Ein Roman, der sich unter den ganz großen einreihen könnte

„Das Meer der Libellen“ von Yvonne Adhiambo Owuor muss sich nicht vor Ngũgĩ wa Thiong’os „Verbrannte Blüten“ verstecken. Ein herausragendes Werk, wie es selten erscheint. Literaturkolumne von Sören Heim


Ich habe das Gefühl und man liest es auch hier und dort, dass heute doch deutlich mehr Literatur aus afrikanischen Staaten übersetzt wird, als sagen wir vor 20 Jahren. Aber ich möchte die Hand dafür nicht ins Feuer legen. Alleine aus Tansania und Kenia lagen schon in den Achtzigern und Neunzigern Übersetzungen vor von Mwangi, Ngũgĩ, Gurnah, Kitereze und sicher einigen mehr. Das ist mir wichtig, da ich dennoch selbst in der international ausgerichteten vergleichenden Literaturwissenschaft – sogar das Studienfach einiger bekannter Autoren aus afrikanischen Staaten – nie mit diesen Texten in Berührung gekommen bin. Ich musste mich, nachdem mir dieser Mangel aufgefallen war, in zahlreiche Seminare der Afrikanistik setzen, um diese teils herausragenden Werke zu entdecken, bei denen sich angesichts der vorliegenden Übersetzungen der Universitätsbetrieb abseits der Afrikanistik beinah aktiv Mühe zu geben scheint, sie zu verdrängen. Ich hoffe, das hat sich geändert, bezweifle es aber angesichts der starken Einschränkungen der Freiheiten im Studium, die seitdem noch dazu gekommen sind.

Denn Das Meer der Libellen von Yvonne Adhiambo Owuor ist ein so herausragend erzählter Roman, dass mindestens jeder Mensch, der sich etwas aktiver mit Literatur beschäftigt, damit in Berührung kommen sollte. Die Geschichte spielt anfangs auf der Insel Pate vor Kenia, wo der Legende nach Schiffbrüchige von Zheng Hes Schatzschiffen an Land gegangen sein sollen, weshalb die Bevölkerung auch chinesische Vorfahren habe. Das spielt anfangs nicht die größte Rolle. Stattdessen wird eine teils emotional brutale Patchworkfamilie-Geschichte erzählt, in deren Mitte Munira steht, die ein uneheliches Kind bekommen hat und dafür von Familie und Gesellschaft verstoßen wird. Tochter Ayaana fasst mit der Zeit Vertrauen zu Muhidin, der seinen ersten Sohn als islamistischen Attentäter verloren hat, den zweiten, weil er aufgrund der familiären Verbindungen entführt und gefoltert wird, höchstwahrscheinlich mit Billigung westlicher Staaten. Ayaana wählt sich Muhidin als „Vater“. Nach einem guten Drittel ändert sich das Setting. Munira hat, vorgeblich mit den besten Absichten, ihrer Tochter ein Leben abseits der Ausgestoßenheit zu ermöglichen, versucht, Ayaana an einen reichen Mann aus Mombasa zu verkaufen. Das geht schief, nachdem dieser bereits beim ersten Treffen versucht, sie zu vergewaltigen. Munira nutzt eine sich zufällig ergebende Chance, Ayaana außer Landes zu schaffen. Das junge Mädchen, das in einem Kraftakt nach langem Unterricht zu Hause und viel eigenständigem Lernen als eine der besten die Prüfungen zur Sekundarstufe abgeschlossen hat, wird eingeladen als eine „Nachfahrin“ chinesischer Schiffbrüchiger nach China zu reisen und dort als eine Art Brücke zwischen den Kontinenten zu fungieren.

Ich erzähle sonst ungern Handlungen nach, aber man sollte sich ein Bild machen von dem thematischen Reichtum von Das Meer der Libellen. Die neue Seidenstraße, Islamismus und der Kampf gegen den Terror und wie beide die Gesellschaft zerreißen, die Kollision traditioneller und moderner Wertvorstellungen und wie Arschlöcher in beiden Sphären geschickt navigieren, um ihre Ziele durchzusetzen. Vor allem aber im ersten Drittel das minutiöse Durchdringen der recht dörflichen Gesellschaft von Pate – All das verknüpft Das Meer der Libellen in beeindruckend überzeugender Weise miteinander. Dabei ist das Ganze relativ traditionell erzählt, die Erzählperspektive auktorial, der Wechsel der Figuren, die im Mittelpunkt stehen, moderat gehalten. Und dennoch ergibt sich nie der Eindruck von Altbackenheit. Das dürfte an der Wucht der Bilder liegen, mit denen die Autorin ihre Leser konfrontiert. Ich beziehe mich nur auf die Übersetzung; doch von dieser her geurteilt: Werke, in denen jedes Wort so stimmt, obwohl sie keine Angst offenbaren, das äußerste Schillern der Schönheit heraufbeschwören ebenso wie die krasseste Verworfenheit, das Schrecklichste und Traurigste, sind selten. Ich glaube, ich habe seit Ngũgĩ wa Thiong’os Verbrannte Blüten keinen Roman aus Afrika mehr gelesen (und ein paar Hände voll vielleicht weltweit), dem das so gelingt. Ja, ich würde Yvonne Adhiambo Owuor angesichts von Das Meer der Libellen auf eine Stufe stellen mit dem bedeutendsten Erzähler Kenias, vielleicht des ganzen Kontinents. Ein Auszug:

