verstörend wirken kann. Außerdem sind Fotos von Gemälden, Skulpturen und anderen Kunstformen gestattet, die nackte Personen oder Figuren zeigen.

Die von Brustwarzen ausgehende Gefahr für Moral und Sitten der Menschheit kann offenbar überhaupt nicht genug betont werden. Sie dürfen vermutlich schmutzige Lieder zur Laute singen, aber wehe der Tittinator erspäht irgendwo eine blanke Brust. Und sei es die eines Säuglings. Da ist Schluss mit lustig. Selbst bei Babyfotos. Nun kann man durchaus geteilter Meinung darüber sein, ob Eltern Fotos ihrer Kinder oder Großeltern Fotos ihrer Enkelkinder im Netz veröffentlichen, aber dass diese Bilder nichts Anstößiges haben, was eine Löschung oder Sperre begründen könnte, wird wohl kaum jemand bestreiten.

Ein ebenfalls beanstandetes Foto haben Sie bereits oben als Beitragsbild gesehen. Hier nochmal:

Da ist nix mit dicke Titten, Kartoffelsalat, da ist eine glückliche Mutter mit einem ebenso glücklichen Kind. Von beiden sind keine Genitalien zu sehen und wer hier Nacktheit rügt, sollte eventuell einmal zu einem Sexualtherapeuten gehen. Das sind dieselben Menschen, die beim Rorschachtest überall Schweinkram sehen und das dem Therapeuten vorwerfen.

Die Fotografin dieses schönen Bildes ist übrigens meine Freundin, Bea Haas, eine Professionelle, also eine professionelle Fotografin, die, nicht nur aber auch, wunderbare Mutter-Kind-Bilder macht.

Sie hat aber nun gar nichts mit der Bea zu tun, die der Kollege Marc Reschke angeblich in unzulässiger Weise beleidigte.

„BeA, Du Schlampe!“ ist ein running Gag unter RechtsanwältInnen. Das genannte beA hat nichts mit den Trägerinnen des gleichlautenden Namens zu tun, sondern ist die Abkürzung für ein sehr störanfälliges, kostenpflichtiges und schlampig arbeitendes „besonderes elektronisches Anwaltspostfach“. Auch dieses Fach genießt offenbar den Ehrenschutz von FB, obwohl es nicht einmal lebt und sich demnach auch nicht beschweren konnte. Ehre wem Ehre gebührt.

Doof

Nur ein paar Beispiele dafür, dass die FB Algorithmen doof sind. Mir wurden wesentlich mehr zugesandt und man könnte ein unterhaltsames Buch darauf machen. Womöglich fühlen die  Algorithmen sich nun auch beleidigt und verhindern eine Verbreitung dieser Kolumne auf FB. Ich werde es sehen.

Gegen unberechtigte Sperren kann und sollte man übrigens vorgehen. Mag sein, dass FB im Laufe der Zeit, und wenn es oft genug Gerichts- und Anwaltskosten tragen muss, dazu lernt. Ich will auch gar nicht bestreiten, dass es für einen Algorithmus nicht leicht ist, zu unterscheiden, ob Muschi eine weibliche Katze (die Katze meiner Oma hieß so), der Kosename von Stoibers Ehefrau oder ein leicht derber Ausdruck für ein weibliches Geschlechtsteil ist. Das ist insbesondere von Bedeutung, wenn Sie vor lauter Angst vor Maßregelungen durch die FB-Sheriffs nur noch Katzenfotos posten möchten. Sollten Sie noch so eine Muschi heißende Katze haben, nennen Sie die besser auf FB anders, sonst könnte die Bildunterschrift, „Meine Tochter spielt mit meiner Muschi“, zur Löschung Ihres Accounts führen.

Ähnliches gilt für BesitzerInnen von Möpsen. Witze wie:

Darf ich mal Ihre Möpse streicheln? Ja Moment, ich muss nur gerade den Hund reinbringen.

findet FB im Gegensatz zu mir nicht lustig.

Einem Algorithmus die Feinheiten der Sprache beizubringen, dürfte ein hoffnungsloses Unterfangen sein. Deshalb müssten jeweils Muttersprachler mit einer gewissen Sprachbildung eingesetzt werden. Ironie, Sarkasmus,“Witzischkeit“, Wortspiele und ähnliche Stilmittel dürfen nicht vor die Hunde gehen (Achtung, der Algorithmus wird jetzt an Bello denken).

Hier hat FB einen totalen Blackout. Dbddhkp.

Meinungsfreiheit

Die irrwitzige Löschpraxis von FB kann zu einer Gefährdung der Meinungsfreiheit führen. Insbesondere bei politischen Meinungsäußerungen muss FB die Meinungsfreiheit beachten und kann nicht mit hanebüchenen Keyword-Programmen zulässige Äußerungen vom Netz nehmen. Noch ist FB eine Plattform, die von vielen Menschen genutzt wird, um ihre Meinung öffentlich zu äußern.

Das muss auch gewährleistet werden. Umgekehrt scheint FB allerdings auch nicht zu verstehen, wenn jemand widerliche, rechtsextremistische und höchst löschenswerte Äußerungen von sich gibt. Von einem FB-User bekam ich folgende Nachricht:

Ich habe dies widerliche Video von Chris Kruse von 25. Juli 2019, was über 40 Tausend Aufrufe hat, gemeldet. In dem Video ist eine Reichskriegsflagge Eisernes Kreuz zu sehen, zudem wird in voller Lautstärke ein Lied mit folgendem Text abgespielt:

Ich trage eine Fahne und die ist schwarz-weiß-rot

des Reiches heilige Fahne, die Großvater trug durch die Not,

die Fahne ist niemals gefallen,

sooft auch der Träger viel,

sie weht bald wieder über uns allen ….

Laut Facebook verstößt es nicht gegen die Gemeinschaftsregeln. Guck an.

Ich habe zweimal Beschwerde eingelegt und den Grund dafür nochmal genau geschildert und erklärt, auch bei wiederholter Überprüfung durch Facebook konnte keine Verstöße festgestellt werden.

Harmloser als Beas Baby, Man glaubt es kaum. Ich habe hier bewusst darauf verzichtet, dieses Drecksvideo zu verlinken. Dass FB nicht kapiert, was es hier über 40.000 Mal teilen lässt, ist völlig unbegreiflich.

Mein Fazit, dass FB doof ist, dürfte schon an dieser Stelle hinreichend belegt sein, vielleicht ist es aber nicht nur doof, sondern letztlich auch gefährlich.

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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