Neulich im Jobcenter

Mit der Berufsbezeichnung „Dichter“ bekommt man im Jobcenter bloß nen Essensgutschein bewilligt. Von Henning Hirsch

Bild von: Andreas160578 auf pixabay

»Sie schreiben also. Was darf ich mir darunter vorstellen?«
»Kurzgeschichten, Novellen, einen Roman habe ich ebenfalls in der Schublade.«
»Und das soll veröffentlicht werden, oder machen Sie es bloß zum Vergnügen?«
»Ich suche natürlich nach einem Verlag.«
»Den haben Sie bereits gefunden?«
»So halb.«
»Was heißt das? Ich kenne Ja oder Nein. Mit Halb kann ich hingegen nichts anfangen.«
»Ich bin dabei, den passenden Verleger zu finden. Besser gesagt: meine Agentin wird das tun.«
»Das ist eine zwischengeschaltete Maklerin?«
»In der Art.«
»Und die wird dafür bezahlt?«
»Klar. Was dachten Sie denn?«
»Vorkasse oder Beteiligung an den Verkäufen?«
»Die zweite von Ihnen genannte Möglichkeit.«
»Gut. Denn eine Vorauszahlung hätten wir Ihnen auf keinen Fall finanzieren können.«
»Die hatte ich doch überhaupt nicht verlangt.«
»Junger Mann, Sie kommen zu mir und fragen nach Geld. Das weder Ihnen noch mir gehört, sondern vom Steuerzahler aufgebracht wird. Da ist es ein Akt der Selbstverständlichkeit, dass ich mich bei Ihnen vorher erkundige, was Sie damit vorhaben.«
»Na, meinen Lebensunterhalt in den kommenden Monaten bestreiten.«

Warum gehen Sie nicht arbeiten?

»Warum gehen Sie nicht arbeiten?«
»Das ist nicht so einfach. Vollzeit wird schwierig, weil ich ja Schriftsteller werden möchte. Zudem schreibe ich oft nachts und kann nicht jeden Morgen um acht Uhr irgendwo auf der Matte stehen, um einen blödsinnigen Bürojob zu erledigen.«
»Sie wollen demnach überhaupt nicht zurück ins Berufsleben?«
»Das habe ich so nicht gesagt. Ich meine nur, dass es im Moment schwierig ist, den zu mir passenden Job zu definieren.«
»Das klingt schon besser. Im Falle von kompletter Arbeitsverweigerung müsste ich Sie nämlich jetzt bitten, das Zimmer zu verlassen und mir nicht meine wertvolle Zeit zu stehlen. Draußen warten viele andere Kunden, die sich kooperativer zeigen als Sie. Weshalb versuchen Sie es nicht beim Sozialamt?«
»Da war ich bereits. Die haben mich zu Ihnen geschickt.«
»Immer dasselbe. Wenn die auf der anderen Straßenseite nicht wissen, was Sie mit einem Antragsteller tun sollen, sagen sie: Geh mal zur Frau Schröder. Die hat ein großes Herz und wird dir helfen. Über zu wenig Arbeit brauche ich mich auf jeden Fall nicht zu beklagen.«
»Frau Schröder, ich weiß nicht, wer hier für was zuständig ist. Ich beantrage einzig einen Überbrückungskredit für ein paar Monate. Sobald sich mein Roman verkauft, zahle ich das Darlehen zurück.«
»Ganz so simpel, wie Sie sich das vorstellen, läuft es natürlich nicht bei uns. Da könnte ja jeder kommen und versuchen, mir Geld aus den Rippen zu leiern.
Ich muss erst mal schau’n, ob Sie tatsächlich zu mir gehören. Ihr Nachname beginnt mit K, Wohnung im Stadtbezirk Westend, selbständige Tätigkeit. Da haben wir es schon. Freiberufler fallen nicht in meinen Verantwortungsbereich. Um die kümmert sich Frau Memleben.«
»Wann kann ich mich mit der Dame unterhalten?«
»Heute gar nicht mehr.«
»Morgen?«