Das Meer war schwarz wie flüssige Kohle mit Einsprengseln von Mondlicht. Sie ergab sich der verführerischen Tiefe, die sie anzog. Pulsierendes Wasser. Im Ozean gab es keine Lücken, keine Distanz zwischen den Wesen. Sie sank tiefer, verlor das Gefühl für oben und unten. Schillernde Meeresschichten. Ein Wesen, das von einem inneren Feuer erhellt wurde, glitt an ihr vorbei. Weiter unten, im kühleren Wasser, knackte es in ihren Ohren. Meeresbewohner in vielen Formen und Farben begegneten ihr, ein durchscheinendes aalähnliches Tier blickte sie aus runden Augen an, ein Schwarm winziger silberner Fische knabberte an ihren nackten Füßen, kitzelte sie. Ein weiches, heiteres Sinken, eine vertraute Ruhe erfüllte sie, in der sich die Zeit und all ihre Probleme in Nichts auflösten. Das Wasser lastete schwer auf ihrer Lunge, doch es machte ihr nichts aus. Sie ließ sich vom Meer einlullen. Ein Kokon aus Stille. Es war leichter, tiefer zu sinken, als aufzusteigen. Ein Gefühl von Heimkehr. Das Murmeln der Dschinn. Doch dann wurde ihr schlagartig klar, dass sie so rasch wie möglich an die Oberfläche zurückkehren musste. Sie fing an zu strampeln, und ihre Tränen vermischten sich mit dem Wasser. Ihre Lunge drohte zu bersten, fast hätte sie Wasser geschluckt. Endlich erreichte sie die Wasseroberfläche. Ließ ihren Körper entscheiden, in welche Richtung es gehen sollte. Trieb dahin. Jeder Tag war derselbe Tag, jede Nacht hatte dieselbe Farbe des Nichts. Ayaana entdeckte, dass auch das Nirgendwo ein bewohnter Ort war.

Ein bisschen schwierig zu verdauen finde ich, wie der Roman in der Mitte bricht. Mit dem Aufbruch von Ayaana nach China wird ein ganzes neues Set an Charakteren eingeführt, man könnte fast sagen es beginnt eine neue Geschichte, die vor allem die Hauptfigur mit der alten gemeinsam hat. Das lässt sich wohl kaum vermeiden, wenn man dieses Leben so erzählen möchte, sonst käme man zwischen den Schauplätzen springend vom Hundertsten ins Tausendste. Und die Autorin hat alles versucht, um den Moment des Umschlags zumindest hier und da vorauszudeuten, im Intro ebenso wie beim periodischen Auftauchen eines chinesischen Siedlers in Pate, trotzdem tun solche rabiaten Wechsel des Ortes, falls sie nicht an sich das Prinzip des Romanes sind (wie etwa in Thomas Pynchons Against the Day und mit Abstrichen auch in Gravity’s Rainbow, auch Rushdies Die Satanischen Verse kann man in diese Kategorie packen), wenn sie also nur ein oder zweimalige Ereignisse sind, der Einheit des Ganzen etwas Gewalt an. Dabei fehlt dem China-Aufenthalt auch ein wenig die Plastizität, die Pate – sowie auch einen dramatischen Zwischenstopp in Istanbul – so absolut überwältigend wirken lassen. Allerdings gibt sich die Autorin wirklich Mühe, um die Verbindungen zwischen den Weltgegenden nicht abbrechen zu lassen, so dass das Ganze schließlich zufriedenstellend zusammengeführt wird.

Das Meer der Libellen ist, wie Verbrannte Blüten, ein Roman, den ich noch mehrfach lesen werde. Und ich wünsche mir ein Hörbuch, das sich aufgrund des Erzählstils geradezu aufdrängen sollte. Denn auch wenn möglicherweise mehr Erzähler aus afrikanischen Ländern veröffentlicht werden – größtenteils sind noch nicht einmal die ganz großen Klassiker vertont. Leider selbst auf Englisch nicht.

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Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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