Große Literatur mit leisen Anklängen an „Peter Pan“

„Feenstaub“ von Cornelia Travnicek ist eine dichte, poetische Erzählung, die trotzdem sehr zugänglich bleibt – wenn man sich darauf einlässt.

Steve Bidmead auf: Pixabay, gemeinfrei

Dieses Jahr werde ich wirklich keine Kandidaten für den deutschen Buchpreis besprechen. Ein Überfliegen der Klappentexte offenbart das gleiche Elend wie in den vergangenen Jahren. Wieder alles Bildungsbürgerperspektiven mit Bildungsbürgerproblemen. Ein Versepos soll wohl dabei sein. Weil wenn man heute mit Form experimentiert, belebt man natürlich eine zurecht mit ihrem historischen Umfeld ausgestorbene Form wieder. Und dann auch noch diese überreizten Titel, die Bildung und Sentimentalität signalisieren sollen: “Ich an meiner Seite”, “Inniger Schiffbruch”, “Allegro Pastell” (Und einige mehr). Wahrscheinlich hießen Die Buddenbrooks heute „Lübecker Herzgewächse“. Man weiß, was man erwarten darf. Suhrkamp-Intellektualismus (also gebildet genug klingen, um sich der sogenannten U-Literatur zu entheben, aber bloß keine Grenzen sprengen, bloß nicht wirklich wehtun), etwas Handbremsen-Modernismus (also bisserl Assoziativ & Gedankenstrom, aber formal nicht überfordern und auf keinen Fall sprachliche Schönheit anstreben, die ist verdächtig).

Jaja, irgendwas Ordentliches bis Gutes wird wieder dabei sein. Aber sich dafür quälen?

Zufällig habe ich aber einen Kandidaten für den Österreichischen Buchpreis in die Hand bekommen. Der schien mir schon in den vergangenen Jahren besser besetzt.

Poetisch dicht, dennoch zugänglich

Und: Feenstaub von Cornelia Travnicek – Das ist wirklich große Literatur. Ohne Kompromisse. Formal durchgearbeitet. Ohne Angst vor poetischer Dichte. Und trotzdem zugänglich. Und gerade deshalb auch fähig, ein Thema seiner Zeit zu Literatur zu machen, ohne zeitgeistig anbiedernd zu werden. Weil der Klapppentext ausnahmsweise mal nicht lügt, sei er hier zur Ausgangssituation zitiert:

In einer Schicksalsgemeinschaft sind Petru, Cheta und Magare verbunden, gezwungen in ewiges Kindsein: Sie leben am Rande einer gesichtslosen Großstadt. Täglich müssen sie dafür sorgen, dass die Schatzkiste des Krakadzil voller wird. Der wird schnell ungehalten, wenn die Kasse nicht stimmt, und so rücken die drei Jungs aus, um denen wegzunehmen, die es am ehesten zu verschmerzen scheinen. Auszuhalten ist das für sie nur mit einer täglichen Ration Feenstaub. Alles wird anders, als Petru Marja kennenlernt: Nicht nur lernt er mit ihr die Sprache der Stadt zu verstehen, er erfährt auch zum ersten Mal in seinem Leben, was Familie sein kann.

(Ok, das mit dem “… erfährt auch zum ersten Mal in seinem Leben, was Familie sein kann.” ist übertriebener Bildungsbürger-Kitsch)