»Moment. Ich klicke mich kurz in den Terminkalender der Abteilung rein. Schon praktisch, was man mit Outlook so alles machen kann …. Ich entdecke eine Abwesenheitsnotiz. Die Kollegin befindet sich bis zum Ende des Monats auf einer Fortbildungsmaßnahme. Tut mir leid.«
»Sie wird für diesen langen Zeitraum sicherlich eine Vertretung beauftragt haben; oder?«
»Das bin ich. Sehe ich gerade. Wusste ich gar nichts von. Niemand informiert einen in dieser Behörde. Es ist ein Trauerspiel.«
»Dann bin ich also bei Ihnen doch an der richtigen Adresse. Hatten Sie mir unten am Empfang ja auch so gesagt: In Zimmer 357 melden. Sehr gut. Wie sollen wir es nun handhaben? Ich bin völlig blank und hungrig. Habe seit drei Tagen nichts gegessen. Mir knurrt der Magen.«
»Ich darf Sie bitten, kurz draußen Platz zu nehmen. Ich muss die Angelegenheit mit unserem Referatsleiter besprechen. Ihr Fall ist recht ungewöhnlich für mich.«
»Eine neue Nummer muss ich aber nicht ziehen? Im Flur ist die Hölle los. Habe bereits zwei Stunden auf dieses Gespräch gewartet.«
»Nein, nein. Brauchen Sie nicht zu tun. Setzen Sie sich einfach hin und üben sich ein paar Minuten in Geduld. Ich rufe Sie dann wieder rein zu mir, sobald ich die Sache hingebogen habe.«

Mann ohne Eigenschaften

Ich marschierte aus dem Zimmer und lehnte mich in dem von Menschen wimmelnden Korridor an die Wand. Die Stühle waren allesamt von Frauen besetzt. Viele darunter Südländerinnen. Manche – allerdings die Minderheit – alleine, die meisten mit Kindern, die entweder auf den Schößen oder dem Boden zu ihren Füßen saßen. Die Männer standen wie ich teilnahmslos rum oder liefen wild gestikulierend den Gang entlang. Einige telefonierten. Die Vornehmen leise, die schlichten Gemüter laut, sodass jeder mitbekommen konnte, was sie im Moment dachten und worüber sie sich aufregten. Ich hatte wohlweislich einen Roman mitgebracht: Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil. Es war bereits mein fünfter Versuch, diese schwierige Lektüre in Angriff zu nehmen. Nie hatte mich meine Aufmerksamkeit weiter als bis auf Seite dreißig getragen. Zu schwer und umständlich erschienen mir die darin enthaltenen Sätze. Zu kompliziert die Gedankengänge. Auch heute gelang es mir nicht, mich auf den Text einzulassen. Ich seufzte und steckte das Buch zurück in meine Jackentasche. Ein Junge jagte seinen Bruder den Korridor entlang. Fröhlich lärmend und lachend. »Tsss …«, rief eine junge Frau mit Kopftuch.
»Komm zu mir Hakan und bleib leise! Wir wollen hier nicht unangenehm auffallen.« Der schwarzgelockte Bursche murrte und schnitt eine Grimasse, fügte sich aber dem Wunsch seiner Mutter. Ein dicker Mann Ende vierzig mit albinoblondem Haar und hypertonisch rotem Kopf hastete nervös an mir vorbei. Er brüllte in sein Mobiltelefon hinein: »Ja ja, hast du mir schon tausendmal erzählt. Fuck mich heute nur nicht ab mit deinem Gelaber!« Jeder konnte ihn hören. Er schien es nicht zu bemerken.

Vielleicht war es ihm auch egal, oder er genoss es sogar, dass er für einige Sekunden alle Blicke auf sich lenkte. Drei junge Kerle mit Meckifrisuren und slawischen Gesichtszügen spielten schweigend Karten. Wahrscheinlich Durak, überlegte ich. Zwei Frauen in blauer Burka, die einzig einen schmalen Sehschlitz freiließ, unterhielten sich leise auf Arabisch. Mir fiel auf, dass die eine helle Augen besaß und mit deutschem Akzent redete. »Wollen Sie auch zu Frau Schröder?« Eine ältere Dame, die ich bisher nicht bemerkt hatte, sprach mich an und berührte mich am Handgelenk. »Ja«, antwortete ich einsilbig und zog meinen Arm weg von ihr, denn ich verspürte am heutigen Nachmittag weder Lust auf eine Unterhaltung noch auf Körperkontakt mit einer Fremden. »Nehmen Sie sich in Acht vor ihr. Die wird versuchen, Sie über den Tisch zu ziehen.« Zur Bekräftigung ihrer Worte knackte sie mit den Fingern. »Danke für den Hinweis«, sagte ich geistesabwesend. »Sie zitiert mich bereits zum fünften Mal zu sich, weil angeblich immer Unterlagen fehlen. Ich bin mir sicher, Frau Schröder will mich bloß weichkochen. Da hat sie sich bei mir aber geschnitten. Ich bleibe hartnäckig, denn ich kenne meine Rechte.« Der Frau war anscheinend langweilig, und sie suchte nach einem Gesprächspartner, dem sie ihr Leid klagen konnte. Ich nickte ihr freundlich zu. »So oft werde ich bestimmt nicht bei ihr antanzen. Entweder funktioniert es sofort, oder ich setze mich in die Fußgängerzone und bettele.« Die Alte glotzte mich verdutzt an, ich wendete mich ab und wanderte langsam ans gegenüberliegende Ende des Flurs, um dort meine Ruhe vor ihr zu haben.

Fürs Erste reicht ein Essensgutschein

Kaum war ich vor den Fahrstühlen angelangt, als ich in meinem Rücken die Stimme von Frau Schröder vernahm: »Herr Hirsch, könnten Sie bitte in mein Büro kommen! Ich habe die Sache nun geklärt.«
»Wir werden in Ihrem Fall eine Ausnahme machen und Ihnen ein Darlehen bewilligen. Allerdings mit ein paar Auflagen.«
»Die da lauten?«
»Ich habe die Punkte bereits in die Eingliederungsvereinbarung aufgenommen. Lesen Sie sich die in Ruhe durch.«
Ich überflog die vier Seiten und stoppte bei dem Abschnitt, der meine Mitwirkungspflichten aufzählte.
»Das ist eine Menge, was Sie von mir fordern.«
»Nun ja, Sie haben halt in den vergangenen Monaten vieles schleifen lassen. Um die Lösung dieser Angelegenheiten müssen Sie sich jetzt schleunigst kümmern.«
»Ich soll gegen meine alte Mutter klagen?«
»Sie müssen sogar. Ihnen steht seit dem Tode Ihres Vaters ein Pflichtteilsanspruch auf das Erbe zu.«
»Das muss unbedingt sein?«
»Ja! Ihre eigene Immobilie haben Sie ja bereits vor zwei Jahren clevererweise auf Ihre Ex-Frau übertragen. Andernfalls müssten Sie versuchen, die zu Geld zu machen.«
»Das war eine Übereinkunft im Rahmen unserer Trennung.«
»Ich weiß. Deshalb kommen wir da auch nicht mehr ran. Insofern haben Sie Glück gehabt. Zumindest ein Gratis-Wohnrecht hätte man Ihnen jedoch einräumen können. Dann bräuchten Sie jetzt nicht in einem teuren Apartment die Miete zu bezahlen.«
»Das ist eine schimmlige Zwanzig-Quadratmeter- Bude.«
»Mag sein. Aber eigentlich völlig unnötig. Für jemanden wie Sie geradezu eine Luxusausgabe.«
»Vermute, dass Sie sich nie haben scheiden lassen. Ansonsten würden Sie nicht so reden.«
»Stimmt. Ich habe vorsichtshalber gar nicht erst geheiratet.«

»Was soll das vierwöchige Bewerbungstraining bedeuten? Ich habe gar nicht vor, mich irgendwo zu bewerben.«
»Sondern?«
»Ich schreibe in Ruhe weiter wie bisher und warte auf den unterschriebenen Vertrag.«
»Das wird bei uns so nicht funktionieren. Wer sich im Jobcenter meldet, muss Einsatzbereitschaft zeigen. Wir sind nicht dazu da, Ihre Hobbies zu finanzieren. Zudem wird Ihnen ein strukturierter Arbeitsalltag guttun.«
»Und zusätzlich muss ich zehn Lebensläufe pro Monat rausschicken?«
»Korrekt. Zu diesem Zweck habe ich Ihnen einen Vordruck beigelegt: Nachweis von Eigenbemühungen. Ich bitte darum, den akkurat auszufüllen und mir fristgerecht bis zum 28-sten vorbeizubringen. Andernfalls drohen Kürzungen bei der Grundsicherung.«
»In Ordnung. Papier ist geduldig.«
»Das habe ich jetzt nicht gehört. Das war’s dann fürs Erste von meiner Seite aus. Wir werden uns in circa sechs Wochen wiedersehen. Sie erhalten vorher eine schriftliche Einladung von mir. War nett Sie kennenzulernen, Herr Hirsch.«
»Und was ist mit Geld?
»Das überweisen wir Ihnen am 30-sten.
»Bis dahin sind es noch über zwei Wochen. Wie soll ich so lange überleben?«
»Sie verfügen über gar keine Barmittel?«
»Ich habe noch drei Euro in der Hosentasche.«
»Ich schaue, was ich für Sie organisieren kann. Warten Sie bitte nochmal fünf Minuten vor der Tür. In der Zwischenzeit regele ich das.«