Travnicek erzählt in ganz kurzen Bildern. Man möchte gar nicht Kapitel sagen. Manchmal füllen nur ein oder zwei Sätze die Seite. Manchmal ist sie halb voll, selten nur zieht ein Kapitel sich über mehrere Seiten. Ich glaube nie mehr als zwei. Nie wird mehr erklärt, als vor Augen gestellt wird. Die Kinder, die praktisch im Dreck leben, die brutale Kameradschaft im Lager. Der Nebel, der alles verdeckt, die Überfahrt über den Meeresarm, um in der Stadt zu stehlen. Das ist einfach da, eine fremdartige Welt, die genauso behandelt wird wie die vertrauteste. Ohne jegliche Aufdringlichkeit kommen dann Anklänge an Peter Pan ins Spiel. Klar, der Feenstaub, hier eine Droge, die das Leben erträglicher macht. Aber was meint der Anführer, wenn er sagt, dass man Kind bleiben soll oder zumindest sich klein machen, damit der Nebel einen weiter verbirgt? Und was die anderen, wenn es heißt, dass noch jedes der Kinder irgendwann verschwinden würde? Mit der Zeit setzt sich ein Bild zusammen. Dem Leser wird klar, dass diese verlorenen Jungs mit Volljährigkeit wohl eher nicht zu ihren Eltern zurückkehren. Was passiert wohl mit volljährigen Taschendieben ohne Ausweis?

Bezüge zu Peter Pan

Auch dass Protagonist Petru die Sprache der Stadt nicht spricht, erfährt man erst mit der Zeit und aus seiner Erfahrung heraus, wenn es darum geht mit Marja zu kommunizieren. Vorher haben wir ihn im Lager ja ganz verständlich sprechen hören. Nun wandelt sich das Sprachbild, und wenn er Texte lesen muss, bekommen wir anfangs unverständliche Zeichen serviert. Weitere Momente aus Peter Pan, das Verschenken des Schattens etwa, das Ticken der Uhr im Krokodil, bekommen neue Bedeutungen und manches bleibt magisch in der Schwebe, obschon naheliegt, dass Petru diese Bilder als Flucht vor der Realität heraufbeschwört. Wohlgemerkt, bloß Momente. Feenstaub ist komplett genießbar, wenn man Peter Pan nicht kennt. Travnicek widersteht konsequent der modernen Versuchung einer umdeutenden Nacherzählung, sodass man sich auch nie fragen muss, ob Petru Peter Pan kennt. Alles bleibt in einem Rahmen, der Zufälle glaubhaft erscheinen lässt, Zufälle, die aber beim Lesen noch einmal eine weitere Interpretationsebenen erschließen.

Ich weiß nicht, ob Feenstaub auch als Jugendbuch oder gar Schullektüre taugt, die fantastische sprachliche Gestaltung, die der fantastischen Welt so absolut gerecht wird, könnte eine Schulklasse radikal spalten in die wenigen, die das Buch total ergreift und die Masse, die alles Ungewohnte von sich weist. Aber eigentlich ist das nur ein Grund mehr, das Buch auch an Schulen zu lesen; denn erstens weist die Masse ohne hervorragenden Lehrer das Gros aller Schullektüren von sich und zweitens gilt es genau diesen Affekt zu überwinden, sollte irgendwann wieder ein Publikum für Literatur möglich sein, das sich auf mehr einlässt als auf die immergleichen Spannungstexte und den immergleichen Betroffenheitskitsch für die gehobenen Schichten. Feenstaub ist kein prinzipiell schwieriges Buch und ist auch thematisch nichts, was sich jungen LeserInnen versperrt (wie etwa die oben genannten Buddenbrooks, die so wohlabgewogen, so gediegen-durchdacht sind, dass sie junge Leser in den meisten Fällen emotional eher abstoßen. Wer in der Schule Thomas Mann lesen möchte, lese besser den Zauberberg). Feenstaub ist ein Roman, auf den man sich einlassen muss, der dann aber keine unüberwindbaren Hürden bereitstellt. Ästhetisch anspruchsvoll, jedoch keinesfalls durch Wortschatz oder das Voraussetzen universitärer Bildung schwer zugänglich. Ein Meisterwerk, an dem ich wenig bis nichts zu meckern finde.

Und wer wissen möchte, warum ich die Behauptung “er erfährt auch zum ersten Mal in seinem Leben, was Familie sein kann.” für Bullshit halte, der lese nur bis zum Ende. Eine Familie die nicht total kaputt ist, fügt sich in dieses Schicksal nicht so einfach.

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Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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