Man kann natürlich bettelarm und mit falschem Stolz sterben

Auf dem Gang herrschten nach wie vor unbeschreiblicher Trubel und Hektik. Noch eine Stunde bis Büroschluss und kein Ende der Menschenschlange in Sicht. Eine türkische Familie mit fünf Kindern hatte sich unterdessen vor Zimmer 357 versammelt. »Ich will keine Umschulung machen«, hörte ich den Mann zu seiner Frau sagen.
»Selbstverständlich wirst du das tun. Ansonsten werden Sie die Zahlung nicht verlängern«, flüsterte die. »Ich möchte aber kein Anstreicher werden«, schimpfte er zurück. »Ist doch völlig wurscht. Zwingt dich doch keiner dazu, nachher in dem Beruf zu arbeiten. Hauptsache, Sie bewilligen heute unseren Antrag.« Die Frau dachte pragmatischer als ihr Ehemann. Sie musste die geforderte Maßnahme allerdings nicht absolvieren, sondern er. Wenn die gleich zu siebt in das kleine Büro von Frau Schröder reinspazieren, bekommt die einen Schreikrampf und wirft die Familie hochkant wieder raus, ging es mir durch den Kopf.

Mittlerweile bereute ich meinen Entschluss, heute zur ARGE marschiert zu sein. Für läppische dreihundertvierundsechzig Euro solch ein Zirkus. Ich hatte von Anfang an keine große Lust gehabt, hier als Bittsteller aufzutreten. »Man kann natürlich bettelarm und mit falschem Stolz sterben«, hatten mir Lila und Manni gestern Abend noch erklärt. »Schreiben ist eine schöne Sache, wenn man damit Kohle verdient. Ansonsten ist es genauso ein brotloser Zeitvertreib wie Kreuzworträtsel und dämliche Sudoku.« Manni fügte noch lächelnd hinzu: »Wenn du nicht als totes und unbekanntes Genie in die Geschichte eingehen willst, solltest du dich schleunigst darum kümmern, Geld ranzuschaffen. Von mir bekommst du keinen müden Cent mehr geliehen.«

Obwohl ich seit jeher die Auffassung vertrat, dass einzig hungrige Künstler glühende Bilder, Musikstücke und Romane erschaffen konnten, während von dicken Schriftstellern nichts als Schund fabriziert wurde, weil die Trägheit der vollgefressenen Bäuche wie ranziges Fett auf die Tastaturen tropfte und ölige Schleimspuren in ihren Texten hinterließ, war ich in den vergangenen Tagen doch an die Grenzen meiner körperlichen Belastbarkeit gelangt. Vier Wochen gemeinsam mit Manni Platte machen, auf Holzbänken oder in vollgepissten Unterführungen schlafen, bei der Caritas für fünfzig Cent Mittag essen, anschließend mit seinen Kumpels im Park zechen, dabei immer auf der Hut sein, dass die Bandenmitglieder einem nachts nicht die letzten Moneten klauten, stellte sich als Lebensmodell auf Dauer äußerst anstrengend dar. Ich sehnte mich nach meinem bequemen Bett und einer heißen Dusche.

Jobperspektive = Zusammenschrauben von Elektroteilen

»Du bist eben ein Weichei«, hatte Manni mir gezürnt.
»Hätte ich mir eigentlich gleich denken können, als ich dich in der Klinik kennengelernt habe. Du hast meine Vertrauensseligkeit schamlos ausgenützt.« Der Ausflug mit ihm hatte mich allerdings einige Hunderter gekostet. Weil ich als Neuling die Truppe abends freihalten durfte. Nun waren meine Ersparnisse aufgebraucht, ich ernährte mich seit vier Tagen von Dosenhering in Tomatensoße und spürte bei jeder Bewegung stechende Schmerzen im Rücken.
Vermutlich ein bösartiger Hexenschuss, da die Nächte auf Parkbänken im Oktober schon recht frostig ausfielen.

»Herr Hirsch, ich bin so weit.«
»Was kann ich heute mitnehmen?«
»Fünfzig Euro.«
»Viel ist das nicht.«
»Sie können nächste Woche gerne wiederkommen und den nächsten Teilbetrag anfordern.«
»Okay. Wo kann ich mir das Geld abholen?
»Sie erhalten einen Lebensmittelgutschein. Einlösbar in vielen Supermärkten. Allerdings in einem Schwung; Restgeld wird nicht ausgezahlt. Alkohol und Tabak sind selbstredend vom Einkauf ausgeschlossen.«
»Das soll wohl ein Witz sein?«
»So lauten nun mal die Vorschriften. Und genehmigen Sie sich ein ausgiebiges Bad. Sie scheinen es dringend nötig zu haben.«
Ich stand auf und ging zur Tür. Frau Schröder räusperte sich: »Ach Herr Hirsch, bevor ich es vergesse. Stellen Sie sich innerlich darauf ein, dass ich Sie für eine Arbeitsmaßnahme im Januar vormerke.«
»Was soll das sein?«

»Ein Ein-Euro-Job. Zusammenbau von simplen Elektroteilen. Das ist kinderleicht und verschafft Ihnen einen kleinen Zusatzverdienst. Zudem ermöglichen wir Ihnen dadurch einen Neustart ins Berufsleben.« Du kannst mich mal, dachte ich. Bis zum Jahreswechsel kann noch viel passieren.
Die siebenköpfige türkische Familie betrat nach mir das Büro von Frau Schröder. Augenblicklich erhob sich Gezeter hinter der geschlossenen Tür. »Das können Sie mit meinem Mann nicht machen«, schrie die Frau. Fünf Kinder liefen nach draußen. Die Mutter folgte ihnen mit geröteten Augen. Ich betrat den Aufzug und fuhr nach unten.

Essensgutschein = 60% in Bargeld umgetauscht

Unten im Eingangsbereich erwartete mich Manni:
»Hat’s geklappt?«
»Nur halb. Anstatt Kohle haben sie mir einen dusseligen Essensgutschein ausgehändigt.«
»Das war zu erwarten. Bei Typen wie uns sind sie sehr zögerlich mit Bargeld. Haben halt Angst, dass wir die Kröten sofort in Schnaps und Zigaretten investieren.«
»Was soll ich mit einem Riesenhaufen Lebensmittel anfangen?«
»Ich kaufe dir den Coupon ab.«
»Für wie viel?«
»Dreißig Euro.«
»Du bist ein elender Gauner.«
»Henning, du kennst die Preise. Normalerweise nur ein Drittel. Ich gebe dir, weil du ein Freund bist, sechzig Prozent. Das ist sehr fair.«
»Von mir aus. Aber sofort.«
»Klaro. Für wen hältst du mich?«
Manni legte vier zerknüllte Fünfer und einen Haufen Münzgeld in meine ausgestreckte Hand. Dabei seufzte er laut, um zu demonstrieren, wie weh ihm dieses schlechte Geschäft tat.
Das Handy klingelte. Lila rief an. »Alter Mann, hast du Lust bei mir vorbeizukommen?«
»Weiß nicht. Werde mich erst mal an den Fluss setzen.«
»Wie du möchtest. Du weißt, wo du mich findest.« Als sie auflegte, klang ihre Stimme leicht angefressen.

Es war ein schöner Spätnachmittag Ende Oktober. Ich hockte auf dem Metallrost einer Schiffsanlegestelle und starrte auf den Strom. Die glutrote Sonne verschwand in diesem Moment hinter der Bergkette, die sich über der Westseite der Stadt erhob. Sollte ich bei Lila oder in meiner zugemüllten Bude übernachten? Ich warf eine Münze: Kopf. Also bei Lila. Weshalb auch nicht? Spontan griff ich in meine rechte Jackentasche und fingerte nach Kugelschreiber und dem Roman. Ich riss zwei Seiten heraus, warf den Rest des Buches in den neben mir stehenden Papierkorb und kritzelte auf das erste Blatt, direkt unter den Mann ohne Eigenschaften: Neulich im Jobcenter.

saufdruck.de

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern ... Wer mehr von ihm lesen möchte: www.saufdruck.de

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